Rund um den Brustring
·22. August 2026
Fast schon unangenehm souverän

In partnership with
Yahoo sportsRund um den Brustring
·22. August 2026

Die Überschrift ist natürlich nicht ganz ernst zu nehmen, aber wie weitestgehend mühelos der VfB in die zweite Pokalrunde einzog, war schon beeindruckend.
Wann kommt eigentlich der Punkt, an dem wir bei einem nicht ganz so einfachen Erstrunden-Pokal-Los nicht mehr denken: “Ohje, das kann ja nur schiefgehen”? Wobei wir ja Zweitliga-Aufsteiger Münster auf dem Weg zum Titel relativ problemlos aus dem Weg räumten vor zwei Jahren. Aber Rostock ist eben Rostock und vor nicht einmal zwölf Monaten wären wir um Haaresbreite gegen Zweitliga-Fastabsteiger Braunschweig rausgeflogen. Dass es am Ende ein relativ entspanntes 4:0 an der Ostsee werden würde, war also keineswegs in Stein gemeißelt. Trägt aber vor Beginn der Bundesliga ungemein zur Beruhigung bei, weil nichts macht einen nervöser vor dem Ligastart als eine Blamage im Pokal — auch wenn die rein gar nichts über den Ausgang der Saison aussagen muss. Wobei wir 2018, als wir in Rostock rausflogen…lassen wir das. Schön auf jeden Fall, dass das Erstrunden-Spiel diesmal wirklich den Saisonauftakt darstellte und nicht zwischen zwei Spieltage in eine englische Woche gepresst wurde.
Warum also unangenehm souverän? Weil mich dieses Spiel daran erinnerte, wie engagiert, aber unterm Strich chancenlos wir in der weiter entfernten Vergangenheit mitunter gegen spielerisch überlegene und abgezockte Mannschaften waren, auch wenn es sich während des Spiels nicht so anfühlte. Hier mal ein Konter, da knapp am Tor vorbei geschossen, dort einen der wenigen Fehler des Gegners nicht genutzt — und schwupps liegt man 0:2 hinten. So erging es Hansa an diesem Freitagabend, die zwar ein paar Mal geschickt hinter die letzte Kette des VfB kamen, dann aber nur zusehen konnten, wie Neuzugang Dzenan Pejcinovic einmal aus größter Bedrängnis und dann völlig freistehend das Spiel schon in der ersten Halbzeit alleine entschied. Der VfB ließ sich auch von der frühen verletzungsbedingten Auswechslung von Niko Nartey nicht aus dem Konzept bringen, sondern war, wie von Trainer Hoeneß vor der Partie gefordert, “klar in der Birne” und zockte dieses Spiel gekonnt runter.
Für Außenstehende mag ein deutlicher Sieg eines Champions-League-Teilnehmers gegen den Drittliga-Fünften der vergangenen Saison nichts Besonderes sein, für VfB-Fans war dieser Sieg die erste Bestätigung eines Gefühls, was uns schon den ganzen Sommer über begleitet, nämlich dass in weiß und rot aktuell ziemlich gut läuft und man sich relativ wenig Sorgen vor dem Einbruch machen muss, den manch gegnerischer Fan uns schon seit mittlerweile Jahren andichten will. Natürlich muss man relativierend einräumen, dass es eben doch nur ein Sieg gegen einen Drittligisten war. Aber der Qualitätsunterschied war in solchen Spielen ohnehin nie ein Thema. Vielmehr tat sich der VfB schwer, die Emotionalität und Intensität des Gegners mitzugehen und musste sich am Ende doch mit einem blauen Auge über die individuelle Qualität retten.
Nicht so im Ostseestadion. Das 1:0 resultierte aus einer Pressingsituation der Brustringträger und auch bei den weiteren Toren war man hellwach und ließ damit bei den Gastgebern erst gar kein Momentum aufkommen. Genau so muss man solche Spiele angehen und mit Dzenan Pejcinovic scheint man ein Puzzlestück gefunden zu haben, welches die Mannschaft auch gegen tiefstehende Gegner perfekt ergänzt — wobei natürlich die tiefstehenden Abwehrreihen in der Bundesliga und der Champions League nochmal eine andere Qualität haben. Nichtsdestotrotz führte sich der junge Stürmer gleich mit viel Selbstbewusstsein, dass er hoffentlich auch in den kommenden Wochen auf den Platz bringen wird.
Für diese barg der Sieg in der ersten Pokalrunde auch einige Fingerzeige. Nein, ich meine nicht die späte Einwechslung von Ermedin Demirovic. Vielmehr steht dem VfB durch den mehrwöchigen Ausfall von Nikolas Nartey auf der rechten Abwehrseite ein ziemliches Personalproblem ins Haus, denn dort können aktuell nur noch der fast schon ausgebootete Josha Vagnoman zur Verfügung sowie Leo Stergiou, der schon in Heidenheim nicht wirklich viel Spielpraxis sammeln konnte und dem Vernehmen nach auch nicht unbedingt am 2. September noch im Kader stehen würde. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für ein Duell mit den schnellen Flügelspielern des Doublesiegers am kommenden Freitag. Auch bezeichnend, dass Atakan Karazor, von Hoeneß vor dem Spiel noch zum Kapitän für mindestens diese Partie bestimmt, seine Binde 90 Minuten lang nur von der Bank aus am Arm von Deniz Undav beobachten durfte. Als das Spiel längst entschieden war, wurde auch nicht er, sondern Chema eingewechselt.
Ansonsten hat die Partie bei den Hanseaten, die schon in der Liga in zwei Spielen fünf Gegentore kassierten, natürlich für die Liga-Spiele in München, in Hoffenheim und gegen Dortmund weniger Aussagekraft. Wobei man im vergangenen Jahr auch nach dem Elfmeterschießen gegen Braunschweig teilweise erschreckend überhebliche Partien hinlegte, bevor man damit beim 1:3 in Freiburg auf die Fresse flog. Der VfB 2026/2027 scheint, zumindest den ersten Eindrücken nach, mental wesentlich gefestigter und viel mehr in der Lage, die eigene Qualität nicht nur im Hinterkopf zu haben, sondern auch auf den Platz bringen zu können — was dann eben zu einem derart abgezockten Auftritt führt, der uns als Gegner früher in den Wahnsinn getrieben hätte. Was uns hoffentlich kommenden Freitag in München erspart bleibt.
Zum Weiterlesen: Der Vertikalpass blickt mit Sorge auf die Verletztenliste und prophezeit: “Der Star des VfB könnte in den kommenden Wochen deshalb jemand werden, der gar nicht auf dem Platz steht: Dr. Best und die Reha-Welt.”
Titelbild: © Christian Kaspar-Bartke/Getty Images (es gab noch kein anderes und wir können nicht so gut photoshoppen wie die Kollegen vom Vertikalpass)


Live





































