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·23. September 2026

Gibt es überhaupt noch unentdeckte Talente im Fußball?

Artikelbild:Gibt es überhaupt noch unentdeckte Talente im Fußball?

Kaum ein vielversprechender junger Spieler weltweit bleibt heute lange unentdeckt, noch bevor er sein erstes Profispiel bestritten hat, haben die großen europäischen Klubs ihn meist längst auf dem Zettel. Datenanalyse, künstliche Intelligenz und global vernetzte Scouting-Systeme haben die Talentsuche im Fußball in den vergangenen Jahren grundlegend verändert.

Der Fall Dario Osorio zeigt, wie früh Klubs heute reagieren

Wie systematisch dieses Vorgehen inzwischen ist, zeigt der Werdegang des chilenischen Flügelspielers Dario Osorio. Als er 2023 im Alter von 19 Jahren von Universidad de Chile für rund 5,2 Millionen Euro zu Midtjylland wechselte, standen laut dem dänischen Klub bereits AC Mailand, RB Leipzig, Salzburg sowie mehrere englische und deutsche Vereine auf seiner Fährte.


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„Als wir Dario Osorio verpflichtet haben, war das nicht, weil ihn niemand kannte“, sagt Kristian Kjaer, technischer Direktor bei Midtjylland, gegenüber der BBC. In seinen drei Jahren in Dänemark entwickelte sich Osorio zum Schlüsselspieler, gewann mit Midtjylland die Meisterschaft 2023/24 und kam auf über 120 Pflichtspiele.

In diesem Sommer wechselte er schließlich leihweise mit Kaufverpflichtung zu Crystal Palace. Mit einer Ablöse von rund 28 Millionen Euro plus Boni wurde er zum teuersten Verkauf in der Geschichte der dänischen Superliga, noch vor seinem einstigen Mitspieler Franculino Djú, der im selben Sommer für eine ebenfalls historische Summe zu Trabzonspor wechselte und mit Osorio bei Midtjylland trotz anfänglicher Sprachbarriere eng befreundet war.

Scouting-Plattformen erfassen heute Hunderttausende Talente

Möglich wird diese frühzeitige Beobachtung durch spezialisierte Datenplattformen. Eyeball, gegründet vor fünf Jahren mit Fokus auf 13 bis 21 Jahre alte Spieler, wird von mehr als 60 Prozent der Klubs aus Europas fünf Topligen genutzt und erfasst Daten zu über 400.000 jungen Spielern aus 42 Ländern.

„Diese Zeit lässt sich als eine der transformativsten in der Talentidentifikation und Rekrutierung überhaupt bezeichnen“, sagt Sam Turner, Head of Operations bei Eyeball. Pro Spiel erhebt das Unternehmen mehr als 2000 Datenpunkte, vor allem aus Aufnahmen führender Amateurklubs und Nachwuchsleistungszentren. Analysten können damit gezielt nach bestimmten Spielertypen suchen, etwa nach Spielern mit den meisten progressiven Pässen oder schlicht nach einem „neuen Ashley Cole“. Turner betont dabei, dass die Technologie menschliche Scouts nicht ersetze, sondern lediglich mit zusätzlichen Werkzeugen und Informationen unterstütze.

Auch Kjaer sieht das ähnlich, Datenanalyse liefere ein objektives Werkzeug, das aber immer im Zusammenspiel mit jahrelanger Erfahrung und Wissen über familiären und kulturellen Hintergrund eines Spielers eingesetzt werden müsse.

Usbekistan, Aserbaidschan und Japan rücken in den Fokus

Als aufstrebende Talentregionen nennen sowohl Kjaer als auch Turner unter anderem Usbekistan, das in diesem Sommer erstmals bei einer Weltmeisterschaft vertreten war, unter anderem mit Manchester Citys Abwehrspieler Abdukodir Khusanov. Auch Aserbaidschan baut nach Einschätzung Turners inzwischen gezielt ein nationales Talentnetzwerk auf.

