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·22. Januar 2026
Der Tanz auf der Löwen-Klinge

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Das Wort „Belastungssteuerung“ ist seit rund zehn Jahren im deutschen Fußball en vogue. Während in den wilden 80er- und 90er-Jahren bis zum Anschlag trainiert wurde (Werner Lorant: „Ich wechsle nur aus, wenn sich einer das Bein bricht“), wird heute vieles über Datenanalyse gesteuert und reguliert.
Und so kommt es nicht selten vor, dass auch Spieler des TSV 1860 München ihre Auszeiten bekommen und lediglich im Kraftraum arbeiten, weil es hier und da zwickt oder zwackt. Auch am Mittwoch war das an der Grünwalder Straße 114 zu beobachten: Während Raphael Schifferl und Philipp Maier am Vormittag nur auf dem Trimmrad arbeiteten, standen sie am Nachmittag wieder auf dem Platz. Umgekehrt fehlten in der zweiten Einheit Torwart Thomas Dähne und Kevin Volland. Womit wir wieder bei der Belastungssteuerung wären.
Trainer Markus Kauczinski navigiert die maladen Löwen in diesen Tagen mit dem klaren Ziel, weitere Rückschläge im ohnehin stark dezimierten Kader zu verhindern. Dafür braucht es nicht nur Erfahrung, sondern vor allem Fingerspitzengefühl. Genau darauf wird es ankommen, will er die Sechzger weiter in Schlagdistanz zu den Aufstiegsplätzen halten. Aktuell beträgt der Rückstand auf den Relegationsrang sechs Punkte.Auffällig – und bemerkenswert – ist dabei Kauczinskis Umgang mit der Situation: Er jammert nicht. Kein öffentliches Klagen über Verletzte, keine Alibi-Suche, kein Fingerzeig in Richtung Gesellschafter. Stattdessen nimmt er die Lage an, arbeitet mit dem vorhandenen Personal, dosiert Belastungen, schützt Spieler – und versucht, aus einem geschrumpften Kader das Maximum herauszuholen. Das wirkt bodenständig, professionell und macht ihn in der Außendarstellung sympathisch.
Gleichzeitig ist sich aber auch Kauczinski der Mechanismen dieses Geschäfts bewusst. Am Ende zählen keine Erklärungen, sondern Punkte. Keine Belastungswerte, sondern Tabellenplätze. Verständnis für widrige Umstände gibt es im Profifußball nur bedingt – und schon gar nicht dauerhaft. Auch ein Trainer, der nicht jammert, wird letztlich an der Tabelle gemessen. Kauczinski weiß das.
Leicht wird die Aufgabe ohnehin nicht. Der personelle Aderlass ist kaum zu kompensieren. Natürlich lieferten Kevin Volland & Co. gegen ein biederes Rot-Weiss Essen zum Re-Start 2026 einen leidenschaftlichen Kampf ab und verdienten sich das 1:1 redlich. Doch auch die kommenden Aufgaben werden den gebeutelten Löwen alles abverlangen. Zwar stehen am Sonntag in Osnabrück Torwart Thomas Dähne und Vize-Kapitän Thore Jacobsen wieder zur Verfügung, doch echte Variationsmöglichkeiten fehlen weiterhin.
Gerade deshalb gleicht die aktuelle Situation für Kauczinski einem Tanz auf der sprichwörtlichen Löwen-Klinge. Weil 1860 im Gegensatz zu vielen Konkurrenten personell nicht nachlegt, gehen die Giesinger ganz bewusst ins Risiko. Dem Trainer kann man daraus keinen Vorwurf machen. Vielmehr sollten sich die Gesellschafter fragen, ob es in dieser durchaus guten Ausgangslage nicht sinnvoller wäre, den Mann zu unterstützen, der aufgrund seiner Erfahrung und Historie das Rüstzeug besitzt, die Löwen zurück in die Zweite Liga zu führen.
Es würde die Verantwortlichen durchaus auch schmücken, wenn sie in ihrer Löwen-Karriere einmal greifbare Erfolge vorweisen könnten. Karsten Wettberg, der 1991 die Sechzger nach neun Jahren Tingeltour durch Bayerns Dörfer zurück in den bezahlten Fußball führte, wird bis heute von den Fans verehrt – weil er eben einen Austieg vorweisen kann.
Dass der Spielermarkt derzeit nichts hergebe, halten wir für ein Gerücht. Andere Klubs wie Duisburg oder Rostock zeigen, dass es sehr wohl möglich ist, interessante Spieler mit Mehrwert zu verpflichten. Natürlich sind Neuzugänge keine Garantie für den Aufstieg. Doch die Wahrscheinlichkeit ließe sich erhöhen, wenn man bei der Auswahl das richtige Näschen beweist.
Im Vorjahr retteten die Nachkäufe von Ex-Geschäftsführer Christian Werner – Andy Lucoqui, Dickson Abiama und Philipp Maier – den Löwen letztlich den Klassenerhalt. Eine Investition zum jetzigen Zeitpunkt wäre zudem vergleichsweise günstig: kalkulatorisch rund 150.000 Euro für ein bis zwei Leihgeschäfte bis zum Sommer. Das ist allemal preiswerter, als ein weiteres Jahr in der Dritten Liga zu verharren. Ganz zu schweigen von der Aufmerksamkeit – und den rund sechs Millionen Euro Mehreinnahmen aus dem TV-Topf – die die Zweite Liga mit sich bringen würde. Obendrein könnte ein Aufstieg auch Hasan Ismaiks Verkaufsabsichten beschleunigen.







































