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·24. August 2026

Rot-Weiss Essen vs. FC St. Pauli 2:0 – verdient raus, kein Applaus

Artikelbild:Rot-Weiss Essen vs. FC St. Pauli 2:0 – verdient raus, kein Applaus

Der FC St. Pauli verliert in der ersten Pokalrunde hochverdient bei Rot-Weiss Essen, weil er erst Abschluss-, dann Abwehrschwäche zeigte und später fußballerische Ideenlosigkeit offenbarte.(Titelfoto: Christof Koepsel/Getty Images/via OneFootball)

Wir haben bereits kurz nach Abpfiff gefrustet einen Artikel zum „Drumherum“ veröffentlicht. Doch wer nun dachte, die Essener Fans würden sich nach dem Schlusspfiff darauf konzentrieren, ihr Team gebührend zu feiern, sah sich zumindest in Teilen getäuscht. Mehrere Personen auf der Haupttribüne hatten nach Ende des Spiels nichts besseres zu tun, als eine weibliche Mitarbeiterin des FC St. Pauli im Innenraum mit obszönen Gesten zu bedenken und anschließend auch verbal noch übelst sexistisch zu beleidigen. Was für armselige Gestalten. Unfassbar, dass dies 2026 im Fußball wohl noch immer zumindest teilweise dazu gehört. Volle Solidarität mit der betroffenden Person. Lass Dich von diesen Personen nicht unterkriegen, so schwer dies auch fallen mag.


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Die Aufstellung

Wie erwartet gab es keine personellen Veränderungen in der Startelf des FC St. Pauli. Einzig auf der Bank gab es einen Wechsel: Für den verletzten Rony Jansson rückte der genesene Connor Metcalfe in den Spieltagskader. Der FCSP agierte also zum dritten Mal in Folge mit der identischen Startelf, was aber leider nicht dazu führte, dass die Abläufe und die Abstimmung auf dem Platz sicherer oder besser wurden.

Bei Rot-Weiss Essen gab es im Vergleich zum Niederrheinpokalspiel unter der Woche (7:2 nach Verlängerung gegen Oberligist SV Sonsbeck) einige personelle Wechsel. Im Vergleich zum letzten Ligaspiel (1:0 gegen Havelse) änderte Trainer Uwe Koschinat seine Startelf aber auf nur einer Position: Auf der rechten Offensivseite startete Marvin Obuz anstelle von Dickson Abiama.

Erste Hälfte: Chancen nicht genutzt

Das Spiel begann so, wie man es von einem Pokalspiel zwischen einem Dritt- und einem Zweitligisten erwarten konnte: Es wurde mit sehr viel Kampf und Intensität in den Zweikämpfen gearbeitet. Der FCSP ließ sich davon zwar nicht beeindrucken, hielt zumindest in den direkten Duellen gut dagegen. Doch es gelang dem Team von Marcel Rapp nicht über längere Phasen eine vielversprechende Struktur in Ballbesitzphasen zu entwickeln, auch nach Ballgewinnen gelang das nur selten. Das wäre aber wichtig gewesen, weil es einer der Wege ist, um dem auf ganz natürliche Art und Weise höher motivierten Heimteam und im Pokal zumeist unterklassigen Gegner den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Vom Ablauf her war vor allem interessant, wie sich der FC St. Pauli in der Hintermannschaft aufstellte, wenn er im Ballbesitz war: David Nemeth schob sehr oft weit nach vorne, noch weiter als in dieser Saison ohnehin schon. Er agierte wie ein offensiver Außenverteidiger und das obwohl es da ja mit Arek Pyrka einen echten offensiven Außenverteidiger gab auf der rechten Seite. Der FCSP versuchte also auf dieser Seite eine Überzahl zu erschaffen. Um durch diese Positionierung von Nemeth in der Innenverteidigung nicht zu offen zu stehen, ließ sich zumeist Matti Rasmussen zwischen die verbliebenen Innenverteidiger fallen (in der 24. Minute ist das unter anderem gut zu erkennen – Branimir Hrgota ließ sich in solchen Situationen aus höherer Position in den Sechserraum fallen). Manchmal war im Aufbau der Raum zwischen Tomoya Andō und Marcus Mathisen, die sich beide recht weit außen positionierten, so groß, dass auch Joel Fujita mit in die Innenverteidigung fiel (in der 17. Minute gut zu erkennen), was aber aufgrund des dann unbesetzten Mittelfeldzentrums vermutlich eher ein Versuch war Gegenspieler aus dem Mittelfeldzentrum zu ziehen.

