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·22. Mai 2026
WM-Aus wegen Heat Map! Ist das Nagelsmanns größter Fehler?

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·22. Mai 2026

Die ganz großen Überraschungen blieben aus, als Julian Nagelsmann am Donnerstagmittag den deutschen Kader für die WM 2026 bekannt gab.
Dass Manuel Neuer nach zweijähriger Pause in die Nationalmannschaft zurückkehren würde, pfiffen die medialen Spatzen bereits seit Tagen von den Dächern. Auch die Nominierung von Said El Mala galt als sicher. Mehrere Medien hatten zuletzt berichtet, der 19-Jährige werde trotz eines bislang fehlenden A-Länderspiels das Ticket für Nord- und Mittelamerika erhalten. Doch genau dazu kam es nicht.
Als Nagelsmann die 26 auserwählten Namen verkündete, suchte man den Offensivspieler des 1. FC Köln vergeblich. Nicht nur Fans vor den heimischen Fernsehern reagierten irritiert, auch die in Frankfurt anwesenden Journalisten hakten mehrfach nach. Warum verzichtet der Bundestrainer auf einen der aufregendsten deutschen Offensivspieler der vergangenen Monate?
Nagelsmann stellte El Mala zunächst mit Akteuren wie Tom Bischof, Assan Ouedraogo oder Nicolo Tresoldi in eine Reihe. „Wir haben einige junge talentierte Spieler, die auf dem Sprung sind, aber es nicht ganz geschafft haben“, erklärte der Bundestrainer. „Trotzdem sind sie ein großes Zukunftsversprechen für den DFB.“
Anschließend wurde er konkreter. El Mala habe beim Effzeh ideale Voraussetzungen für sein Spielerprofil vorgefunden. „In Köln hat er viel Konterraum, kann viele Wege in die Tiefe suchen“, sagte Nagelsmann und malte ein genaues Bild: „Seine Heat Map in Köln ist nah am eigenen Sechzehner.“
Die Nationalmannschaft komme jedoch deutlich seltener in Umschaltmomente. „Für diese Situationen“, so Nagelsmann, „haben wir Maxi Beier dabei, der eine tolle Saison gespielt hat.“. Über El Mala sagte er: „Seine Zeit wird kommen, aber klar, er hätte es verdient, deswegen sind solche Gespräche dann schwer.“

Foto: Getty Images
Diese Argumentation ist zumindest nachvollziehbar. Deutschland wird bei der WM gegen viele Gegner den Ball dominieren und seltener große Konterräume vorfinden als Aufsteiger Köln in der Bundesliga. Gleichzeitig greift die Erklärung zu kurz. Denn El Mala ist deutlich mehr als nur ein reiner Umschaltspieler.
Vor allem deshalb wirkt die Nicht-Nominierung überraschend, weil Nagelsmann selbst den Linksaußen noch im März öffentlich in die Pflicht genommen hatte. Damals erklärte er im kicker: „Said muss den Anspruch haben, dass er in Köln Stammspieler ist und immer spielt. Aber er spielt 50 Prozent, das ist zu wenig.“ Zugleich betonte Nagelsmann, dass er eine höhere Beteiligung an der Arbeit gegen den Ball erwarte.
Zweieinhalb Monate später lässt sich festhalten: El Mala hat nahezu sämtliche dieser Forderungen erfüllt. Der 19-Jährige avancierte im Saisonendspurt zum unumstrittenen Stammspieler. In elf der letzten zwölf Ligapartien stand er in der Startelf und lieferte in diesem Zeitraum starke sechs Tore sowie zwei Vorlagen. Über die gesamte Saison hinweg war er an 37 Prozent aller Kölner Treffer direkt beteiligt.
Auch die Advanced Stats sprechen eine klare Sprache. Bei Toren pro 90 Minuten belegte El Mala ligaweit Rang zwölf, bei Expected Goals pro 90 Minuten Platz 15 und bei Abschlüssen pro 90 Minuten Rang 13. Eine Mitnahme als klar definierter Joker hätte deshalb kaum geschadet. Zumal der deutsche Kader zwar über zahlreiche spielintelligente Halbraum-Zehner verfügt, aber vergleichsweise wenige sprintstarke Spieler enthält, die konstant Breite wie Tiefe des Spielfeldes bedrohen können.

Foto: Getty Images
Ein Profi, der dieses Profil ebenfalls mitbringt, ist Leroy Sané. Der mittlerweile bei Galatasaray unter Vertrag stehende Flügelspieler wurde erwartungsgemäß nominiert. Die Kritik an dieser Maßnahme ist allerdings ebenso wenig überraschend. Das weiß auch Nagelsmann selbst. „Auf Vereinsebene war es zu wenig“, sagte der Bundestrainer offen. Warum Sané dennoch dabei sei? Zum einen wegen überzeugender Leistungen in den WM-Qualifikationsspielen gegen Luxemburg und Nordirland. Zum anderen wegen seines hohen Standing innerhalb der Mannschaft. Doch besonders ein Satz sorgte im Anschluss für Diskussionen: „Ich kenne ihn schon ewig“, so Nagelsmann, „und traue mir zu, ihn so zu kitzeln, dass am Ende der WM deutlich mehr positive Stimmen über ihn fallen werden als negative.“
Menschlich mag diese Argumentation nachvollziehbar sein. Sportlich hinterlässt sie jedoch Fragen. Denn genau diesen Vertrauensvorschuss konnten sich Spieler wie El Mala oder auch der ebenfalls nicht nominierte Chris Führich qua ihrer Vita schlicht noch nicht erarbeiten. Das von Nagelsmann regelmäßig betonte Leistungsprinzip scheint in diesem Fall außer Kraft gesetzt.
Von einem Skandal zu sprechen, wäre trotzdem überzogen. Ein erfolgreiches deutsches WM-Abschneiden wird nicht an der Personalie Said El Mala hängen. Und selbstverständlich birgt die Nominierung erfahrener Spieler ebenfalls ihre Berechtigung.
Dennoch verzichtet der Bundestrainer ganz bewusst auf einen Kicker, der trotz seines jungen Alters nachweislich den Unterschied machen kann. Genau deshalb wird ihn diese Entscheidung durch das gesamte Turnier begleiten. Sollte der deutschen Offensive im Verlauf der WM Tempo, Tiefe oder Unbekümmertheit fehlen, dürfte die Diskussion um den Kölner Rohdiamanten schnell wieder aufflammen.







































