Miasanrot
·23. Februar 2026
„Patzer“ von Kimmich und Kim: Drei Szenen, die erklären, warum der FC Bayern so spielt

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·23. Februar 2026

Joshua Kimmich und Min-jae Kim produzieren gegen Frankfurt ein Gegentor, das Diskussionen auslöst. Beim FC Bayern weiß man aber: Dieses Risiko wird oft belohnt.
Beinahe hätte der FC Bayern München am Wochenende einen sicher geglaubten Sieg gegen Eintracht Frankfurt aus der Hand gegeben. Zunächst brachte ein Elfmeter die Gäste wieder in Reichweite, dann schenkten Joshua Kimmich und Min-jae Kim der SGE das zweite Tor.
In einer Drucksituation versuchten die Münchner, sich spielerisch zu lösen. Kimmich spielte den Ball quer vor das eigene Tor, wo Min-jae Kim Schritte zurück statt entgegen machte. Der Südkoreaner schoss seinen Gegenspieler an und es stand 3:2 aus Bayern-Sicht. Kurz vor dem Ende hatte Mario Götze noch die Chance zum Ausgleich.
Rund um das zweite Gegentor gab es teils hitzige Diskussionen und die große Frage, wer nun Schuld hat. Darum soll es hier nur am Rande gehen. Stattdessen lenken wir den Fokus darauf, wie oft dieses oder ähnliches Risiko belohnt wird – denn das kommt in der Debatte mal wieder viel zu kurz.
Diskutiert wurde das Thema ohnehin schon, aber eben noch nicht von jedem. Also in aller Kürze: Grundsätzlich kann man jedem Bayern-Spieler einen Teil der Verantwortung in dieser Situation geben. Von denen, die zu wenig Angebote in den Zwischenräumen machen, bis zu den aktiv beteiligten Spielern.
Jonas Urbig verpasst die Gelegenheit, den Ball aus dem Druck herauszuspielen. Kimmich wiederum braucht auch wegen mangelnder Angebote zu viel Zeit, dreht ab und rutscht noch aus. Seinen Pass kann man zu Recht kritisieren. Beispielsweise holperte der Ball ungewöhnlich stark für einen Kimmich-Pass. Außerdem stellten sich viele diese Frage: Muss man so einen Pass wirklich so kurz vor Ende in einer Spielphase spielen, die sehr unruhig war?
Eine Grundsatzfrage, auf die wir später noch eingehen. Kim macht derweil klar den Fehler, nicht zum Ball zu gehen. Er schätzt die Situation offensichtlich falsch ein. Weil die Kameraperspektive erst kurz nach dem Pass von Kimmich wieder in die Totale wechselt, ist nur schwer zu analysieren, ob der Südkoreaner seine Umgebung ausreichend im Blick hat. Wie im Straßenverkehr sind Schulterblicke auf dem Fußballplatz unerlässlich.
Kim macht auf jeden Fall rund fünf bis zehn Sekunden vor dem Zuspiel einen, aber der ist zu lang her. In den ein bis zwei Sekunden, die der Ball zu ihm unterwegs ist, macht er keinen mehr und das ist durchaus fatal. Denn hätte er dort nochmal kurz den Kopf gedreht, hätte er seinen Gegenspieler wohl gesehen und entsprechend reagiert.
Dieser Artikel aber soll aufzeigen, warum es zumindest nachvollziehbar ist, dass die Bayern einen solch riskanten Spielaufbau betreiben – auch wenn es kurz vor Ende der Partie ist. „Ich weiß, es ist ganz einfach, jetzt zwei, drei, vier Namen zu nennen“, gab Vincent Kompany auf der Pressekonferenz hinterher zu Protokoll: „Letztendlich war es ein untypischer Fehler für uns, das darf man nicht vergessen.“
Normalerweise sei das eine Stärke seines Teams: „Wir haben unheimlich viele Möglichkeiten und Tore gemacht aus diesen Situationen, aber natürlich muss man immer die richtigen Entscheidungen treffen, das war hier nicht der Fall.“ Der Belgier gab sich wie immer diplomatisch und zog niemanden persönlich in die Verantwortung – was Teil seiner herausragenden Fähigkeiten als Führungspersönlichkeit ist.
Aber: Er hat auch schlichtweg recht mit dem Punkt, dass diese Art von Fehler nicht der Normalität entspricht. Miasanrot analysiert beispielhaft drei Tore aus dieser Saison, die beweisen, dass dieses oder ähnliches Risiko sehr oft belohnt wird.
Vor einigen Wochen gab es eine im Ansatz vergleichbare Situation in Leipzig. Es stand ebenfalls 3:1 für die Bayern und die Schlussphase lief. Die Münchner wurden auf dem Flügel gepresst von Leipzig, Hiroki Ito spielte die Kugel aber die Linie lang und alles schien bereinigt zu sein. Dann aber entschied sich Luis Díaz dazu, einen sehr gefährlichen und kurzen Chipball in die Mitte zu spielen.

