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·7. August 2026

Die Verheißung

Artikelbild:Die Verheißung

Es gibt diese seltsamen Momente, in denen Menschen anfangen, an Dinge zu glauben. An Horoskope. An den Wetterbericht. Daran, dass die Deutsche Bahn diesmal wirklich pünktlich kommt. Oder daran, dass der Drucker im Büro heute ausnahmsweise ohne psychologische Betreuung funktioniert. Wenn der VfL Wolfsburg nach fast 30 Jahren wieder in eine Zweitliga-Saison startet, wird es in den kommenden Monaten vor allem auf eines ankommen: den Glauben. Den Glauben daran, dass der Wiederaufstieg gelingt. Den Glauben daran, dass der große Umbruch diesmal tatsächlich der richtige ist. Und den Glauben daran, dass dieser Verein aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Wie Menschen, die sich zum fünften Mal denselben Entsafter aus der Teleshopping-Werbung bestellen, weil diesmal bestimmt alles besser funktioniert.

Natürlich macht der VfL Wolfsburg da keine Ausnahme. Im Gegenteil. Der Verein, ist quasi ja unser persönlicher Emotions-Entsafter gewesen und hat in den vergangenen Jahren so viele Neustarts ausgerufen, dass man irgendwann das Gefühl bekam, Windows XP würde häufiger stabil durchlaufen als der langfristige Plan dieses Klubs. Neuer Trainer. Neuer Sportchef. Neue Ausrichtung. Neue Philosophie. Neuer Plan. Wenn der VfL in den letzten Jahren eines zuverlässig produziert hat, dann waren es Neuanfänge. Dagegen wirken die Abschiedstourneen von Roland Kaiser geradezu endgültig.


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Und trotzdem standen wir irgendwann in Paderborn. Mit einem Bein in der Zweiten Liga. Dann mit beiden. Der Abstieg kam nicht wie ein Meteorit aus dem Nichts. Er kam eher wie der TÜV-Termin eines Autos, bei dem seit drei Jahren jede Warnleuchte blinkt und der Besitzer trotzdem überzeugt ist, dass das schon irgendwie hält. Paderborn war deshalb keine Überraschung. Paderborn war die Rechnung. Und die lag schon verdammt lange ungeöffnet auf dem Küchentisch.

Nach dem Abstieg passierte zunächst erstaunlich wenig. Natürlich wurde gearbeitet. Natürlich wurden Gespräche geführt. Natürlich wurden Entscheidungen vorbereitet. Das will ich überhaupt nicht kleinreden. Nach außen wirkte der Verein allerdings ungefähr so gesprächig wie ein Teenager, den man fragt, wie die Schule war. In genau diesen Wochen wurde mir klar, was eigentlich fehlte. Es war nicht der nächste Transfer. Nicht der nächste Hoffnungsträger. Nicht das nächste Video aus dem Trainingslager, in dem Spieler Hütchen umlaufen, als würden sie sich für Ninja Warrior Germany bewerben. Es war etwas viel Einfacheres. Vertrauen.

Ein Konto tief im Dispo

Ich habe deshalb kurz überlegt, ob ich einfach zur Bank gehe und einen Vertrauenskredit beantrage. Nicht besonders hoch. Einfach nur so viel, dass ich wieder daran glauben kann, dass der VfL Wolfsburg weiß, was er tut. Dann fiel mir ein, dass unser Vertrauenskonto in den vergangenen Jahren ungefähr so aussah wie das Konto eines Erstsemesters zwei Tage vor Monatsende. Komplett im Dispo.

Doch genau darum geht es in dieser Saison. Nicht zuerst um den Aufstieg. Nicht um Ballbesitz. Nicht um Dreier- oder Viererkette. Nicht einmal um die Frage, ob der neue Trainer funktioniert. Es geht um etwas viel Schwierigeres. Warum sollten wir diesem Verein nach all den Jahren eigentlich wieder glauben?

Mund abputzen auf der Bundesgartenschau

Also habe ich mich in den vergangenen Wochen wissenschaftlich damit intensiv beschäftigt, wie Vertrauen zurückkommt, wenn es vorher ordentlich gegen die Wand gefahren wurde. Psychologen behaupten nämlich, Vertrauen lasse sich reparieren. Aber: vorher muss es einige Prüfsteine bestehen. 1. Der Schaden muss anerkannt werden. 2. Verantwortung übernommen werden. 3. Die Menschen wollen verstehen, warum es überhaupt so weit kommen konnte. Erst dann interessieren sie sich 4. für die eigentliche Frage: Was wird jetzt anders? Der schwierigste Teil kommt allerdings erst danach: Vertrauen entsteht nicht durch Veränderungen. Vertrauen entsteht dadurch, dass 5. Veränderungen auch dann Bestand haben, wenn der erste Gegenwind kommt.

Ich habe mich schon gewundert, wie schnell nach Paderborn von Verein und Umfeld zur Tagesordnung übergegangen wurde. Ich hätte mir mehr kollektives Händchenhalten gewünscht in der gemeinsamen Trauer, mal ein warmes Wort der Verantwortlichen, statt ein munteres: Mund abputzen, weiter gehts. Noch erstaunlicher: der in anderen Dingen weniger für seine Veränderungsbereitschaft bekannte Wolfsburger Standort konnte fast umgehend der zweiten Liga etwas abgewinnen. Nach dem Geschiedenen-Motto: Woanders ist doch auch schön. Am Ende taten eine verkürzte Saisonvorbereitung und Transferphase ein übriges in Sachen Akzeptanz. Was aber seitdem passiert ist, gleicht eher dem Ereignis, wenn Mordor die nächste Bundesgartenschau ausrichtet oder die Beliebtheitswerte des Bundeskanzlers auf Hundewelpen-Niveau steigen würden. Bezogen auf Wolfsburg kann man wohl von nichts weniger sprechen, als von einer Verheißung. Möge sie fruchtbar sein.

