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·23. September 2026

Vom Bankrott zur Königsklasse: Der Como-1907-Wahnsinn in Zahlen

Artikelbild:Vom Bankrott zur Königsklasse: Der Como-1907-Wahnsinn in Zahlen

Ein Klub geht 2016 pleite, dümpelt in der italienischen Serie D, der vierten Liga, herum – und steht sieben Jahre später mit Cesc Fàbregas an der Seitenlinie in der Champions-League-Ligaphase. Klingt nach Football-Manager-Save mit aktiviertem Cheat-Code? Ist aber echt. Como 1907 ist die verrückteste Erfolgsgeschichte im europäischen Fußball der letzten Dekade, und die Frage, die sich stellt: Wie zur Hölle geht das?

Die Rettung, die keiner kommen sah

2019 stand Como 1907 kurz vor dem dritten Bankrott in dieser Größenordnung nach dem Kollaps von 2004 und 2016. Dann kaufte die Familie Hartono über ihre Holding SENT Entertainment den Klub – ein Klacks-Deal für zwei Milliardäre, die mit dem Tabakkonzern Djarum, der Bank Central Asia und Elektronikmarke Polytron zu den reichsten Menschen Indonesiens gehören. Wie viel genau geflossen ist? Da widersprechen sich die Quellen munter: Ältere Berichte sprechen von rund 350.000 Euro, neuere von 800.000 bis 850.000 Euro plus Übernahme von 150.000 Euro Altschulden. Aber ob sechs- oder knapp siebenstellig – für Brüder mit einem gemeinsamen Vermögen von schätzungsweise 40 bis 45 Milliarden Dollar ist das buchstäblich Kleingeld. 💰


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Und genau das war der Punkt. Präsident Mirwan Suwarso, selbst kein Fußball-Nerd, sondern Marketing-Mann, hat das Projekt nie als reines Sportinvestment verkauft, sondern als Lifestyle-Marke rund um den Comer See – Fußball als „Schlüsselelement“, nicht als Kernprodukt, wie er es selbst formuliert haben soll. Wenn jedes Neugeborene im Krankenhaus von Como einen Vereins-Body geschenkt bekommt, merkt man: Hier denkt jemand in Jahrzehnten, nicht in Transferfenstern.

Der Dreifach-Express durch die Ligen

Sportlich ging es fast schon unanständig schnell: 2018/19 Meister der Serie D, 2021 Aufstieg in die Serie B, und 2024 nach 21 Jahren Abstinenz zurück in die Serie A – drei Aufstiege in sechs Spielzeiten. Kein Wunder, dass international kaum jemand hinschaute, bis es zu spät war.

Der eigentliche Wendepunkt kam 2022, als Cesc Fàbregas als Spieler und Miteigentümer nach Como wechselte. Im November 2023 übernahm er für rund einen Monat interimsmäßig die Bank, musste den Posten aber mangels Trainerlizenz bald wieder abgeben und wurde Co-Trainer unter dem neuen Cheftrainer Osian Roberts. Unter Roberts, mit Fàbregas an seiner Seite, gelang dem Team im Mai 2024 der Aufstieg – erst zur Saison 2024/25 übernahm Fàbregas dann offiziell das Traineramt.

Saison eins zurück im Oberhaus: Platz 10, solide, unauffällig. Saison zwei: Platz 4. Der beste Tabellenplatz der Vereinsgeschichte, besser sogar als der bisherige Rekord von Platz 6 aus der Saison 1949/50. Dazu Coppa-Italia-Halbfinale (das erste seit 1986) und die erste Teilnahme an einem UEFA-Wettbewerb überhaupt. Man kann’s auch übertreiben mit den historischen Bestmarken, aber bei Como ist quasi jede Woche ein Vereinsrekord fällig.

Fàbregas‘ System – und warum es nicht an einem Spieler hängt

Taktisch fährt Fàbregas einen ballbesitzorientierten Ansatz mit hohem Pressing, meist im 4-3-3 oder 4-2-3-1, mit variabler Rollenverteilung: Ein Innenverteidiger rückt im Spielaufbau ins Mittelfeld, die Achter schieben nach, die Flügel kippen situativ ein. Klingt komplex – ist es auch, aber der eigentliche Clou ist ein anderer: Fàbregas baut keine Struktur um einzelne Spieler herum, sondern ein Prinzip, das auch ohne sie funktioniert. Genau das unterscheidet ihn von den meisten Trainern, die ein Top-Klub-System kopieren und dann scheitern, weil ihnen die Ausführenden fehlen.

