MillernTon
·27. August 2026
Es geht um Effizienz und Konsequenz – …und Zeit

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·27. August 2026

Der FC St. Pauli ist ergebnistechnisch nicht gut in die Saison gestartet. Neue Strukturen sitzen noch nicht und neue Führungsspieler zeigen noch nicht, was sie können. Es ist aber mit Verbesserungen zu rechnen.(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Emotionen bedienen – das ist ein Weg, der im Journalismus Klicks bringt. Draufhauen, wenn die Ergebnisse nicht stimmen, vermeintliche Missstände herausarbeiten. Auch rund um den FC St. Pauli zeigt sich aktuell einmal mehr, dass der „confirmation bias“ einer der schwerwiegendsten Fehler ist, den es in der Fußballberichterstattung gibt. Wie dieser entsteht: Der FC St. Pauli hat verloren = Die Leistung muss also schlecht gewesen sein = Dafür muss es Gründe geben.Dass Fußballspiele manchmal auch einfach Dynamiken haben, die zu schlechten Ergebnissen führen, ohne dass die Leistung auch schlecht war, muss sicherlich niemandem erklärt werden. Entsprechend ist es wichtig, dass vorrangig die Leistung und nicht das Ergebnis bewertet wird, wohlwissend, dass es nur für die Ergebnisse am Ende auch Punkte gibt, die dann zu Erfolgen führen. Trotzdem muss immer beachtet werden, dass schlechte Ergebnisse dafür sorgen können, dass die Leistung schlechter bewertet wird, als sie eigentlich gewesen ist.
That said, muss trotzdem festgehalten werden, dass der FC St. Pauli in Essen nicht nur ein schlechtes Ergebnis einfuhr, sondern vor allem in der zweiten Hälfte auch eine schlechte Leistung zeigte. Aber sind die dabei offenbarten Probleme so tiefgreifend, dass nun das große Ganze bereits infrage gestellt werden sollte, so wie es in einigen Medien und in vielen Kommentaren in den Sozialen Medien zu lesen ist? Ist aufgrund dieser Niederlage alles schlecht? Zum Saisonauftakt gegen Fürth war der FCSP das bessere Team, nutzte aber seine Gelegenheiten nicht. Beim zweiten Saisonspiel war das Team nicht besser als Gegner Kiel, aber hatte die klar besseren Gelegenheiten. Sind also die Leistungen schlecht gewesen? Oder „nur“ die Ergebnisse?
Die Antwort könnt Ihr euch bereits sicher selber herleiten, ich schreibe sie trotzdem auf: Nein. Natürlich ist nicht alles schlecht gewesen am Saisonstart des FC St. Pauli. Die Ergebnisse sind natürlich nicht zufriedenstellend, aber muss deswegen gleich alles und jeder infrage gestellt werden? Nein. Es muss aber ganz sicher genau geschaut werden, warum Leistung und Ertrag nicht zusammenpassten in den ersten Partien. Womit wir bei den Themen Effizienz und Konsequenz angekommen wären.
Wenn wir uns mit der Effizienz, mit Chancenauswertung befassen, dann geht es natürlich primär um Martijn Kaars. Der 27-jährige hat bisher die meisten Schüsse aller FCSP-Spieler in dieser Saison abgegeben, rund ein Drittel aller Abschlüsse des Teams. Sein Ertrag ist mit bisher nur einem Treffer ausbaufähig. Vor allem, weil Kaars in den drei Partien eine (Fürth) oder mehrere Großchancen (Kiel, Essen) nicht nutzen konnte. Positiv ist erstmal, dass er überhaupt zu diesen Gelegenheiten kommt. Die Anzahl an Abschlüssen, aber auch die Höhe der xG-Werte sind top. Kaars gelingt es zuverlässig, in Abschlussposition zu kommen. Aber es gelingt ihm zum Saisonstart nicht zuverlässig, das Tor zu treffen. Ist Martijn Kaars also gar nicht der große Torjäger, als der er verpflichtet wurde?
