FC Bayern München
·5 aprile 2026
Real Talk am Bernabéu - Spurensuche zwischen Mythos und Businessplan

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·5 aprile 2026

Genau 50 Jahre nach dem ersten Duell 1976 treffen im April die Bayern wieder auf Real Madrid. Der spanische Rekordmeister ist im Umbruch – aber immer brandgefährlich. Eine „51“-Spurensuche zwischen Mythos und Businessplan direkt vor dem Bernabéu.
Wenn ein Vater mit seinen Söhnen ins Fußballstadion geht, möchte er seiner Mannschaft zujubeln und Erinnerungen schaffen, an die alle noch in Jahrzehnten denken. Aber 60 Minuten vor dem Anpfiff wissen Miguel Fuentes und seine Söhne Pablo, zwölf Jahre, und Alvaro, zehn, nicht, was sie im Bernabéu-Stadion erwartet. „Die Saison ist ein Auf und Ab, wie auf einer Achterbahn“, sagt der Mittvierziger aus einem nördlichen Vorort von Madrid. Alle drei sind eingefleischte „Hinchas“ – Spanisch für Fans von Real Madrid und seit Jahren Vereinsmitglieder. An einem Sonntagabend Ende März warten sie in der Schlange auf Einlass zum Lokalderby gegen Atlético Madrid. Es geht darum, in der Tabelle Anschluss an Barcelona zu halten, die Vorherrschaft in der Stadt zu verteidigen und vor der wichtigsten Saisonphase im Flow zu bleiben. Aber von dem Selbstvertrauen, für das Real-Madrid-Fans in Spanien bekannt sind, ist bei den dreien nicht viel zu spüren – und das nur knapp zwei Wochen vor dem Champions League-Viertelfinale gegen den FC Bayern München, dem „Clásico Europeo“, wie man das Spiel in Spanien nennt.
Kein Duell gab es in der Champions League häufiger als Real Madrid gegen Bayern München. Seit dem ersten Aufeinandertreffen vor genau 50 Jahren, im März 1976, haben sich die Rekordmeister von Spanien und Deutschland fast 30-mal im Europapokal gegenübergestanden. Aber wer sich in der Fußballszene von Madrid umhört, vernimmt ungewohnte Töne: Frustration, Unsicherheit, vielleicht sogar Nervosität. „Die Mannschaft funktioniert einfach nicht richtig“, sagt Miguel Fuentes besorgt. Obwohl Real mit der ablösefreien Verpflichtung von Kylian Mbappé den nächsten Superstar an Land zog – kolportiertes Handgeld: 150 Millionen Euro –, kam das Team nach dem Abgang der Mittelfeldmotoren Toni Kroos und Luka Modrić nie richtig in Tritt. Im Januar entließ der Club Xabi Alonso nach einer Niederlage im Supercup-Finale gegen Barcelona. Die „AS“ schrieb: „Eine Geschichte, die als Märchen begann und als Albtraum endete.“ Unter seinem Nachfolger Álvaro Arbeloa zeigt das Team geniale Auftritte wie die beiden Achtelfinalsiege in der Champions League gegen Manchester City sowie eine überraschende Pokal-Niederlage gegen Zweitligist Albacete Balompié. Es gibt Traumtore und Patzer. Applaus und Buhrufe im Wechsel, dazu immer wieder Kritik an dem seit über zwei Jahrzehnten amtierenden Präsidenten Florentino Pérez. Wo steht Real Madrid im Frühjahr 2026? Verblasst der königliche Glanz – oder starten sie einen ihrer gefürchteten Läufe, ausgerechnet jetzt?
