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·6. Juli 2026

Fall Balogun: Als Trump anrief und die FIFA umfiel

Artikelbild:Fall Balogun: Als Trump anrief und die FIFA umfiel

179 Platzverweise hat es in der Geschichte der Weltmeisterschaften gegeben, 179 Mal folgte die automatische Sperre. Beim 180. rief der US-Präsident an – und plötzlich kennt das FIFA-Regelwerk eine Ausnahme.

Die Ausgangslage: Rot nach VAR-Check – und eigentlich keine Fragen

Folarin Balogun trifft im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina erst das Tor, dann das Sprunggelenk von Tarik Muharemovic. Schiedsrichter Raphael Claus schaut sich die Szene am Monitor an, zeigt Rot. Man kann diese Karte hart finden – viele tun das, auch Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel. Aber der Vorgang danach ist im Disziplinarkatalog der FIFA glasklar geregelt: Artikel 66.4, eine Rote Karte zieht automatisch eine Sperre für das nächste Spiel nach sich. Kein Einspruch möglich. Der belgische Verband hatte diese Regel sogar schriftlich vorliegen – in einem Rundschreiben, das die FIFA vor Turnierbeginn an alle Teilnehmer verschickte.


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Am Sonntag war das alles Makulatur. Die FIFA setzte Baloguns Sperre zur Bewährung aus – unter Berufung auf Artikel 27 der Disziplinarordnung, ohne weitere Begründung. Der US-Topstürmer (drei Tore, ein Assist) darf in der Nacht auf Dienstag (2 Uhr MESZ, Lumen Field in Seattle) gegen Belgien auflaufen. Ein Vorgang ohne Präzedenz bei diesem Turnier. Genau genommen: ohne Präzedenz bei irgendeinem Turnier.

Der Anruf: Washington spielt jetzt mit

Denn zwischen Rot und Rehabilitierung liegt kein Verfahren, sondern ein Telefonat. Laut übereinstimmenden Medienberichten rief Donald Trump persönlich bei FIFA-Präsident Gianni Infantino an, um eine Überprüfung des Platzverweises zu erwirken – möglicherweise sogar mehrfach, weitere Mitglieder der Administration sollen eingebunden gewesen sein. Schon vorher hatte Außenminister Marco Rubio im Presseraum des Weißen Hauses gepoltert, die USA seien schlecht behandelt worden. Man muss sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen: Der Chefdiplomat einer Weltmacht kommentiert eine Rote Karte.

Nach der Kehrtwende bedankte sich Trump auf Truth Social bei der FIFA dafür, eine „große Ungerechtigkeit“ korrigiert zu haben. Die „New York Post“ brachte es auf die knappste Formel: Er habe die Trump-Karte gespielt. Offiziell bestätigt ist das Telefonat bis heute nicht. Die FIFA schweigt. Aber genau dieses Schweigen ist das Problem – denn es lässt nur zwei Lesarten zu: Entweder der Weltverband hat sich dem Druck gebeugt, oder er hält es nicht für nötig, den Anschein auszuräumen.

Artikel 27 gegen Artikel 66.4: Ein Regelwerk zerlegt sich selbst

Juristisch beruft sich die FIFA auf Artikel 27, der es erlaubt, Disziplinarmaßnahmen ganz oder teilweise zur Bewährung auszusetzen. Das Pikante: Der Artikel nennt keinerlei Voraussetzungen, wann das zulässig ist. Er ist ein Blankoscheck – und er kollidiert frontal mit Artikel 66.4, der die automatische Sperre ausdrücklich festschreibt.

Einen entfernten Präzedenzfall gibt es: Cristiano Ronaldos Drei-Spiele-Sperre nach seinem Platzverweis in der WM-Qualifikation wurde teilweise zur Bewährung ausgesetzt. Der Unterschied liegt im Detail – und das Detail ist alles. Ronaldo saß ein Spiel ab, die Strafe wurde verkürzt. Balogun sitzt kein einziges ab, die Strafe wird de facto gelöscht. Die Bewährungszeit von einem Jahr läuft ins Leere: Sollte sie je greifen, dann in einem Länderspiel, das niemanden interessiert. Nicht in einem WM-Achtelfinale.