Jonathan Tah gewinnt das Kopfballduell, Serge Gnabry und anschließend Dayot Upamecano kommen nur sehr knapp an den Ball. Hätten sie ihre Zweikämpfe nicht gewonnen, hätte Leipzig eine gute Chance mit fünf Spielern gehabt. Das Grundrisiko in der Situation war ein anderes, weil die Szene nicht direkt vor dem Tor stattfand. Doch die Debatten wären dieselben gewesen, hätte das Marketingprojekt hier ein Tor erzielt.
Wie jetzt bei Kimmich wären Stammtischparolen gekommen, dass man bereits in der F-Jugend lerne, einen solchen Pass nicht zu spielen. Stattdessen aber bekamen die Bayern durch das riskante Auflösen der Situation viel Raum, verlagerten das Spiel auf Michael Olise, der legte in den Strafraum auf den nachrückenden Aleksandar Pavlović und es stand 4:1. Vielleicht sollte man F-Jugend-Spielern also eher beibringen, keine Angst vor mutigen Entscheidungen zu haben? Auf zum nächsten Tor.
Im Heimspiel gegen Borussia Dortmund gab es erneut eine nicht unähnliche Spielsituation zu der gegen Frankfurt. Man führte diesmal sogar nur mit einem Tor Vorsprung und es lief die 78. Minute. Das Spiel an sich kippte damals ähnlich wie am vergangenen Wochenende: Dortmund bekam Aufwind, presste plötzlich viel höher und eroberte einige Bälle früh oder zwang die Münchner zu langen Schlägen.
In dieser Szene stellt der BVB zunächst einen Einwurf zu. Bayern befreit sich aus der Drucksituation über Kimmich. Der Sechser hätte den Ball entweder lang, ins Aus oder zum Torhüter spielen können. Er entschied sich aber, per Seitenverlagerung direkt vor dem eigenen Strafraum aus dem Druck herauszuspielen. Passempfänger auf der anderen Seite: Sacha Boey. Wie Kim ein Spieler, der nicht allzu oft zum Einsatz kommt.

Kimmich weiß, dass ein hoher Ball lange unterwegs ist und er weiß, dass mit Beier, Svensson und Guirassy drei BVB-Spieler relativ schnell in der Nähe sein können. Natürlich hat er nicht die Zeit, sich diese Gedanken auf dem Spielfeld zu machen und eine Pro- und Contraliste zu erstellen. Er muss intuitiv handeln und spielt die Seitenverlagerung. Boey kontrolliert den Ball, lässt auf Upamecano klatschen und der will auf Olise nach außen spielen. Dabei trifft er jedoch Boey und Dortmund hat eine Balleroberung.
Upamecano reagiert aber schnell, erobert den Ball sofort zurück und leitet den Angriff ein. Nun mit deutlich mehr Raum als zuvor auf der linken Seite. Er spielt Harry Kane an und der schlägt die Kugel lang und diagonal auf Díaz. Der wiederum setzt sich gegen Waldemar Anton durch, spielt ins Zentrum vors Tor, wo Jobe Bellingham nicht klären kann und es steht 2:0.
Man hat die 30-minütige Sonntagsdiskussion im Doppelpass rund um Kimmichs Verlagerung und Upamecanos Fehlpass bereits vor Augen, wenn hier das 1:1 gefallen wäre. Aber Bayern entschied stattdessen die Partie. Lob fürs Risiko? Fehlanzeige.
Und ein drittes Beispiel für alle, die immer noch zweifeln: Eines der schönsten Teamtore, das die Bayern in den letzten Jahren erzielt haben. Im Hinspiel gegen Werder Bremen stand es nach 64 Minuten 2:0 für den Rekordmeister. Bremen presste extrem hoch und die Münchner bekamen Bock darauf, zu zocken. Und wie!

