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·13. März 2026

Tabea Kemme und die Spieler des FC Bayern – ein Kommentar

Artikelbild:Tabea Kemme und die Spieler des FC Bayern – ein Kommentar

Nach dem Sieg gegen Atalanta klatschten die Spieler des FC Bayern mit den Experten von Amazon Prime ab – aber nicht mit der Expertin Tabea Kemme. Ein Kommentar.

Viele Fans des Männerfußballs sind mal wieder genervt. Boah, schon wieder diese Sexismusnummer. Schon wieder Leute, die sich über absolute Nichtigkeiten beschweren. Schon wieder wird aus einem Thema viel mehr gemacht, als eigentlich notwendig wäre. Wie anstrengend.


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Und ja, vielleicht fühlt sich das sogar wirklich anstrengend an, wenn die eigenen Verhaltensmuster plötzlich kritisiert werden. Oder wenn vermeintlich kleine Details dafür verwendet werden, um große Probleme anzusprechen.

Letztendlich aber bestätigen Kommentare mit diesem Tenor und noch ganz andere Kommentare, dass die Summe der kleinen Probleme die Symptome eines riesigen Problems sind. Ganz egal, wie sehr man den konkreten Fall nun gewichten möchte.

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Denn es geht längst nicht mehr nur darum, ob sich die Spieler des FC Bayern München hier in irgendeiner Form falsch verhalten haben. Es geht um alles, was drumherum passiert ist und wie ein großer Teil des Fußballkosmos damit umgeht.

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FC Bayern: Eine Szene nach dem Spiel sorgt für Kritik

Was ist passiert? Nach dem Sieg gegen Atalanta liefen die Bayern-Spieler in Richtung Fankurve, um sich verdientermaßen feiern zu lassen. Auf dem Weg dorthin kamen sie vorbei am Pult von Amazon Prime. Nach und nach klatschten die Stars mit den ehemaligen Weggefährten Christoph Kramer und Mats Hummels ab.

Die meisten von ihnen ignorierten dabei Tabea Kemme, die direkt daneben stand, und auch Moderator Jonas Friedrich, der aber am weitesten vom Geschehen entfernt war. Nur Serge Gnabry und Nicolas Jackson gaben Kemme die Hand, Letzterer sogar Friedrich. Der Streamingdienst veröffentlichte dieses Video später stolz auf seinen Kanälen.

In der Kommentarspalte eskalierte die Situation letztlich. Viele aggressive und frauenfeindliche Kommentare blieben bis heute unmoderiert stehen. Die üblichen Reflexe setzten zudem ein: Diese Frau kenne eh niemand, man solle so ein Thema nicht künstlich aufblasen, die Spieler würden eben erst zu denen gehen, die sie kennen. Auch deutlich aggressivere Kommentare, die Kemme ihren Platz im Männerfußball absprachen, sind zu lesen – mit schockierend viel Zustimmung.

Tabea Kemme und die Bayern-Spieler: Es geht nicht um Skandalisierung

Doch selbst wenn wir den Fall erstmal nur darauf reduzieren, dass ein Mensch nicht gegrüßt wurde: Wer mal als Teil einer Gruppe irgendwo nicht begrüßt wurde, wird wissen, wie sich das anfühlt. Als gehöre man nicht dazu, als würde man bewusst ausgeschlossen werden. Ganz egal, ob nun wirklich bewusst oder einfach intuitiv.

Es geht nicht darum, das Verhalten der Bayern-Spieler zu skandalisieren. Letztlich könnten ganz banale Gründe die Ursache gewesen sein. Beispielsweise eine Kettenreaktion, der fast jeder Einzelne gefolgt ist. Es stimmt zudem, dass es für sich genommen klein und unbedeutend wirkt. Selbst wenn davon auszugehen ist, dass niemand Kemme aktiv verletzen oder ignorieren wollte, ist die Wirkung aber trotzdem da. Es sind zudem Verhaltensmuster einer Kultur, in der Frauen oft keine große Rolle spielen oder bewusst klein gehalten werden. Die Reaktionen auf die Kritik beweisen das.

An Bedeutung hat das Thema spätestens ab dem Zeitpunkt gewonnen, als auch Kemme auf Instagram den einen oder anderen kritischen Beitrag dazu teilte. Bei einem schrieb sie nur vier Worte, die es treffender kaum hätten auf den Punkt bringen können: „Bewusstsein schaffen ist key.“ Eine Reaktion, die unterstreicht, dass sie das Thema beschäftigt und dass es damit auch uns beschäftigen sollte.

Es geht auch nicht darum, die Spieler an den Pranger zu stellen. In welcher Welt leben wir, wenn leichte Kritik dazu führt, dass Fans reflexartig vor die Spieler springen und jeden Atemzug bis aufs Letzte verteidigen, weil sie das Gefühl haben, hier würde ein unberechtigter Skandal aufgeblasen? Wenn plötzlich Kemme übel beschimpft und angegriffen wird, obwohl sie einfach nur lächelnd da steht und die Ignoranz über sich ergehen lässt? Und wenn genau hier keine Verteidigungsmechanismen greifen?

