feverpitch.de
·29. September 2026
Tuchel will all den Qualm

In partnership with
Yahoo sportsfeverpitch.de
·29. September 2026

Wieder eine Führung, wieder ein Innenverteidiger zum Schluss: Beim 2:3 gegen Spanien ist Englands WM-Wunde zurück.
Von Uli Hebel
89. Spielminute. Weltmeister Spanien führt mit 3:2 im Wembley. Nations League, 1. Spieltag. Englands erstes Spiel seit dem nordamerikanischen Sommer 2026. Und gleichsam eine Art „Was hätte sein können“. Das erste englisch-spanische Duell seit dem EM-Finale 2024 hätte genauso gut am 19. Juli in New Jersey stattfinden können.
Es qualmt im metaphorischen Sinne. Thomas Tuchel entscheidet sich, Jarrad Branthwaite einzuwechseln. Für Marc Guéhi. Ein Innenverteidiger für einen Innenverteidiger. Ein großer, kopfballstarker Innenverteidiger für einen nicht so großen und kopfballstarken, zwar. Aber eben einen Innenverteidiger. Bei einem Rückstand. Und mit einem Mal ist das schmerzhafteste „Was-wäre-wenn-Szenario“ der jüngeren englischen Fußballgeschichte wieder präsent. Und – Bayern-Fans werden sich erinnern – meine Erkenntnis, dass Tuchel wirklich all den Qualm will.
Atlanta, 15. Juli 2026. England führt runde zehn Minuten vor dem Spielende im Halbfinale der Weltmeisterschaft mit 1:0 gegen Argentinien. Tuchel hat bis dato alles richtig gemacht. Rogers spielt von rechts. Ungetestet – aber verständlich gegen diesen Gegner. Gordon beginnt wie immer gegen konterstarke Gegner. John Stones ist ein Streitfall, aber sein Vorzug ist aufgrund der Erfahrung, des Charakters und der Spielstärke nachvollziehbar. England ist an diesem Abend das stabile England aus der Qualifikation. Risikoavers, kontrolliert, defensiv supersauber.
England verliert zu diesem Zeitpunkt sukzessive das Spiel. Argentinien macht, was es immer macht bei dieser WM. An sich glauben und Monstersein. Tuchel entscheidet sich, Declan Rice vom Feld zu holen. Das allein ist diskutabel. Aber er bringt Dan Burn. Einen großen, kopfballstarken Innenverteidiger. Mutmaßlich erinnerte sich Tuchel in diesem Moment an den Sieg gegen Mexiko von vor neun Tagen. Damals kommt Burn in der 75. Minute, Tuchel stellt um und England gewinnt eines der schwierigsten Länderspiele der langen FA-Geschichte. An mich sendete er aber das Zeichen: Panik. Angst, wenn ich es kleiner haben will. Und – das werde ich nie beweisen können – ich meine das in der Mannschaft erkannt zu haben. In diesem Moment sage ich zu meinem Bruder, mit dem ich während des gesamten Spiels telefoniere: „Das war’s. Argentinien noch innerhalb der 90 Minuten.“
Der restliche Spielverlauf ist bekannt. Burn – sorry – lässt es nicht qualmen. Enzo Fernández gleicht drei Minuten später aus. In der Nachspielzeit trifft Lautaro Martínez zum Einzug Argentiniens ins Weltmeisterschaftsfinale. England beendete die WM in meinen Aufzeichnungen – das Frankreich-Spiel um Platz 3 habe ich nicht mehr gesehen – in den letzten drei K.-o.-Spielen jeweils mit Fünferkette. Marcus Rashford, einer der verheerendsten Spieler im Konter überhaupt, spielt nicht mehr. Bei keinem Szenario. Was wäre, wenn er gegen Argentinien beim Stand von 1:0 und dem stärker werdenden und gleichsam offensiveren Gegner …?
Gegen Spanien, gut zweieinhalb Monate später, wieder ein Szenario. Branthwaite kommt. Und nicht Eze von Arsenal. Oder Alexander-Arnold, dessen Personalie sowieso eine hochpolitische ist in England. Allerspätestens seit der Nicht-Berücksichtigung für die WM. Alles für sich wieder nachvollziehbar. Großer Mann, kleiner Gegner. Kaum noch Nettospielzeit, viele Standards. Morgan Gibbs-White ist schon drauf. Eze ist ein ähnlicher Typ, der Raum für beide war nicht da. Den einzigen Stürmer auf der Bank, Calvert-Lewin, hat er schon gebracht. Für Kane zwar. Ich habe meine Stimme fragend einbrechen lassen, aber selbst das mit Blick auf die Müdigkeit des Bayern-Stürmers verstanden. Alles so weit erklärbar also. Im Vakuum.
Und während ich so vor mich hin kommentiere – und das zu greifen probiere –, ist es plötzlich wieder da, das Gefühl, das mich im gesamten WM-Turnier beschlichen hat. Tuchel behandelte England wie eine Vereinsmannschaft. Immer den richtigen Kniff. Im Eins-gegen-Eins mit dem jeweiligen Trainerwidersacher. Die Wechsel von Spiel zu Spiel nehmen zu – auch, weil sie zunächst funktionieren. Bellingham wechselt je nachdem die Position im Mittelfeld, spielt irgendwann alles. Sechser, Achter, Zehner, zweiter Stürmer. Er verhebt sich bei der Nominierung der Außenverteidiger, löst die Situation aber im Turnier, stärkt Spence je nach Spielanforderung und regelt die Belastung bei Lieblingsschüler Reece James.