Japan wiederum gilt als Vorbild für ein durchgängiges System von der Basis über Schul- und Universitätsfußball bis in den Profibereich, was die Auswertung japanischer Talente für europäische Klubs allerdings zusätzlich erschwert. In Lateinamerika bleibt vor allem Brasilien ein riesiges, aber vorsichtig gehütetes Reservoir, laut dem früheren Midtjylland-Vorsitzenden Rasmus Ankersen lehnt ein Klub wie Cruzeiro auf jeden aufgenommenen Spieler unter 15 Jahren rund 4000 andere Bewerber ab.

Afrika bleibt trotz wachsender Aufmerksamkeit ein Schwerpunktmarkt

Besondere Dynamik entfaltet sich derzeit in Afrika. Thomas Randolph, Gründer des auf Westafrika spezialisierten Scouting-Dienstes Delphlyx, verweist auf eine eigene Datenbank mit rund 19.000 erfassten Spielern zwischen 14 und 21 Jahren, die Klubs direkt aus London aus sichten und kontaktieren können.

Als Beispiel für bislang übersehene Regionen nennt er den Süden des Senegal, Heimat von Sadio Mané und des von Chelsea umworbenen Lamine Camara, sowie den Norden Nigerias, wo der inzwischen bei Brighton debütierte Zadok Yohanna aus einer kaum bekannten Akademie stammt. Besonders hervorgehoben wird zudem Benin, das Fördergelder der FIFA gezielt in Infrastruktur investiert hat und mit der erst 15 Jahre alten Romaine Gandonou bereits eine Spielerin hervorgebracht hat, für die sich Paris Saint-Germain und der FC Barcelona interessieren.

Eine wichtige Wegmarke für afrikanische Talente ist laut Randolph auch die U17-Weltmeisterschaft, bei der zuletzt etwa der senegalesische Verteidiger Mor Talla Ndiaye, mittlerweile im Kader des FC Liverpool, sowie der burkinische Mittelfeldspieler Mohamed Zongo entdeckt wurden, der mit 18 Jahren zum von Chelsea und Straßburg gemeinsam betriebenen BlueCo-Projekt stoßen soll. Auch bei der jüngsten U17-Afrika-Cup-Qualifikation waren Scouts vor Ort, ohne dass sich daraus bislang ähnlich prominente Entdeckungen ergeben hätten.

Ein struktureller Engpass bleibt dabei die von der Premier League geforderte Governing Body Endorsement, die einen Nachweis über Nationalmannschaftseinsätze voraussetzt und junge Spieler häufig zunächst über Länder mit weniger strengen Regularien wie Schweden oder Dänemark führt, etwa über das Partnermodell von Midtjylland mit dem nigerianischen Klub FC Ebedei oder die Right to Dream Academy, die vor sieben Jahren den dänischen Klub FC Nordsjælland übernahm und bereits Spieler wie Mohammed Kudus, Simon Adingra und Kamaldeen Sulemana hervorgebracht hat.

Selbst mitten in Europa gibt es noch blinde Flecken

Bemerkenswert ist, dass selbst in Europa noch wenig beachtete Talentquellen existieren, allen voran im Amateurfußball rund um Paris. Jamel Sandjak, Präsident der Ligue de Paris Île-de-France mit mehr als 1000 Vereinen und 270.000 Spielern, berichtet, dass Scouts aus aller Welt gezielt diese Ligen besuchen, da ein Großteil der französischen Nachwuchsnationalspieler dort ausgebildet wird. In der vergangenen Saison gewann der Amateurklub ES Nanterre eine nationale Liga vor Champions-League-Teilnehmern wie Lens und Lille, während Stürmer Exauce Luyindula, ausgebildet beim ebenfalls in der Region ansässigen Amateurklub AAS Sarcelles – wo einst auch Riyad Mahrez bis zu seinem 18. Lebensjahr spielte –, inzwischen den Sprung zum Ligue-2-Klub Guingamp geschafft hat.

Sam Turner erklärt diesen blinden Fleck damit, dass viele Klubs lange davon ausgingen, die besten Spieler befänden sich automatisch in den großen Nachwuchsleistungszentren, obwohl dort oft schon mit zwölf oder dreizehn Jahren über Talente entschieden werde, einem Alter, in dem sich spätere Entwicklungen kaum verlässlich vorhersagen lassen.

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