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·19 March 2026

Die Suche nach dem neuen Heilsbringer

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Christian Keller über allen

Der letzte „Unantastbare“ beim Jahn. Tiefe Spuren hatte er hinterlassen, nachdem er uns in Richtung Köln verlassen hatte. Ein verständlicher Schritt gewesen, schließlich war das „Projekt“ Jahn für ihn beendet. Seine letzten zwei Saisons sollten auch nicht ohne Fehleinschätzungen in der Transferpolitik bleiben, jedoch wurde am Ende immer das gesteckte Ziel auch erfüllt. Ein sportlicher Geschäftsführer, der auch verstand in den richtigen Momenten den Finger in die Wunde zu legen. Dennoch möchte man auch hier nicht vergessen, dass der Anfang alles andere als ideal war. Ein Abstieg in die Regionalliga war auch seiner damals fast schon abenteuerlichen Kaderplanung geschuldet. Er sollte sich bessern, den Jahn auf links drehen und ihn als Zweitligist „übergeben“. Eine sensationelle Geschichte, wie sie im Profifußball auch ihresgleichen suchte. Ein Chaosklub, bei dem die Insolvenz stets um die Ecke lugte, war plötzlich ein seriöser Player in der Fußballwelt geworden. Nach seinem Abschied sollte ein Vakuum entstehen, das nicht mehr wirklich gefüllt werden sollte.


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Der Prediger

Heiko Herrlich sollte den Weg zurück in den Profifußball ebnen, mit einem fast schon kirchlichen Ansatz. Glaube – ja, der Glaube. Die Geschichte von Momo. Es klang durchaus albern, aber hatte eben Charakter, die Spieler glaubten ihm und noch wichtiger – es war erfolgreich.

Pressekonferenzen mit Heiko Herrlich waren nicht langweilig, eigentlich hatte er immer was zu erzählen. Ebenso passte er auch zur neuen Ausrichtung des Jahn. Bodenständig, glaubwürdig und ambitioniert. Schlagwörter, zu denen er doch passen sollte.

Fußball arbeiten, dazu nicht abheben und eben keinen Stuss erzählen. Ja, ein Heiko Herrlich wirkte wie diese Galionsfigur über dem Team. An ihm führte keine Kritik vorbei, erst musste man sich mit ihm auseinandersetzen.

Und dann nach einer magischen Nacht in München – der Schock. Plötzlich kein Vertrag, naja, dann geht man wohl nach Leverkusen. Auch wieder ein verständlicher Schritt, dennoch nicht passend zu den Vorworten. Aus einer möglichen Trainerlegende wurde dann doch wieder nur ein ärgerlicher Abgang.

Der Ewige

Zwischen Herrlich und Mersad stand der erste Auftritt von Achim Beierlorzer, der soll hier aber noch später erwähnt werden. Es sollte nach dem ersten, freiwilligen Abgang der ewige Mersad folgen. Ein Mensch, der den Jahn wirklich in allen Facetten schon erlebte. Von kein Strom und kein Geld zu neuem Jahnstadion und zahlreichen Möglichkeiten.

Wortgewandt wie die Vorgänger war er nicht, dennoch war er glaubwürdig. Bodenständig, fast schon nervig, wie er immer die Rolle des Underdog angenommen hat. Dennoch hat er es durchgezogen und auch mit Leben gefüllt. Mersad war da, immer. Das stand auch gar nicht zur Debatte.

Für Fans wurde er so auch zur Identifikationsfigur, die irgendwann auch Lager in Fankreisen schaffte. Die einen wollten ihn am besten morgen weg haben, die anderen wollten ihm ein geradezu eine Statue vor das Jahnstadion stellen.

Das Ende hier sollte ein großer Knall sein. Der Machtkampf mit Tobi Werner fand keinen Sieger, denn am Ende mussten beide den Hut nehmen. Tobi Werner und Roger Stilz werde ich hier nicht weiter erwähnen, sie sollen als absolute Randfiguren in die Geschichte eingehen.

Mersad könnte man wohl noch am wenigsten vorwerfen, höchstens den verpassten Abgang zur richtigen Zeit. Dennoch sollte auch diese Galionsfigur dann verschwinden.