Alles nachvollziehbar, aber vergessend, dass gerade im internationalen Fußball die wenigen Automatismen, die man einstudieren kann, wichtig sind. Schauen Sie zum Beispiel auf Spanien. Die spielen seit mehr oder weniger sechs Jahren dasselbe. Mit demselben Personal, wenigstens denselben Profilen. De la Fuente wechselt wahrscheinlich selbst seine Wäsche nur, wenn noch ein weiterer Stern draufkommt. Was dabei passiert? England verliert mit jedem Wechsel – und es gab auch innerhalb des Spiels viele davon – DNA. Immer nur ein Stück. Bis irgendwann die Qualifikationsidentität, die Tuchel mühsam erarbeitete, weg war. Das ist mein Reim.
In der Qualifikation steigert Tuchel ohnehin beeindruckende Qualifikationen seines Vorgängers um ein historisches Ergebnis. Er gewinnt alle acht Pflichtspiele; Torverhältnis 22:0. Die Zahlen sind nicht immer auf spektakuläre Weise entstanden. Nach dem Andorra-Spiel im Villa Park, immerhin ernstzunehmender Einhundertvierundsiebzigster der Weltrangliste, und dem 2:0-Sieg Englands wollte ich mich selbst verstümmeln. Es war sogar noch schlimmer als das Hinspiel. Nichts zu sehen von einem Gefühl der neuen Ära, das mit Tuchel kommen sollte. Gefühl nein; Verstand aber: ja.
Und mehr noch: Als es darauf ankommt, in der Marakana in Belgrad gegen Serbien, ist England da. Auf den Punkt. Nach dem 5:0 und Englands bestem Spiel unter Tuchel ist noch nicht die WM gesichert, wohl aber der Favoritenstatus. England ist klar: Die Positionen scheinen bis auf zwei gefunden, das tiefe Aufbauspiel klappt. Das Pressing in der gegnerischen Hälfte ist kohärent, ebenso wie das Fallen in den mittleren Block, falls es nicht greift. Tuchel spielt direkt und mit Flanken. Und hat Kane. Alles nicht schön – aber effizient. Weltmeisterlich effizient, denke ich. Dazu der Trainer, der in einem Turnier den Unterschied machen kann. Aber es dann im Turnier mit dem Unterschiedmachen übertrieben hat. Too smart for his own good. Zu clever für den eigenen Erfolg.
Nach dem Turnier und vor der Nations League sagte Tuchel all die Dinge, die Englands Fatalisten hören mussten. Genauso pathetisch wie gebraucht. Es sei seine Narbe und die der Spieler. Sie müssten damit leben. Niemand sei verletzter als er. Und so fort. Das glaube ich ihm sogar. Auch wenn Schmerz sich nicht gegeneinander aufwiegen lässt. Ich frage mich dennoch – und mit mir, wahrscheinlich sehr viel diffuser, Millionen Engländer –, ob Tuchel wirklich die Dimension des Frustes und der Enttäuschung versteht. Oder ist es mehr Wut? Wie würde Wembley reagieren beim Spiel gegen Spanien, dem ersten „danach“? Und wie würde er reagieren? Wenn es wieder passiert?
Ein ehemaliger Spieler Tuchels sagte mir vor der WM bei einem Kaffee, dass er eines über Tuchel wisse und schnell lernte: Er mache die Dinge aus voller Überzeugung. Er wisse sowieso, dass er bei Misserfolg gehen müsse. Also gehe – oder bleibe – er mit und aus den Überzeugungen heraus, die er hat. Je nachdem, welche Weltanschauung Sie haben, nennen Sie das vielleicht stur oder eben überzeugt. Und sein innerer Ehrgeiz will immer wissen, ob seine Überzeugung zu Gold führt. Tuchel wants all the smoke, wie der Engländer sagt. Tuchel will all den Qualm. Mal sehen, ob dieser Übersetzungsversuch es schafft.
Und dann ist es wieder passiert. 89. Minute. Branthwaite ist der neue Burn. Nichts passiert mehr. Das Spiel ist nach 95 Minuten brutto zu Ende und die Wunden wieder offen. England verliert das erste Spiel nach der WM. Gegen den Weltmeister Spanien. Tuchel baute und machte. De la Fuente siegte. England bringt Spanien zwar doppelt so viele Gegentore bei, wie dieses während der WM kassierte. Aber fängt sich eben selbst drei. Und das ohne auch nur ansatzweise und beim besten Willen erkennbare defensive Identität.
Tuchel arbeitet sich im Vorfeld an Palmer und dessen Entscheidung, sich lieber zu schonen, ab. Tuchel nominiert einen Kader, von dem ihm – inklusive Palmer – sechs Spieler absagen. Er nominiert nur zwei nach. Tuchel bringt sogar einen neuen Torhüter – voraussichtlich in zwei der vier Gruppenspiele. Pickford ist seit 2018 die Nummer eins, die beste der Turniergeschichte. Aber Tuchel will eben Trafford. Anderer Typ. Tuchels Typ. Er schiebt Lewis-Skelly in die Startformation. Und lässt Quansah als Rechtsverteidiger starten. Bringt das Kopfballmonster Branthwaite gegen körperlich kleinere Spanier. Für ein Standardtor, vermutlich. Alles nachvollziehbar. Auf dem Papier. Nur fängt es schon vor Tschechien, vor Kroatien und zwei Jahre vor der Heim-EM wieder an zu brennen. Und überall ist wieder dieser Qualm.
Foto: IMAGO/CTK Photo







































