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Philipp Overhoff·13. März 2026
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Philipp Overhoff·13. März 2026
Fabian Hürzeler war kaum noch zu beruhigen. Nach der 0:1-Niederlage von Brighton & Hove Albion gegen den FC Arsenal vor rund anderthalb Wochen knöpfte sich das deutsche Trainertalent sowohl die Gunners als auch deren Coach Mikel Arteta vor.
„Nur eine Mannschaft hat versucht, Fußball zu spielen“, meckerte der frühere Trainer des FC St. Pauli. Dann legte er nach: „Ich bin stolz darauf, wie wir das gemacht haben. Ich liebe es, wie wir gespielt haben.“
Sein Ärger entzündete sich vor allem am ausgiebigen Zeitspiel der Nord-Londoner. „Das ist kein Fußball“, polterte Hürzeler und stellte eine rhetorische Frage hinterher: „Haben Sie in einem Premier-League-Spiel schon mal einen Torwart dreimal zu Boden gehen sehen?“ Für ihn steht fest: „Ich will niemals ein Trainer sein, der auf diese Weise zu gewinnen versucht.“

Ganz aus der Luft gegriffen sind die Vorwürfe nicht. Datenanbieter ‘Opta‘ ermittelte, dass Arsenal das Spiel in Brighton 59 Mal für durchschnittlich 31,4 Sekunden verzögerte. Insgesamt ging dadurch fast eine halbe Stunde Netto-Spielzeit verloren.
Fairerweise muss man eingestehen, dass sich andere Teams in England in ähnlichen Bereichen oder sogar darüber bewegen. Wo Arsenal tatsächlich (negativ) heraussticht, ist im Zeitschinden vor Eckbällen. Im Schnitt nehmen sich die Gunners dort 44,5 Sekunden. Das ist Ligahöchstwert!
Hürzeler ist mit seiner Kritik längst nicht allein. In den sozialen Medien hat sich mittlerweile eine ganze Armada an Arsenal-Kritikern versammelt. Begriffe wie „Haramball“ oder „Fußball-Terrorismus“ sind hier an der Tagesordnung. Nicht selten wird Arteta sogar ironisch mit Osama bin Laden verglichen.
Auch prominente Experten teilen regelmäßig aus. Ex-Manchester United-Star Paul Scholes warnte bereits, Arsenal könnte der „langweiligste Meister der Geschichte“ werden. TV-Experte Chris Sutton ging noch einen Schritt weiter und sprach vom potenziell „hässlichsten“.
Die Kritik zielt dabei längst nicht nur auf Zeitspiel ab. Vielmehr geht es um die grundsätzliche Art und Weise, wie Arsenal versucht, nach 22 Jahren wieder die englische Meisterschaft zu gewinnen.
Der Kern des Systems ist schnell erklärt: Defensive Stabilität und maximale Effizienz bei Standardsituationen. Wettbewerbsübergreifend haben die Gunners bereits 22 Tore nach Ecken erzielt.
Diese Situationen sind unter Standard-Guru Nicolas Jover akribisch einstudiert worden. Bei nahezu jeder Ecke positionieren sich mehrere Arsenal-Spieler im Fünfmeterraum und bedrängen den Torwart, der in den vergangenen Monaten ohnehin zu reinem Freiwild degradiert wurde.
Die Taktik hat längst Schule gemacht. Auch in der Bundesliga kopieren Teams wie Borussia Dortmund das Prinzip.
Und die Zahlen zeigen, wie stark Arsenal davon profitiert. 24 der 59 Ligatore fielen nach Standards, das sind rund 41 Prozent. Aus dem offenen Spiel heraus bieten die Londoner dagegen deutlich weniger Spektakel. Beim Open-Play-Expected-Goals-Wert (erwartete Tore ohne Standards) liegt Arsenal nur auf Rang fünf, deutlich hinter Teams wie Chelsea oder Manchester City.
Besonders gegen tiefstehende Gegner tun sich die Gunners regelmäßig schwer. Selbst beim knappen 2:1 gegen Drittligist Mansfield Town im FA Cup wurde das sichtbar.
📸 Alex Pantling - 2026 Getty Images
Was Arsenal allerdings perfekt beherrscht, ist das Verteidigen. Mit nur 22 Gegentoren stellen die Londoner die beste Defensive der Liga. Auch in der Champions League kassierten sie in neun Spielen lediglich fünf Treffer.
Diese Mischung aus Stabilität, Standards und solider, wenn auch keinesfalls überragender Spielanlage reicht aus, um auf gleich vier Hochzeiten zu tanzen. Arsenal führt die Premier League vor Manchester City an, wurde in der Königsklassen-Ligaphase Erster und ist zudem noch in beiden englischen Pokalwettbewerben vertreten.
Und auch wenn noch nicht aller Tage Abend ist, kann man diesem Team also beim besten Willen keinen Erfolg absprechen.
Es ist folglich alles andere als ein Zufall, dass die Fußball-Idee des 13-maligen Meisters reihenweise Nachahmer findet – übrigens nicht erst in dieser Saison. Der von Arsenal auf die Spitze getriebene Fokus auf Standardsituationen ist mittlerweile auf der gesamten Insel Usus.
Nahezu jedes Team hat einen eigenen Standardtrainer, der FC Brentford beförderte seinen im vergangenen Sommer sogar zum Cheftrainer. Mit durchschlagendem Erfolg: Unter Keith Andrews stehen die Bees auf einem herausragenden siebten Tabellenplatz.
Wenn man der Logik folgen möchte, dass diese Philosophie und die mit ihr einhergehende Entwicklung den Fußball zerstört, kann man das Arsenal schwerlich allein in die Schuhe schieben.
Die Gunners sind allerhöchstens das perfekte und aktuell erfolgreichste Abbild einer Denke, die vielen – vor allem englischen – Fans gewaltig gegen den Strich geht. Denn nicht wenige Beobachter halten das Produkt Premier League für so unattraktiv wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr.
📸 Justin Setterfield - 2026 Getty Images
Die Zahlen bestätigen das. In dieser Saison fallen 28 Prozent aller Tore nach Standards. Aus dem Spiel heraus wird hingegen so selten getroffen wie seit sechs Jahren nicht mehr. Gleichzeitig gibt es weniger Schüsse, weniger Passkombinationen, mehr lange Einwürfe und deutlich mehr Unterbrechungen.
Daher schlagen auch prominente Stimmen Alarm. Liverpool-Trainer Arne Slot sagte kürzlich: „Es macht mir keinen Spaß mehr, die Premier League anzuschauen.“
Auch Ex-Bayern-Star Mathys Tel von Tottenham Hotspur findet die Liga derzeit „langweilig“. Die britische Zeitung ‚The Guardian‘ sprach zuletzt von einem „beengenden Hassfußball“.
Doch am Ende bleibt der Fußball nun einmal ein Spiel, in dem nicht der Schönste gewinnt, sondern der Cleverste. Allen Arsenal-Fans wird es mit Fug und Recht herzlich egal sein, wenn es für die erste Meisterschaft seit 2004 nötig war, „den Fußball zu zerstören“.
📸 Ryan Pierse - 2026 Getty Images









































