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·27. September 2026

Ein Schuldspruch, den niemand lesen kann: Was über das City-Urteil bekannt ist – und was nicht

Artikelbild:Ein Schuldspruch, den niemand lesen kann: Was über das City-Urteil bekannt ist – und was nicht

Manchester. Am Freitagnachmittag berichteten The Athletic und die BBC übereinstimmend, dass eine unabhängige Kommission Manchester City in fast allen Anklagepunkten für schuldig befunden hat. Seitdem wird in Europa über die Folgen diskutiert – auf Grundlage eines Dokuments, das niemand gelesen hat. Das Urteil ist nicht veröffentlicht. Die Premier League kommentiert nicht. Der Klub erklärte, das Verfahren sei „weiterhin laufend“ und vertraulich.

Was sich aus den Berichten seriös zusammensetzen lässt, sieht so aus.


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Die Zahl: 114 oder 115?

Hier beginnt die Unschärfe. The Athletic und BBC berichten, City sei in 114 der 115 Anklagepunkte schuldig gesprochen worden – die BBC spricht von einem „Großteil“. Andere Wiedergaben, gestützt auf eine mit dem Verfahren vertraute Person, nennen alle 115 Punkte.

Für die Bewertung ist die Differenz weniger bedeutsam, als sie klingt. David Ornstein hatte bereits vor Prozessbeginn erklärt, dass die Zahl 115 die Dimension überzeichnet: Jedes Jahr, in dem gegen dieselbe Regel verstoßen wurde, zählt als eigener Anklagepunkt – es handelt sich nicht um 115 verschiedene Regeln.

Worum es inhaltlich geht

Die Vorwürfe betreffen mutmaßliche Verstöße gegen das Financial Fair Play der UEFA sowie die Rentabilitäts- und Nachhaltigkeitsregeln der Premier League. Konkret geht es nach Darstellung der Berichte um zwei Komplexe: Verstöße gegen die Finanzregeln über fast ein Jahrzehnt – und mangelnde Kooperation bei einer anschließenden vierjährigen Untersuchung.

Der zweite Punkt ist juristisch der heiklere. Nicht-Kooperation mit den Ermittlungen wird in solchen Verfahren regelmäßig strafverschärfend gewertet.

Die Vorgeschichte in Stichpunkten

2018 eröffnete die Premier League Ermittlungen, nachdem „Der Spiegel“ Dokumente veröffentlicht hatte, die auf finanzielle Unregelmäßigkeiten hindeuteten. 2020 sperrte die UEFA City für zwei Jahre vom Europapokal und verhängte 30 Millionen Euro Geldstrafe; der Internationale Sportgerichtshof CAS kippte die Sperre und reduzierte die Strafe auf zehn Millionen. Im Februar 2023 erhob die Premier League die 115 Anklagepunkte. Die Anhörung vor der unabhängigen Kommission fand zwischen September und Dezember 2024 statt. Auf das Urteil wartete man seither fast zwei Jahre.

Der Zeitraum, um den es geht, umfasst die erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte: Seit der Übernahme durch Scheich Mansour und die Abu Dhabi United Group 2008 gewann City acht Premier-League-Titel, vier FA Cups, sieben Ligapokale und 2023 die Champions League.

Was zum Strafmaß bekannt ist – nämlich nichts

Das ist der zentrale offene Punkt. Über die Sanktionen ist nach übereinstimmenden Berichten noch nicht entschieden worden. Was im Raum steht, sind Präzedenzfälle: Everton und Nottingham Forest kassierten in der Saison 2023/24 Punktabzüge wegen Verstößen gegen dieselben Regeln. Für City wird in England seit Jahren über Punktabzug bis hin zum Zwangsabstieg spekuliert.

Ob der Titelentzug rückwirkend möglich ist, ob eine Geldstrafe genügt, ob überhaupt in laufende Wettbewerbe eingegriffen wird – all das ist offen und wird es bleiben, bis die Kommission ihre Entscheidung zum Strafmaß veröffentlicht.

Der weitere Weg

City hat nach Veröffentlichung der Entscheidung 14 Tage Zeit, Berufung einzulegen – und wird das laut The Athletic tun. Für das Berufungsverfahren gibt es keinen festen Zeitplan.

Sollte die Berufung erfolglos bleiben, stehen dem Klub weitere Wege offen: ein Schiedsgericht oder der Gang vor die ordentlichen Gerichte. Die Erfahrung mit dem CAS-Verfahren von 2020 zeigt, dass City diese Instanzen nutzt – und dass sie etwas bewirken können.

Realistisch heißt das: Eine rechtskräftige Klärung liegt Monate, womöglich Jahre entfernt.

Die Reaktionen

Öffentlich äußert sich kaum jemand. Die Premier League lehnte eine Kommentierung ab, City verwies auf die Vertraulichkeit und hat jegliches Fehlverhalten stets bestritten.

Thomas Tuchel, der am Freitagabend mit England in Wembley spielte und in Pep Guardiolas Nachfolger Enzo Maresca einen direkten Konkurrenten hat, wich der Frage aus: „Ein laufender Gerichtsprozess – kein Kommentar.“

Das ist derzeit die einzig belastbare Haltung. Ein Schuldspruch, dessen Wortlaut unbekannt ist, dessen Umfang zwischen 114 und 115 Punkten schwankt, dessen Strafmaß aussteht und gegen den Berufung angekündigt ist, trägt noch keine abschließende Bewertung.

Was er trägt: die Feststellung, dass ein unabhängiges Gremium nach zwei Jahren Prüfung zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen ist. Für einen Klub, der acht Jahre lang jeden Vorwurf zurückgewiesen hat, ist das der einschneidendste Tag seit der Übernahme 2008 – unabhängig davon, was am Ende dabei herauskommt.

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