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·18. September 2026

100 Jahre San Siro: Die Scala del Calcio feiert Geburtstag und steht vor dem Umbau

Artikelbild:100 Jahre San Siro: Die Scala del Calcio feiert Geburtstag und steht vor dem Umbau

Italiens weltberühmtes Stadion vor Jubiläum und Umbau: Wenn an diesem Samstagabend, den 19.9.2026, die Lichter im San Siro bis 23 Uhr brennen, feiert Mailands berühmtestes Stadion seinen 100. Geburtstag. Es ist ein Jubiläum mit Wehmut: Das „Scala del Calcio“ steht vor dem teilweisen Abriss. Das historische San Siro soll in Teilen zurückgebaut und erhalten beziehungsweise neu genutzt werden.

MAILAND, ITALIEN – 14. September 2026: Blick ins Stadio Giuseppe Meazza vor dem Serie-A-Spiel zwischen Inter Mailand und Udinese Calcio. (Foto: Claudio Villa/Getty Images)


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AC Mailand und Inter Mailand haben den Grundstückskauf vom Stadtrat im November 2025 für 197 Millionen Euro abgeschlossen. Der Baubeginn für das gemeinsame neue Stadion ist für 2028 geplant, die Fertigstellung wird für 2031 angestrebt – rechtzeitig zur Europameisterschaft 2032. Warum Italiens Stadien ohnehin vor einem großen Problem stehen und sogar die EM 2032 gefährdet sein könnte, zeigt unser Hintergrundbericht.

Ein Jahrhundert Fußballgeschichte

Alles begann am 19. September 1926. Piero Pirelli, damals Präsident des AC Mailand und Sohn des Reifenunternehmensgründers Giovanni Pirelli, ließ das Stadion als reines Fußballstadion errichten – ohne Laufbahn, mit vier Tribünen für 35.000 Zuschauer. Das Eröffnungsspiel bestritten die beiden Mailänder Rivalen: Inter gewann 6:3. Inter zog allerdings erst 1947 als zweiter Mieter ein.

1955 erhielt das Stadion seine ikonische mittlere Etage mit den elf spiralförmigen Türmen und Rampen, die Kapazität stieg auf 85.000. Die legendäre schwedische Angriffsreihe Gre-No-Li – Gunnar Gren, Gunnar Nordahl und Nils Liedholm – zog die Massen an. 1980 wurde die Arena in „Stadio Giuseppe Meazza“ umbenannt, nach dem zweifachen Weltmeister, der 14 Spielzeiten für Inter und zwei für den AC Mailand auflief. Doch bei den Fans blieb der Name San Siro.

Für die Weltmeisterschaft 1990 kam der dritte Rang hinzu, dessen rote Stahlfachwerk-Konstruktion dem Stadion sein markantes Raumschiff-Aussehen verlieh. Das erste Spiel nach der Eröffnung bestritt Alessandro Costacurta – ein 0:1 im Coppa-Italia-Rückspiel gegen Juventus. „Der Rasen war für anderthalb Jahre der schlechteste in Europa“, erinnert er sich. „Man hatte den Luftstrom durch den neuen Rang nicht richtig berechnet.“

MAILAND, ITALIEN – 5. September 2026: Fans von Inter Mailand unterstützen ihre Mannschaft beim Serie-A-Spiel gegen den SSC Neapel im Stadio Giuseppe Meazza. (Foto: Marco Luzzani/Getty Images)

Legenden zwischen Nostalgie und Vernunft

Kaum jemand kennt das San Siro so gut wie Alessandro Costacurta. 663 Pflichtspiele bestritt der Innenverteidiger für den AC Mailand zwischen 1986 und 2007, nur Paolo Maldini (902) und Franco Baresi (719) kommen auf mehr Einsätze. 24 Titel gewann er. Als seine Karriere endete, bat er um ein letztes privates Spiel im leeren Stadion – mit Freunden, seinem Metzger, jemandem von der Bank. „Ein Traum“, sagt er heute.

„San Siro ist einer der ikonischsten Orte der Welt“, sagt Costacurta. „Die Leute nennen es die Scala del Calcio.“ Besonders der Lärm habe ihn geprägt: „Ich habe in Wembley, im Bernabéu, im Camp Nou gespielt. Aber so einen Lärm wie im San Siro habe ich nirgendwo sonst gehört. Ich erinnere mich noch 19 Jahre später daran – er ist einzigartig.“

Liveticker heute Italien gegen Deutschland: Die deutsche Mannschaft beim Abschlußtraining im San Siro Stadium am 14.November 2016 in Mailand. / AFP PHOTO / GIUSEPPE CACACE

Demetrio Albertini, 406 Spiele für Milan von 1988 bis 2002, bestätigt: „Die Emotion des San Siro verlässt dich nie, auch nach so vielen Spielen nicht. Du spürst sie, wenn das Publikum auf eine schlechte Leistung reagiert, genauso wie die Energie vor dem Anpfiff. Ich habe mich nie daran gewöhnt, in keine Richtung.“

