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·22. Januar 2026

Hamburger Sport-Verein: Verein und Fanszene

Artikelbild:Hamburger Sport-Verein: Verein und Fanszene

Es ist wieder Derby! Am Freitag ist der Hamburger Sport-Verein zu Gast beim FC St. Pauli, wir gucken auf die (Miss-)Erfolge des Vereins und seine Fanszene. Titelfoto: Stefan Groenveld

Es ist Derbywoche! Nachdem der FC St. Pauli am vergangenen Samstag eine bittere Niederlage gegen Dortmund hinnehmen musste, heißt es jetzt: abhaken, weitermachen und voller Fokus auf das Derby. Das wird mit Sicherheit nicht einfach, weder für die Mannschaft, noch für die Fans. Ich zumindest starte eher mit gemischten Gefühlen in diese Woche. Nervosität und Bangen auf der einen Seite, Vorfreude, dem Verein aus der Vorstadt wieder mal richtig eins reinzuwürgen und die Stadtmeisterschaft zu verteidigen auf der anderen. Um Letzteres zu erreichen, muss die Mannschaft an die gute Leistung in Dortmund (trotz Niederlage) anknüpfen. Wir Fans hingegen wollen das Team pushen und die Rauten an die Wand singen.


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Bevor wir das allerdings machen, müssen wir uns wohl oder übel einmal damit beschäftigen, wer uns am Millerntor besuchen kommt. Zum einen für die Vollständigkeit dieser kleinen „Verein und Fanszene“-Reihe hier, zum anderen wegen „Know Your Enemy“ und so weiter. Also habe ich einmal tief ein- und ausgeatmet und mich in die Tiefen der Geschichte der Rauten begeben. Wir schauen ganz kurz und knapp auf die Erfolge und Misserfolge des Vereins und die Ausgliederung, gucken dann genauer auf die Fanszene und ihre Entwicklung.

Verein

Gründung und „Bundesliga-Dino“

Der Hamburger SV entstand 1919 durch den Zusammenschluss der Vereine SC Germania von 1887, Hamburger FC von 1888 und dem FC Falke 06. Von der Gründung bis zum Abstieg 2018 in die zweite Bundesliga spielte der HSV immer in der höchsten Spielklasse mit. Nicht ohne Grund kam es zum Spitznamen „Bundesliga-Dino“. Dadurch hampelt auch das Maskottchen „Dino Hermann“ bei jedem Heimspiel am Spielfeldrand rum. Auch nach dem Abstieg machte man dem Spitznamen alle Ehre und verblieb ganze sieben Jahre, so lange wie in jener Zeit kein anderer Verein, in der zweiten Bundesliga. Mein schönster Moment dieser Zeit war, als die HSV-Fans in Sandhausen den Platz stürmten, im festen Glauben, aufgestiegen zu sein. Doch in Heidenheim wurde bekanntlich noch gespielt und ihnen im letzten Moment ein Strich durch die Rechnung gemacht. Pures Kino.

Erfolge und Ausgliederung

Und so wenig Erfolg wie möglich ich dem HSV auch gönne, muss man doch anerkennen, dass sie uns einige Meisterschaften und Pokalsiege voraus sind. (Bis auf die Meisterschaft der zweiten Bundesliga, das hat der HSV noch nicht geschafft.) Denn der HSV holte bisher sechsmal die Deutsche Meisterschaft, gewann dreimal den DFB-Pokal sowie 1977 den Europapokal der Pokalsieger und 1983 den Europapokal der Landesmeister. Außerdem stand man in drei weiteren Europapokal-Endspielen.

Seit 2014 ist die Profiabteilung in die Hamburger Fußball AG ausgegliedert, seit 2024 in die Hamburger Fußball AG & Co. KGaA. Innerhalb der Fanszene ist die Ausgliederung nicht nur auf Freude gestoßen, dazu später mehr. Die größten Anteile besitzt Klaus-Michael Kühne. Seit 2023 zählt der HSV über 100.000 Mitglieder.

Fanszene

Die 80er: Rechte Gewalt, „Die Löwen“ und Adrian Maleika

Die Fanszene des Hamburger SV war vor allem in den 80er Jahren durchsetzt von rechtem Gedankengut und ansteigender Gewalt. Insbesondere der Fanclub „Die Löwen“ sorgte für Aufsehen. „Sie verherrlichten in den 1980er-Jahren offen den Nationalsozialismus und waren neben Gruppen wie der Savage Army und rechten Skinheads für viele gewaltsame Übergriffe verantwortlich“, so nachzulesen auf rechtegewalt-hamburg.de.

