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·28. Januar 2026
FC St. Pauli vs. RaBa Leipzig 1:1 – Ein Stück zurück vom Fußballglück

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·28. Januar 2026

Lange sah es so aus, als wenn der FC St. Pauli auch gegen RaBa Leipzig unglücklich verlieren würde. Doch in der Nachspielzeit belohnte sich der FCSP für einen mutigen Auftritt.(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Vorweg: Es ist 1:54 Uhr am Mittwochmorgen, während ich diese Zeilen schreibe. Spiele um 20:30 Uhr bedeuten für Personen, die gerne darüber schreiben und sich dazu auch einzelne oder viele Spielszenen noch einmal genauer anschauen, immer Nachtschichten. Sowieso ist die journalistische Arbeit rund um den FC St. Pauli aktuell sehr herausfordernd. Abstiegskampf, Englische Wochen, offene Transferfenster – an Themen mangelt es nicht. Wir betreiben den MillernTon wahnsinnig gerne (auch jetzt gerade), freuen uns sehr darüber und sehen es als großes Privileg an, dass wir das als Job bezeichnen dürfen. Alle Inhalte, die wir beim MillernTon produzieren, sind gratis und das wird auch so bleiben. Wir freuen uns aber sehr, wenn ihr unsere Arbeit unterstützt. Alle Infos dazu findet ihr hier. Forza!
Das war vielleicht ein wilder Ritt! Der FC St. Pauli und RaBa Leipzig zeigten in der ersten Halbzeit ein Spiel, das durchaus hätte 2:3 stehen können, vielleicht sogar müssen. Es folgte eine zweite Hälfte, in der beiden Teams anzumerken war, dass sie den Fokus nun mehr darauf legten, etwas sicherer zu stehen und in der das Spiel dann lange Zeit genauso lief, wie es für Abstiegskandidaten eben läuft: Erst ein ärgerlicher Gegentreffer und dann die fast schon verzweifelte Suche nach der richtigen Entscheidung im letzten Drittel. Doch die Rechnung wurde ohne die Nachspielzeit gemacht oder besser gesagt: ohne David Raum – so kann sich der FCSP am Ende über einen dem Einsatz nach verdienten Punktgewinn freuen.
Auf gleich vier Positionen wurde die Startelf des FC St. Pauli verändert. Der gesperrte Adam Dźwigała wurde durch Tomoya Andō ersetzt, der ein richtig, richtig vielversprechendes Startelfdebüt feierte. Zudem kam wie erwartet Ricky-Jade Jones für Martijn Kaars in die Anfangsformation hinein und sollte seinem Ruf als Gefahrenherd für hochstehende gegnerische Defensivreihen gerecht werden. Zudem bekam Mathias Pereira Lage eine Pause, für ihn startete Danel Sinani in der Offensive.
Etwas überraschend gab es noch einen vierten Wechsel in der Startelf des FC St. Pauli: Manos Saliakas stand erstmals nach längerer Zeit wieder von Beginn an auf dem Platz. Arek Pyrka musste dafür aber nicht auf die Bank, sondern rückte auf die linke Schienenposition und verdrängte dort Louis Oppie. Alexander Blessin erklärte diesen Wechsel nach Abpfiff damit, dass man mit Pyrka das enorme Tempo und die Zweikampfstärke der Leipziger auf der linken Seite matchen wollte, was ganz gut gelang (auch die Idee, Saliakas wieder in die Startelf zu bringen, ging auf). Zudem stand Mathias Rasmussen erstmals im Kader, er feierte dann in der zweiten Halbzeit sein Debüt im FCSP-Trikot.
Auf Seiten von RaBa Leipzig gab es hingegen keine personellen Wechsel im Vergleich zum vorherigen Spiel gegen Heidenheim. Trainer Ole Werner brachte damit die aktuell beste Elf der Leipziger auf den Platz. Mich als ausgesprochenen Freund von Formationen und Spieltaktiken hat es sehr gefreut, dass wir von den Leipzigern am Millerntor ein so dermaßen klares 4-3-3 zu sehen bekamen, wie ich es selten gesehen habe. Gefreut habe ich mich auch deshalb besonders, weil Leipzig zwar dank dieser Formation einige gute Offensivszenen hatte, aber der FC St. Pauli gegen dieses 4-3-3 sehr mutig spielte und selbst auch zu einigen Gelegenheiten kam.

