MillernTon
·5. August 2026
Buchrezension: „Die Raute unterm Hakenkreuz“

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·5. August 2026

Die Aufarbeitung der Vereinshistorie in der NS-Zeit wurde bei vielen Vereinen und Firmen lange vernachlässigt. Beim HSV gab es bereits 2007 eine ausführliche Ausstellung, die die Grundlage des jetzt erschienen Buches darstellt.
Wo Werner Skrentny draufsteht, muss glücklicherweise nie viel Falsches, Dummes oder Überflüssiges erwartet werden. Und da der renommierte Journalist und Buchautor (Jahrgang 1949) bei diesem epochalen Werk über die Hintergründe des Hamburger SV während der Nazizeit als Herausgeber fungiert, verspürte ich schon vor der Lektüre große Freude, dieses 450 Seiten starke Hardcoverbuch lesen und anschließend besprechen zu dürfen. Meist nicht minder prominente Autoren (eine Autorin ist auch dabei), zuvorderst aus dem Umfeld des Hamburger SV, ergänzen zudem mit ihren Artikeln die faktenreiche Abhandlung über die Zeit der Rothosen während der NS-Diktatur. Exemplarisch genannt seien hier nur Broder-Jürgen Trede, Jens Reimer Prüß, Paula Scholz (Netzwerk Erinnerungsarbeit) und Niko Stövhase (seit 2013 Leiter des HSV-Museums).
Grundlage des Buches ist die 2007 im HSV-Museum eröffnete und vom damaligen Leiter Dirk Mansen angestoßene Sonderausstellung “Die Raute unter dem Hakenkreuz”. Allerdings haben Skrentny und seine Mitstreier*innen die Recherchen in den vergangenen Jahrzehnten massiv intensiviert und konnten dabei unfassbar viele neue Erkenntnisse gewinnen. Ein Kernstück dieses Werkes bildet das 80 Seiten starke Kapitel “Der HSV und seine jüdischen Mitglieder”, wo die Biografien von nicht weniger als 121 Frauen und Männern aus nahezu allen Sparten (auch viele Passive) des damaligen Vereinsgeschehens dokumentiert sind – 44 von ihnen erstmals publiziert, bei vielen anderen mit zusätzlichen Detailinformationen aktualisiert.
Sind die in diesem Abschnitt genannten Personen den meisten Menschen wohl eher unbekannt, so dürften die Namen Otto “Tull” Harder (1892-1956) und Asbjørn Halvorsen (1898-1955) selbst jenen ein Begriff sein, die sich mit der Geschichte des Hamburger SV und der Sporthistorie insgesamt nicht ganz so gut auskennen. Der norwegische Nationalspieler und das HSV-Idol standen nicht nur von 1921 bis 1931 gemeinsam erfolgreich für den HSV auf dem Platz, sondern sollen sogar gute Freunde gewesen sein. Wie unterschiedlich sich dann die Lebenswege gestalten können, zeigen eben diese beiden Protagonisten.
Kurz nach der Machtergreifung der Nazis 1933 nämlich ging Halvorsen, bis dahin in Diensten der Rothosen, zurück nach Norwegen, wo er Nationalcoach wurde und sich schließlich ab 1940 dem Widerstand gegen die deutsche Militärregierung anschloss. 1942 wurde Asbjørn Halvorsen von der Gestapo verhaftet und landete in verschiedenen Konzentrationslagern, zum Schluss im KZ Neuengamme, aus dem er 1945 befreit wurde. Harder hingegen wurde bereits 1932 Mitglied der NSDAP, ein Jahr später auch der SS und startete 1939 seine außersportliche “Berufskarriere” als Wachmann im KZ Sachsenhausen, war zwischenzeitlich auch in gleicher Funktion in Neuengamme aktiv – allerdings nicht zur Zeit der Internierung Halvorsens dort. Otto Harder wurde 1947 als Kriegsverbrecher zu 15 Jahren Haft verurteilt, von denen er aber lediglich viereinhalb absitzen musste.
Im Wissen dieser ganzen Horrorszenarien wurde Harder nach seiner Haftentlassung dennoch mit offenen Armen beim HSV und seinem Anhang empfangen und bei seiner Beerdigung 1956 mit allem Gedöns von Seiten des Hamburger SV gewürdigt. Doch nicht nur sein HSV zeigte sich damals geschichtsvergessen, sondern 1974 auch der Hamburger SPD/FDP-Senat, der anlässlich der Fußball-WM in Deutschland eine Broschüre drucken ließ, die neben Jupp Posipal und Uwe Seeler auch Otto “Tull” Harder als hanseatisches Vorbild für die Jugend herausstellte. Einen Tag vor der Veröffentlichung wird man gerade noch einmal rechtzeitig auf diese Verhöhnung der NS-Opfer aufmerksam und lässt in der 100.000er-Auflage die entsprechende(n) Seite(n) händisch entfernen. All diese und noch mehr Informationen über das so ungleiche Fußballerduo kredenzt Werner Skrentny in insgesamt acht Kapiteln, die sich ausschließlich mit den Lebenswegen Halvorsens und Harders beschäftigen.
Sind allein schon diese Lebensläufe interessant genug zu lesen, so finden sich im Buch viele weitere ausführliche Biografien von Präsidenten und Spielern sowie andere betrachtungswerte Themen: Feldpostbriefe, Zwangsarbeiter als Stammspieler, Wettbewerbe in der NS-Zeit, Freundschaftsspiele, die damalige Sportpresse, Stadion Rothenbaum als Gefangenenlager und vieles mehr. Kurzum: Auch wenn man bei der Lektüre ab und an ob der Skrupellosigkeit der damaligen Akteure heftig schlucken muss, ist diese aufklärerische Publikation doch eine Art Pflichtlektüre für alle am Fußball, an der Sporthistorie und an der Aufarbeitung der NS-Verbrechen interessierte Menschen. Nicht nur für Anhänger*innen des Hamburger SV…// Ronny
„Die Raute unterm Hakenkreuz – der HSV im Nationalsozialismus“, Verlag Die Werkstatt, ISBN 978-3-7307-0405-9, 450 Seiten, 34,90 Euro
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