Negativer Höhepunkt der Gewalttaten war der Tod des Bremer Fans Adrian Maleika, der bei Ausschreitungen zwischen Bremer und Hamburger Fans durch einen Steinwurf, der ihn am Hinterkopf traf, ums Leben kam. Mitglieder des Fanclubs „Die Löwen“ sollen für den Steinwurf verantwortlich sein. Auch Mehmet Kaymakçı und Ramazan Avcı wurden „unter Beteiligung von rechten HSV-Fans ermordet“, wie unter anderem auch das HSV-Museum 2022 in der Sonderausstellung „Ins rechte Licht gerückt“ berichtet. Diese zeigt den damaligen Einfluss von rechts innerhalb der Fanszene und gedenkt den Opfern rechter Gewalttaten durch HSV-Fans.

Der Supporters Club

Im Jahre 1993 gründete sich der Supporters Club Hamburg mit dem Ziel: „Das Vereinsleben innerhalb des Hamburger Sport-Verein e.V. aktiv mitzugestalten und im Sinne der Fans und Mitglieder Einfluss auf die Vereinspolitik zu nehmen.“ Außerdem wollte man rechtem Gedankengut innerhalb der Fanszene entgegenwirken. Heute ist der Supporters Club die größte Abteilung des Vereins mit über 90.000 Mitgliedern, organisiert Auswärtsfahrten und unterstützt zusätzlich die Amateursportabteilungen.2023 feierte der Supporters Club sein 30-jähriges Jubiläum. In dieser Dokumentation beleuchtet der SC die eigene Geschichte und Bedeutung im Verein und für die Fans. Als St. Pauli-Fan ein wenig hard to watch, insgesamt ist der SC aber natürlich ein gute Sache.

Poptown Hamburg und Chosen Few

Ende der 90er schwappte die Ultra-Bewegung nach Deutschland und auch in Hamburg bildeten sich Gruppen. So wie Poptown Hamburg 98 (wegen Poppenbüttel…), 1999 kam Chosen Few hinzu. Chosen Few etablierte sich zunächst zur führenden Gruppe der HSV-Fanszene. Die Gruppe war bekannt für ihr ehrenamtliches Engagement im Verein und beim Supporters Club. Außerdem war sie von Beginn an bei Initiativen wie „Pro Fans“ dabei, die sich gegen Kommerzialisierung im Fußball engagierten. Nach der Ausgliederung der Profiabteilung in die Hamburger Fußball AG 2014 zog sich die Gruppe von Spielen der Profimannschaft zurück.

Ein Jahr später gaben die Chosen Few ihre Auflösung bekannt. Einige (Ex-)Mitglieder der Chosen Few waren an der Gründung des Vereins HFC Falke beteiligt und kehrten dem HSV den Rücken. Andere fanden sich als „Castaways“ ein Jahr später in der Kurve wieder. (Kleiner Einschub am Rande: Chosen Few verbrannte zur aktiven Zeit bei einer Pyroshow in Düsseldorf aus Versehen die eigene Zaunfahne und leitete einen Stimmungsboykott nach der Derbyniederlage 2011 wegen Demütigung ein.)

Von nun an führte die Gruppe Poptown die Kurve an. 2015 gründeten sie den Förderkreis „Nordtribüne e.V.“, um Mitgestaltung und Teilhabe der Gruppen und HSV-Fans auf der Nordtribüne zu organisieren. Poptown Hamburg war bekannt für das Engagement im Antirassismus, welches sie unter anderem durch Choreos deutlich machten. Im November 2018 feierte die Gruppe ihr 20-jähriges Bestehen. Im Auswärtsspiel gegen Aue zelebrierten sie dies mit einer Choreo unter dem Motto „Immer noch anders als ihr“. Kurze Zeit später, Ende Dezember in Kiel, wurde die Poptown-Zaunfahne nicht mehr aufgehängt. Im Januar 2019 gaben sie ihre Auflösung bekannt. Der Grund seien Konflikte innerhalb der Gruppe gewesen.

Castaways, Clique du Nord, Forza & Co.

Nun stand die Fanszene des HSV also erneut an einem Punkt der Veränderung innerhalb der Kurve. Aber mit der Auflösung von Poptown kam der Aufschwung der noch verbliebenen jungen Gruppen und die Gründung von weiteren Gruppen, in denen sich Ex-Mitglieder von Poptown neu organisierten. Nach der Auflösung von Chosen Few kam es 2016 wie bereits erwähnt zur Gründung der „Castaways“. In der ersten DFB-Pokalrunde 2016/17 gegen Zwickau hing die Zaunfahne von CA zum ersten Mal und sie sind heute die führende und größte Gruppe in der Fanszene des HSV.

