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FC Schalke 04

·02 de fevereiro de 2026

Spurensuche mit Auszubildenden: Jüdische Schicksale auf Schalke

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Anlässlich der diesjährigen #STEHTAUF-Woche erlebten die Auszubildenden des FC Schalke 04 am Freitag (30.1.) eine historische Führung durch Gelsenkirchen. Ihr Weg verlief entlang der bewegenden jüdischen Lebensgeschichten, in die sie eintauchten.

Schicksale, die man nicht nur erfährt, sondern fühlt – das ist die Grundidee der königsblauen Spurensuche. Mit Start um 11.04 Uhr begeben sich zehn junge Menschen auf die Reise zu den dunkelsten Abschnitten der Vereinsgeschichte. Ihre erste Station liegt direkt am Ernst-Kuzorra-Platz: die Glückauf-Kampfbahn im Stadtteil Schalke, bis zur Eröffnung des Parkstadions 1973 Heimspielstätte für die Knappen. Diese traditionsreiche Atmosphäre spüren alle mit Betreten der Anlage. Doch bereits dieser Moment veranschaulicht die Bedeutung der Spurensuche: Was für sie heute selbstverständlich ist, blieb vielen jüdischen Fußballfans lange Zeit verwehrt. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurden sie immer weiter aus dem gesellschaftlichen Raum ausgeschlossen. So auch aus den Stadien.


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Unter den damaligen Schalkern befanden sich zahlreiche jüdische Anhänger, allesamt mit einer eigenen königsblauen Geschichte. So war Paul Eichengrün 1932/1933 der 2. Vorsitzende des FC Schalke 04, Ernst Alexander ein talentierter Jugendfußballer, und Metzger Leo Sauer öffnete für den Verein stets die Türen und deckte seine Tische. Mit der Machtübernahme veränderte sich ihr Leben jedoch drastisch. Während der zweistündigen Spurensuche erfahren die Auszubildenden mehr darüber.

Warum diese Erinnerungsarbeit so wichtig ist, weiß Thomas Spiegel aus der S04-Traditionsabteilung. Er leitet die geschichtliche Stadtführung: „Im Fußball sagt man, Tradition ist nicht das Aufbewahren der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“, erklärt er. „Ähnlich ist es mit Erinnerungskultur: Es ist wichtig aufzuzeigen, wohin es führen kann, wenn man sich einer Gemeinschaft anschließt, die andere nicht nur ausschließen will, sondern ihnen das Recht zu leben abspricht.“

Mit eben jener Denkweise konnte sich damals auch Paul Eichengrün nicht abfinden: Er trat von der Rolle als 2. Vorsitzender bereits ein Jahr nach seiner Wahl zurück. Grund: Die undemokratische Gleichschaltung des Sports durch die Nationalsozialisten bewegte den Juden, sein Amt selbstbestimmt aufgeben zu wollen, bevor dies nicht mehr möglich wäre. Mit denselben Worten, mit denen er damals seine Wahl annahm, beendete er die Amtszeit auch: „Alles für Schalke“. Diesen Ausspruch kennen die Auszubildenden gut. Und um zu zeigen, dass niemand wie Paul Eichengrün aufgrund seiner Herkunft einen Ausschluss aus der königsblauen Gemeinschaft fürchten sollte, wurde diese Aussage um eine Dimension erweitert. Heute heißt es nicht nur „Alles für Schalke“, sondern auch „Schalke für alle“.

Die Spurensuche führt die Gruppe an etlichen architektonischen Zeitzeugen jüdischer Geschichte vorbei. Nicht alle von ihnen sind auf den ersten Blick zu erkennen, denn das Stadtbild hat sich teils stark gewandelt, etwa der Schalker Markt, der einen wichtigen Bestandteil der Vereinsgeschichte bildet und auch die Lebenswege jüdischer Schalker verewigt.

So führten dort Sally Meyer und seine Schwägerin Julie Lichtmann in den 1920er-Jahren ein erfolgreiches Textilgeschäft, welches sie durch den systematischen Boykottaufruf der Nazis aufgeben mussten. Ihre Stolpersteine erinnern noch heute an die beiden, die 1942 ins Konzentrationslager nach Riga deportiert wurden. Die Auszubildenden erfahren hier, warum es von Bedeutung ist, diese Schicksale ins Licht zu stellen: „Zuvor hätte ich gar nicht auf die Steinchen im Boden geachtet“, erklärt eine Teilnehmerin. „Jedes von ihnen trägt nicht nur den Namen, sondern erläutert die Geschichte einer realen Person.“

Auf ihrem Weg von Schalke in die Innenstadt „stolpern” die Auszubildenden dem Wortsinn entsprechend über eine Vielzahl dieser Gedenksteine. Sie erinnern an die Geschichten ganzer jüdischer Familien wie die der Goldblums, der Katzensteins oder der Familie Sauer, die durch den Holocaust aus ihrem Leben gerissen wurden.

„Nie wieder dürfen wir gleichgültig, tatenlos und feige sein. Nie wieder dürfen wir derart tatenlos zusehen“, betonte S04-Vorständin Christina Rühl-Hamers während einer Besichtigung des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald im Jahr 2022. Genau für diese Werte soll auch die Spurensuche vor der Haustür des Vereins sensibilisieren. „Schalke 04 hat zur Zeit des Nationalsozialismus nicht immer richtig gehandelt und sich damals nicht schützend vor diese Menschen gestellt“, verdeutlicht Thomas Spiegel. „Das zeigt uns, dass wir nie wieder gleichgültig gegenüber Antisemitismus und Ungerechtigkeit sein dürfen.“

Die Azubis erfahren aus nächster Nähe von schlimmsten Ungerechtigkeiten, die den Menschen genau an jenem Ort widerfahren sind, wo sie nun stehen. Auf einer Strecke von nur 04 Kilometern zeigt sich, wie erschreckend nah die Schicksalswege von mehr als einem halben Dutzend jüdischen Schalkern zusammenliegen. Ein Erlebnis, das sichtlich zum Nachdenken anregt: „Ich glaube, es dauert noch ein bisschen, alles zu verarbeiten“, meint ein Teilnehmer. „Es war aber sehr lehrreich und interessant, in die Geschichte dieser Menschen eintauchen zu dürfen.“ Eine Auszubildende fügt hinzu: „Es löst Gänsehaut in mir aus, wenn ich höre, was diesen Menschen widerfahren ist. Man stellt sich vor, dass man das selbst oder jemand aus der eigenen Familie gewesen sein könnte.“

Auch vor der VELTINS-Arena erinnert heute eine Gedenktafel an der Tausend-Freunde-Mauer an die verfolgten und ermordeten jüdischen Mitglieder des S04. Kein leichtes Thema, das weiß Thomas Spiegel nur zu gut: „In den einzelnen Facetten ist es kaum erträglich“, ordnet er ein. „Man wird mit einer Anhäufung von Gewalt und Leid konfrontiert, die gar nicht zu fassen ist. Für mich sind diese Spurensuchen deswegen ein tolles Angebot, sich dem Thema über Biografien zu nähern, mit denen man sich verbunden fühlen kann.“ Und genau das haben die Auszubildenen an diesem Tag getan.

Info

Wer mehr über die Geschichten der jüdischen Schalker erfahren möchte, gelangt hier zum Spurensuche-Buch.

Alle interessierten Gruppen können sich unter post@schalke04.de melden, um kostenlos an einer Spurensuche durch die Gelsenkirchener Geschichte teilzunehmen.

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