Belgiens Fassungslosigkeit – und Europas rote Linie

Der belgische Verband reagierte mit einem Statement, das zwischen den Zeilen kochte: „erstaunt“ sei man, die Entscheidung stehe in direktem Widerspruch zum Turnierreglement, man prüfe alle Optionen – ausdrücklich auch rechtliche Schritte. Nationaltrainer Rudi Garcia griff zum Sarkasmus: „Ich wusste nicht, dass der 1. April für die FIFA am 5. Juli ist.“ Und schob den entscheidenden Satz nach: Belgien verteidige hier nicht sich selbst, sondern den Fußball generell. Nebenbei muss Garcia seine Matchvorbereitung umwerfen – der Gegner, auf den er sich ohne dessen besten Stürmer eingestellt hatte, tritt nun in Bestbesetzung an.

Die Empörung blieb nicht auf Belgien beschränkt. Die UEFA sprach von einer überschrittenen „roten Linie“ und nannte die Entscheidung beispiellos und nicht zu rechtfertigen. DFB-Präsident Bernd Neuendorf, immerhin Mitglied im FIFA-Council, forderte rasche Aufklärung über das mutmaßliche Telefonat. Wayne Rooney erklärte bei der BBC, Infantino solle sich schämen. Und der designierte Bundestrainer Jürgen Klopp fasste bei MagentaTV zusammen, was viele denken: „Das ist unser Spiel, nicht deren Spiel!“

Der Befund

Die Frage ist nicht, ob Baloguns Rote Karte hart war. Das war sie, darin sind sich von Tuchel bis Pochettino fast alle einig. Die Frage ist, wer im Weltfußball Urteile revidiert – unabhängige Gremien nach festen Regeln oder ein Präsident nach einem Anruf. Norwegens Trainer Staale Solbakken hat die Folgefrage längst gestellt: Was passiert bei der nächsten Roten Karte? Die FIFA hat darauf keine Antwort, weil sie sich nicht einmal zur ersten erklärt. 179 Mal galt das Regelwerk. Beim 180. Mal galt die Vorwahl von Washington. Wer das für eine Fußnote hält, hat nicht verstanden, was in Seattle heute Nacht wirklich auf dem Spiel steht.

Häufige Fragen zum Fall Balogun

Warum darf Balogun trotz Roter Karte gegen Belgien spielen?

Die FIFA hat seine automatische Ein-Spiel-Sperre am Sonntag zur Bewährung ausgesetzt und sich dabei auf Artikel 27 ihrer Disziplinarordnung berufen – ohne weitere Begründung. Die Bewährungszeit beträgt ein Jahr. Damit ist Balogun im Achtelfinale gegen Belgien (Nacht auf Dienstag, 2 Uhr MESZ) spielberechtigt.

Hat Donald Trump wirklich bei der FIFA interveniert?

Laut übereinstimmenden Medienberichten telefonierte Trump vor der Entscheidung persönlich mit FIFA-Präsident Gianni Infantino, um eine Überprüfung zu erwirken. Offiziell bestätigt ist das nicht. Nach der Begnadigung bedankte sich Trump jedoch öffentlich auf Truth Social bei der FIFA.

Was sagt das FIFA-Reglement eigentlich vor?

Artikel 66.4 des Disziplinarkatalogs schreibt vor, dass eine Rote Karte automatisch eine Sperre für das nächste Spiel nach sich zieht – ein Einspruch ist ausgeschlossen. Alle 179 bisherigen WM-Platzverweise wurden so gehandhabt. Der Fall Balogun ist die erste Ausnahme der WM-Geschichte.

Wie reagiert Belgien auf die Entscheidung?

Der belgische Verband sieht einen direkten Widerspruch zum Turnierreglement, verweist auf ein FIFA-Rundschreiben vor Turnierbeginn und prüft alle Optionen inklusive rechtlicher Schritte. Nationaltrainer Rudi Garcia kritisierte die Entscheidung scharf und muss seine Vorbereitung kurzfristig auf Baloguns Einsatz umstellen.

Gab es einen vergleichbaren Fall schon einmal?

Nur bedingt: Cristiano Ronaldos Drei-Spiele-Sperre aus der WM-Qualifikation wurde teilweise zur Bewährung ausgesetzt – er musste aber ein Spiel absitzen. Balogun verpasst durch die Aussetzung kein einziges Spiel. Diese vollständige Aufhebung ist ein Novum.

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