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·13. März 2026
"Gott, ist das langweilig!" Wenn Stadionsprecher sagen, was alle denken

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·13. März 2026

Michael Trippel kommentierte eine Rote Karte und ein mögliches Handspiel offen vor 50.000 Zuschauern – und kassierte danach einen Rüffel der DFB-Schiri GmbH.
Anders als viele Nostalgiker finde ich, dass Veränderung dem Fußball guttut. Der Videobeweis war eine top Neuerung, weil wir seither über völlig neue Themen streiten. Das Zeitlimit macht kommende Saison Spielern Beine, die sonst bei ihrer Auswechslung plötzlich 99,6 Prozent ihrer Höchstgeschwindigkeit einbüßen. Oder Julian Nagelsmanns Idee, nach der 80. Minute bei jeder Spielunterbrechung die Uhr anzuhalten – gefällt mir alles.
Und jetzt das: Stadionsprecher, die durchsagen, was sie denken! Dass keiner vorher draufgekommen ist!
Auslöser ist eine Aktion des Kölner Stadionsprechers Michael Trippel. "Pfui, widerlich", sagte der 71-Jährige durch, nachdem Schiedsrichter Daniel Siebert am vergangenen Samstag FC-Verteidiger Jahmai Simpson-Pusey Rot gezeigt hatte. Später fluchte Mikro-Rambo Trippel vor 50.000 Zuschauern: "Ich werde Ärger kriegen, aber ich sage es: In der Nachspielzeit gab es ein klares Handspiel eines Dortmunders, und das guckt sich noch nicht mal einer an."
Ist das nicht herrlich?
Das mit dem Ärger stimmte übrigens, tags drauf kassierte Trippel einen Rüffel von der DFB-Schiri GmbH (heißt wirklich so). Begründung: "Es kann und darf nicht sein, dass ein Stadionsprecher das Publikum gegen den Unparteiischen aufbringt. Bei allem Verständnis für Emotionalität wurde hier eindeutig eine Grenze überschritten."
Ich frage mich, ob da nicht eine Menge Entwicklungspotenzial brachliegt. Wäre es nicht sehr unterhaltsam, wenn Stadionsprecher öfter ausformulieren würden, was sie denken oder sehen? Sie sind ja ganz nah am Geschehen, oft direkt neben den Trainer- und Ersatzbänken, wo einiges los ist. Und: Sie sind wie wir.
Wäre es zum Beispiel nicht besonders lustig und informativ, wenn Norbert Dickel, seit Jahrzehnten Stadionsprecher des BVB, folgendes durchgäbe: "Die 79. Minute: Niko Kovac hat gerade eine Flasche Sprudel den Kabinengang runtergekickt. Er ist völlig mit den Nerven runter und bringt jetzt zwei neue Stürmer. Adeyemi und Beier müssen raus, aber die haben ja auch einen ordentlichen Scheiß gespielt. Pardon my Fräntsch."
In München könnte Stephan Lehmann, vermutlich der nach Punkten erfolgreichste Stadionsprecher der Bundesligageschichte, die heimsiegverwöhnte Schickimicki-Szenerie auflockern. "Ja, Leute, das war mal wieder ein Tor für den FC Bayern. Sorry, ich weiß nicht, wer es geschossen hat, ich bin nach dem 3:0 eingenickt. Gott, ist das wieder langweilig heute."
HSV-Stadionsprecher Christian Stübinger könnte einen Treffer der Gäste aus Hoffenheim so moderieren: "Das 1:0 für den Verein, der behauptet, dass es ihn seit 1899 gibt, wurde ihnen präsentiert von Dietmar Hopps Kontoführer."
Kritiker haben diese Woche darauf hingewiesen, dass es zu Ausschreitungen führen könnte, sollten Stadionsprecher das ohnehin recht gewaltbereite Pyro-Ultra-Chaotenvolk noch weiter aufwiegeln. Aber wo kommen wir hin, wenn wir uns proaktiv vor Gewaltfans wegducken?

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Und ist nicht das Einmalige am Fußballstadion, dass man nur hier 90 Minuten lang mit 50.000 anderen rumbrüllen, den Schiri beleidigen und prollen kann, wie man möchte? Was das Fluchen angeht, bin ich durchaus Fußballnostalgiker.
Ich muss gerade an früher auf dem Betzenberg denken: Da war was los! Ich las mal in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel über Udo Scholz, der von 1973 bis 1994 Stadionsprecher des 1. FC Kaiserslautern war (und später der Adler Mannheim). In dem Text stand sinngemäß, dass die Roten Teufel vor allem deshalb so viele Tore in den letzten Minuten ihrer Heimspiele schossen, weil Scholz das Publikum auf die Barrikaden schreie und alle Schiris einschüchtere.
Scholz erfand außerdem den legendären Schlachtruf "Zieht den Bayern die Lederhosen aus!" zur Melodie von "Yellow Submarine".
Man stelle sich mal vor, wie viele Abmahnungen der DFB-Schiri GmbH so ein Vorgang heute nach sich zöge.
"Zieht den Bayern die Lederhosen aus!" ist heute so bekannt, dass vor allem jüngere Fans glauben, die Beatles hätten das Lied bei einem Stadionbesuch in Kaiserslautern gehört und umgetextet.
Vielleicht waren Stadionsprecher früher wirklich mutiger. Ich erinnere mich, wie einer mal bei knapper Führung der Heimmannschaft und entsprechendem Anrennen des Gästeteams eine Auswechslung folgendermaßen durchgab: "Die 92. Minute! Für die Nummer ..." – den Rest hörte man nicht, weil Gäste-Fans und -Bank komplett ausrasteten. Es lief nämlich erst die 85. Minute. Ich fand's witzig.
Vielleicht sollte man wirklich mehr aus dem Thema rausholen. Retro und so. Die Bundesliga könnte zum Beispiel testweise einen "Spieltag der Stadionsprecher" austragen, an dem in den neun Stadien jeder Sprecher sagen darf, was er will.
"76. Minute. Der Anschlusstreffer für die Gäste. Torschütze: Vincenzo Grifo per Elfmeter, der keiner war. Das Auto von Schiedsrichter Sven Jablonski steht übrigens hinter Block C. Amtliches Kennzeichen: HB – J 1253".
Okay, das muss vielleicht nicht sein.









































