MillernTon
·1. September 2026
Endlich Gewissheit

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·1. September 2026

Das Sommer-Transferfenster ist geschlossen. Endlich gibt es beim FC St. Pauli Gewissheit und damit einhergehend auch Commitment. Das wird dem Team guttun.(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Ein Kommentar von Tim
Es gibt ganze Berufszweige, für die dieser Dienstag der letzte Arbeitstag vor den Ferien bedeutet. Denn wenn das Transferfenster schließt, dann haben Berater-Agenturen und selbsternannte Transferjournalisten samt ihrer Redaktionen vorerst deutlich weniger zu tun. Für den Kern der Sache, um den es ja eigentlich geht, den Fußball, ist das eine sehr gute Nachricht.
Ich hatte ganz vergessen wie dermaßen beschissen es in einigen Dingen ist ein Zweitligist zu sein. Zum Beispiel der frühe Saisonstart, mitten in den Sommerferien, ist scheiße. Nicht nur, weil da eigentlich alle lieber noch den Sommer genießen wollen, sondern auch, weil zwischen Start der Zweitligasaison und Schließen des Transferfensters fast ein Monat beziehungsweise vier Pflichtspiele liegen. Die Bundesligisten haben es da wesentlich einfacher, schließlich startete deren Liga erst vergangenes Wochenende (und aufgrund der höheren Qualität stellen Pokalspiele für sie eine ungleich geringere Herausforderung dar). Für Zweitligisten ist das so lang geöffnete Transferfenster nicht weniger als eine Katastrophe. Weil sich innerhalb dieses Monats die Dinge noch grundlegend verändern können. Leistungsträger können doch noch von finanziell potenteren Clubs weggekauft werden und es fehlt die Möglichkeit diesen Abgang noch zu kompensieren. Besonders in einer Liga, die leistungsmäßig so eng beieinander ist, wiegen solche Transfers schwer.
Manche sprechen sogar von Wettbewerbsverzerrung, weil es einen riesengroßen Unterschied machen kann, ob man im August oder September gegen einen Club spielt. Ich würde nicht ganz so weit gehen, weil es eben zu jedem Zeitpunkt unterschiedliche Bedingungen gibt (im Oktober könnte sich ein Leistungsträger verletzen oder ein anderer zurückkehren), doch gehe bei der Sache im Kern mit. Dass der Betrieb in den Ligen bereits läuft, obwohl das Transferfenster noch offen ist, ist einfach ätzend. Und es dient nicht der Sache. Profifußball wird dadurch unattraktiver, wenn zum Beispiel Fans zu Saisonbeginn nicht wissen, ob Spieler XYZ in zwei Wochen nicht bereits ein anderes Wappen küsst, es fehlt die Identifikation. Wie so oft profitieren davon hauptsächlich Berater-Agenturen, die ob der Überschneidung von Spielbetrieb und offenem Transferfenster ein großes Mehr an Verhandlungsoptionen haben. Für den „Deadline Day“ habe ich jedenfalls nur Hass übrig. Es ist jedes Jahr ein Feiertag der Völlerei für einen teils durchaus zwielichtigen Berufszweig und auch ein Feiertag der Effekthascherei für einige Medien. Es ist also der Höhepunkt von Tätigkeiten im Profifußball, die allen mehr als deutlich vor Augen führen, dass er sich von seiner Basis ziemlich weit entfernt hat.