Trotzdem: Ohne Nico Paz läuft bei Como nichts. Der Argentinier, 2024 für rumgemunkelte 6 Millionen Euro von Real Madrid gekommen, samt gestaffelter Rückkaufklauseln, ist Zehner, Aufbauspieler und Torschütze in Personalunion. Und genau diese Klauseln machen die Geschichte inzwischen ziemlich spannend: Real Madrid hatte für den Sommer 2026 erneut eine Rückkaufoption über rund 9 Millionen Euro, doch statt Paz zurückzuholen, einigten sich beide Klubs auf seinen Verbleib in Como. Madrid behält dabei eine neue Rückkaufoption für die Saison 2027/28 – Como darf also weiter mit seinem wichtigsten Spieler planen, Real Madrid aber behält die Hand auf dem Lenkrad. Ohne ihn wäre Como ein solides Mittelfeldteam. Mit ihm ein Europapokal-Teilnehmer.

Die Transferpolitik: Wenn Milliardäre einkaufen gehen

Wer glaubt, der Aufstieg sei nur mit Fàbregas‘ Taktiktafel zu erklären, hat die Bilanzen nicht gesehen. Für die Saison 2025/26 investierte Como über 100 Millionen Euro in 16 Neuzugänge – Jesús Rodríguez (Betis, 22,5 Mio.), Nicolas Kühn (Celtic, 19 Mio.), Martin Baturina (Dinamo Zagreb, 18 Mio.), Anastasios Douvikas und Jayden Addai (je 14 Mio.), dazu Maxence Caqueret (Lyon, 15 Mio.). Und im Sommer 2026 legte man nach: Trevoh Chalobah kam für 30 Millionen fest (bis zu 36 Millionen mit Boni) von Chelsea, Moise Kean wechselte am letzten Deadline-Tag für ein Gesamtpaket von rund 40 Millionen aus Florenz. Das sind Beträge, mit denen sich vor fünf Jahren noch nicht mal ein Serie-B-Aufstieg hätte kaufen lassen – geschweige denn ein komplettes Team.

Parallel dazu wurde das Stadio Giuseppe Sinigaglia direkt am See ausgebaut. Die Kapazität wurde in den vergangenen Jahren mehrfach angepasst und lag zuletzt bei rund 12.000 Plätzen, bevor 2026 der nächste große Umbau begann. Bis 2028 soll ein modernes, UEFA-taugliches Fußballstadion entstehen – aktuell läuft der Betrieb deshalb mit reduzierter Kapazität, auch für die Champions-League-Spiele.

Und jetzt? Die laufende Saison

Der Champions-League-Einstand hätte kaum besser laufen können: 4:1 gegen RB Leipzig am 10. September 2026, das erste UEFA-Spiel der 119-jährigen Vereinsgeschichte überhaupt. Baturina, Douvikas, Diao und Perrone trafen – Leipzig kam nur zum Ehrentreffer durch Maksimović. Ein Statement.

In der Liga läuft es ebenfalls ordentlich, wenn auch nicht ganz makellos: Nach fünf Spieltagen steht Como mit drei Siegen, einem Remis und einer Niederlage bei zehn Punkten auf Rang acht – solide, aber eben nicht die Tabellenspitze, die manche nach dem furiosen Vorjahr erwartet hatten. Am 20. September gab’s dann den ersten Dämpfer: 0:2 bei Aufsteiger Frosinone, die erste Niederlage seit zehn Spielen (zuletzt hatte Inter im April im Coppa-Italia-Duell gewonnen). Fàbregas wechselte zur Halbzeit gleich dreifach – half nichts, Frosinones Keeper Palmisani hielt einen Sahneabend hin.

Ob’s reicht für die Königsklasse in dieser Saison? Eher schwer zu sagen. Rom, Inter, Lazio und Cagliari legen einen Blitzstart hin, und Como muss erst noch beweisen, dass sie Dreifachbelastung aus Liga, Champions League und Coppa Italia über 38 Spieltage wegstecken können – etwas, das komplett neu für den Klub ist. Aber wer vor sieben Jahren noch in der Viertklassigkeit spielte und heute gegen RB Leipzig 4:1 gewinnt, für den ist „reicht das?“ ohnehin die falsche Frage.

Die richtige lautet: Wo ist die Grenze dieses Projekts überhaupt noch?

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