FC Bayern München
·1. September 2026
Ismael Saibari: „Nur 90 Prozent geben? Das kann ich nicht“

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·1. September 2026

Das FC Bayern-Magazin „51“ sprach mit unserem neuen Angreifer Ismael Saibari über seinen Lebensweg voller Herausforderungen – und wie er heute auf und neben dem Platz davon profitiert.
Wenn du ein Tor schießt, streichst du dir mit den Händen über den Kopf und grüßt in die Menge. Was bedeutet dieser Torjubel, Ismael? „Der Jubel richtet sich an meinen Cousin. Als ich in Eindhoven vor meinem ersten Spiel in der ersten Mannschaft stand, wollte er wissen, wie ich denn jubeln würde, sollte ich ein Tor schießen. Ich meinte, er soll einen Vorschlag machen – und er kam mit dieser Geste. Es ist eine Erinnerung an unsere Kindheit, als wir gemeinsam im Meer baden waren. Danach haben wir uns immer abgeduscht, darauf spielt das an. Die kurze Grußgeste im Anschluss kommt einfach daher, dass ich das Gefühl hatte, es braucht noch eine Abrundung. So ist mein Torjubel entstanden.“
Die Bayern-Fans hoffen, dich möglichst häufig jubeln zu sehen. Wie hast du den Verein und seine Fans in deinen ersten Wochen in München erlebt? „Ich fühle mich sehr willkommen. Nach dem Training warten immer viele Fans und wollen noch ein Autogramm oder ein Foto machen. Ich finde das cool. Man spürt, welche Bedeutung der FC Bayern für viele Menschen hat. Es ist ein großer Club, das weiß jeder. Aber erst wenn du drin bist, spürst du, wie groß der Club wirklich ist.“
Wie meinst du das? „Allein schon, wie alles organisiert und perfekt vorbereitet ist: der Spielerbereich, das Essen, die medizinische Betreuung, alles. Im Training spürst du dann die Intensität, du siehst die Qualität der Spieler, wie schnell sie denken, wie schnell sie reagieren. Das ist total mitreißend. Und das merkst du alles erst, wenn du dabei bist.“
Warum hast du dich für Bayern entschieden? Was macht diesen Club für dich so attraktiv? „Das hat viel damit zu tun, dass ich letzte Saison mit der PSV in der Champions League gegen Bayern gespielt habe. Wie die Spieler ankamen, mit ihrer Aura. Die Art und Weise, wie sie Fußball gespielt haben. Das war beeindruckend, das hat mir super gefallen.“
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Du hast vor dem Wechsel auch mit Vincent Kompany gesprochen. Was hat er dir gesagt? Warum genau wollte er dich haben? „Weil ich mit meinen Qualitäten gut zu Bayern passe: Ich bin ein Spieler, der angreift, der präsent ist vor dem Tor, der offensiv wie defensiv viel arbeitet. Die PSV hat einen ähnlichen Spielstil wie Bayern, das kommt mir entgegen. Vinny hat mir gesagt, dass es kein Problem ist, wenn ich Fehler mache. Wichtig ist nur, dass ich hart arbeite. Der Rest kommt von allein.“
Medhi Benatia war der erste Marokkaner beim FC Bayern. Er hat uns erzählt, dass du eine außergewöhnliche Beschleunigung besitzt. Wenn du mal in Fahrt bist, seist du kaum mehr zu stoppen. Wenn dich die Bayern-Fans zum ersten Mal spielen sehen: Was wird ihnen sofort ins Auge springen, und was werden sie erst nach zehn Spielen bemerken? „Zuerst einmal freut es mich, das von Medhi Benatia zu hören. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber jeder Marokkaner weiß natürlich, wer er ist. Was die Fans von Beginn an von mir erwarten können, ist Intensität. Ich gebe immer 100 Prozent – ich glaube, 90 Prozent kann ich gar nicht. Nach zehn Spielen hoffe ich dann, dass sie schon einige Tore und Vorlagen von mir gesehen haben.“