Am Spieltag strömen die Fans schon Stunden vor Anpfiff in die Straßen rund um den Paseo de la Castellana, zünden lila Bengalos an und singen „Hala Madrid“. Seit fast 80 Jahren ist das Bernabéu eine Institution in der Stadt wie die Kathedrale Almudena oder die Gran Vía. Mittlerweile sieht es mit seiner Verkleidung aus Edelstahlpanels und der amorphen Form eher aus wie ein futuristischer Event-Ort als wie ein klassischer Fußballtempel, in dem Tradition gefeiert wird. Nach dem Umbau gilt es als das „modernste Stadion weltweit“, so die Lokalpresse. Der Rasen kann komplett in ein unterirdisches Gewächshaus versenkt werden, um Platz für Großkonzerte zu schaffen. Unter der Woche liegt ein Kunstrasen, damit Touristen, die das Bernabéu mit Museum, Fan-Store und Gastronomie besuchen, ein Foto machen können, ohne dass Beton klafft, wo normalerweise ihre Lieblingself dem Ball hinterherjagt. 1,3 Milliarden Euro hat der Umbau gekostet, fast dreimal so viel wie geplant. Das Stadion soll über den Spielbetrieb hinaus Einnahmen generieren, die es dem Verein ermöglichen, mit europäischen Konkurrenten wie PSG oder ManCity mitzuhalten, die sich im Besitz von Milliardären und Ölstaaten befinden. In die Warteschlangen beim Derby haben sich Unmengen Touristen eingereiht. Deutsch, Italienisch, Englisch, Arabisch ist zu hören. Schals und Trikots sind neu, entweder aus dem Fan-Store oder von einem der unzähligen Straßenstände rund ums Stadion.
Wenn es um die wirtschaftliche Seite der Ära Florentino Pérez geht, ist Jorge Longarela zufrieden. „Real Madrid steht besser da als je zuvor“, sagt das Vorstandsmitglied des Real-Fanclub-Dachverbands in der Region Madrid. Longarela stammt aus einer Familie, „in der schon immer alle Real-Fans waren“ und steht der „Peña Madridista“ im Stadtteil Carabanchel mit rund 90 Mitgliedern vor. „Wir folgen dem besten Club der Welt, zahlen viel Geld für Eintrittskarten – da kann man schon was verlangen“, erklärt der 48-jährige Versicherungsangestellte, warum sich auf den Rängen schneller Unmut breitmacht als bei anderen spanischen Vereinen. Longarela glaubt, dass sich Real Madrid im Umbruch befindet. „Es halten sich die Gerüchte, dass es die letzte Amtszeit von Florentino Pérez als Präsident ist“, sagt er. Und er klingt nicht unbedingt traurig.
Denn im März 2026 wirkt Real verwundbarer als in vielen früheren Jahren. Fragen nach der internen Balance, die wechselhaften Ergebnisse – Mannschaften, die ins Bernabéu reisen, haben nicht mehr automatisch Angst vor den 80.000 Fans, sondern rechnen sich etwas aus.
So auch Miguel Ángel López. Im spanischen Fußball ist man entweder „Madridista“ oder eingefleischter „Antimadridista“ – dazwischen gibt es nichts. López gehört zur zweiten Sorte und hat gleich zwei Mitgliedsausweise im Portemonnaie, die beide eine besondere Beziehung zu Real haben: „Atlético Madrid und FC Bayern München“, sagt er stolz. Der 61-jährige Rentner ist seit den 70er Jahren Bayern-Fan, seit der FCB Real auf dem europäischen Thron ablöste und dreimal in Folge den Landesmeisterpokal gewann. Mit leuchtenden Augen zeigt er unterschriebene Autogrammkarten, die er vor Jahrzehnten aus München geschickt bekam – Beckenbauer, Augenthaler. Seit 2009 ist López offizielles Bayern-Mitglied.