Wenig Struktur, bessere Chancen

Gebracht haben diese Positionsrochaden eher wenig. Weil Rot-Weiss Essen sich darauf sehr gut vorbereitet zeigte, dass der FC St. Pauli versucht über die Flügel ins letzte Drittel durchzubrechen. Immer wieder gelang es RWE situativ auf den Außenbahnen eine Gleich-, teilweise sogar eine Überzahl zu erzeugen. Aber es klappte im Aufbauspiel auch deshalb wenig, weil es dem FCSP viel zu selten gelang sein Spiel fehlerfrei aufzuziehen. Und das lag nicht daran, dass besonders risikoreich nach vorne gespielt wurde. Oft reiche bereits etwas Druck von RWE-Spielern und in das Spiel des FC St. Pauli reihten sich schlechte Ballannahmen, ungenaue Pässe und falsche Laufwege. So war es eher das Heimteam, das in den Anfangsminuten mehr vom Spiel hatte.

Dass in ruhigeren Spielphasen nicht viel gelang, war nicht das größte Problem des FC St. Pauli in dieser ersten Hälfte. Auch nicht, dass RWE sicher etwas mehr Ballkontrolle in den ersten 45 Minuten hatte. Denn wie schon in der Partie gegen Kiel, hatte der FCSP in der ersten Halbzeit die besseren Chancen. Das Team von Marcel Rapp nutzte primär Umschaltmomente und Ballgewinne, um sich Chancen zu erspielen. Nach Abpfiff betonten beide Trainer, dass diese Partie sicher ganz anders verlaufen wäre, hätte der FC St. Pauli diese sich bietenden Chancen genutzt. Doch das gelang nicht. Auf teils ziemlich spektakuläre Weise.

Kaars verpasst es mehrfach die Führung zu erzielen

In der 19. Minute bekam Rot-Weiss Essen eine Kopfballverlängerung von Taichi Hara nicht geklärt, sodass Arek Pyrka auf der rechten Seite frei durch gewesen ist. Pyrka spielte den Ball quer zu Kaars, der völlig frei aus vier Metern Torentfernung in Rücklage den Ball über das leere Tor bugsierte. Eine Chance von solch hoher Güte, dass sie leider den Weg in jeden Saisonrückblick finden dürfte, weil der Ball am Ende nicht im Netz zappelte. Der Querpass von Pyrka ist sicher nicht perfekt gewesen, weil er eben nicht in den Lauf von Kaars, sondern etwas in seinen Rücken gespielt wurde. Aber war es von Kaars notwendig so nah ans RWE-Tor zu laufen? Sky-Experte Fabian Klos (der als Experte einen ziemlich guten Job macht, wie ich finde), erklärte in der Halbzeitpause: „Pyrkas Ball ist nicht optimal. Trotzdem: Kaars muss noch mehr verzögern, mehr Geduld haben. Nach vorne kannst Du immer noch laufen oder grätschen, aber nach hinten wird es eben schwer.“ So haben sicher beide, Kaars und Pyrka, ihren Anteil daran, dass der FCSP in dieser Szene nicht in Führung ging, obwohl er es eigentlich hätte tun müssen.

Rund zehn Minuten nach dieser Riesenchance hatte Kaars erneut die Gelegenheit seine Farben in Führung zu bringen. Nach einem gelungenen und schnellen Spielzug, bei dem Rasmussen mit einem feinen Pass Oppie auf der linken Seite in Flankenposition brachte, konnte RWE-Torhüter Golz den Ball nur unzureichend nach vorne abwehren. Dort tauchte dann der völlig blanke Kaars auf, der den hoppelnden Ball aus zehn Metern mit links über das Tor schoss. Fünf Minuten danach verpasste Hrgota im Zentrum aus bester Position einen Flanke von Oppie nur um Zentimeter. Es war also eine erste Hälfte in der Essen zwar mehr vom Spiel, aber der FC St. Pauli die besseren Gelegenheiten hatte.