Ihr merkt, ich bin froh, dass das Transferfenster nun geschlossen ist (Edit: Nicht überall, in einigen Ländern ist es um wenige Tage länger geöffnet. Mit einem Abgang von wichtigen Kaderspielern ist nach unseren Infos aber nicht mehr zu rechnen). Aus den bereits genannten Gründen, aber auch, weil es dem FC St. Pauli guttun dürfte, dass es nun für einige Spieler wirklich die Gewissheit gibt, dass sie mindestens die nächsten Monate beim FCSP verbringen werden. Marcel Rapp machte gar kein Geheimnis daraus, dass das für ihn eine Erleichterung ist: „Wenn man weiß: Das ist der Kader, die ‚committen‘ sich jetzt alle, dann ist es schon ein bisschen einfacher. Es sind immer noch junge Spieler, da weiß man nicht mit wem sie reden, was da mit denen passiert. Und ab 2. September weiß man schon, dass sie sich bis zum Winter zumindest ‚committen‘. Dann ist dieses Gefühl „Sind die da oder sind die nicht da mit dem Kopf?“ weg.“
Bei zwei Spielern wurde dieser Transfersommer zur Hängepartie. Auch wir schrieben mehrfach, dass davon auszugehen sei, dass Joel Fujita und Eric Smith den FC St. Pauli noch verlassen werden. Es schien extrem unwahrscheinlich, dass beide den Weg in die 2. Liga mitgehen würden. Und das wollten sie auch nicht unbedingt, aber sie wollten auch nicht um jeden Preis weg, wie Eric Smith nach dem FCK-Spiel erklärte: „Es wurde geschrieben, dass ich gehen möchte, aber das ist nicht der Fall. Wie vermutlich jeder Spieler würde ich es versuchen, wenn sich ein größerer Club, eine größere Herausforderung anbietet. Aber es war nicht so, dass ich hauptsächlich weg wollte.“ Es hat sich also keine attraktive Option für Smith ergeben, der daraufhin entschieden hat beim FC St. Pauli zu bleiben und (vorerst) in sein letztes Vertragsjahr zu gehen. Wirklich unglücklich scheint er damit nicht zu sein: „Ich liebe es hier. Das ist meine sechste oder siebte Saison hier, ich weiß das schon gar nicht mehr. (A.d.R. Es ist seine siebte und er hat gegen den FCK sein 150. Pflichtspiel für den FC St. Pauli bestritten – Glückwunsch, Eric!) Meine Familie ist glücklich hier, also bin ich glücklich, dass ich hierbleibe.“
Nach Wochen der Unsicherheit hat Eric Smith also bereits in der letzten Woche Nägel mit Köpfen gemacht und sich für einen Verbleib beim FC St. Pauli entschieden. Irgendwie passt es dazu, dass er dann am vergangenen Wochenende auch zum ersten Mal in dieser Saison in der Startelf zu finden war und dabei auch zeigte, dass sich der FC St. Pauli sehr darüber freuen kann, dass er noch da ist. Denn Smith befindet sich individuell auf einem Niveau, welches es in der zweiten Liga eher nicht zu finden gibt. Das wird dem FCSP in dieser Saison helfen.
Wie es der Zufall so will, bedeutete des einen Freud (Smith) des anderen Leid. Joel Fujita verlor seinen Platz in der Startelf an Smith. „Es ist keine einfache Situation für ihn im Moment“, erklärte Marcel Rapp im Anschluss und betonte, dass Fujita zwar „gut drauf“ sei und er nicht das Gefühl habe, dass dieser mit dem Kopf woanders sei. Wer allerdings die Leistungen von Fujita in den ersten Wochen dieser Saison mit jenen der ersten Wochen der letzten Spielzeit vergleicht, würde niemals darauf kommen, dass es sich um den gleichen Spieler handelt. Fujita blieb in seinen drei Einsätzen merkwürdig blass, der Enthusiasmus, den er bei seinem Start im Trikot des FC St. Pauli versprühte fehlte komplett, auf und neben dem Platz. Es ist zu hoffen, dass dieser nun zurückkehren wird, jetzt, wo klar ist, dass er in naher Zukunft weiterhin ein braun-weißes Trikot tragen wird. Es ist zu hoffen, dass die nun vorhandene Klarheit sowohl bei Smith als auch insbesondere bei Fujita zu einem Leistungssprung verhelfen wird.
