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·17. September 2026
Die Klopp-Philosophie: So baut Jürgen Klopp die deutsche Nationalmannschaft um

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Am kommenden Montag hält Jürgen Klopp (59) im „Home Ground“ in Herzogenaurach seine erste Ansprache als Bundestrainer. Was er dort sagen wird, zeichnet sich längst ab, denn die Klopp-Philosophie ist mehr als ein Spielsystem. Sie beginnt beim Miteinander im Verband, führt über Gegenpressing und Raumdeckung bis hin zu neuen Regeln im Tagesablauf. Zwei der wichtigsten Personalfragen hat der 13. Bundestrainer dabei bereits für sich beantwortet.

Bundestrainer Jürgen Klopp verfolgt am 28. August 2026 in der Münchner Allianz Arena das Bundesliga-Spiel zwischen dem FC Bayern München und dem VfB Stuttgart und reagiert vor dem Anpfiff auf das Geschehen auf dem Rasen. (Adam Pretty / Getty Images Europe via Getty Images)
Seit dem 15. August ist Jürgen Klopp im Amt, sein Vertrag läuft bis nach der WM 2030. In den Wochen seither hat er weniger Trainingseinheiten geleitet als Gespräche geführt: mit Spielern, mit Vereinstrainern, mit Mitarbeitern des Verbandes. Wer die Bausteine seiner Arbeit nebeneinanderlegt, erkennt schnell, dass sportliche und menschliche Vorgaben bei ihm untrennbar zusammengehören.
Wie Klopp eine Organisation anfasst, war schon vor eineinhalb Wochen zu besichtigen. Bei einem Town-Hall-Meeting auf dem DFB-Campus trat er vor die versammelte Belegschaft, hielt eine Rede und lud im Anschluss zu Bratwurst und Grillabend ein. Seine Botschaft war unmissverständlich: Die A-Nationalelf ist kein eigener Planet, sondern Teil eines Ganzen. Es funktioniert nur, wenn sich alle gegenseitig helfen, jeder Verantwortung übernimmt und in seinem Bereich das Maximum herausholt. Erst dann gibt es Erfolge, die auch alle zusammen feiern können.
Dieses Muster ist nicht neu. Als Klopp 2015 beim FC Liverpool anfing, versammelte er die Mannschaft gemeinsam mit sämtlichen Mitarbeitern und machte den Profis eine Rechnung auf, die sie seither nicht mehr vergessen haben: Weil im Hintergrund alle alles geben, könnt ihr euch ausschließlich auf Fußball konzentrieren. Genau das sei eure Verpflichtung, alles für den sportlichen Erfolg zu tun. Die Stars der Nationalmannschaft dürften am Montag in Herzogenaurach eine sehr ähnliche Einschwörung erleben.
Beim Town-Hall-Meeting machte der Bundestrainer zugleich deutlich, dass ihn als Bundestrainer noch größere Aufgaben umtreiben als Siege. Klopp möchte den Patriotismus und den Stolz auf die eigene Nation nicht den falschen Leuten überlassen. Sein erklärter Wunsch: das Gefühl der Sommermärchen-WM 2006 wiederbeleben, als halb Deutschland mit der schwarz-rot-goldenen Flagge am Auto unterwegs war. Die Mannschaft soll das Land wieder mitreißen.
Die Voraussetzungen dafür sind denkbar schwierig. Nach dem Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay steht die dritte WM-Blamage in Folge in den Büchern. Ein Auftreten wie bei diesem Turnier verbietet sich, wenn ein ganzes Land wieder mitgehen soll. Genau deshalb hängt Klopp die Ansprüche an Haltung und Auftreten so hoch.

Marc-André ter Stegen beim Aufwärmen vor einem LaLiga-Spiel im Januar 2026. Inzwischen steht der Nationaltorhüter auf Leihbasis bei Ajax Amsterdam unter Vertrag. (Alex Caparros / Getty Images Europe via Getty Images)
Die wichtigste offene Personalie hat Klopp für sich bereits entschieden. Nach dem Rücktritt von Manuel Neuer (40) soll Marc-André ter Stegen (34) wieder der Stammtorwart der Nationalmannschaft sein, vorausgesetzt, er ist richtig fit. Der Torhüter mit 44 Länderspielen in der Bilanz gehörte zu den allerersten Nationalspielern, die der neue Bundestrainer nach seinem Amtsantritt anrief. Was in diesem Gespräch besprochen wurde, ließ ter Stegen anschließend durchblicken: Jetzt einfach gesund bleiben.
Der Zeitpunkt des Comebacks hat dabei etwas von einer Drehbuchidee. Beim ersten Klopp-Länderspiel treten Niederlande gegen Deutschland am 24. September in Amsterdam an, und seit dieser Saison ist ter Stegen an Ajax Amsterdam verliehen. Der Klub trägt seine Heimspiele in der „Johan Cruijff ArenA“ aus. Der Nationaltorhüter kehrt also ausgerechnet an seiner neuen Wirkungsstätte ins DFB-Tor zurück. Wer wissen will, wie Klopp die Elf an diesem Abend aufstellt, findet die Startformation rechtzeitig bei uns unter Aufstellung Deutschland heute.