Doch beide verstehen, dass der Verein moderner werden muss. Costacurta nennt die Mängel beim Namen: zu wenige Aufzüge, veraltete Logen, berüchtigte Toiletten. „San Siro ist ein Icon, es ist unglaublich schön, aber es ist nicht funktional“, fasst er zusammen. Seine Analogie ist bildhaft: „Ich dachte, ich hätte die Liebe meines Lebens gefunden, heiratete sie und wir ließen uns nach einem Jahr scheiden. Einen Monat später lernte ich eine andere Frau kennen – und jetzt lebe ich seit 32 Jahren mit ihr. Man muss die Geschichte weiterschreiben.“

MAILAND, ITALIEN – 20. April 2010: Blick auf das San Siro vor dem Halbfinal-Hinspiel der UEFA Champions League zwischen Inter Mailand und dem FC Barcelona. (Foto: Julian Finney/Getty Images)

Der Streit um den Erhalt

Nicht alle teilen diese Pragmatik. Luigi Corbani, ehemaliger stellvertretender Bürgermeister Mailands und Präsident des Erhaltungsvereins Comitato Si Meazza, sieht in den spiralförmigen Rampen und vertikalen Türmen „ein Manifest mailändischer Architektur“. Sein Argument: „Warum ein historisches Stadion abreißen, das gut funktioniert und seit Saisonbeginn immer ausverkauft ist?“

Auch Bruce Springsteen, der seit 1985 mehr als fünfmal im San Siro auftrat, warnte 2019 im Corriere della Sera: „San Siro abreißen? Das wäre furchtbar. Jedes Gebäude hat eine Seele, sein spirituelles Leben. Neue Gebäude haben diese Seele nicht.“

Albertini gibt ihm teilweise recht, sieht aber den Fortbestand der Seele woanders: „Ich habe in vielen Stadien gespielt, die seitdem neu gebaut wurden – fast alle Plätze, auf denen ich spielte, wurden erneuert. Aber was bleibt, ist die Seele des Stadions. Und die Seele des San Siro wird im neuen Stadion weiterleben.“

Der wirtschaftliche Zwang

Der endgültige Bruch kam im September 2024: Die UEFA entzog Mailand die Austragungsrechte für das Champions-League-Finale 2027, auch für die EM 2032 wäre das Stadion in seinem jetzigen Zustand nicht mehr zugelassen.

Blick ins Innere des Giuseppe-Meazza-Stadions von Mailand, auch bekannt als San-Siro-Stadion, in Mailand, Italien, vor einem Serie-A-Spiel des A.C. Mailand (Foto Depositphotos.com)

Beide Vereine verschenkten kommerzielle Erlöse – Corporate Hospitality, Premium-Sitze, moderne Vermarktung. Die Eigentümer von RedBird, die den AC Mailand 2022 übernahmen, machten den Neubau zur zentralen Säule ihrer Strategie. Inter teilt diese Notwendigkeit.

Die Zusammenarbeit der Erzrivalen beim Stadionbau spiegelt die Besonderheit des Mailänder Derbys wider. „Mailand ist besonders“, sagt Costacurta. „Es ist selten, bei Derbys weltweit so freundliche Luft zu atmen. Es gibt Gesänge, aber auch viel Durchmischung unter den Fans. Und zu meiner Spielerzeit auch unter den Spielern.“

Dennoch: „Wenn du in einer großen Mannschaft spielst, ist die größte Genugtuung, das Heimstadion eines anderen großen Teams zu ‚erobern‘. Ich erinnere mich an ein 6:0, als wir offiziell ‚auswärts‘ bei Inter waren. Bei 4:0 sahen wir ihre Fans gehen.“

San Siro oder Giuseppe Meazza?

Offiziell trägt das Stadion seit 1980 den Namen Stadio Giuseppe Meazza. Benannt wurde es nach Italiens Fußballlegende Giuseppe Meazza, der mit der Squadra Azzurra 1934 und 1938 Weltmeister wurde und vor allem bei Inter Mailand zur Ikone avancierte. Im Alltag hat sich jedoch der ursprüngliche Name San Siro gehalten – benannt nach dem Mailänder Stadtteil, in dem die Arena steht. Bei Milan-Anhängern ist „San Siro“ besonders fest verankert, während Inter-Fans häufiger vom „Meazza“ sprechen.

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Ausblick: Neue Arena, alte Rituale

Das neue Stadion entsteht nach Entwürfen der Architekturbüros Foster + Partners und MANICA/Manica. Das Umfeld wird mit Einzelhandel und Gastronomie neu belebt. Ob Teile des alten San Siro in die neue Anlage integriert werden, haben beide Vereine angekündigt – Details stehen noch aus.

Costacurta verweist auf das Arsenal-Beispiel: Der Umzug von Highbury ins Emirates Stadium 2006 sei anfangs schmerzhaft gewesen, heute sei das Emirates „großartig“. Sein Fazit: „Warum nicht auch hier?“

Bis dahin feiert das San Siro noch einmal sich selbst. Am Samstag, dem 19. September, öffnen Museum & Tour sowie der Skywalk bis 23 Uhr (letzter Einlass 23 Uhr). Am Sonntag empfängt der AC Mailand zum Ligaspiel den US Lecce – und feiert damit einen weiteren besonderen Abend in der traditionsreichen Arena.

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