Artikelbild:Hamburger Sport-Verein: Verein und Fanszene

Szene aus dem letzten Derby am Millerntor, im Hintergrund der von Pyro erleuchtete Gästeblock. // (c) Stefan Groenveld

Im Jahre 2017 präsentierte sich erstmals „Clique du Nord“. Die Gruppe ist stark inspiriert von dem Film „La Haine (Der Hass)“, auf den sie in Choreos, Stickermotiven et cetera immer wieder Bezug nehmen. Ihre erste Choreo als Gruppe präsentierten sie 2018 beim ersten Spieltag der 2. Bundesliga gegen Kiel. Dort waren unter anderem die Charaktere des Films abgebildet. Im Interview mit „Blickfang Ultra“ (Ausgabe 50) stellen sie klar, dass nur CA und sie die zwei Gruppen der Nordtribüne sind, die sich als Ultras betiteln. Sie selbst beschreiben sich als eine „extrem konsequente Gruppe mit klarer Haltung“. Ihren Platz auf der Nordtribüne mussten sie sich durch Auseinandersetzungen gegen Alt-Hools der Löwen erkämpfen, die immer wieder Präsenz im Stadion suchten, aber auf Gegenwehr gestoßen sind. Mit Erfolg, so CDN im BFU-Interview.

Artikelbild:Hamburger Sport-Verein: Verein und Fanszene

Derby-Hinspiel // (c) Stefan Groenveld

CA und CDN mögen zwar den Titel Ultras tragen, aber sie sind natürlich nicht die einzigen Gruppen der Nordtribüne. Vielmehr hat sich eine Vielzahl an Fan-Gruppen im Laufe der Jahre entwickelt oder hat schon lange Bestand. Zum Beispiel die Gruppe Hamburg Süd, die es seit 2010 gibt. Erst 2019 gründeten sich Gruppen wie Forza oder Banda Chaotica, die nun zum ersten Mal ihren Verein wieder in der ersten Liga erleben. Gemeinsam als Nordtribüne e.V. organisieren die Fans unterschiedliche soziale Projekte wie die regelmäßige Blutspenden-Aktion „Rauten retten Leben“ oder beteiligen sich am Erinnerungstag, dem 27. Januar, zur Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz.

Auch zu den Vorwürfen der sexuellen Belästigung gegen den nun ehemaligen Sportchef Stefan Kuntz zeigte die Nordtribüne mit einem Spruchband klare Haltung: „Ob Block oder Vorstandsflur: Kein Platz für Übergriffe in unserem Verein. Solidarität mit allen Betroffenen HSV-Mitarbeiterinnen.

Schlussworte

Und wenn das hier jetzt ein wenig positiver klingt als gedacht: Ich kann die trotzdem alle nicht leiden! Nur um das noch einmal klarzustellen. Und trotz aller guten Aktionen, die sie manchmal schaffen, tauchen auch hin und wieder Tapeten wie gegen Bremen auf „Sektir Lan? Eure Mütter schaffen für uns an„, unterschrieben von Hamburg Ost. Naja…

Festzuhalten bleibt: Die Fanszene des HSV hat so einiges an Umstrukturierung erlebt und musste sich immer wieder neu organisieren. Auch sie haben in den letzten Jahren sehr viel an Zulauf bekommen und mit CA, die nun bald zehn Jahre existieren, augenscheinlich wieder zu sich gefunden. Das kann man ihnen lassen. Und es gibt natürlich noch viel mehr zur Fanszene zu erzählen, das hier ist nur ein Bruchteil.

Ich hoffe, ihr konntet dennoch eine Übersicht über unseren Rivalen aus der Vorstadt bekommen. Nun heißt es auf dem Rasen wie auf den Rängen, den Derbysieg zu verteidigen. Ölt eure Stimmen, tankt Energie und dann reißen wir das Ding am Freitag im Millerntor ab! Vor dem Spiel geht es zum Derby-Warm-Up in die Schanze und von da gemeinsam zum Millerntor!

Artikelbild:Hamburger Sport-Verein: Verein und Fanszene

Choreo des FC St. Pauli Gästeblocks beim Derby im Volksparkstadion am 29. August 2025.

// (c) Stefan Groenveld

Hamburg ist Braun-Weiß!// Nina

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