RWE nutzt Zuordnungsprobleme des FCSP

Doch zwischen den beiden im letzten Absatz beschriebenen Gelegenheiten, hatte auch Rot-Weiss Essen erstmals die große Chance in Führung zu gehen. Nach einem langen Ball von Innenverteidiger Geschwill in Richtung Mittelstürmer Janssen (das war nicht das einzige Mal, dass RWE genau diese Kombination wählte), wollte Nemeth den Ball klären, wurde dabei aber von Janssen entscheidend gestört, sodass der FCSP-Kapitän hinfiel. Für mich ein klares Foul, für den Schiedsrichter nicht. Janssen war frei durch, scheiterte aber am glänzend parierenden Voll – und da der VAR im DFB-Pokal erst später mit dabei ist, hätte dieser Treffer auch gezählt.

So kam die Führung für RWE wenige Minuten danach sicher nicht aus dem Nichts. Doch abgesehen von dem beschriebenen Janssen-Abschluss blieben die meisten Versuche des Heimteams ungefährlich. In der 36. Minute war die Szene eigentlich auch ungefährlich. Zumindest hätte sie es sein sollen, schließlich sind Halbfeldflanken nur ganz selten etwas, was Innenverteidiger vor große Herausforderungen stellt. Vor allem dann, wenn sie sich so lange in der Luft befinden, wie jene von Obuz vor dem 1:0. Doch die Hintermannschaft des FC St. Pauli „glänzte“ in dieser Szene mit schlechter Zuordnung. Oppie schob in dieser Situation raus auf Flankengeber Obuz, Andō musste den Raum hinten links aber nicht schließen, weil Fujita das für ihn tat. So konnten sich die drei FCSP-Innenverteidiger zusammen mit Pyrka um die beiden RWE-Angreifer Talelovic und Janssen kümmern. Doch obwohl sich Nemeth sogar eigentlich gut orientierte, vor der Flanke sah, wo sich Janssen befand (nämlich in seinem Rücken), ließ er ihn trotzdem ziehen. Womöglich, weil er sich gen Telalovic orientierte (der im Rücken von Mathisen frei war) und sich darauf verließ, dass Pyrka den Mittelstürmer kontrollieren würde (was allein schon aufgrund des Größenunterschieds ein Problem gewesen wäre). Weil aber weder Pyrka noch Nemeth dann bei Janssen waren, als die ewig in der Luft fliegende Flanke am zweiten Pfosten runterkam, hatte dieser keine Probleme zur RWE-Führung einzuköpfen.

Artikelbild:Rot-Weiss Essen vs. FC St. Pauli 2:0 – verdient raus, kein Applaus

Rot-Weiss Essen feiert, der FC St. Pauli schleicht mit hängenden Köpfen über den Platz – nicht die Bilder, die wir gerne in der ersten Runde des DFB-Pokals gesehen hätten.

(Christof Koepsel/Getty Images/via OneFootball)

Am Spiel änderte diese Führung von Rot-Weiss Essen erst einmal wenig. Bis zur Pause hatte der FC St. Pauli noch weitere gute Gelegenheiten. Erst zischte ein Fernschuss von Hrgota knapp am RWE-Tor vorbei, dem Kaars im Strafraum fast noch einen entscheidenen Richtungswechsel mitgegeben hatte. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte hatte Kaars dann nochmal eine Großchance, als er nach Vorarbeit von Hara aus kürzester Distanz an Golz scheiterte. So war es sicher eine Halbzeit, die nicht nach dem Geschmack des FC St. Pauli lief. Weil das Team einmal hinten pennte, aber vor allem, weil die Chancen nicht genutzt wurden. Martijn Kaars war nach Abpfiff jedenfalls bedient und fand deutliche Worte, nahm die Niederlage auf seine Kappe: „Wir verlieren wegen mir. Wenn ich ein, zwei Tore mache in der ersten Halbzeit, dann gewinnen wir.“