Deutschlands Kapitän Joshua Kimmich spricht bei einer Pressekonferenz der DFB-Auswahl mit den Medien. Der Termin fand am 16. Juni 2026 an der Winston-Salem State University in North Carolina statt. (Alexander Hassenstein / Getty Images)
Die zweite große Personalie klärte Klopp bei seinem ersten Bayern-Besuch am Bundesliga-Auftaktwochenende. In einem Gespräch mit Joshua Kimmich (31) bestätigte er dem Münchner, dass er vorerst Kapitän bleibt. Wichtiger für das Spiel der Nationalmannschaft ist allerdings die zweite Botschaft dieses Gesprächs: Kimmich soll seinen Einfluss auf die Mannschaft ab sofort auch im DFB-Trikot aus dem zentralen Mittelfeld ausüben, genau wie beim FC Bayern. Die Notlösung Rechtsverteidiger, die er unter Klopp-Vorgänger Julian Nagelsmann (39) über Monate ausfüllte, ist damit vom Tisch.
Interessant ist, dass auch Nagelsmann diesen Schritt offenbar geplant hatte. Bei der WM 2026 soll er Kimmich in Aussicht gestellt haben, ab dem möglichen Achtelfinale gegen Frankreich auf seine zentrale Wunschposition zurückzukehren. Dazu kam es nie, weil das Turnier für die DFB-Elf eine Runde früher endete. Was unter Nagelsmann eine Belohnung für das Erreichen der Runde der letzten 16 gewesen wäre, ist unter Klopp von Beginn an gesetzt.
Die Rückkehr des Kapitäns in die Zentrale hat eine unmittelbare Folge: Deutschland braucht einen neuen Rechtsverteidiger. Vier Namen dürfen sich Hoffnung auf eine Klopp-Berufung machen.
Dass die rechte Abwehrseite eine der spannendsten Fragen im ersten Klopp-Kader ist, zeigt auch unsere Übersicht zu den neuen Namen, die in Klopps Kader drängen. Der Bundestrainer hat weit über 70 Spieler auf der internen Liste geführt, bevor er sein erstes Aufgebot auf Turniergröße zusammenstrich.