Wir müssen aufhören, uns reflexartig angegriffen zu fühlen

Selbst wenn die Spieler noch nie etwas von Kemme gehört hätten, obwohl sie eine sehr erfolgreiche Fußballerin war und nicht nur für Amazon, sondern auch für Sky regelmäßig am Spielfeldrand steht, ist das Verhalten mindestens unhöflich. Die unerwünscht große Nummer machen aber jene daraus, die Kemme als Reaktion auf die Kritik abwerten und sie angreifen.

Dass das keine Einzelfälle sind, zeigen diverse Kommentarspalten und vergleichbare Fälle. Dafür muss man sich nur mal mit Frauen unterhalten, die in der Öffentlichkeit stehen. Es ist zudem nahezu unmöglich geworden, männliches Verhalten zu problematisieren, ohne den Vorwurf zu erhalten, man würde sich an zu kleinen Themen abarbeiten. Dabei ergeben die vielen kleinen Themen letztlich exakt das, was zu Recht kritisiert wird: Sexistische Verhaltensmuster.

Und ich sehe das Augenrollen jener, die sich widerwillig bis zu dieser Stelle vorgekämpft haben: Sexismus? Geht es auch eine Nummer kleiner? Ein Reflex, den wir endlich stoppen müssen. Ein Reflex, der aus dem nachvollziehbaren Gefühl entsteht, dass einem schlechtes Verhalten vorgeworfen wird. Kein vernunftbegabter und empathischer Mensch will ein Sexist sein. Man fühlt sich angegriffen dadurch. Aber das ist nicht der Punkt.

Viele vernunftbegabte und empathische Menschen tragen sexistische Verhaltensmuster in sich, die reflektiert werden sollten und müssen, wenn wir die leeren Worthülsen rund um „Gleichberechtigung“ auch mit Taten füllen wollen – und das geht eben bereits da los, wo Frauen, obwohl sie direkt daneben stehen, nicht begrüßt werden. Es geht nicht darum, jemanden zu belehren oder sich moralisch abzuheben.

Es geht darum, gemeinsam zu lernen und es ernst zu nehmen, wenn Teile unserer Gesellschaft äußern, dass ein Verhaltensmuster nicht in Ordnung ist. Statt das alles persönlich zu nehmen, taugen ein Schritt Abstand und die Frage: Ist es wirklich so schwer, einer Frau beim nächsten Mal die Hand zu reichen? Und ist es wirklich so schwer, zu akzeptieren, dass das Verhalten bei vielen Frauen exakt das triggert, was sie tagtäglich zu spüren bekommen: Ihre eigene Bedeutungslosigkeit in Räumen, die von Männern dominiert werden?

Kemme plötzlich die Zielscheibe: Peinlich und beschämend

Ja, das alles ist vielleicht für einige anstrengend und ja, das macht nicht immer Spaß, weil man dadurch oft unangenehme Dinge über sich selbst lernt und auch über die eigene Sozialisierung. Das kann augenöffnend sein, es kann wehtun. Oder man verdrängt das alles eben, weil es einem egal ist, welche Wirkung dieses Verhalten auf die Betroffenen hat und dass selbst kleinste Handlungen Menschen verletzen können.

Aber wenn uns das Zugeständnis, dass das Verhalten der Bayern-Spieler in diesem Fall nicht gut war, bereits zu anstrengend ist und wir „die kennt halt keiner“ als legitimes Argument dafür betrachten, dass eine Frau ignoriert wurde, dann ist das in erster Linie traurig.

Erst vor wenigen Tagen hielt Vincent Kompany einen beeindruckenden Monolog zu Rassismus. Auf einer Pressekonferenz sagte er, dass es wichtig sei, sich gegenseitig die Türen aufzuhalten. Es gehe um Respekt und um ein Miteinander, statt auseinander zu driften. Dazu braucht es aber auch die Fähigkeit, Fehlverhalten als solches zu akzeptieren und dem Reflex zu widerstehen, mit Ablenkungsmanövern und Rechtfertigungen zu verteidigen, was passiert ist.

Es ist beschämend und peinlich, wie plötzlich Kemme in dieser Sache zur Zielscheibe wurde. Und wie wenig dagegen unternommen wird. Es ist bezeichnend, wie wenig das alles in einer Welt thematisiert wird, in der jedes offensichtlich ausgedachte Transfergerücht sofort Wellen schlägt. In der ohne Pause über Themen berichtet wird, die im Verhältnis zu anderen Themen kleiner und alberner kaum sein könnten.

Wenn es aber darum geht, dass eine Frau unfair behandelt wurde, dann gibt es mal wieder ein ohrenbetäubendes Schweigen sowie die üblichen Mechanismen einer Kultur, die keine noch so kleine Kritik an sich zulässt. Eine Kultur, die schlagartig genervt ist, wenn mal wieder irgendwo der Vorwurf geäußert wird, es gebe sexistische Verhaltensmuster.

Aber ehrlicherweise sagt es mehr über die Menschen aus als über das Thema selbst, wenn sie davon genervt sind, dass nur ein bisschen Empathie eingefordert wird.

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