Gehen wir dorthin zurück, wo alles angefangen hat: Als Kind warst du fast jeden Abend mit deinem Vater im Park Fußball spielen. Beschreib uns diese Abende. „Da war ich ungefähr zehn, elf Jahre alt, und meinem Vater war aufgefallen, dass ich meinen linken Fuß so gut wie gar nicht benutzte. Er hat mir gesagt: ‚Wenn du ein großer Spieler werden willst, musst du mit beiden Füßen etwas anfangen können.‘ Also ließ er mich jeden Abend im Park immer nur mit links aufs Tor schießen, 70-mal, 80-mal. Es war frustrierend. Die meisten Schüsse gingen daneben, oder mein Vater hat sie ganz locker gefangen.“
Wer hat zuerst die Lust verloren: du oder dein Vater? „Ich glaube, wenn mein Vater nicht gewesen wäre, hätte ich nach zwei, drei Schüssen aufgehört. Ich war ein kleiner Junge, wollte einfach nur Spaß haben. Aber heute weiß ich, wie sehr ich von diesen harten Abenden im Park profitiert habe. Ich bin meinem Vater und meinen Eltern generell sehr dankbar.“
Dein Vater hat an deinem linken Fuß gearbeitet. Was verdankst du deiner Mutter? „Von meiner Mutter habe ich das Kommunikative. Immer zu fragen: Was ist los? Wie läuft es? Kannst du etwas verbessern oder ändern? Das kommt von ihr.“
Wann hast du zum ersten Mal verstanden, wie sehr dein heutiges Leben mit der Hartnäckigkeit und dem Glauben deiner Eltern zusammenhängt? „Ziemlich früh. Als ich 16 oder 17 war, hat mir meine Mutter die Geschichte aus meiner frühen Kindheit erzählt, als sie Angst hatten, ich könnte nicht richtig laufen. Da wurde mir bewusst: Meine Mutter hat sehr viel auf sich genommen, damit ich ein normales Leben haben kann. Und jetzt liegt es an mir, mein Teil ist der einfachere: los, geradeaus, arbeiten.“
Als du ganz klein warst, waren deine Füße nach innen gedreht. „Ja, in den Medien wurde das später ein bisschen übertrieben. Aber es stimmt schon: Wenn man nichts gemacht hätte, hätte ich Schwierigkeiten beim Laufen gehabt, vielleicht hätte ich irgendwann gar nicht mehr laufen können. Als ich ein Baby war, habe ich Metallschuhe bekommen, damit sich die Füße ausrichten. Die Metallteile waren groß, man konnte sich damit kaum drehen. Meine Mutter hat sie trotzdem drangelassen. Damit ich schlafen konnte, hat sie mich nachts in den Armen gehalten, monatelang ist sie dafür wach geblieben. Alles nur, damit ich laufen kann.“
Deine Eltern haben viel für dich und die Familie gemacht. Sie haben auch ihre Heimat Marokko verlassen, sind erst nach Spanien, dann nach Belgien gezogen. Was erzählen sie dir über den Mut, den es braucht, immer wieder woanders neu anzufangen? „Meine Eltern sind meine großen Vorbilder. Sie sind mit nichts nach Spanien und dann nach Belgien gekommen, sie kannten dort niemanden – und heute haben sie ein schönes Leben, haben vier Kinder großgezogen und eine Familie aufgebaut, in der es viel Liebe gibt und die immer zusammenhält. Ihr Weg zeigt: Alles ist möglich.“
Wenn du an all deine Umzüge denkst: Was war für dich am schwierigsten: eine neue Sprache? Neue Menschen? Oder eine neue Fußballkultur? „Als wir von Spanien nach Belgien gezogen sind, war die Sprache das Schwierigste. Zum Glück war ich noch ziemlich klein, da lernt man sehr schnell. Als ich dann von Belgien in die Niederlande bin, habe ich vor allem den Unterschied auf dem Rasen gespürt. In Belgien geht es viel körperlicher zu, in den Niederlanden wird mehr mit dem Ball gespielt. Die Anpassung ist mir aber leichtgefallen, weil mein Spielstil sehr gut dazu passt.“
Du bist nicht nur ein Fußball-, sondern auch ein Sprachtalent. Wie viele Sprachen sprichst du? „Fünf: Englisch, Spanisch, Französisch, Arabisch, Niederländisch – und bald hoffentlich Deutsch. Unterschiedliche Sprachen und Kulturen interessieren mich einfach.“
