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·25. Januar 2026

Politik mit den Füßen oder über die Vermeidung von Kopfbällen

Artikelbild:Politik mit den Füßen oder über die Vermeidung von Kopfbällen

Ein Leserkommentar über die politische Dimension von Fußball-Weltmeisterschaften und die Frage, ob sich Spieler wie Kimmich aus der Debatte heraushalten können.

Von Jürgen van den HeuvelUm die politische Wirkung von Fußball zu beurteilen, lohnt es sich, aus zeitlicher Distanz darauf zu blicken. Ich gehe mal ganz weit zurück, in das Jahr 1954.


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Dass wir dazu heute Fernsehbilder sehen, die von einem Radiokommentar begleitet werden, das ist erst einmal nur eine Petitesse. Obwohl es im Nachhinein ja auch etwas macht mit dem Zuschauer, wenn er in einen Erfahrungsraum geführt wird, der so emotional in seiner Verbindung damals niemandem zur Verfügung stand, der nicht einen Fernseher und ein Radio besaß.

Es war aber politisch auch die Zeit, in der Adenauer als Regierungschef an der Spitze einer Absicht stand, die Bundesrepublik Deutschland wieder zu bewaffnen und die Bundeswehr zu gründen. Im Hier und Jetzt könnte man glauben, die Gegner einer Bundeswehr waren eher politisch „links“ zu Hause. Das war aber keinesfalls so. Gerade in den konservativen Kreisen, in denen sich z.B. Kriegsveteranen zu Hause fühlten, waren große Vorbehalte gegen eine „Staatsbürgerarmee“ vorhanden. Die katholische Kirche, traditionell eher politisch konservativ eingebunden, hatte aus pazifistischer Sicht kaum Wohlwollen für eine Bundeswehr übrig. Die Diskussion wurde also auch von konservativer Seite sehr kritisch geführt.

Und vor diesem Hintergrund kann „Das Wunder von Bern“ politisch einsortiert werden, weil innerhalb der Debatte zumindest konservative Ressentiments geglättet werden konnten. Es ist nicht nachgewiesen, inwieweit dieser Zusammenhang trägt, aber es ist durchaus unumstritten, dass eine Fußball-WM, innerhalb der die Heimmannschaft mindestens das Halbfinale erreicht, als nationales Großereignis politische Spuren zieht und manchmal eben auch Schatten wirft. Zumindest die politischen Spuren konnte man spätestens 2006 wieder beobachten. Sönke Wortmann hatte beiden Ereignissen Filme gewidmet.

Wenn man nun noch 1974 bemüht als Stabilisator nach dem Terror-Trauma von München 1972, dann muss man doch unweigerlich feststellen, dass eine WM politische Stabilität erzeugen kann, ohne das politisch zu werten. 1978 hatte dieses Stabilisierungspotenzial der Militär-Junta in Argentinien geholfen.

Ist es dann nicht geradezu naiv zu glauben, dass umgekehrt die Politik sich nicht auch negativ auf eine WM auswirken könnte? Zumal wir in 2026 drei Gastgeberländer vor Augen haben, von denen das geografisch mittlere offene Aggressionen gegen die beiden anderen formuliert hat.

Man hat den Eindruck, Fußballer wollten gerne vor der Komplexität davonlaufen. Aber wohin wollen sie laufen? Das Spielfeld endet an der Torauslinie und ab da rennt man ohne Ball und hinter der Haupttribüne wird es dann verdächtig still. Man kann nicht davor weglaufen. Zumal wir mit der FIFA mit einem Verband konfrontiert sind, der traditionell sich an den Belangen der Mächtigen und der Unterdrücker orientiert und nicht an denen der Ohnmächtigen und Unterdrückten. Der Fehler 2022 bestand darin, dass man während des Turniers versuchte, Marken zu setzen und das aber auch nur so halb durchhielt. Konsequenter wäre es, die Entwicklung vor dem Turnier zu antizipieren. Und „Antizipieren“ ist ja etwas, was Fußballprofis nicht fremd sein sollte.

Wenn Kimmich also als Kapitän erklärt, er wolle das alles an sich abprallen lassen und sagt, dass es in den Verbänden Menschen gibt, die sich besser „damit“ (mit Politik) auskennen, dann ist das nicht weniger als eine bewusste Herausnahme der ganzen Mannschaft. Und das in Zeiten, wo man die Meinungsfreiheit gefährdet sieht? Hat er seine Teamkollegen gefragt, ob die das auch so sehen?Der Text ist eine Leser-Meinung. Du willst auch deine Meinung bei Fever Pit'ch kundtun? Das geht problemlos hier: Gerne klicken!

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