Bundestrainer Jürgen Klopp vor dem Bundesliga-Spiel zwischen dem FC Bayern München und dem VfB Stuttgart am 28. August 2026 in der Allianz Arena. Solche Besuche nutzt er für lange Fachgespräche mit den Vereinstrainern. (Adam Pretty / Getty Images)
Wer wissen will, wie die deutsche Nationalmannschaft künftig auftritt, muss nur nach Mainz, Dortmund und Liverpool schauen. Das Klopp-System baut wie bei seinen früheren Klubs auf hohe Intensität und Gegenpressing, also auf das sofortige Zurückerobern des Balls nach eigenem Verlust. Dazu kommen eine Viererkette und Raumdeckung. Dieser letzte Punkt ist der heikelste, denn die beiden Vereine mit den größten Blöcken im Nationalteam, der FC Bayern und der VfB Stuttgart, arbeiten mit ihren Spielern anders und setzen stärker auf Manndeckung.
Genau diese Thematik hat Klopp bei seinen Klubbesuchen zur Sprache gebracht, unter anderem mit Vincent Kompany (40). Der Bayern-Trainer hat sein Büro an der Säbener Straße im ersten Stock, dorthin zogen sich Vereins- und Bundestrainer nach dem Gespräch auf dem Platz für einen längeren Austausch zurück. An seiner Magnettafel führte der Belgier seinem Besucher Position für Position vor, dass er sein System eher als „hybride Manndeckung“ auslegt. Die Ansätze der beiden liegen also deutlich näher beieinander, als es die Schlagworte vermuten lassen.
Bei dieser Gelegenheit lernte Kompany auch den berühmten Klopp-Humor kennen. Als der Belgier bei Neuzugang und DFB-Profi Nathaniel Brown (23) angekommen war, hakte der Bundestrainer scherzend ein: „Jetzt haben wir endlich mal wieder einen deutschen Linksverteidiger und dann stellst du ihn auf der Zehn auf.“ Kompany nahm es sportlich und versprach, Brown auch wieder auf seiner linken Stammposition einzusetzen. Eine kleine Szene, die viel über den Stil des neuen Bundestrainers verrät: Er stellt seine Anliegen klar, aber er verpackt sie so, dass sein Gegenüber nicht das Gesicht verliert.
Viererkette und Raumdeckung werden nicht die einzigen Vorgaben an die Nationalspieler bleiben. Auch im Zusammensein neben dem Rasen wird es klarere Regeln geben als unter Nagelsmann. Nach den vielen Gesprächen mit Spielern und Betreuern will Klopp Dinge im Tagesablauf der DFB-Stars verändern und die eine oder andere neue Verhaltensregel aufstellen. Das zielt auf jenen Punkt, der nach drei gescheiterten Weltmeisterschaften in Folge am häufigsten kritisiert wurde: die fehlende Verbindlichkeit im Inneren einer Mannschaft, die sich zu oft selbst genügte.
Erarbeitet wurden diese Punkte nicht nebenbei. Klopp und sein Trainerteam zogen sich im August 2026 für einen mehrtägigen Workshop ins thüringische Blankenhain zurück. Dort wurde festgelegt, wie der neue Alltag der Nationalmannschaft aussehen soll.
Wie ernst jeder Einzelne den Klopp-Auftrag zum deutschen Stimmungsumschwung nimmt, zeigt eine Anekdote, die mehr wiegt als jede Absichtserklärung. Pepijn „Pep“ Lijnders (43), der Klopp beim FC Liverpool als rechte Hand unterstützte und jetzt sein Co-Trainer ist, zog sich zur Vorbereitung eine ganze Woche in ein Kloster zurück. Der Grund: Der Niederländer wollte sein Deutsch verbessern, um mit den Spielern in deren Sprache arbeiten zu können.
Das ist der eigentliche Kern der Klopp-Philosophie. Das Wir-Gefühl ist bei diesem Bundestrainer keine Worthülse für die Pressekonferenz, sondern eine Arbeitsanweisung, die für den Co-Trainer genauso gilt wie für den Kapitän. Ob daraus wieder ein Sommermärchen wird, entscheidet sich frühestens bei der WM 2030. Der erste Gradmesser steht deutlich früher an, am 24. September in Amsterdam.
Die Klopp-Philosophie besteht aus zwei Hälften. Sportlich stehen hohe Intensität, Gegenpressing, eine Viererkette und Raumdeckung im Zentrum. Menschlich geht es um ein Wir-Gefühl, das Spieler, Trainerteam, Betreuer und Verbandsmitarbeiter gleichermaßen einschließt. Beides gehört für Klopp zusammen, weil er den sportlichen Erfolg als Ergebnis einer funktionierenden Gemeinschaft versteht.
Nach dem Rücktritt von Manuel Neuer soll Marc-André ter Stegen wieder Stammtorhüter werden, sofern er körperlich auf der Höhe ist. Klopp hat den Torhüter als einen der ersten Nationalspieler überhaupt kontaktiert.
Im zentralen Mittelfeld. Kimmich soll seinen Einfluss auf die Mannschaft künftig aus der Mitte heraus ausüben, so wie er es beim FC Bayern tut. Die Rolle als Rechtsverteidiger, die er unter Julian Nagelsmann ausfüllte, ist damit Geschichte.
Ja, vorerst. Klopp hat sich bei seinem Besuch am Bundesliga-Auftaktwochenende mit Kimmich zusammengesetzt und ihm die Binde bestätigt. Eine Neuvergabe zu einem späteren Zeitpunkt ist damit nicht ausgeschlossen, steht aktuell aber nicht an.
Klopp setzt auf Raumdeckung. Das unterscheidet ihn von den beiden Vereinen, die die größten Blöcke im Nationalteam stellen: Der FC Bayern und der VfB Stuttgart arbeiten stärker mit Manndeckung. Bayern-Trainer Vincent Kompany hat Klopp allerdings erklärt, dass er sein System eher als hybride Manndeckung versteht, die Ansätze also gar nicht so weit auseinanderliegen.
Am 24. September 2026 in Amsterdam. Die deutsche Nationalmannschaft startet dort gegen die Niederlande in die UEFA Nations League 2026/27. Für ter Stegen schließt sich bei diesem Termin ein Kreis, weil Ajax Amsterdam seine Heimspiele in derselben Arena austrägt.
Quelle: SPORT BILD, Ausgabe 38/2026, Text von Christian Falk und Lars Gartenschläger.







