Kaars selbst erklärte nach dem Kiel-Spiel noch recht entspannt, dass es als Stürmer Szenen geben würde, in denen trotz bester Gelegenheit nicht das Tor getroffen wird, dass dies auch jemandem wie Harry Kane passiere und er sich zwar ärgere, nicht mehr als einmal in Kiel getroffen zu haben, aber er generell um seine Stärken wisse. Nach dem Essen-Spiel klang das schon anders oder besser gesagt Kaars nahm die Verantwortung für die Niederlage in der ersten Pokalrunde auf sich. Das ehrt ihn sehr, doch trotzdem prasselt seit seiner vergebenen Großchance in Essen so einiges an Häme und Spott auf ihn ein. Das ist, unabhängig davon, ob Kritik an seiner Leistung gerechtfertigt ist oder nicht, teilweise völlig überzogen und einige Personen, die Kaars mit geschmacklosen Kommentaten überzogen haben, sollten dringend ihren Werte-Kompass checken. Zumal davon auszugehen ist, dass Martijn Kaars auch in dieser Saison noch einige Treffer für den FC St. Pauli erzielen wird. Das deutet zumindest ein Blick in die Daten an:
Martijn Kaars hat in seiner Karriere im Herrenbereich bereits in einem halben Dutzend Saisons zweistellig getroffen. Seinen Durchbruch schaffte er beim FC Volendam in der niederländischen zweiten Liga, wo er zweimal auf elf und einmal auf vier Treffer kam. Von 2022 bis 2024 spielte er in der gleichen Liga, aber für Helmond Sport. Dort blühte er richtig auf, kam auf 14 bzw. 21 Ligatreffer. Auch in der Saison 24/25 war Kaars sehr treffsicher, erzielte für Magdeburg 19 Ligatreffer, womit er sich dann sicher auch für den FC St. Pauli und die Bundesliga beworben hat. Dort kam er auf drei Tore in der Spielzeit 25/26. Die Auflistung der Treffer alleine zeigt bereits, dass Kaars sehr treffsicher ist. Nicht in jeder Saison, aber in fünf von sieben Spielzeiten im Herrenbereich mit mehr als 500 Minuten Einsatzzeit kam er auf eine zweistellige Anzahl an Treffern.
Mut machen die Zahlen von Martijn Kaars, wenn man sich nicht nur die Tore pro Spiel anschaut, sondern diese vergleicht zu seinen individuellen xG-Werten. Da zeigt sich nämlich, dass Kaars in sechs der sieben Spielzeiten (26/27 nicht inbegriffen) mehr Treffer erzielte als sein xG-Wert hoch war. Ihm gelang es somit, seine Chancen sehr effizient zu nutzen: Er konnte seine Chancen öfter in Tore ummünzen, als es der Durchschnitt macht.So gesehen stellen die drei Spiele der bisherigen Spielzeit eine krasse Ausnahme dar. Denn aktuell ist der persönliche xG-Wert von Martijn Kaars fast doppelt so hoch wie die Anzahl seiner Treffer. Die Spielzeiten davor haben aber gezeigt, dass er eigentlich sehr zuverlässig einen Weg für den Ball findet, um ihn im gegnerischen Tor unterzubringen. Es ist davon auszugehen, dass er das auch noch in dieser Saison zeigen wird. Allein schon, weil mit der Zeit und damit einhergehenden Zunahme an Spielminuten und Abschlüssen mit einer Anapssung der Werte an die Vorjahre zu rechnen ist.
Vorne werden die Chancen nicht effizient genutzt und hinten kommt der Gegner zu einfach zu Treffern – so lässt sich die Situation des FC St. Pauli nach drei Pflichtspielen treffend beschreiben. Mittendrin bei den Gegentreffern waren Marcus Mathisen und David Nemeth. Beide hatten in Kiel und Essen jeweils mit Ungenauigkeiten, fehlender Konsequenz, aber vor allem auch mit schlechter Abstimmung untereinander dafür gesorgt, dass der Gegner zu Toren kam. Ist das ein Ausdruck fehlender Qualität? Nemeth selbst äußerte sich jedenfalls am Donnerstag selbstkritsch zu den beiden Gegentreffern in Essen, bei denen er seine Gegenspieler aus den Augen verlor: „Das ärgert mich sehr. Ich versuche jetzt, jede Aktion nochmal aktiver wahrzunehmen.“
Es ist nicht das erste Mal, dass David Nemeth im Trikot des FC St. Pauli etwas wackelt. Direkt nach seiner Ankunft am Millerntor 2022 war das der Fall. Als Karol Mets sich im Herbst 2024 schwer verletzte und Nemeth seinen Platz in der Innenverteidigung einnahm, waren die ersten Partien ebenfalls ziemlich durchwachsen. Was aber Mut macht, auch in der jetzigen Situation: In der Rückrunde der Saison 24/25 war David Nemeth einer der besten Spieler des FC St. Pauli, ein Leistungsträger jenes Teams, das am Ende dank der zweitbesten Defensive der Liga den Klassenerhalt in der Bundesliga schaffte.Nemeth scheint damals einfach etwas Zeit gebraucht zu haben. Zeit, die er auch jetzt benötigt?

