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·29. Januar 2026

Schalke für alle: Podiumsgespräch zum Erinnerungstag über jüdischen Sport und gesellschaftliche Gegenwart

Artikelbild:Schalke für alle: Podiumsgespräch zum Erinnerungstag über jüdischen Sport und gesellschaftliche Gegenwart

Es entstand eine besondere Atmosphäre am Mittwochabend (28.1.) im Kulturraum „die flora“ in der Gelsenkirchener Innenstadt. Zwei Stunden lang hatten rund 60 Teilnehmer bereits aufmerksam die Vorträge zum Thema „Identität trotzt Isolation – Jüdischer Sport im Nationalsozialismus und heute“ verfolgt. Nun hatten die Zuhörer bemerkenswert viele Fragen, etwa, welchen Beitrag sie selbst leisten können: für eine Demokratie mit Teilhabe aller Menschen und den Einsatz gegen Antisemitismus.

Es ist anzunehmen, dass sich Dr. Paul Eichengrün über ein solches Engagement sehr gefreut hätte. Seine Biografie steht zu Beginn im Mittelpunkt der von Dr. Susanne Franke (Schalker Fan-Initiative e.V.) glänzend moderierten Veranstaltung. Der jüdische Zahnarzt ist von 1925 bis 1933 Vereinsmitglied und von 1932 bis 1933 auch 2. Vorsitzender des FC Schalke 04. Bis er mit seinem Rücktritt am 5. April 1933 den Drangsalierungen der nun regierenden Nationalsozialisten zuvorkommt.


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Fortan engagiert sich Eichengrün als Reichsleiter Fußball im jüdischen Sportverband „Schild“ und baut einen bemerkenswerten Spielbetrieb auf, übernimmt alle Regeln des Deutschen Fußball-Bunds, obwohl jener dies gar nicht mehr einfordert. Eichengrün setzt die Botschaft: Wir gehören weiter dazu. Seine vergebliche Hoffnung: Wenn irgendwann der Nazi-Terror gegen Juden aufhört, kehrt man umso schneller in die Mitte der Gesellschaft zurück.

Den Kontext für eine solche Haltung liefert Dr. Henry Wahlig vom Deutschen Fußballmuseum. Der Sporthistoriker und Autor des Buchs „Sport im Abseits – Die Geschichte der jüdischen Sportbewegung im nationalsozialistischen Deutschland“ zeigt auf, dass eine antisemitische Haltung gegenüber jüdischen Fußballern schon in der Weimarer Republik vorhanden ist, vor allem im Westdeutschen Spielverband (WSV), der auch Schalke 04 wegen vermeintlichen Profitums das Leben mehr als schwer macht.

Wahlig erläutert, dass die Nationalsozialisten jüdischem Sport zunächst sogar etwas Luft lassen, indes aus reinem Kalkül. Man will einen Boykott der Olympischen Spiele in Berlin 1936 durch die USA verhindern. So gibt es auch in Gelsenkirchen einen jüdischen Club, der Sportplatz in Gelsenkirchen-Ückendorf ist bis 1938 die einzige Sportanlage, auf der Juden überhaupt noch Fußball spielen dürfen. Denn schon bald nach den Spielen in Berlin nimmt der Terror auch gegen jüdischen Sport zu.

Umso schöner ist es, dass es im demokratischen Deutschland längst wieder jüdischen Sport gibt. Alon Meyer, Präsident des jüdischen Sportbunds Makkabi Deutschland und von TuS Makkabi Frankfurt, schildert in der „flora“, dass dies für Juden damals längst nicht selbstverständlich ist. Traumatisiert vom Holocaust will man beim Sport viele Jahre unter sich sein – bis junge Jüdinnen und Juden wie Meyer mit Erfolg für eine Öffnung plädieren. Es ist mehr als ein Symbol, dass das blau-weiße Wappen von Makkabi schwarz-rot-gold wird. Wie der Schalker Paul Eichengrün wollen sie dazugehören, und diesmal ist es ein Vertrauensvorschuss. So finden 2015 European Maccabi Games in Berlin statt: ganz bewusst auf dem Gelände des Olympiastadions. Für das kollektive Trauma bewirkt das Erstaunliches. Als sich Meyer um einen englischen Teilnehmer kümmert, der gerade einen Herzinfarkt erlitten hat, staunt er über dessen glückseliges Lächeln. „Ganz egal, was jetzt mit mir passiert“, sagt ihm der Brite unverändert lächelnd: „Ich war hier: Ich habe gewonnen.“

Auch die Aufklärungsarbeit von Makkabi zum Thema Antisemitismus trägt bemerkenswerte Früchte. Längst sind die Sportler von TuS Makkabi in der Mehrheit nicht-jüdisch, spielen auch strenggläubige Muslime in ihren Trikots. Dort funktioniert Vielfalt als Vorbild. Und durch Aufarbeitung nehmen antisemitische Angriffe gegen die Teams des Clubs rapide ab. „Wir hatten sogar einmal ein ganzes Jahr keinen solchen Vorfall“, freut sich Meyer.

Das ändert sich mit dem Terrorangriff der Hamas gegen Israel am 7. Oktober 2023. Vom ersten Tag an nehmen die Angriffe auf Juden zu. „Es ist so, als würde mein Freund Henry für die Politik von Donald Trump verantwortlich gemacht, nur weil er Christ ist. Das ist natürlich völliger Blödsinn. Aber ich werde als Jude für die Siedlungspolitik Israels verantwortlich gemacht.“

Darum geht es auch in der Abschlussrunde nach den Vorträgen. Neben großem Lob und viel Beifall für die bisherige Erinnerungsarbeit des FC Schalke 04 klingen die Fragen besorgt: Wie denn die Stimmungslage bei Jüdinnen und Juden sei? „Nicht gut, gar nicht gut“, bekennt Alon Meyer. Doch der Blick auf die Zukunft braucht auch Hoffnung, so wie sie einst Paul Eichengrün hatte.

Als eine junge Schalkerin fragt, wo man sich denn engagieren kann, antwortet S04-Mitarbeiter Thomas Spiegel aus dem Team Tradition: „Ich empfehle den Kontakt zur Jugendgruppe der Jüdischen Gemeinde hier in Gelsenkirchen.“ Er berichtet, dass tags zuvor bei der Erinnerungsveranstaltung zur Befreiung von Auschwitz ein junger Mann namens Daniel eine Rede gehalten habe. Sie handelte von problematischen Erfahrungen, aber auch von Zuversicht: „Zu meinem Freundeskreis gehören Juden, Christen und Muslime. Wir achten uns alle unabhängig von unserem Glauben und unserer Herkunft als Menschen. Auf diesem Fundament können wir eine demokratische Gesellschaft aufbauen.“

„Alles für Schalke“ hatte sich Paul Eichengrün auf die Fahnen geschrieben. „Schalke für alle“, hat das Schalker Fanprojekt gemeinsam mit Fans diesen Slogan auf einem Graffito an der Berliner Brücke ergänzt. „Schalke für alle“ meint eine Gesellschaft, die sich an diesem Abend alle wünschen: Alon Meyer, Henry Wahlig, Susanne Franke, Thomas Spiegel und das Auditorium voller Schalker in der „flora“.

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