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·28. April 2026
Rainer Bonhofs Tränen zeigen: Gladbach braucht Führung statt Leidensgemeinschaft

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·28. April 2026

Fünf Minusjahre, Platz 14, Abstiegsgefahr: Auf der Mitgliederversammlung forderten Fans Bonhofs Rücktritt. Schröder und Polanski verlangen Mut und Härte.
Rainer Bonhof, Weltmeister von 1974, sitzt auf der Mitgliederversammlung und bringt das Wort "Scheißjahr" nur mit tränenerstickter Stimme heraus. Das ist ein Bild, vor dem man kurz innehält. Und dann weiterdenkt: Wer so spricht, beschreibt seinen eigenen Zustand – nicht mehr den des Klubs. Genau da liegt das Problem. Gladbach braucht in diesem Moment keine Legende in Not, sondern ein Präsidium, das den Umbruch trägt, den andere längst formulieren.
Die Zahlen sind unhöflich, aber sie sind die Substanz. Fünf negative Jahresergebnisse in sechs Jahren, zuletzt rund 27,4 Millionen Euro Minus. In der laufenden Saison Platz 14 nach elf Spieltagen – und drei Spieltage vor Schluss, wie Bonhof selbst sagt, ist der Klassenerhalt nicht sicher. Ein Fünfmaliger Deutscher Meister, der jedes Jahr Geld verliert und sich jedes Frühjahr neu versichern muss, dass er erstklassig bleibt: Das ist kein Betriebsunfall mehr.
Bonhofs Satz, er habe den Klub "stabiler" gedacht, ist dabei die eigentliche Pointe. Er ist seit Mai 2024 im Amt. Er hat Roland Virkus freigestellt, Rouven Schröder im Februar 2025 geholt, im September 2025 Gerardo Seoane entlassen und Eugen Polanski befördert. Drei Grundsatzentscheidungen in zwölf Monaten – und als Ergebnis sagt der Präsident, er habe auf Stabilität gehofft. Wer so viele Stellschrauben dreht und dann auf Stabilität wartet, verwechselt Hoffnung mit Führung.
Die Ultras und der FPMG Supporters Club haben das in einer Sprache formuliert, die bemerkenswert respektvoll ist: Man wolle "verdiente Vereinslegenden wie Ex-Weltmeister Bonhof" nicht demontieren, aber man habe "den Eindruck, dass wir aktuell an oberster Stelle nicht so aufgestellt sind, wie es die schwierigen Zeiten erfordern werden". Das ist kein Mob, das ist eine Diagnose. Und sie kommt mit einem Datum: nicht bis 2027 warten. Wer diesen Ton als Angriff liest, hat ihn nicht verstanden.
Unterhalb des Präsidiums arbeiten zwei Männer, die das Problem offen beschreiben. Sportchef Schröder verlangt "Mut zu Veränderung" – bei gleichzeitiger Senkung der Kaderkosten. Trainer Polanski sagt, er habe "sehr liebe Charaktere", brauche aber "ein paar Arschlöcher in der Mannschaft, um Spiele zu gewinnen". Beides sind harte Ansagen. Beides sind Sätze, die politische Rückendeckung brauchen, wenn sie mehr sein sollen als Interview-Prosa. Schröder will sparen und gleichzeitig Qualität halten – das ist die Quadratur des Kreises, die kein Sportdirektor allein löst. Es braucht ein Präsidium, das den Konflikt aushält, wenn Spielerverträge aufgelöst, Gehälter gedeckelt, Publikumslieblinge verkauft werden.
Und genau hier kippt die Szene der Mitgliederversammlung in ihre Bedeutung: Schröder bekam viel Applaus. Bonhof bekam Rücktrittsforderungen. Die Mitglieder spüren, wer den Klub gerade nach vorn schiebt – und wer nur noch mitleidet.
Es wäre unfair, Bonhof seine Tränen vorzuwerfen. Sie sind echt, und sie sind menschlich. Aber ein Präsidium ist kein Ort für Leidensgemeinschaft, sondern für Entscheidungen. Wenn der Sportchef Mut einfordert und der Trainer Härte, dann muss von oben mehr kommen als ein erschüttertes "Scheißjahr". Sonst wird der Sommer, den Schröder zum "richtig guten Transferfenster" erklärt hat, zum nächsten Kapitel desselben Romans. Gladbach hat keine Zeit mehr für Trauerarbeit auf der Bühne – der Klub braucht jemanden, der die Bühne räumt, bevor es andere tun.









































