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·16. März 2026
Strittige Szenen am 29. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

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·16. März 2026

Die nicht gegebenen Elfmeter für Rostock (2), Wiesbaden, Essen, Cottbus und Ulm, Foulspiele von Kiala, Krahn und di Benedetto, der Platzverweis gegen Hör, sowie ein Laufduell zwischen Haugen und Gillekens. Am 29. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de elf strittige Szenen genauer angeschaut.
Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga- & FIFA-Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 54-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf arbeitet Rafati heute als Mentalcoach für Profifußballer und Manager und ist ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, unter anderem bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation. Mehr Infos unter babak-rafati.de.

Szene 1: Im Laufduell mit Jan-Simon Symalla (Duisburg) kommt Maximilian Krauß (Rostock) im Strafraum zu Fall. Kein Elfmeter, sagt Schiedsrichter Cristian Ballweg. [TV-Bilder – ab Minute 1:36:20]
Babak Rafati: Im Laufduell nimmt Symalla zwar die Arme zu Hilfe und schiebt Krauß ein wenig von hinten, aber das reicht für ein Foulspiel und einen Elfmeter einfach nicht aus. Auch wenn der Angreifer in vollem Lauf ist und zu Fall geht, wird dieser Elfmeter „gezogen“, da der Angreifer diesen Kontakt dankend annimmt. Es liegt aber eine richtige Entscheidung vor, weiterspielen zu lassen und keinen Elfmeter zu geben, zumal der Schiedsrichter aus einer glänzenden Position entscheidet und einen guten Blick zum Geschehen hat.
Szene 2: Nach einem Zuspiel geht Felix Ruschke (Rostock) im Strafraum gegen Jan-Simon Symalla (Duisburg) zu Boden. Erneut gibt Ballweg keinen Strafstoß. [TV-Bilder – ab Minute 2:02:55]
Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf im Strafraum „stellt“ Symalla nur seinen Gegenspieler Ruschke und spielt den Ball sauber, sodass überhaupt kein Foulspiel vorliegt, auch wenn Ruschke anschließend zu Fall geht. Er läuft jedoch selbst in den Gegenspieler, sodass er selbst das Zufallkommen verschuldet. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen und keinen Elfmeter zu geben, die erneut vom Schiedsrichter aus sehr guter Position getroffen wird. Solch ein Positionsspiel eines Schiedsrichters wie in diesen zwei Szenen ist die Grundlage für gute Sicht zum Vorgang und führt meist zu richtigen Entscheidungen. Prima!

Szene 3: Auf dem Weg in Richtung Strafraum kommt Sigurd Haugen (1860) bei einem Laufduell mit Jordy Gillekens (Wiesbaden) zu Fall. Schiedsrichter Sebastian Hilsberg lässt weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 2:05]
Babak Rafati: Aus der vorliegenden TV-Perspektive ist ein Vergehen von Gillekens an Haugen, das ahndungswürdig wäre, nicht erkennbar. Der Schiedsrichter hat eine bessere Position zum Zweikampf als wir TV-Zuschauer, sodass man auf seine Entscheidung vertrauen sollte.
Szene 4: Im Strafraum geht Jordy Gillekens (Wiesbaden) im Duell mit Dordan (1860) zu Fall. Das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 2:05]
Babak Rafati: Bei diesem Laufduell zwischen Dordan und Gillekens guckt der Schiedsrichter überhaupt nicht zu diesem Pärchen, die um das Positionsspiel duellieren, weil der Ball etwas weiter Richtung Keeper fliegt. Deshalb entgeht ihm die Szene. Gillekens schaltet etwas schneller, läuft nach einer Ecke in den Strafraum und will zum Ball. Dabei ist Dordan etwas langsamer, läuft nur hinter dem Angreifer her und ist daher in einer schlechteren Position zum Ball. Er bearbeitet beim Laufen zunächst zweimal den Angreifer durch ein leichtes Halten am Arm. Der Angreifer kann sich aber trotzdem durchsetzen und weiterlaufen. Beim dritten Mal des Bearbeitens, das immer noch im Rahmen ist, nimmt der Angreifer diesen Vorgang dankend an und lässt sich fallen. Womöglich, weil er erkennt, dass er den Ball nicht mehr erreichen kann, weil die Ecke zu sehr auf den Keeper am Fünfer gezogen wurde. Da das Bearbeiten nicht ursächlich für das Zufallkommen ist und das Bearbeiten in dieser Form – wenn auch dreimal – auf beiden Seiten branchenüblich ist, liegt kein Foulspiel vor, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, weiterspielen zu lassen und keinen Elfmeter zu geben.

