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·16. März 2026
Die Lösung fürs Schiri-Chaos: Im Zweifel für den Angeklagten

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·16. März 2026

Kolumnist Alex Steudel fordert eine Fünf-Zentimeter-Toleranzklausel beim Abseits und das Prinzip Im Zweifel für den Angeklagten – wie in der Premier League.
Ich habe diese Woche ein Auto gemietet und dabei eine Regel entdeckt, die den deutschen Fußball retten könnte: "Für Tagesmieten gibt es eine Kulanzfrist von 29 Minuten. Erst wenn das Fahrzeug nach diesem Zeitraum zurückgegeben wird, werden zusätzliche Mietkosten für einen Tag in Rechnung gestellt."
Bei der Abgabe von Mietwagen wird kein VAR eingesetzt und gibt es keine gleiche Höhe. Im Mietwagengeschäft dauert ein Tag 24 Stunden und 29 Minuten. Was das bedeutet, dazu kommen wir gleich.
Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr diskutieren wir nun schon über unsere Schiris. Für die einen lagen sie in der Geschichte des Fußballs noch nie so oft richtig wie heute. Dafür gibt es sogar Beweise. Für die anderen lagen sie noch nie so falsch wie heute. Wir reden aber nur über diese Sicht. Es nervt.
Uli Hoeneß gehört auch zu den anderen. Am Wochenende behauptete er, beim 1:1 seiner Bayern in Leverkusen – wo zwei Münchner vom Platz gestellt und zwei Tore des Tabellenführers aberkannt worden waren – sei es zur "schlechtesten Leistung eines Schiedsrichter-Teams, die ich je bei einem Bundesligaspiel erlebt habe", gekommen.
Ich finde, dass die Zeit gekommen ist, einen Schlussstrich zu ziehen. Es reicht nämlich. Wir verlieren uns im Drumherum des Fußballs. Und ich habe einen Vorschlag.
Für das Schiri-/VAR-Chaos gibt es eine Lösung, nämlich die Regelauslegung "Im Zweifel für den Angeklagten"; die ja auch in der normalen Rechtsprechung gilt. Und bei Mietwagen.
Konkret heißt das: Beim Abseits sollte künftig die Fünf-Zentimeter-Toleranzklausel gelten, wie sie bereits in der Premier League angewendet wird. Also: Bis zu fünf Zentimeter Abseits sind kein Abseits. Im Zweifel für den Angeklagten.
Wer argumentiert, dass wir dann eben über die Fälle diskutieren würden, in denen der Stürmer 5,1 Zentimeter weit im Abseits stand, hat das Prinzip nicht verstanden. Wer in der Tempo-30-Zone mit 36 geblitzt wurde und nach dem üblichen Abzug von drei Stundenkilometern immer noch drei Stundenkilometer zu schnell Auto gefahren ist, würde ja auch nicht auf den Gedanken kommen, er dürfe keinen Strafzettel bekommen.
Das Prinzip sollte auch bei Fouls und Handspielen gelten, wie sie in Leverkusen für Aufregung sorgten: Im Zweifel für den Angeklagten. Ich wette, wir hätten dann 80 Prozent weniger Diskussionen.
Beim sehr unterhaltsamen Spiel Bayer gegen Bayern wäre das Tor von Jonathan Tah auch bei "Im Zweifel für den Angeklagten"-Rechtsprechung zurückgenommen worden, weil das Handspiel klar war. Harry Kanes Treffer wiederum hätte gegolten, weil es halt nicht eindeutig, sondern zweifelhaft war, ob der Engländer zuvor Hand gespielt hatte.
Wir würden nicht mehr so viel über Schiedsrichter reden, sondern über Fußball. Über den großen Siegeswillen Harry Kanes etwa, mit dem er schon wenige Sekunden nach seiner Einwechslung das Blatt wendete.
So mosern wir nur rum.
Bayern-Linksaußen Luis Diaz hätte nach seiner Halbschwalbe auf dem Platz bleiben dürfen – Gelb-Rot gegen ihn war der einzige richtige Fehler von Schiedsrichter Christian Dingert, was er auch zugegeben hat. (Diaz bleibt ab kommender Saison sowieso auf dem Platz, weil dann der VAR bei Gelb-Rot eingreifen darf.)
Man könnte viele weitere Beispiele nennen. Beim Spiel Frankfurt gegen Heidenheim am Samstag wäre uns bei Anwendung der Fünf-Zentimeter-Im-Zweifel-für-den-Angeklagten-Mietwagen-Regel das idiotischste Abseits aller Zeiten erspart geblieben.
Wer das kalibrierte Beweisbild aus Frankfurt gesehen hat, glaubt nicht, dass der Heidenheimer Sirlord Conteh vor seinem Treffer zum 1:1 tatsächlich im Abseits stand, sondern, dass es eine Lücke in Albert Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie gibt: Man kann nicht nur die Zeit, sondern auch das Abseits krümmen.
Heidenheim hätte in Frankfurt einen Punkt geholt, und jeder hätte es verstanden.
Der deutsche Fußball und die Schiedsrichter könnten das ganze Problem übrigens schon längst gelöst haben. Ich erinnere mich an den Fall Mario Gomez, dem einmal der Kragen platzte, nachdem ihm in kürzester Zeit ein halbes Dutzend Tore auf Millimeterbasis aberkannt worden waren. Der Mann hatte recht.
Das war 2019 – vor sieben Jahren.
Meine Kolumnen gibt es jetzt auch als Buch – Titel: Wäre, wäre, Fahrradkette - Die besten Fußball-Kolumnen von Alex Steudel seit 2020. 257 Seiten, 15,99 Euro: Hier bestellen! Wer fürs gleiche Geld portokostenfrei ein signiertes Exemplar haben möchte: Einfach Mail an post@alexsteudel.de schreiben.









