Nerd und Papa Schlumpf

Oder anders gesagt: Was soll ein Verein nach einem Abstieg in elf Wochen noch mehr bewerkstelligen, als aktuell einen neuen Aufsichtsrat mit Wolfsburger Wurzeln zu berufen, als Komplettrasur obenrum drei Geschäftsführer neu zu installieren, einen neuen Trainer zu finden, dessen Name außerhalb der Fußball-Nerd-Blase, wahrscheinlich so bekannt war, wie die Sopran-Gesangskünste von Papa Schlumpf? Und dann scheint der Tobi trotz Simonis-Gedächtnis-Vita nicht nur was auf dem Taktikkasten zu haben, sondern kommt sympathischer und volksnaher rüber, als wäre er der Erfinder von Katzenvideos. Obendrauf scheint man jetzt auch noch Spieler gefunden zu haben, für die es keine emotionale Belastung ist, mit den Zinnen im Kreis aufzulaufen. Oder eine gefühlte Zumutung auch mal zu lächeln, wenn sie einen Ball halten oder in der Kabine generell das neue Parfüm „Eau de Mannschaftsgeist“ versprühen sollen – im Gegenteil. Apropos: die Wappenwende wirkt wie schon ewig, ist aber auch erst drei Monate her. Man kann also sagen: Der VfL hat sich im positiven wie negativen Sinn in kürzester Zeit auf links gedreht. Von A wie Abstieg bis Z wie Zukunftschance. Von Paderborn bis Perspektive.

Jetzt kann jeder für sich selbst entscheiden, an welchem Punkt der oben erwähnten Psycho-Skala der VfL Wolfsburg im Moment steht und wie viel Vertrauen er bereit ist, ihm entgegen zu bringen. Im Moment stehen wir noch an dem Punkt: es hätte noch alles viel schlimmer kommen können. Nicht ausverkauft gegen Lautern zum Saisonauftakt? Ja, aber 25.000 kommen doch. Rückgang der Dauerkartenverkäufe? Ja, aber nicht so krass, wie befürchtet. Ein überdimensionierter Kader? Ja, aber Neuzugänge, für die Charakter kein usbekischer Pflaumenwein zu sein scheint und fast täglich verschwinden weitere Profis von der Gehaltsliste. In Summe stehen wir also vor einer Saison, die als Eiszeit hätte beginnen können, aber sich eher anfühlt wie frische Luft nach einem reinigenden Gewitter. Trotzdem möchte ich hier noch mal betonen: Hoffnung ist keine Strategie. Ich glaube, aktuell profitieren wir sehr von außergewöhnlichen Umständen, die einen Stimmungsumschwung trotz aller negativen Vorzeichen wie von selbst eingeleitet haben. Und dafür sollten alle Beteiligten vor Dankbarkeit ne Handvoll Kerzen in den Wolfsburger Dom tragen. So gerieten Fragen in den Hintergrund, wie soll denn nachhaltig wieder eine positive Stimmung etabliert werden? Wie sollen Nähe und Identifikation gesteigert, wie Menschen zurückgewonnen werden, die sich vom VfL abgewandt haben in den vergangenen Jahren? Ein guter Saisonauftakt in der zweiten Liga, eine Prise Euphorie und das Gefühl, gemeinsam an unserem Verein zu schrauben wie an Opas Käfer wären schon mal ein guter Anfang. Aber der wird nicht reichen. Man wird bei den ersten Rückschlägen sehen, wie belastbar „Liebe kennt keine Liga“ dann tatsächlich ist – oder an einem kalten Winterabend gegen Fürth.

Netflix im Herbstnebel

Was aber genauso wichtig wäre: Man könnte akzeptieren, dass komplexe Prozesse keine Netflix-Serie sind, bei der nach einer Staffel plötzlich alle Charaktere geläutert sind. Der VfL wird Fehler machen. Tobias Strobl wird Fehler machen. Dieter Hecking wird Entscheidungen treffen, über die wir diskutieren werden. Volkswagen wird nicht über Nacht alles reparieren können, was über Jahre schiefgelaufen ist. Wer das erwartet, wird wahrscheinlich schon vor dem ersten Herbstnebel wieder enttäuscht sein. Trotzdem wird dieser Neustart nur funktionieren, wenn beide Seiten ihren Beitrag leisten. Der Verein muss liefern. Mit Ehrlichkeit. Mit Nähe. Mit einer Mannschaft, die nicht nur einen Arbeitsvertrag in Wolfsburg unterschrieben hat, sondern auch wirklich Lust darauf verspürt, das Trikot zu tragen. Und wir Fans müssen bereit sein, Veränderungen überhaupt eine Chance zu geben. Nicht blind. Nicht naiv. Aber fair. Wir müssen bereit sein, den Vertrauensvorschuss zu zahlen. Oder den Kredit bei unserer VfL-Bank aufzunehmen.

Ich habe tatsächlich zehn Euro gesetzt. Zehn Euro auf den VfL Wolfsburg. Zweitligameister 2027. Mehr Vorschuss kann ich im Moment wirklich nicht bezahlen. Aber vielleicht reicht genau das. Laut Definition ist eine Verheißung, ein göttliches Versprechen von Heil, Hilfe und einer guten Zukunft für die Menschen oder zumindest eine feierliche Zusage. Von denen habe ich in den vergangenen Wochen einige gehört. Und ich möchte an diesen neuen VfL glauben.

In diesem Sinn: Bleibt geschmeidig!

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