liga3-online.de
·28. Mai 2026
Schock, Stolz, Hoffnung: Was der verpasste Aufstieg mit RWE macht

In partnership with
Yahoo sportsliga3-online.de
·28. Mai 2026

Am Ende war nichts als Schockstarre. Trainer Uwe Koschinat, der in der Schlussphase an der Seitenlinie gezetert hatte wie lange nicht, schaute fassungslos mit geöffnetem Mund in Richtung Spielfeld. Um ihn herum tanzten und feierten die Spieler von Greuther Fürth, während für alle, die es mit Rot-Weiss Essen hielten, die Fußballwelt für einen Moment zusammenbrach. Es ist eine Niederlage, die brutal weh tut, aber zugleich auch eine, aus der RWE neue Hoffnung schöpfen kann.
Da jubelten die einen über ein Wahnsinns-Comeback, das mit dem in der Höhe benötigten 3:0-Sieg gegen Fortuna Düsseldorf nur die Ouvertüre geliefert hatte und in der Aufholjagd der Relegation gipfelte. Und da trauerten die anderen, die ihrerseits im Liga-Endspurt große Widerstandskraft gezeigt hatten, in 180 Relegations-Minuten fast immer auf Augenhöhe waren und doch mit 1:0 und 0:2 unterlegen waren. "Ein ganzes Jahr zieht vor deinem geistigen Auge vorbei", resümierte Koschinat, "und wenn du so nah dran bist, tut es natürlich weh".
Natürlich ließe sich lange darüber streiten, ob Essen diesen Aufstieg rundum verdient gehabt hätte. Das wiederholte Stolpern in wichtigen Momenten während der regulären Saison, das mehrfache Auseinanderbrechen, die enorme Anzahl von 66 Gegentoren, die RWE zum Aufsteiger mit der schlechtesten Defensive der Drittliga-Historie gemacht hätte. Doch am Dienstagabend konnte Essen auch den Millionen neutralen Besuchern einfach nur leid tun.
Zwei Tore, die aufgrund knapper Abseitspositionen nicht zählten. Mindestens eine Handvoll weiterer Hochkaräter, die mit zunehmender Spielzeit immer kläglicher vergeben wurden. Schier grotesk war es, als Torben Müsel in der Schlussphase einen Pfosten-Abpraller auf der Grasnarbe als Kopfball zu verwerten versuchte und diesen auch noch in Richtung des schon geschlagenen Fürther Torhüters Silas Prüfrock beförderte. Die 78-Tore-Offensive, die sich immer mal wieder in einen Rausch gespielte hatte, versagte an diesem Abend ihren Dienst.
Ein Tor, ein simples Tor fehlte, um zumindest eine Verlängerung zu erzwingen, für die der ehemalige und künftige Drittligist mindestens ebenso gerüstet wirkte wie die ermüdeten Hausherren. Ein Tor, das RWE im Kalenderjahr 2026 bis dato in sämtlichen Punktspielen mit Ausnahme des 0:3 beim VfL Osnabrück stets erzielt hatte. Am Dienstag gelang es aus Gründen der Fahrlässigkeit nicht. Ein tränenreicher Schock für Spieler und Staff, für Verantwortliche und Fans.
Es gibt kaum undankbarere Momente, als sich am Mittwoch ins Büro zu setzen und die Planungen für den nächsten Anlauf zu starten. Genau dies steht aber den Verantwortlichen um Marcus Steegmann und Christian Flüthmann bevor. Wo fängt aber die Analyse an? Was lässt sich aus einer solchen Achterbahnfahrt mitnehmen, was kann die Koschinat-Elf sogar stärken? Zunächst ist es die bloße Erkenntnis: Trotz erkennbarer Qualitäts-Unterschiede speziell in der Offensivreihe konnte Rot-Weiss mit einem Zweitligisten über die gesamte Relegation mithalten, unterlag nur eben durch diese individuelle Differenzen. Auch zeigte die Mannschaft speziell nach dem 0:2-Rückstand in Fürth einmal mehr, dass sie in der Lage ist, unter Druck Widerstand zu leisten, auch wenn die Belohnung verwehrt blieb.
Inmitten dieser Einheit ragte mancher hervor. Allen voran Ben Hüning, der mit Ex-RWE-Stürmer Noel Futkeu den wohl schwersten Gegenspieler gezogen hatte und diesem einen spektakulären Kampf bot. Dass der 21-Jährige auch auf die zahlreichen Provokationen seines Gegenspielers nicht ansprang, war ihm umso höher anzurechnen. Auch Jannik Hofmann unterstrich seinen erarbeiteten Status als kontinuierliches Zugpferd, physisch und mental – umso wichtiger wird es werden, im Sommer mit der Leihgabe vom 1. FC Nürnberg einen dauerhaften Transfer vereinbaren zu können. Andere Spieler offenbarten dagegen Defizite, wobei Hinspiel-Held Müsel noch der kleinste Vorwurf zu machen war: Den beiden Talenten Gianluca Swajkowski und Jaka Cuber Potocnik versagten ebenso vor dem gegnerischen Tor die Nerven wie Ramien Safi – der 26-Jährige bestätigte damit eine für ihn sehr unglückliche Spielzeit.
Schon zehn Wochen vor dem Wiederbeginn ist klar: Rot-Weiss Essen wird als einer der Topfavoriten in die 19. Saison der 3. Liga gehen. Doch Sky-Experte Fabian Klos gab schon am Dienstagabend zu bedenken: "So ein Erlebnis kann dich bis in die neue Saison beschäftigen." Eine Warnung, die gerade an der Hafenstraße ernst genommen werden muss, schließlich scheiterte der Traditionsverein in der jüngeren Vergangenheit öfter am eigenen Kopf denn an der Qualität im Kader. Zugleich gibt es viele Gründe, dass schnell wieder Vorfreude wächst, denn die Konstellation der Liga bleibt mit gleich acht Klubs aus Nordrhein-Westfalen sehr attraktiv. Duelle mit Duisburg, Düsseldorf, Aachen und Münster versprechen bereits acht regionale Highlights, die nach mehr als Drittklassigkeit klingen.
Auch auf seine Fans darf Essen, anders als in vielen Jahren zuvor, bedingungslos zählen: Die Reaktionen nach Abpfiff waren ausschließlich positiv und aufmunternd – Essen rückte zusammen und nahm das Scheitern gefasst. Das war am Niederrhein längst nicht immer so gewesen. Zwei Tage nach dem Trauma von Fürth können dies nicht mehr als erste Signale sein, doch sie sind echte Mutmacher für die Urlaubs- und Vorbereitungszeit. Zieht RWE die richtigen Schlüssel und rüstet die letzten Schwachstellen im Kader auf, ist der Traum von der 2. Bundesliga vielleicht ja nur um zwölf Monate aufgeschoben. Davon war zumindest Fürth-Coach Heiko Vogel am Dienstagabend überzeugt.







