Seit dieser Saison ist David Nemeth Kapitän des FC St. Pauli, konnte aber noch nicht an seine starken Leistungen aus der Rcükrunde der Saison 24/25 anschließen. Doch die Umstände und Historie lassen hoffen, dass das noch passieren wird.
// (c) Stefan Groenveld
Zumindest müssen wir uns einmal klarmachen, unter welchen Umständen David Nemeth wieder ins Team gekommen ist: Er fehlte ein ganzes Jahr verletzt. Nun ist ein neuer Trainer da. Der FCSP spielt in einer anderen Liga. Und abgesehen von Ben Voll stand er in den ersten drei Partien nur mit Spielern auf dem Rasen, die noch nicht da waren, als er das letzte Mal in der Liga zum Einsatz kam. Es klingt zwar etwas komisch, aber David Nemeth ist als eine Art Neuzugang für die Startelf zu betrachten. Und entsprechend sollte auch seine Leistung eingeordnet werden. Es ist nicht zu erwarten, dass die Abstimmung mit den Nebenleuten so zuverlässig funktioniert, wie es beim Trio Wahl-Smith-Mets der Fall war, das jahrelang zusammen spielte. Nemeth selbst bestätigte das am Donnerstag-Nachmittag, als er gefragt wurde, ob das funktionierende Zusammenspiel in der Innenverteidigung noch etwas Zeit in Anspruch nehmen wird.
Auch Nemeth selbst benötigt Zeit. Und wie im Fall von Kaars, ist es unter anderem die Aufgabe der Fans, da nicht draufzudreschen, sondern ihn zu bestärken. Weil bekannt ist, zu welchen Leistungen er fähig sein kann. Das bedeutet aber nicht, dass konstruktive Kritik nicht angebracht wäre. Für Nemeth ist sie jedenfalls auch ein Ausdruck von Ambitionen: „Die Fans erwarten mehr von uns. Das ist auch absolut verständlich. (…) Wir sind alle ambitioniert, wir wollen das Maximale rausholen. Die Fans wissen einfach, dass wir eine gute Mannschaft sind und da heißt es auch, dass man einander kritisieren kann.“ Allerdings schränkte der FCSP-Kapitän ein, dass diese Kritik „eine gewisse Art und Weise“ haben müsse und bezog sich damit vor allem auf die massive und überzogene Kritik, die zuletzt auf Martijn Kaars einprasselte.
Sowieso Zeit: Es war bereits vor der Saison klar, dass dieses Team Zeit benötigen wird. Eine radikal andere Spielweise als in der Vorsaison. Ein neuer Trainer. Eine runderneuerte Führungsstruktur. Eine andere Liga mit anderen Ansprüchen. Damit all diese Veränderungen so wirken können wie gewünscht, ist Zeit nötig. Wer erwartet hat, dass die Saison fußballerisch besser startet, soll sich gerne mal anschauen, wie die Absteiger in den Vorjahren in die zweite Liga gestartet sind. Dieses Team des FC St. Pauli – das in allen drei Spielen nicht unterlegen war, sondern vielmehr genug Chancen hatte, um sie zu gewinnen – sollte Zeit bekommen. Denn die Spiele haben gezeigt, dass das Team weder defensiv wirklich sattelfest, noch offensiv effizient ist – und trotzdem war es durchaus möglich, alle drei Partien zu gewinnen. Wie wird das denn werden, wenn sich die Innenverteidigung eingespielt hat und unter anderem Kaars das macht, was er jahrelang gemacht hat? Klar ist natürlich auch: Sollten Leistungen und Ergebnisse dazu führen, dass man sich am Ende des Herbstes im Tabellenkeller wiederfindet, dann endet die Geduld. Aber auch wenn die Ergebnisse frustrierend sind: Der FC St. Pauli ist vom Erfolg aktuell nicht so weit entfernt, wie es sich für viele anfühlen mag.
// Tim
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