MillernTon
·18 marzo 2026
Scheißegal, dann halt nächste Woche! Immer weiter vor!

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Der FC St. Pauli steht nach 26 Spieltagen auf dem Abstiegsrelegationsrang, der Klassenerhalt ist alles andere als unmöglich – doch irgendwie ist die Stimmung anders als im Vorjahr…(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Ein Kommentar von Tim
Der vergangene Freitagabend war für den FC St. Pauli bereits etwas früher beendet als nach den üblichen 90 Minuten, die ein Fußballspiel ohne Nachspielzeit dauert. So fühlte es sich zumindest an. Denn spätestens, nachdem Borussia Mönchengladbach den zweiten Treffer erzielt hatte, beschlich viele das Gefühl: Das Ding ist durch, hier geht heute nichts mehr für den FC St. Pauli. Was blieb, ist die Enttäuschung, dass dieses Gefühl im weiteren Verlauf der Partie nur noch mehr Bestätigung fand. Das zeigt: Irgendwas ist anders als in der Vorsaison.
Ja, der FC St. Pauli ist in dieser Saison nicht mehr das Team, das in der Vorsaison defensiv herausragte. Am Freitag sorgte Mönchengladbach für die Gegentreffer 41 und 42 in dieser Saison. Damit stellt der FCSP zwar keine schlechte Defensive, aber eben auch nicht mehr das Bollwerk aus der Vorsaison. Offensiv ist es hingegen leider schwierig geblieben. Was aber eigentlich Mut machen sollte: Die Zahlen des FC St. Pauli haben sich seit Beginn der Rückrunde verbessert. Der FCSP lässt weniger Gegentreffer zu, ist wieder stabiler. Vor der Partie in Mönchengladbach blieb man zwei Spiele in Folge ohne Gegentreffer. Zudem ist auch die Offensive produktiver, hat in den letzten 14 Spielen 13 Treffer erzielt. Das ist nicht überragend, aber zur Erinnerung: Davor erzielte der FCSP in neun Partien nur drei Treffer. Und in der Phase danach wurden gute 17 Punkte aus 14 Partien geholt. Doch nach nur einem Spiel, in dem es für den FC St. Pauli mal nicht so rund lief, scheint jegliche positive Stimmung komplett zu implodieren. Was angesichts dieser eigentlich mutmachenden Zahlen überraschenderweise fehlt: Mut und Zuversicht.
Dieser Text gärt schon länger in mir. Weil ich dieses Gefühl seit Wochen mit mir herumtrage. Der FC St. Pauli ist sportlich aktuell oft konkurrenzfähig, hat nach 26 Spieltagen nur einen Zähler weniger als zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison (damals aber mit 25 Punkten beruhigende fünf Punkte Vorsprung auf Rang 16) – aber gemessen an meiner Stimmung scheint nach der Niederlage in Mönchengladbach (wie auch nach der jüngsten Niederlage in Leverkusen oder im Derby) der Gang in die 2. Liga zum wiederholten Male in dieser Saison bereits festzustehen. Warum ist das so?
Die grundsätzliche Stimmung scheint in dieser Saison eine andere zu sein. Das könnte mehrere Gründe haben, einige davon haben wir in der MillernTon-Redaktionssitzung besprochen: Die Bundesliga ist kein Neuland mehr, es ist nicht mehr ganz so aufregend wie noch in der Vorsaison. Und es hat sich irgendwie keine „Wir-gegen-die“-Mentalität eingestellt. In der Vorsaison war allen klar, dass es für den FC St. Pauli einzig um den Klassenerhalt gehen wird. Auch in dieser Saison ist der das einzige Ziel, aber hinter diesem versammeln sich vielleicht nicht mehr alle so geschlossen, die Erwartungshaltung hat sich verändert – sei es aufgrund des guten Saisonstarts oder weil einige der Meinung sind, dass man sich im zweiten Jahr gefälligst zu verbessern hat.
Gerade die „Wir-gegen-die“-Mentalität der Vorsaison war extrem wichtig. Der FC St. Pauli wehrte sich mit Haut und Haaren dagegen, das zu machen, was ihm von den meisten anderen (steinreichen) Clubs der Bundesliga zugestanden wurde: Absteigen. In jedem Spiel der Vorsaison wehrten sich das Team auf dem Rasen und die Fans auf den Rängen gegen diesen Abstieg. Ausfälle gab es so gut wie keine. Das ist in dieser Spielzeit schon anders. Spiele gehen teils deutlich verloren, auf den Rängen dominiert nicht mehr „Scheißegal, dann halt nächste Woche! Immer weiter vor!“, vielmehr sind Spuren der Abnutzung zu erkennen.
Das mag sicher auch damit zusammenhängen, wie die Saison bisher gelaufen ist. Ich möchte ganz ehrlich sein, dass ich mich ziemlich ausgelaugt fühle. Der hoffnungsvolle Saisonstart, gefolgt von neun Niederlagen in Serie samt langen Debatten über die Qualitäten der handelnden Personen mit einer Diskussionskultur, die jedes noch so geringe Maß an Niveau teils deutlich unterschritten hat – das hat extrem viel Kraft gekostet. So viel, dass der darauf folgende sportliche Aufschwung viele nicht aus diesem Loch rausholen mag, in dem sie sich befinden. Klar, es gibt positive Ausreißer. Aber die Stimmung bleibt oft kritisch, oft negativ.