Bei der PSV galtst du als Bindeglied der Kabine. Du hast in Besprechungen übersetzt, dich um Neuzugänge gekümmert, die jungen Spieler abgeholt. Hat dich jemand darum gebeten oder hast du das einfach von dir aus gemacht? „Als ich aus der Jugend zu den Profis kam, gab es auch Spieler, die sich um mich gekümmert haben. Später wollte ich dann den jungen Spielern helfen. Sie sollen sich keinen Druck machen, sondern einfach ihren Fußball spielen und es genießen. Auch um die Neuzugänge habe ich mich gern gekümmert, einfach weil ich mehrere Sprachen spreche. Ich habe ihnen geholfen, wenn sie etwas brauchten, habe bei den Besprechungen übersetzt. Darum hat mich niemand bitten müssen, das habe ich von selbst gemacht.“
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Beim FC Bayern war lange Thomas Müller derjenige, der die Verbindung zwischen den anderen hergestellt hat. Welche Bedeutung haben solche Persönlichkeiten in einer großen Kabine? „So jemand ist immer sehr wichtig. Wenn du in einen neuen Club kommst, musst du erst Routinen und Mentalitäten kennenlernen. Da hilft es natürlich, wenn dir jemand alles erklären kann. Jemand, der dir nach einem Fehler sagt: Kein Problem, probiere es mal so. Wenn du so jemanden an deiner Seite hast, bist du auch im Kopf ruhiger.“
Siehst du dich als jemanden, der in einer Gruppe Raum für andere schafft? „Das ist eine Sache der Mannschaft: Alle müssen sich wohlfühlen, alle müssen sich entfalten können. Denn wenn du die größten Titel gewinnen willst, brauchst du alle. Und natürlich trage ich meinen Teil dazu bei, damit jeder so gut wie möglich spielen kann. Das ist keine Frage für mich.“
Deutsch musst du noch lernen. Wie kommst du bisher in der Kabine zurecht? „Ein paar Brocken Deutsch verstehe ich schon, weil ich ja Niederländisch kann. Und die Kabine ist sehr international: Mit einigen Mitspielern spreche ich Französisch, mit anderen Spanisch, mit vielen Englisch. Die Sprache ist also kein Problem, ich habe zu allen eine Verbindung.“
Welche Rolle spielt Sprache für dich, wenn es darum geht, in einer neuen Gruppe, in einer neuen Kultur Anschluss zu finden? „Sprache ist ganz entscheidend. Wenn du in einen neuen Club kommst, willst du mit deinen Mitspielern, Trainern und allen drum herum reden – sonst bleibst du allein, und das wirkt sich auf dein Selbstvertrauen aus. Deswegen spielt es eine große Rolle, mit den Leuten reden zu können.“
Du hast Verantwortung übernommen – auch über den Platz hinaus. Die Rückennummer 34 trägst du als Hommage an Abdelhak Nouri, der bei einem Testspiel von Ajax Amsterdam zusammengebrochen ist und bleibende Hirnschäden davontrug. Du bist mit ihm befreundet, dabei kanntest du ihn vor seinem Zusammenbruch gar nicht. Warum fühlst du dich ihm so nah? „Was mit Abdelhak passiert ist, tut mir einfach weh. Ich habe viel mit meiner Mutter darüber gesprochen, und es gehört auch zu meiner Religion, dem Islam, kranke Menschen zu besuchen. Die Verbindung zur Familie von Abdelhak kam über meinen Berater. Er arbeitet mit Abdelhaks Bruder zusammen. Die Beziehung ist dann von Tag zu Tag intensiver geworden, auch zwischen den Familien. Wir machen sogar gemeinsam Urlaub. Wenn ich Abdelhak treffe, haben wir immer viel Spaß. Es ist ein schöner Gedanke für mich, dass sich sein Zustand mit dieser Freude vielleicht verbessert.“
Wie hat er reagiert, als du ihm gesagt hast, dass du zum FC Bayern gehst? „Abdelhak kann ja nicht sprechen, er kommuniziert mit den Augenbrauen – und es war sehr deutlich zu sehen, wie sehr er sich für mich gefreut hat. Ich habe ihm auch die Entscheidung überlassen, welche Rückennummer ich bei Bayern trage. Er hat die 34 gewählt, also habe ich sie genommen.“
Das Interview ist in der September-Ausgabe des FC Bayern-Magazin erschienen – hier in einer gekürzten Fassung.







