Szene 5: Eine Flanke bekommt Tristan Zobel (Aue) im eigenen Strafraum an den Arm. Schiedsrichter Assad Nouhoum pfeift nicht. [TV-Bilder – ab Minute 33:10]
Babak Rafati: Der Ball ist nach einer Flanke aus dem Feld lange in der Luft und gelangt in den Strafraum. Hierbei springt der Angreifer zum Kopfball hoch und verpasst das Spielgerät. Zobel bekommt dann den Ball an den Arm, den er ausstreckt und weit weg vom Körper hat. Wenn ein Ball solange in der Luft ist und anschließend an den Arm springt, liegt ein absichtliches Handspiel vor, da man genug Zeit hatte, den Arm dort wegzuziehen. Von einer natürlichen Haltung kann auch nicht die Rede sein. Auch ein mögliches Argument, dass kurz zuvor der Angreifer den Ball verfehlt hat und der Verteidiger damit nicht rechnet, dass ihm der Ball an den Arm springt, ist nicht zutreffend. Allein das in Kauf nehmen, ist ein Risiko und wird folglich strafbar. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen und keinen Elfmeter zu geben

Szene 6: Für ein Foulspiel an Simon Straudi (Cottbus) sieht Joel da Silva Kiala (Aachen) von Schiedsrichter Eric Weisbach die gelbe Karte. [TV-Bilder – ab Minute 1:03:00]
Babak Rafati: Da Silva Kiala legt sich den Ball zu weit vor und will dann zum Ball grätschen, damit sein Gegenspieler Straudi den Ball nicht bekommt. Dabei springt er im vollen Lauf und mit offener Sohle in den Zweikampf und trifft Straudi klar oberhalb des Knöchels. Das ist ein brutaler Tritt und gefährdet die Gesundheit des Gegenspielers. In dieser Szene gibt es keine zwei Meinungen. Das ist eine rote Karte und somit liegt eine Fehlentscheidung vor, es nur bei der gelben Karte zu belassen. Aus der Position des Schiedsrichters kann dieser die Szene nicht sehen, weil ihm der foulende Spieler die Sicht versperrt. Hier muss man mit Erfahrung agieren und ein paar Informationen einholen, bevor man eine Karte zeigt. Wie stark ist der gefoulte Spieler verletzt? Kann man einen Abdruck an einer Stelle erkennen? Wie reagieren die Spieler in unmittelbarer Nähe? Den Assistenten, der einen freien Blick auf die Szene hatte, fragen? Bei der Behandlung des verletzten Spielers zusehen, um die verletzte Stelle zu sehen usw. Das alles hätte geholfen, um zu einer richtigen Entscheidung zu kommen, auch wenn man die Szene nicht genau gesehen hat, was aber auch nicht möglich war. Der Schiedsrichter stand schon da, wo er üblicherweise stehen muss. Oft hilft es auch, wenn ein Spieler den Ball zu weit vorlegt, vorher ins Headset zu rufen, "Alarm und Vorsicht", damit eben alle Teammitglieder höchste Konzentration walten lassen.
Szene 7: Im Strafraum geht Can Moustfa (Cottbus) gegen Pierre Nadjombe (Aachen) zu Fall. Kein Elfmeter, sagt Weisbach. [TV-Bilder – ab Minute 2:00:20]
Babak Rafati: Moustfa spielt den Ball an Nadjombe vorbei. Dieser kommt angelaufen, streckt das Bein mit einem Ausfallschritt Richtung Ball und verfehlt das Spielgerät. Danach kommt es zwar zu einem leichten Kontakt im Fußbereich, aber dieser stellt keinesfalls ein Foulspiel dar. Ja, es gibt diesen leichten Kontakt am Fuß, aber der Angreifer kommt eher aus der Balance, weil er selbst dem Verteidiger hinten in die Beine läuft. In dieser Situation weiterspielen zu lassen, ist eine richtige Entscheidung, weil der leichte Kontakt nicht ausreichend für ein Foulspiel und in der Folge für einen Elfmeter ist. Auch hier steht der Schiedsrichter sehr gut zum Geschehen und hat einen freien Blick zum Vorgang, sodass dieses Positionsspiel der Garant für die gute Entscheidungsfindung ist.