Aufstellung beim Spiel FC St. Pauli gegen Leipzig
FCSP: Vasilj – Ando, Wahl, Mets – Saliakas, Sands, Smith, Pyrka – Sinani, Jones, Fujita
RaBa: Gulácsi – Baku, Orbán, Bitshiabu, Raum – Schalger, Seiwald, Baumgartner – Diamonde, Rômulo, Nusa
Im 4-3-3 agierte Leipzig zu Beginn sehr sicher. Bei Ballbesitz schoben die offensiven Außenbahnspieler ganz auf die Seiten, hinter ihnen schoben die Außenverteidiger nicht ganz so hoch, wie man es von anderen Teams kennt. Sechser Seiwald wurde vom FC St. Pauli im Zentrum isoliert und konnte so oft nicht am Spiel teilnehmen. Das war den Leipzigern aber fast egal, schließlich hatten sie einen ganz anderen Fokus: Sie wollten ihre offensiven Außen in direkte Duelle bringen. Was logisch ist, schließlich sind die Herren Nusa und Diamonde im Dribbling echt richtig, richtig stark (das Team hat die beste Dribbelquote der Liga). Wenn es Leipzig also gelingen sollte, dass der Gegner diese beiden Spieler im letzten Drittel nicht doppeln kann, dann wird es oft gefährlich.
Auffällig oft wurden die Leipziger deutlich früher beim Aufbauspiel gestört, als für den FCSP üblich. In diesen Situationen schoben die Schienenspieler (Pyrka und Saliakas) weit vor, pressten Raum und Baku tief in der Leipziger Hälfte. Dann ergaben sich auf dem Platz viele Pärchen, weil der FC St. Pauli in diesen Situationen insgesamt sehr mannorientiert verteidigte. Und das entsprechend auch mit viel Risiko, denn in letzter Reihe standen dann die drei Innenverteidiger gegen die sehr breit positionierte offensive Dreierreihe der Leipziger. Dieses hohe Anlaufverhalten klappte ziemlich gut, Leipzig gelang es nur selten, diesen hohen Druck zu um- oder überspielen. Die gespielten hohen Bälle verteidigten die FCSP-Innenverteidiger sicher, in allen anderen Situationen wurden die Leipziger in direkte Duelle verwickelt, die an diesem Abend zum überwiegenden Teil an den FC St. Pauli gingen.
Etwas seltener sah man den FC St. Pauli im 5-2-3 auf dem Platz. Das war eher so etwas wie die initiale Positionierung. Doch diese Defensivformation löste sich oft schnell auf: Entweder in ein mannorientiertes Pressingverhalten (wie im Absatz zuvor beschrieben) oder aber, etwas häufiger, in ein tiefes 5-4-1. Leipzig gelang es in der ersten Halbzeit oft, diese eigentlich sehr kompakte Formation vor Probleme zu stellen. Womit wir wieder bei den Leipzigern Außenbahnspielern angelangt wären. Denn das Leipziger Aufbauspiel folgte einem klaren Muster. Der FC St. Pauli wollte, das erklärte Blessin nach Abpfiff, unbedingt verhindern, dass Leipzig mit seinen offensiven Außen in 1-gegen-1-Duelle kommt. Das lässt sich aber auch einfach nicht komplett vermeiden, dafür ist die individuelle Qualität, vor allem die Ballsicherheit, der Leipziger schlicht zu hoch. Wenn der FCSP im 5-2-3 stand, dann spielte Leipzig im Aufbau oft aus der Innenverteidigung auf eine der beiden Seiten. Das möchte ich gerne etwas genauer beschreiben:
Meist gab es dieses Muster auf der rechten Seite der Leipziger zu sehen, auf der linken wurde es aber auch so angewendet. Im Aufbau wurde also Rechtsverteidiger Baku angespielt. Das sorgte dafür, dass entweder Fujita oder Pyrka auf Baku rausschoben und der FCSP insgesamt tiefer fiel, in ein 5-4-1. Diese Bewegungen sorgten für ein notwendiges Nachschieben weiterer Spieler. Oft schob Mets dann mit auf die Seite, um eine Isolation von Pyrka gegen Diomande zu vermeiden. Doch sobald Mets rausschob oder zumindest den Abstand zu Pyrka verkürzte, und es war wirklich fein orchestriert, setzte Leipzigs linker Achter Schlager im Rücken von Smith zum Tiefenlauf an und rannte genau in die Lücke zwischen Mets und Wahl hinein. Dadurch konnte nun entweder Mets nicht so weit rausschieben wie gewünscht oder aber Wahl musste die Lücke schließen. Oft war der FCSP dann also gezwungen, als Team sehr stark auf eine Seite rüberzuschieben, was Leipzig dann auch für sich nutzen wollte, indem schnell verlagert wird (was ihnen aber weniger gelang, als aus sich über eine Seite durchzukombinieren).
