Luis Enrique-Masterclass? Wie der PSG-Coach den FC Bayern entzauberte | OneFootball

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·11. Mai 2026

Luis Enrique-Masterclass? Wie der PSG-Coach den FC Bayern entzauberte

Artikelbild:Luis Enrique-Masterclass? Wie der PSG-Coach den FC Bayern entzauberte

Die große Wehmut über das Halbfinal-Aus in der Champions League ist beim FC Bayern München auch Tage danach noch immer spürbar und irgendwie fühlt sich die Spielzeit 2025/26 nun etwas unrund an. Der Traum vom Triple platzte vergangene Woche am Mittwochabend ausgerechnet in der heimischen Münchner Allianz Arena, als man Paris Saint-Germain letztlich den Vortritt ins Endspiel der Königsklasse lassen musste.

Neben der aufopferungsvoll verteidigenden Pariser Mannschaft, die phasenweise ein regelrechtes Abwehrbollwerk am eigenen Sechzehner aufbaute, scheiterte der deutsche Rekordmeister aber auch irgendwie an der fehlenden Magie seines Offensivtrios um Harry Kane, Luis Díaz und Michael Olise. Der Funke wollte am besagten Mittwoch irgendwie nicht überspringen und das Offensivspiel der Bayern ins Rollen bringen. Das lag auch daran, dass mit Michael Olise ein bedeutender Unterschiedsspieler vergleichsweise recht blass blieb. Dabei hatte der Franzose aber nicht zwingend einen schlechten Tag erwischt, sondern wurde von PSG regelrecht aus dem Spiel genommen.


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Das Bayern-Aus eine Masterclass von Luis Enrique?

Offenbar hatte sich PSG-Coach Luis Enrique für das Halbfinalrückspiel in München kleine taktische Meistergriffe überlegt, um die offensive Schlagkraft des FC Bayern abzufangen und die Münchner an der kurzen Leine zu halten.

Taktikkniff 1: Olise kaltstellen

Während Paris erheblich von einem Ein-Tore-Vorsprung aus dem Hinspiel und einem schnellen Treffer durch Ousmane Dembele im Rückspiel profitierte und sich auf kompaktes Verteidigen in der eigenen Hälfte konzentrieren konnte, blieb noch die Gefahr, dass man nach eigenen Ballverlusten in gefährliche Konter der Bayern läuft und vor allem dem dribbelstarken Olise damit Tür und Tor öffnet, um wie ein heißes Messer in Butter durch die französischen Abwehrreihen zu schneiden.

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Michael Olise kam gegen PSG-Rückspiel nicht zur Entfaltung | picture alliance/GettyImages

Doch Luis Enrique wusste, wie er dieses spezielle Risiko minimieren konnte. Vor allem bei ganz speziellen Standardsituationen ließ er sich einen Kniff einfallen, den wohl kaum ein Fußballfan verstand, der nicht selbst tiefer im Trainergeschehen steckt.

Gemeint waren die Abstöße des russischen Nationaltorhüters Matvey Safonov für Paris. Der 27-jährige Schlussmann zimmerte insgesamt 13 seiner Abstöße auf die Seite der Bayern, auf der Olise stand, und allesamt flogen ins Seitenaus, wodurch es zu Einwürfen für die Münchner kam. Wer aber glaubte, Safonov habe an diesem Abend vergessen, sein Zielwasser zu nehmen, der irrte gewaltig. Denn genau das war Sinn und Zweck dieser Aktionen.

Hintergrund dieser Herangehensweise war, dass durch die entstehenden Einwürfe eine personelle Überzahl auf der Seite von Michael Olise erzeugt werden sollte, um dem Bayern-Star den Raum für seine Dribblings und Konterläufe zu nehmen. Da im Fußball ballorientiert verteidigt wird, wären beispielsweise Abstöße ins Zentrum eben dort mit einer Überzahl von Spielern empfangen worden. Dadurch hätten sich Räume auf den Flügeln aufgetan, was Olise viel Platz gelassen hätte, um die Bayern-Offensive anzukurbeln. Durch das Schlagen des Balles ins Aus sorgten die Pariser aber dafür, dass die Szenen rund um Olise aus einer stehenden Phase mit viel Ordnung und Kontrolle heraus verteidigt werden konnten, ohne ein großes Risiko einzugehen. Und Olise haderte sichtlich mit diesem Klammergriff im Rückspiel.

Taktikkniff 2: Dem FC Bayern die Luft zum Atmen nehmen

Doch dieses Verhalten hat einen weiteren versteckten Aspekt: Jeder Ball ins Aus reduziert auch die Netto-Spielzeit erheblich. In der Bundesliga beträgt die Brutto-Spielzeit statistisch gesehen etwa 100 Minuten, die Netto-Spielzeit, also die Zeit, in der der Ball tatsächlich rollt und es Fußball ohne Unterbrechungen gibt, allerdings nur ungefähr 57 Minuten. Im Schnitt reduzieren rund 95 Unterbrechungen pro Partie das Spielgeschehen in einer Bundesligapartie - also fast eine Unterbrechung pro Minute. Gegen PSG wirkte das am letzten Mittwoch fast noch ausufernder.