López glaubt fest daran, dass der FC Bayern die Weißen dieses Jahr aus der Champions League werfen wird. Zu groß sei der Leistungsunterschied in dieser Saison. „Bayern ist von jeher die Bestia Negra für Real Madrid“, sagt er – und genießt sichtlich, was sein Atlético nie erreicht hat. „Die Fans sind daran gewöhnt, dass ihr Club immer gewinnt. Und wenn es einmal nicht klappt, sind sie tagelang gedrückt, suchen nach Schuldigen.“ Aber eine Sache hätten Bayern und Real gemeinsam, räumt er ein: „Beide Clubs geben sich nie geschlagen. Bis zur letzten Minute nicht.“
Erfahrene Bayern-Fans haben schon viele unglaubliche Abende im Bernabéu erlebt. Die Siege 1976 und 1987, als die Bayern das große Madrid im Halbfinale stoppten, die Triumphe 2001 und 2012, das Drama 2024 – jede Bayern-Mannschaft, die den ultimativen Titel anstrebt, muss sich früher oder später gegen die Königlichen beweisen. Bis weit ins 21. Jahrhundert hinein waren die Münchner in Madrid regelrecht gefürchtet und trugen stolz den Titel „Bestia Negra“ – das schwarze Ungeheuer, wie man den Angstgegner in Spanien nennt. Auch wenn die jüngsten K.-o.-Duelle eher von einem „weißen Fluch“ sprechen lassen: Seit 2014 hat Real die Bayern viermal in Folge aus dem Wettbewerb geworfen.
„Bestia Negra“ nennt sich auch der Fanclub des FC Bayern München in der spanischen Hauptstadt. Rund 30 Mitglieder, meist deutsche Auswanderer und einige Spanier, gehören ihm an. Sie schauen die Spiele gemeinsam in Sportkneipen, gehen ins Stadion, wenn Bayern nach Madrid kommt, oder reisen zu Heimspielen nach München. So wie Daniel Gern, der Sprecher der „Bestia Negra“, der sein Ticket für das Viertelfinal-Rückspiel in der Allianz Arena bereits in der Tasche hat. Als Vorbereitung hat sich der 49-jährige Rheinland-Pfälzer mit vier weiteren Bayern-Fans keine zehn Minuten vom Bernabéu entfernt in einem irischen Pub verabredet – den Gegner scouten und sich gemeinsam auf den nächsten europäischen Klassiker einstimmen.
Sie sind hier alle bekennende „Antimadridistas“, zollen dem europäischen Rekordmeister aber auch Respekt. „Legende“ – dieses Wort fällt immer wieder. Die Bayern gegen die Königlichen, das seien immer „Spiele auf Augenhöhe“ gewesen, sagt Thomas Kress, 50, der aus Franken stammt. Trotzdem sei Real Madrid unter Florentino Pérez für ihn stark auf globale Vermarktung ausgerichtet. Sein Fanclub-Kamerad Daniel stimmt ihm zu: „Anders als Bayern München hat sich der Club kaum etwas Ursprüngliches bewahrt.“ Manchmal wirke der Kader mehr als Sammlung großer Namen denn als gewachsene Mannschaft.
Heuer, da sind sich die fünf sicher, habe Bayern gute Chancen, Madrid zu bezwingen. Die Münchner spielen eine hervorragende Saison, Madrid eine durchwachsene. „Aber jetzt sieht es so aus, als habe sich Real in den letzten Wochen erholt“, gibt Gern zu bedenken. Tatsächlich hat Madrid im März fünf Siege und nur eine Niederlage vorzuweisen. Sein Tipp: „1:1 beim Hinspiel in Madrid, 2:1 beim Rückspiel in München. Bayern weiter.“ Aber hundertprozentig sicher klingt er nicht – wie auch, angesichts der Bilder, die gerade über den Bildschirm flimmern. Real liegt im Derby zurück, Kapitän Valverde kassiert die Rote Karte, trotzdem gewinnen sie am Ende 3:2. „Man darf nie vergessen: Real Madrid ist Real Madrid“, sagt Gern und schüttelt den Kopf. Es ist eine der Weisheiten im spanischen Fußball. Für Antimadridistas ein Fluch – man verliert, auch wenn man es nicht verdient hat. Für Madridistas wie Miguel Fuentes und seine Söhne ein Grund, niemals die Hoffnung aufzugeben. „Wenn Real Madrid am meisten leidet“, sagt Fuentes, „kommen wir oft am weitesten.“
Emilio Butragueño (62), Real-Legende, über magische Europapokal-Nächte und den „Clásico Europeo“ gegen den FC Bayern:
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