Ob das Leipziger Aufbauspiel nun erfolgreich war oder nicht, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Die wichtigste ist natürlich die von RaBa-Trainer Ole Werner, der auf der Pressekonferenz nach dem Spiel sagte, dass er mit der ersten Halbzeit seines Teams überhaupt nicht zufrieden gewesen sei. Das sehe ich, angesichts von 23 Leipziger Ballkontakten im Strafraum des FC St. Pauli, anders. Denn Leipzig war offensiv sehr präsent, stellte den FCSP vor viele Probleme. Auch wenn Leipzig sich keine Chancen im Minutentakt erspielte und auch keine ganze Reihe von Hochkarätern: Es gab in dieser Saison nicht viele Teams, die der FC St. Pauli so oft in einer Halbzeit im eigenen Strafraum an den Ball kommen ließ.
Was Ole Werner aber sicher nicht gefallen hat, waren die Lösungen, die der FC St. Pauli präsentierte. Denn es war beileibe nicht so, dass Leipzig den FCSP komplett dominierte. Was vor allem daran lag, dass der FC St. Pauli in den Zweikämpfen einige Bälle gewinnen konnte (und auch klug einige Leipziger Pässe abfing), aber auch äußerst mutig selbst das Spiel aufbaute. Und da sich im Pressing oft beide Leipziger Außenverteidiger vorne mit einschalteten, wurde es dann schnell unangenehm für die Leipziger Innenverteidiger. Vor allem, weil sie einen Gegenspieler namens Ricky-Jade Jones hatten.
Es sind tatsächlich „nur“ zwei Szenen gewesen, in denen Jones gefährlich wurde. Aber Jones war halt gleich zweimal, in der 18. und 21. Minute, auf und davon. In der ersten Szene wurde er von Fujita steil geschickt, hatte sogar schon einen guten Vorsprung, verschleppte dann aber das Tempo (WARUM?!), sodass Orbán seinen Schussversuch noch abgrätschen konnte. Drei Minuten später war es Sands, der Jones auf die Reise schickte, dieser den Ball dann aber neben das Tor setzte. Da auch Rômulo eine Top-Chance in der Nachspielzeit der ersten Hälfte ausließ, ging dann ein Spiel mit 0:0 in die Pause, welches Tore verdient gehabt hätte.

Ricky-Jade Jones ist auf und davon, Willi Orbán frisst Staub // (c) Stefan Groenveld
Klar, wer gegen ein Team wie Leipzig gewinnen möchte, muss solche Chancen nutzen. Doch auch ohne Gegentreffer hinterließen diese Szenen Wirkung bei Leipzig. Denn im zweiten Abschnitt waren die Gäste wesentlich weniger intensiv unterwegs, sie schoben nicht mehr ganz so aggressiv mit vielen Spielern in den Angriffsaktionen vor, sie pressten auch nicht mehr ganz so intensiv. Blessin erklärte, dass der FC St. Pauli sich für den zweiten Abschnitt auch vorgenommen habe, die Abstände noch enger zu halten. So folgte auf eine an Offensivszenen reiche erste eine eher chancenarme zweite Hälfte. Das Spiel verlor etwas an Wildheit, der FCSP gewann aber an Stabilität. Was nicht nur mit engeren Abständen, sondern auch ziemlich direkt mit der Zweikampfbilanz zusammenhängen dürfte. Im ersten Abschnitt gewann das Team gute 58 Prozent seiner Duelle am Boden, im zweiten waren es sogar 63 Prozent.
Und irgendwie war dann klar, was passieren würde: Der FCSP kam etwas besser in die zweite Hälfte, aber Leipzig ditschte sich irgendwie einen zurecht, bekam einen Eckball. Den klärte Saliakas am ersten Pfosten, allerdings so, dass er zentral, 20 Meter vor dem Tor in die Füße von Diomande fiel. Der fackelte nicht lange, zog ab, doch der Abschluss war eigentlich etwas zu zentral. Aber klar, Abstiegskandidaten haben die Scheiße gepachtet… Smith fälschte den Ball so unglücklich ab, dass dieser eine Flugkurve des Todes annahm und unhaltbar links oben einschlug.Eigene Chancen nicht genutzt, eigentlich ganz stabil gestanden, trotzdem wieder das 0:1 gefangen – ich kotze mir beim schreiben dieser Zeile auf die Tastatur, so sehr hasse ich meine Finger dafür, dass sie das tun, was sie tun. Man ey!