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Zeitfresser: Jede Unterbrechung reduziert die Netto-Spielzeit | Boris Streubel/GettyImages

So ist es beispielsweise auch bei vielen unterlegeneren Mannschaften im Fußball nicht unüblich, die Bälle gegen stärkere Teams häufiger als üblich ins Aus zu befördern oder für Unterbrechungen und Diskussionen mit dem Schiedsrichter zu sorgen, um dem vermeintlich starken Gegner die Zeit zu nehmen, sich zu entfalten, ins Spiel zu finden und seine Möglichkeiten zu reduzieren, mit dem Ball etwas Sinnvolles anzufangen.

Dieser taktische Ansatz ist sogar Teil von Trainerausbildungen und wird von manchen Teams auch bei anderen Standards wie zum Beispiel Anstößen genutzt. Augsburg-Coach Manuel Baum hatte beispielsweise bereits vor längerer Zeit keinen Hehl daraus gemacht, dass er Kniffe dieser Art gegen ausgerufene Favoriten anwendet. Das ist auch vollkommen verständlich und nachvollziehbar – auch aus Sicht von PSG.

Luis Enrique reduzierte sein Team auf das, was nötig war

Denn alles, was die Franzosen für den Finaleinzug gegen den FC Bayern letztlich noch machen mussten, war, die Zeit von der Uhr zu nehmen und das eigene Fell so unbeschadet wie möglich aus dem Spiel zu bekommen. Ein ähnliches Vorgehen, wie man es vornehmlich aus dem American Football unter der Begrifflichkeit "Clock-Management" kennt. Was PSG ja auch relativ gut gelang, wie wir heute wissen - zum Leidwesen des FC Bayern und seinen Fans.

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Taktikfuchs Luis Enrique | NurPhoto/GettyImages

Dass das Rückspiel am vergangenen Mittwoch in puncto Spektakel und offenem Schlagabtausch nicht annähernd an das Hinspiel heranreichte, lag nicht etwa daran, dass sich beide Mannschaften zufälligerweise zögerlicher verhielten als noch in der Vorwoche, sondern vielmehr daran, dass PSG-Coach Luis Enrique genau diese Art von Spiel wollte und sein Team darauf eingestellt hatte. Der Spanier verkaufte Offensivpower, lieferte aber Defensive Stabilität und Zurückhaltung.

Das kompakte Verteidigen als Gesamtgefüge, das Stehlen von Münchner Schwächen und Räumen für unter anderem Waffen wie Olise und die Reduzierung der tatsächlichen Spielzeit durch einige am Boden verweilende Spieler und kleine Taktikkniffe wie die Safonov-Abstöße – all das (und fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen) führte letztlich dazu, dass der Kompany-Truppe der Zahn gezogen wurde.

So wirkten die Münchner über weite Phasen des Spiels harmlos und ratlos und ohne den zuletzt so großen Esprit. Luis Enrique nutzte alle Vorteile aus dem Hinspiel zu seinen Gunsten, und die frühe Führung im Rückspiel spielte dem Spanier einfach nur noch weiter in die Karten.

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Kein Durchkommen: Harry Kane scheiterte ein ums andere Mal an der Pariser Hintermannschaft | Xavier Laine/GettyImages

Frei nach Markus Rühl: "Muss ned schmegge - muss wirke!"

Dass das Rückspiel in Sachen Glanz und Gloria vieles schuldig blieb, was man nach dem tor- und ereignisreichen Hinspiel noch erwartet hatte, war offenbar genauso vom spanischen Cheftrainer des amtierenden Titelverteidigers gewollt. Nicht sonderlich elegant oder anschaulich möchte man meinen, aber vermutlich frei nach dem Motto der deutschen Bodybuilder-Legende Markus Rühl. Der Hesse pflegt in Sachen Ernährung immer zu sagen: "Muss ned schmegge – muss wirke!”

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Luis Enrique entzauberte Vincent Kompany und den FC Bayern | Jean Catuffe/GettyImages

So oder so ähnlich kann man auch die kleinen aber feinen Taktikkniffe von Luis Enrique aus dem Rückspiel des CL-Halbfinals wohl zusammenfassen. Der Ansatz des Pariser Cheftrainers in dieser Hinsicht mag wenig spektakulär wirken, letztlich gibt der Erfolg dem Spanier aber recht, denn im Fußball geht es unter dem Strich eben alleine nur um Erfolge. Und den hat Luis Enrique.

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