Zweite Hälfte: Gruseliges aus der Vergangenheit

Es ehrt Martijn Kaars, dass er die Verantwortung für die Niederlage alleine Schultern möchte. Aber verloren hat der FC St. Pauli diese Partie nicht in der ersten Hälfte, sondern in der zweiten. Unter anderem dadurch, dass man in der 56. Minute erneut komplett pennte in der Hintermannschaft. Nach einem leichtfertigen Ballverlust des FCSP verlagerte Essen das Spiel auf die eigene rechte Seite. Nicht in höchstem Tempo, dem FCSP blieb genug Zeit, um sich vernünftig zu sortieren. Doch das tat er nicht. Erneut ließ das Team die Halbfeldflanke zu (was an sich kein Problem ist). Erneut war die Innenverteidigung extrem schlecht sortiert. Da hat RWE genau zwei Stürmer auf dem Platz – und in dieser 56. Minute konnten sich diese beiden Spieler aussuchen, wer den Ball völlig freistehend auf das FCSP-Tor schießen darf. Telalovic erzielte folgerichtig das 2:0 für Rot-Weiss Essen. Erneut sahen Nemeth und Mathisen dabei nicht gut aus. Es ist der vierte Gegentreffer in Serie für den FC St. Pauli nach einer Flanke von der eigenen linken Seite, die an den zweiten Pfosten fliegt…

Viel schlimmer als das zweite Gegentor war in dieser zweiten Hälfte aber dann das, was vor dem Tor von RWE passierte bzw. was dort nicht passierte. Denn der FC St. Pauli war zwar mit einer guten Kopballgelegenheit in der 47. Minute in die zweiten 45 Minuten gestartet. Doch darauf folgte: Nichts. Zwischen der 47. und 79. Minute hatte der FCSP keinen einzigen Abschluss zustandegebracht. Es fehlte an Ideen und der Umsetzung, wie man Rot-Weiss Essen die Defensivarbeit erschweren möchte. Zwar hatte das Team nun deutlich mehr Ballbesitz, doch wusste damit nichts Produktives anzufangen. Essen gelang es den Offensivbemühungen des FCSP den Wind aus den Segeln zu nehmen und musste dafür gar nicht so viel mehr als in der ersten Hälfte tun außer noch etwas weniger mutig zu agieren, weniger ins Risiko zu gehen, hier und dort das Spiel „kleinteilig zu machen“, wie Koschinat nach Abpfiff erklärte (also auf Zeit zu spielen, für viele Unterbrechungen sorgen).

Diese Harmlosigkeit in der Offensive. Diese Versuche sich gegen die Niederlage zu stemmen, allerdings ohne die richtigen Mittel, was dann wie ein fehlendes Aufbäumen wirkt. Dass nach dem 0:2 eigentlich bereits klar war, dass der FC St. Pauli diese Partie verlieren wird – das alles hätte gerne einfach ein Bild des FC St. Pauli aus der Vorsaison bleiben dürfen. Ist es aber nicht, auch in Essen musste eine Niederlage bis zum Ende angeschaut werden, die irgendwie bereits kurz nach der Pause feststand. Aua. Aua. Aua. Befassen wir uns lieber nicht allzu lange mit der zweiten Halbzeit, das sorgt nur für schlechte Laune.

Immerhin endete das Spiel dann auch nach 90 Minuten – denn ansonsten besteht die Gefahr, dass hier etwas schöngeredet wird, was gar nicht gut gewesen ist. Die Niederlage des FC St. Pauli gegen Rot-Weiss Essen ist verdient. Na klar, wenn der FCSP – und die Chance dazu war ja vorhanden – in Essen mit 1:0 in Führung geht, dann läuft die Partie anders, dann wird sie vielleicht gewonnen. Aber es darf nicht darauf runtergebrochen werden. In Kiel nutzte der FCSP diese Chance, sogar zwei davon. Gewonnen hat er trotzdem nicht. In Essen war das Chancenverhältnis nun auch noch klarer auf seiten des Gegners.Nun ist die Niederlage in Essen hoffentlich eine zur rechten Zeit, damit an Strukturen und Inhalten gearbeitet werden kann. Um kommendes Wochenende in der 2. Bundesliga endlich den ersten Sieg seit ziemlich langer Zeit einzufahren.

Immer weiter vor!// Tim

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