Das liegt natürlich daran, dass die Sorge vor einem Abstieg ziemlich real ist. Zwar ist der FC St. Pauli eines von einem halben Dutzend Teams, die für die Plätze 16 und 17 infrage kommen. Aber irgendwie schwingt da immer noch so ein fieses Gefühl mit: Wolfsburg, Werder, Köln, Mainz – die gehören da doch eigentlich nicht hin! Wir hingegen schon. Oder?Es scheint, als habe sich die Sichtweise der letzten Saison ins Negative gedreht: Im Vorjahr hatten wir keine Chance, haben aber drauf geschissen, dass andere Teams vermeintlich mehr Qualität besaßen. Dass der FC St. Pauli als klarer Absteiger gehandelt wurde, das war, mindestens für mich, ein großer Ansporn. Allen zu zeigen, dass wir es mit limitierten Mitteln schaffen in dieser Liga zu bleiben, das hat mich extrem motiviert. In dieser Spielzeit hat sich hingegen ein „Wir gehören hier wohl nicht hin“-Gefühl breitgemacht.
Genau das muss dringend weg! Denn ich habe überhaupt keinen Bock auf die zweite Liga. Alle, die der Ansicht sind, dass man dort dann ja sicher wieder eine viel bessere Rolle spielen werde und sich dadurch die Stimmung ganz fix drehen wird, mögen sich bitte daran erinnern, wie zermürbend und trist die Zeit des FC St. Pauli in der zweiten Liga vor einem Cheftrainer namens Timo Schultz gewesen ist. Da war aus sportlicher Sicht so viel Grau, so viel Tristesse, ich bin froh, dass ich den Großteil davon verdrängt habe. Wer damit rechnet oder gar erwartet, dass wir als Absteiger sicher direkt wieder um den Aufstieg mitspielen werden, schaue sich gerne die Statistik seit dem letzten Abstieg des FC St. Pauli an: So lange Du nicht Köln (2x), Schalke, Hannover, Werder, Frankfurt, Stuttgart (2x) oder Freiburg bist, dein Abstieg aufgrund der (damals vorhandenen) finanziellen Situation also eher ungewöhnlich ist, steigst du nicht direkt wieder auf. Frag mal bei Braunschweig, Nürnberg, Bochum, Düsseldorf, Darmstadt, Fürth, Hertha & Co nach, wie „schön“ das Dasein in der 2. Liga ist. Oh, oder bei Bielefeld und Paderborn, die sind direkt durchgereicht worden. Zweite Liga? Nein, danke!
Und auch aus ganz persönlicher Sicht wäre ein Abstieg blöd: Den Saisonstart 26/27 mitten in den Sommerferien (07.-09. August) finde ich als Familienvater besonders scheiße. Anpfiff um 13:00 oder 13:30 Uhr finde ich aus dem gleichen Grund auch richtig, richtig kacke. Und ich habe noch nicht einmal davon angefangen, wie schwer ein Abstieg bei solchen Themen wie dem hoffentlich irgendwann anstehenden Stadionaus-/-umbau wiegen würde. Wenn du als Zweitligist die Stadt mit einem Erstligisten teilst, dann kannst du dir ja ausmalen, worauf sich alles fokussiert, abgesehen von der Häme. Ein längerer Verbleib in der Bundesliga würde für den FC St. Pauli auf vielen Ebenen besser sein.
Das Gute ist: Der FC St. Pauli ist nicht abgestiegen, steht aktuell in der Bundesliga auf Rang 16. Während sich andere Clubs dort unten mitten in einer Abwärtsspirale befinden, hat der FCSP in dieser Saison sicher mehr Aussetzer als im Vorjahr. Aber die Abwärtsspirale ist bereits hinter uns. Nach neun Niederlagen in Serie spielen wir bisher eine recht gute Rückrunde. Und da von den verbliebenen acht Partien fünf am Millerntor stattfinden, dem Ort, an dem der FC St. Pauli aus den letzten sechs Partien starke zwölf Punkte holte, gibt es eigentlich genug Grund für Optimismus.
Mir hat das Schreiben dieses Textes jedenfalls geholfen. Denn ich habe kein Problem damit, Teil des Vereins zu sein, der am letzten Spieltag bei Wolfsburg die Lichter ausknipst. Mir wäre es ganz recht, wenn sich die Kölner kommende Saison am „Wiederaufstiegs-Hattrick“ versuchen dürfen. Zur Not bin ich auch fein damit, wenn wir in Hin- und Rückspiel dafür sorgen, dass sich Schalke mehr und mehr zu einem gewöhnlichen Zweitligisten entwickelt. Mir egal, wie – Hauptsache wir bleiben drin und zeigen der Bundesliga damit erneut, dass wir, ob erwünscht oder nicht, zu ihr gehören. Wir sind der FC St. Pauli, niemand rechnet mit unserem Klassenerhalt. Wir können also nur gewinnen – und genau das haben wir ja zuletzt getan. Lassen wir uns also von einzelnen Aussetzern nicht blenden, es gibt Grund zur Zuversicht!// Tim
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