Nur die Raute
·28. Juli 2026
Frankreich-Experte über HSV-Zugang Nadir: „Er wurde zum Opfer der Umstände“

In partnership with
Yahoo sportsNur die Raute
·28. Juli 2026

Bilal Nadir ist gerade einmal 22 Jahre alt, hat bereits Champions-League-Erfahrung gesammelt, wurde für Marokkos A-Nationalmannschaft nominiert und galt bei Olympique Marseille lange als eines der größten Talente überhaupt.
Trotzdem verließ der Mittelfeldspieler den französischen Traditionsklub ablösefrei und schlägt nun ein neues Kapitel beim HSV auf. Die Verantwortlichen im Volkspark sind vollends von ihrem Neuzugang überzeugt. „Bilal ist ein sehr variabler und anpassungsfähiger Spieler, der im Mittelfeld verschiedene Rollen einnehmen kann“, erklärte Sportvorständin Kathleen Krüger nach der Verpflichtung. Sportdirektor Claus Costa hob vor allem die „hohe Aktionsdynamik“ des in Frankreich aufgewachsenen Marokkaners hervor.
Auch Sportjournalist und Podcaster Jakob Haffke hält viel vom neuen Hamburger. „Ich finde, dass dem HSV eine interessante Verpflichtung gelungen ist“, sagt der Frankreich-Kenner, der Nadir schon in Marseille verfolgt hatte. Dort sei der Linksfuß „als eines der größten Talente“ angesehen worden, viele Fans hätten große Hoffnungen in ihn gesetzt. „Es gab dann auch vereinzelt Phasen, in denen es so aussah, als würde er es in die erste Elf schaffen.“
Der endgültige Durchbruch blieb allerdings aus. Haffke verweist dabei aber nicht nur auf Nadirs eigene Entwicklung, sondern auch auf die schwierigen Rahmenbedingungen bei den zuletzt chronisch unruhigen Olympiens. „Die Fluktuation im Kader ist der Wahnsinn, dazu stehen enorm viele Akteure im Aufgebot. Für einen jungen Spieler ist das natürlich ein ungünstiges Umfeld. Da ist Nadir so ein bisschen ein Opfer der Umstände geworden.“
Tatsächlich sprechen die Zahlen eine klare Sprache. Nadir kam in den vergangenen beiden Spielzeiten auf 15 beziehungsweise 20 Pflichtspieleinsätze, seine Einsatzzeiten blieben jedoch überschaubar. In der vergangenen Saison sammelte er in der Ligue 1 lediglich 588 Minuten. „Das ist natürlich zu wenig“, weiß auch Haffke.
Hinzu kamen gleich zwei bittere Rückschläge. Anfang 2024 riss sich Nadir das Kreuzband und fiel monatelang aus. Im Oktober 2025 sorgte zudem ein Zusammenbruch während eines Ligaspiels gegen Angers für große Sorgen. Nach medizinischen Untersuchungen folgte allerdings eine Entwarnung, wenige Wochen später stand der Achter bereits wieder auf dem Platz.
Trotz aller Rückschläge verlor Nadir sein großes Ziel nie aus den Augen. Im März 2025 wurde er erstmals für Marokkos A-Nationalmannschaft nominiert. Es war ein besonderer Moment für den Sohn marokkanischer Eltern, der in Nizza aufwuchs und schon als Kind davon träumte, Profifußballer zu werden. Und auch wenn der Regisseur noch auf seinen ersten Auftritt im Trikot der „Atlas-Löwen“ wartet, bleibt die Heim-WM 2030 in Marokko sein großes Karriereziel.

Foto: IMAGO
Der Wechsel zum HSV soll ihm dabei helfen, diesem Traum näherzukommen. Die sportlichen Qualitäten dafür sind zweifelsfrei vorhanden. „Er kommt viel über seine Arbeit mit dem Ball, spielt schöne Pässe und kreiert viel“, beschreibt Haffke die Stärken des Youngsters. Nadir gilt als technisch stark, pressingresistent und dynamisch. Er kann sowohl auf der Acht als auch in einer offensiveren Mittelfeldposition eingesetzt werden.
Ganz ohne Schwächen kommt Nadirs Profil allerdings nicht daher. „Ihm fehlt die Torgefahr“, sagt Haffke und verweist damit auf die magere Ausbeute von einem Treffer und vier Assists in insgesamt 40 Ligue-1-Partien. Zudem sei der 22-Jährige „noch etwas fehleranfällig“. Genau deshalb dürfte der HSV seinen Neuankömmling nicht als fertigen Bundesliga-Spieler und sofortige Stammkraft betrachten, sondern vielmehr als entwicklungsfähigen Profi mit enormem Potenzial.
Im Süden Frankreichs blicken viele Fans derweil deutlich weniger wohlgesonnen auf Nadir. So sorgte sein Abschied aus Marseille zuletzt für heftige Reaktionen. Nachdem OM seinen Vertrag sogar während der Kreuzbandverletzung verlängert hatte, scheiterten die jüngsten Verhandlungen über eine weitere Zusammenarbeit. Französischen Medien zufolge spielten dabei auch überbordende finanzielle Vorstellungen eine Rolle. In den sozialen Netzwerken reagierten zahlreiche Marseille-Fans entsprechend verärgert auf seinen ablösefreien Abgang. Unter anderem musste sich Nadir als „Söldner“ beschimpfen lassen.
An der Elbe dürften diese Nebengeräusche dagegen kaum jemanden stören. Der HSV erhält einen nach wie vor jungen Spieler mit Champions-League-Erfahrung und internationalem Potenzial zum Nulltarif. Und auch die folgende Einschätzung von Haffke darf den norddeutschen Anhängern Hoffnung machen: „Ich hätte mir gut vorstellen können, dass er auch etwas höherklassige Angebote bekommt– oder sie vielleicht sogar hatte. Dass er sich letztlich für den HSV entschieden hat, könnte auch mit den vielen französischsprachigen Spielern im Kader und dem jungen Trainerteam zusammenhängen.“







