Doch der FC St. Pauli hatte keine Lust, dass dieser Abend so trostlos endet, wie bereits so viele Abende des FCSP in dieser Saison endeten. Obwohl die Versuche teilweise schon komplette Resignation bei mir hervorriefen. Denn zwischen Leipzig und dem FC St. Pauli gab es in diesem Spiel eigentlich keinen Unterschied zu erkennen. Abgesehen davon, dass der FCSP im letzten Drittel konsequent, zeitweise hatte ich das Gefühl mit Absicht, die falschen Entscheidungen traf. Vielversprechende Aktionen wurden oft durch Missverständnisse beendet, so spielten zum Beispiel Sinani und Fujita gefühlt 76 Minuten lang aneinander vorbei. Letzterer hatte im letzten Drittel Idee um Idee, fehlende Kreativität kann ihm nicht vorgeworfen werden, aber er hatte die Ideen zu oft exklusiv.
Zurück zum ersten Satz des vorherigen Absatzes: Der FC St. Pauli hatte spürbar keinen Bock auf eine Niederlage, wehrte sich mit allen Mitteln, ließ sich auch nicht davon unterkriegen, dass es offensiv einfach nicht zusammenlaufen wollte. Blessin wechselte Kaars, Pereira Lage, Irvine, Rasmussen und Ceesay ein und das Team versuchte es immer und immer wieder. Mit Beginn der Nachspielzeit hatte Kaars dann eine gute Kopfballgelegenheit, doch Gulácsi fing den Ball sicher ab.
So stellte sich mein Körper bereits wieder auf Enttäuschung ein, als Ceesay noch einen Einwurf herausholte. Andō chippte in der Folge den Ball hinein, Ceesay legte klug auf Rasmussen ab, der direkt Kaars bedienen wollte. Doch Gegenspieler Raum war schneller, schien den Ball nicht nur gewinnen, sondern auch abschirmen zu wollen. Und dann gab es eine der klarsten Elfmeter-Entscheidungen, die ich je am Millerntor miterlebt habe. Denn Raum rutschte weg, so unglücklich, dass er genau nicht den Ball berührte. Dafür „berührte“ er Kaars und damit meine ich, dass er ihn nach allen Regeln der Kunst ummähte. Mit etwas mehr Drehmoment hätte es wohl für einen Salto von Kaars gereicht.

Das sich David Raum nach dieser Szene überhaupt noch beim Schiedsrichter für einen Videobeweis stark machte, ist schon bemerkenswert.
// (c) Stefan Groenveld
Nach Abpfiff führte Kaars übrigens ein herrliches Interview in der Mixed Zone. Wann er geplant habe, den Ball nach links unten zu schießen, wurde er gefragt. „So etwa vor drei, vier Wochen“ war seine schmunzelnde Antwort. Dass er den Elfmeter ein wenig reingezittert hat (Gulácsi ahnte die Ecke) – geschenkt. Dass der FCSP nach dem Rückstand offensiv nur noch wenig zustande brachte, weil im letzten Drittel oft das Zusammenspiel fehlte – geschenkt. Dass ein Gegenspieler so viel Pech hat und per Ausrutschen in der Nachspielzeit einen Elfmeter verursacht – völlig egal! Dass der FC St. Pauli für eine mutige und sehr energiereiche Leistung am Ende zumindest mit einem Punkt belohnt wird – hochverdient und unbezahlbar!
Denn der Punkt mag dem FC St. Pauli in der Tabelle (noch) nicht viel weiterhelfen. Aber ein erneuter Niederschlag, die erneute Erkenntnis, dass man eigentlich ganz gut mitgehalten hat, sich aber ein ärgerliches Gegentor fängt und dann am Ende doch wieder mit leeren Händen dasteht, dieser Niederschlag hätte, zumindest für mich, für meine Finger, für meine Tastatur, schon final sein können.Ist er aber nicht, nach all der Scheiße holt sich der FCSP ein Stück des Fußballglücks zurück. Nehmen wir gerne mit, vor allem den Schwung, der uns dann bitte bis nach Augsburg trägt – und auf dem Rückweg drei Punkte mit dabei hat.
Immer weiter vor!// Tim
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