Zugegeben, auch wenn die Freude darüber, dass Fujita und Smith dem FC St. Pauli erhalten bleiben sehr groß ist (welcher sonstige Zweitligist kann schon mit so einer Besetzung des zentralen Mittelfelds prahlen?), der Konkurrenzkampf könnte brutal werden. Denn mit Matti Rasmussen, Sam Klein, Connor Metcalfe und irgendwann hoffentlich Gísli Thórdarson gibt es vier weitere zentrale Mittelfeldspieler im Kader. Rasmussen war bisher Stammspieler in dieser Saison, Thórdarson könnte nach seiner Verletzung einer werden, Metcalfe (der vielleicht auch auf der Zehn spielen könnte) möchte am liebsten sofort mehr Spielzeit haben. Aufgrund dieses Überangebots, scheint es auch wieder realistisch, dass Smith immer mal wieder in der Innenverteidigung zu sehen sein wird. Nachdem es inmitten der Vorbereitung, als Klein verletzt und Metcalfe angeschlagen, Thórdarson noch nicht verpflichtet war und fest mit den Abgängen von Fujita und Smith gerechnet werden konnte, ziemlich dünn aussah im zentralen Mittelfeld, ist diese Position nun sowohl qualitativ als auch quantitativ sehr gut besetzt. So wird Marcel Rapp als Moderator gefordert sein, als jemand der es schafft Spieler bei Laune zu halten, obwohl sie nicht auf die erhoffte Spielzeit kommen. Das nennt sich Luxusproblem und es führt in vielen Fällen dazu, dass das Qualitätsniveau im Team steigt.
Auch im Offensivbereich wurde bis zuletzt zumindest ein wenig spekuliert, ob es noch einen Abgang geben könnte. Ricky-Jade Jones wurde vor dem letzten Spieltag mit einigen englischen Clubs in Verbindung gebracht. Passend dazu stand er dann am Sonntag auch nicht im Kader, was die Gerüchteküche nur noch weiter anheizte. Nun ist aber klar: Da ist nichts dran an den Gerüchten, Jones wird dem FC St. Pauli erhalten bleiben. Somit gibt es auch in der Offensive ein Überangebot. Mit Niang, Ceesay, Kaars, Hara, Hrgota, Jones, Banks und irgendwann wieder Pereira Lage gibt es sogar acht Spieler für die drei Offensivpositionen. Der Kader ist also auch in der Offensive quantitativ gut besetzt. Und zumindest punktuell wurde angedeutet, dass die genannten Spieler auch qualitativ einen Mehrwert für den FC St. Pauli darstellen können. Auch dieser Konkurrenzkampf dürfte das Niveau heben.
So können wir uns also darüber freuen, dass der FC St. Pauli diesen Sommer zwar einen großen Umbruch, aber eben keine komplette Neuausrichtung des Kaders vollziehen muss. Wir können uns freuen, dass mit Smith und Fujita zwei Spieler mit mehr als Zweitliga-Format im Kader sind. Wir können uns freuen, dass auch Arek Pyrka und Abdoulie Ceesay noch da sind. Wie dieses Transferfenster bewertet werden kann, müssen wir uns in wenigen Monaten mal anschauen. Aktuell ist eine belastbare Einschätzung der Neuzugänge aufgrund der noch jungen Saison noch nicht machbar. Gleiches gilt für die Frage, ob es irgendwo im Kader noch Lücken gibt, ob zum Beispiel die Außenpositionen qualitativ ausrechend besetzt sind und ob zum Beispiel Smith vielleicht doch die Rolle einer „Holding Six“ beim FC St. Pauli einnehmen kann.
Was bei so einem offenen Transferfenster auch bedacht werden muss: Wie schwierig es für Trainer ist mit Spielern zu arbeiten, von denen ausgegangen werden muss, dass diese den Club noch verlassen. Wie viel Zeit sollte da in das Individualtraining investiert werden? Wie sehr sollte ein Spielstil an die Fähigkeiten solcher Spieler angepasst werden? „So wenig wie möglich“ lautet sicher die Antwort vieler. Warum sollte Energie in Spieler gesteckt werden, die sowieso bald weg sind? Marcel Rapp ist jedenfalls froh, dass er nun endlich eine Gruppe von Spielern beisammen hat, die sich zumindest bis zum Winter committed hat für den FC St. Pauli zu spielen.In welche Richtung es gehen soll, hat übrigens Eric Smith am Sonntag verraten, als er über das Interesse anderer Clubs und seine Entscheidung zu bleiben sprach: „Es gab vielleicht vier Clubs die richtig interessiert waren. Aber am Ende habe ich mich dazu entschieden beim FC St. Pauli zu bleiben und zu versuchen wieder aufzusteigen.“ Hohe Ziele fehlen Smith also schonmal ganz sicher nicht. Hoffentlich zeigt sich dieser Anspruch auch ganz bald auf dem Rasen und beim ganzen Team.
// Tim
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