Szene 8: Bei einem Zweikampf um den Ball tritt Elijah Krahn (Saarbrücken) seinem Gegenspieler Philipp Müller (Regensburg) ans Bein. Schiedsrichter Martin Wilke belässt es bei Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 53:45]
Babak Rafati: Müller ist im Strafraum zuerst am Ball und kann das Spielgerät aus der Gefahrenzone bringen. Dabei kommt Krahn hinzu und will den Ball ebenfalls schießen, dadurch aber, dass der Verteidiger den Ball zuerst gespielt hat, trifft er Müller mit dem Fuß mit voller Intensität am Knie. Auch wenn überhaupt keine Absicht von Krahn vorliegt, vielmehr der Ball gespielt werden sollte, wäre bei diesem Trefferbild eine rote Karte nach den FIFA-Regeln zwingend vorgeschrieben. Hierbei wird nämlich die Gesundheitsgefährdung des Gegenspielers billigend in Kauf genommen. Auch wenn Müller relativ schnell wieder aufsteht und weiterspielen kann, liegt zumindest nach den Regeln eine Fehlentscheidung vor, nur eine gelbe Karte zu zeigen.

Szene 9: Einen Schuss von Lucas Röser (Ulm) bekommt Jasper Maljojoki (Ingolstadt) im Strafraum an den Arm, Schiedsrichter Konrad Oldhafer pfeift nicht. [TV-Bilder – ab Minute 0:45]
Babak Rafati: Bei einem Schuss von Röser wirft sich Maljojoki mit allen Mitteln in die Schussbahn, will den Ball blocken und nimmt damit auch in Kauf, den Ball an den Arm zu bekommen, was dann auch passiert. Dieses Risiko stellt dann eine Absicht dar, sodass das Handspiel strafbar wird und es somit einen Elfmeter hätte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen und den fälligen Elfmeter nicht zu geben. Der Arm wird auch nicht zum Abstützen eingesetzt, vielmehr ist er zum Zeitpunkt der Berührung klar über dem Boden.

Szene 10: Der bereits verwarnte Samuele di Benedetto (Stuttgart II) foult Lässig (Hoffenheim II), kommt bei Schiedsrichter Patrick Schwengers aber mit einer Ehrmahnung davon. [TV-Bilder – ab Minute 1:24:30]
Babak Rafati: Samuele di Benedetto kommt mit voller Dynamik angelaufen und will den Ball blocken, trifft allerdings nur Lässig am Fuß und bringt ihn dadurch zu Fall. Das Vergehen von di Benedetto ist mit einem Stempeln vergleichbar, auch wenn er ihm nicht voll auf den Fuß tritt. Trotzdem ist die Intensität hoch und man sieht auch, wie der Fuß von Lässig außer Balance gerät. Für dieses rücksichtslose Spiel hätte der bereits gelb-verwarnte di Benedetto die gelbe Karte sehen müssen, die zu einer gelb-roten Karte geführt hätte. Eine Fehlentscheidung, diese Karte nicht zu zeigen.
Szene 11: Yannis Hör (Hoffenheim II) schießt einen zweiten Ball vom Feld und trifft dabei einen Stuttgarter Betreuer am Kopf. Schwengers zeigt dem Hoffenheimer die rote Karte. [TV-Bilder – ab Minute 4:30]
Babak Rafati: Bei einem Einwurf kommt ein zweiter Ball auf das Spielfeld. Hör schießt diesen Ball wieder raus, damit er das Spiel fortsetzen kann. Der Schuss ist nicht allzu doll, und sieht nicht danach aus, dass er jemanden treffen will. Wiederum hätte der Ball auch flach weggeschoben werden können. Insgesamt ist die Szene nicht zweifelsfrei bewertbar, weil nicht alles gezeigt wird. Auf den ersten Blick scheint die rote Karte zu hart zu sein, aber von einer Fehlentscheidung kann man auch nicht sprechen, weil hierfür der chronologische Ablauf und ein Gesamtbild für eine Einschätzung in TV-Bildern nicht vorliegen.
Weiterlesen: Wer am häufigsten benachteiligt wurde









































