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·22. April 2026
Englands zweite Liga lehnt VAR ab und stellt Deutschland eine unangenehme Frage

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·22. April 2026

Die Championship hat den Football Video Support für die kommende Saison abgelehnt – wegen zu hoher Kosten und fehlender Fanakzeptanz. Eine Entscheidung, die Fragen an Deutschland aufwirft.
Zweiundzwanzig Mal pro Saison greifen Videoschiedsrichter in der Premier League ein – und trotzdem sagt die Liga darunter: Nein, danke. Die Championship, Englands zweite Etage, hat die Einführung des Videobeweises für die kommende Saison abgelehnt. Nicht den großen, teuren VAR nach Premier-League-Muster, sondern eine abgespeckte Variante: den Football Video Support, kurz FVS, mit zwei Challenges pro Trainer und Spiel. Man hätte es haben können, günstiger, maßgeschneidert, praxiserprobt. Man will es trotzdem nicht. Das ist keine technische Entscheidung – das ist eine Haltung.
Die Begründung, die BBC und Sky Sports übereinstimmend berichten, ist in ihrer Schlichtheit bemerkenswert: Die Fans wollen es nicht. Und: Die Kosten sind zu hoch. Mehr braucht es nicht. Die Klubs der Championship haben getan, was in Deutschland niemand wagt – sie haben zugehört und entschieden, dass ein Stadionerlebnis mehr wert ist als die Illusion perfekter Gerechtigkeit. Wer einmal erlebt hat, wie ein Torjubel erst einfriert, dann erstirbt, während in Köln ein Monitor flimmert, der weiß, wovon die Engländer reden.
Die Torlinientechnologie, das sei fairerweise erwähnt, ist in der Championship längst im Einsatz. Niemand stellt also die Frage, ob Technik im Fußball nichts verloren hätte. Die Frage, die sich die Engländer gestellt haben, ist feiner: Wo ist der Punkt, an dem Technik dem Spiel mehr nimmt als gibt? Bei der Torlinie ist die Entscheidung binär, sekundenschnell, unsichtbar. Beim VAR ist sie interpretativ, minutenlang, und sie bringt den Schiedsrichter nicht zurück ins Spiel, sondern vor den Bildschirm.
Die deutsche Antwort auf diese Frage lautet seit Jahren: Wir machen mit. Auch in der 2. Bundesliga. Auch in Spaniens LaLiga Hypermotion, auch in der italienischen Serie B. Überall derselbe Reflex – wenn oben, dann auch unten. Nur Frankreichs Ligue 2 wollte und konnte am Ende nicht, weil der TV-Deal platzte und die Rechnung nicht aufging. Ein Zufall? Eher ein Offenbarungseid. Der VAR ist ein Produkt, das sich nur leisten kann, wer genug Fernsehgeld hat. Alles andere ist Schminke auf einer Bilanz.
Und damit sind wir beim wunden Punkt, den die Championship unfreiwillig freilegt: Der Videobeweis wird selten danach bewertet, ob er dem Fußball dient. Er wird installiert, weil er installiert werden muss. Weil es Standard ist. Weil eine Liga ohne VAR so aussieht, als sei sie stehengeblieben. Die Engländer drehen das Argument um – und fragen, ob stehenbleiben nicht manchmal der klügere Zug ist, wenn die anderen in die falsche Richtung laufen.
Natürlich haben auch in der Championship einige Trainer für das System geworben. Sie argumentieren nicht dumm: weniger Fehlentscheidungen, mehr Gerechtigkeit, weniger nachträgliche Debatten. Das ist die eine Wahrheit. Die andere: Die Mehrheit der Klubs, die ihre Fans kennen und ihre Kassen führen, hat abgewogen und Nein gesagt. Das ist kein Rückschritt. Das ist Souveränität.
In Deutschland diskutieren wir über Abseitslinien im Millimeterbereich und über Handspiele, die niemand mit bloßem Auge erkennt. In England diskutiert man gerade, ob das alles den Preis wert ist. Der Preis ist nicht nur das Geld. Der Preis ist die Zeit, die Emotion, der ungefilterte Torjubel. Die Championship hat eine Rechnung aufgemacht, die in der 2. Bundesliga nie jemand aufgemacht hat. Vielleicht wäre es an der Zeit.









