Upamecano wird im eigenen Strafraum unter höchstem Druck angespielt. Werder hat vier Spieler in der Nähe. Ein Ballverlust und es wird gefährlich. Zudem sich auch Manuel Neuer kurz anbietet und das Tor damit öffnet. Doch der Franzose kontrolliert den Ball, legt ihn sich vor, spielt nach außen und macht dann etwas, was Innenverteidiger nicht allzu oft in dieser Situation tun: Losrennen.
Olise spielt den Ball wieder nach innen, allerdings erstmal zu Bischof, der auf den durchstartetenden Upamecano ablegt. Der Innenverteidiger hat mittlerweile alle Gegenspieler hinter sich gelassen und dribbelt weiter bis fast zur Mittellinie. Dort legt er quer auf den ebenfalls losgelaufenen Konrad Laimer auf der linken Seite. Der wiederum schickt Díaz in den Lauf.
Bayern hat mittlerweile eine konterähnliche Situation, aber aus eigenem Ballbesitz heraus: Sechs FCB-Spieler gegen fünf Bremer plus Torwart. Díaz geht ins Dribbling, verdribbelt sich fast, aber der Ball landet bei Kane und der schießt das 3:0.
Gerade das letzte Tor ist Peak-Kompany-Fußball. Fußball der allerhöchsten Kategorie. Schnelle Zuspiele, die Gier auf den Ball, indem sich Spieler immer wieder freilaufen und die Gier auf das Tor. So groß, dass selbst Verteidiger bei Angriffen mit nach vorn gehen. Natürlich immer mit dem richtigen Maß an Vernunft und nie kopflos.
Was uns zur Ausgangsfrage zurückbringt: Muss so ein Pass von Kimmich wie gegen Frankfurt wirklich sein? Das Schöne am Fußball ist, dass jede Situation unterschiedlich ist. Natürlich lassen sich die drei geschilderten Tore nicht komplett mit der Szene am Wochenende vergleichen. Sie lassen sich nicht mal untereinander gänzlich vergleichen. Aber auch Szenen, in denen ein Mitspieler direkt vorm eigenen Tor unter Druck angespielt wird, gibt es immer wieder – meist erfolgreich.
All diese Szenen haben ein Risiko gemein, das im Falle eines Misserfolgs ganze Wochenenden mit zahlreichen Debatten füllen würde. Umso wichtiger ist doch die Gegenfrage dazu: Wie oft profitieren die Bayern von ihrer Art und Weise, wie sie gegnerisches Pressing umspielen? Die Antwort ist simpel: Sie profitieren häufiger als sie es nicht tun.
Denn diese drei Tore gegen Leipzig, Dortmund und Bremen sind nur drei Highlight-Beispiele. In jedem einzelnen Spiel befreien sich die Bayern mit Risiko aus Drucksituationen und mit jeder einzelnen erfolgreich aufgelösten Aktion:
Würden sich die Bayern auch nur dreimal häufiger pro Partie entscheiden, den Ball lang zu schlagen, könnte das dem Gegner bereits signalisieren, dass das hohe Anlaufen erfolgreich ist. Sie würden häufiger Druck machen, vielleicht häufiger Bälle gewinnen und das Spiel auf ihre Seite ziehen. Hier ist die Partie gegen Dortmund ebenfalls ein sehr gutes Beispiel.
31 ihrer insgesamt 55 langen Bälle spielten sie damals in der zweiten Halbzeit. Bayern ließ sich vom BVB nach einer taktischen Umstellen mit höherem Pressingdreieck zu sehr in Hektik versetzen. Die langen Bälle gaben den Dortmundern Ballbesitz, Spielkontrolle und sorgten vor allem dafür, dass die Bayern nun häufiger in der Situation waren, hoch zu pressen.
Das wiederum erfordert eine enorme Intensität. Je häufiger die Münchner in ihr Angriffspressing müssen, desto müder sind sie am Ende einer Partie. Spielerische Lösungen sind also nicht nur Teil der eigenen Identität unter Kompany und Teil einer Strategie, um Tore zu erzielen. Sie sind auch über die Situation hinaus Teil der Strategie, einen Gegner zu kontrollieren und möglichst wenig in Phasen kommen zu lassen, in denen die Bayern reagieren müssen.
Die Antwort auf die Frage ist also: Nein, Kimmich muss diesen Pass nicht spielen. Aber er sollte. Jede Situation ist dynamisch und unterscheidet sich von anderen. In jeder müssen neue Entscheidungen getroffen werden. Nun kann man sagen, dass hier gar nichts passiert, wenn er die Kugel einfach lang herausschlägt.
Aber das ist eben nicht der Fußball von Kompany. Kompany denkt nicht daran, was passieren könnte, wenn Fehler passieren. Er denkt daran, was passieren könnte, wenn diese Situationen aufgehen. Mit diesem positiven Mindset überzeugt er seine Spieler von seiner Spielidee und mit diesem Mindset hat er den FC Bayern auch wieder zu dem gemacht, was er jetzt ist.
Zu oft wurde in der Vergangenheit daran gedacht, was eigentlich ist, wenn man einen Fehler macht. Kompany nimmt Fehler wie am Wochenende in Kauf. Wo Menschen sind, werden immer auch Fehler gemacht. Aber er weiß, dass das Vertrauen in die Stärke dieser Mannschaft und in das damit verbundene Passspiel dem FC Bayern mehr bringt, als sich an einzelnen Fehlern aufzuhängen.
Auch die öffentliche Debatte könnte sich ein Beispiel daran nehmen. Denn „Risiko“ ist oft nur ein Thema, wenn es schiefgeht.
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