Der Rückkehrer

Und dann war er wieder da, der Lehrer aus dem Frankenländle. Achim Beierlorzer, der als Trainer hier schon große Erfolge feierte und danach die Chance nutzte, sich in Liga 1 beweisen zu können. Nach seinen wenig erfolgreichen Stationen beim 1. FC Köln und FSV Mainz 05 sollte es über Umwege bei RB Leipzig wieder zurück zum Jahn gehen. Dieses Mal als Sportchef.

Endlich wieder eine starke Persönlichkeit im Vorstand, vielleicht ja doch die Person mit der nötigen Ausstrahlung, um das fehlende Vakuum zu füllen. Sein Einstand in Kombination mit Joe Enochs sollte erst mal viel Freude in Jahnkreisen erzeugen. 10 Siege am Stück, jede Kaderentscheidung eine richtige – für Achim Beierlorzer schien der erste Sommer geradezu ein neues Märchen beim Jahn zu starten.

Diese Fassade sollte aber auch schnell bröckeln, mit der ersten Wintertransferphase sollten schon unglückliche Entscheidungen beginnen. Ein ständiger Begleiter wurde spätestens ab der Zweitligasaison auch ein fast schon stures Verweigern der Realität. Nein, so war das nicht glaubwürdig. Wenn man sich nur oft genug einredete, dass das alles doch gar nicht so schlecht war, dann würde das irgendwann das Umfeld schon glauben. Es sollte nicht so kommen und mit einem ziemlich trostlosen Abstieg enden.

Der Messias

Im 1889fm-Discord gibt es ein sehr ulkiges Emote, das zu unserem letzten Cheftrainer erstellt wurde. Der Messias Wimmer! Ein Trainer mit regionalen Wurzeln, der auch schon zeigte, sich ein bisschen im Profifußball bewegt zu haben. Nach dem recht kühl wirkenden Andreas Patz das komplette Gegenstück, der auch sehr sympathisch in den ersten Interviews wirken sollte.

Ich selbst hatte ja damals die Chance, mit ihm ein Interview zu führen. Da saß ein Mensch, dem auch das Thema „Heimat“ durchaus wichtig erschien. Den Jahn auch mal zu trainieren, schien wie ein kleiner wahr gewordener Traum zu wirken, so stellte er es durchaus glaubwürdig dar.

Die Ergebnisse seiner Arbeit sollten sich erst mal nicht positiv gestalten, ebenso sollte manch eine PK nach dem Spiel eine verkehrte Welt darstellen. Hatten wir gerade dasselbe Spiel verfolgt? Immerhin waren die ersten 20 Minuten gut? Ein Rückfall in Zweitligazeiten! Doch mit dem Ausscheiden von Achim Beierlorzer schien bei Michael Wimmer auch der Groschen gefallen zu sein. Abstiegskampf! Der Karren musste aus dem Dreck gezogen werden und endlich wurde es auch angesprochen, wenn eben ein Auftritt nicht gut war. Endlich wieder glaubwürdig eben.

Das machte auch was mit dem Team, ein echter Weckruf für alle. Die Performance samt Ergebnisse sollte sich mit einem guten Herbst dann auch einstellen, was selbst nach ärgerlichen Niederlagen immerhin keine Panik mehr auslöste. Ja, man war noch unten drin, aber plötzlich glaubte man wieder daran – dieser Jahn wird nicht absteigen, nie und nimmer! Es zeigten sich auch die bekannten Jahntugenden wieder. Glaubwürdig, bodenständig und doch auch ambitioniert.

Manch eine PK oder Entscheidung im Team wollte der allgemeine Jahnfan vielleicht nicht nachvollziehen können, aber grundsätzlich stand er da doch wieder. Ein Trainer, mit dem man in die nächsten Jahre gehen kann, der vielleicht auch wieder wie eine Führungspersönlichkeit über dem Ganzen stehen kann. Eben einer, nach dem man sich auch ein wenig richten kann.

Und jetzt ist März und wir stehen plötzlich wieder ohne Trainer da. Eine neue sportliche Herausforderung wollte der neue Co-Trainer bei Holstein Kiel angehen. Heimatverbunden klingt auf einmal anders. Die Beweggründe erscheinen nur schwer einsehbar, nachvollziehbar sind sie für mich zumindest nicht. Für viele andere auch nicht.

Und nun?

Hinter starken Erfolgsphasen des Jahns stand auch immer ein Gesicht, mit dem man es verbinden konnte. Herrlich, Keller, Selimbegovic. Vielleicht aber muss man sich als Verein endlich mal über Personen hinweg entwickeln. Oli Hein hätte auch diese Person werden können, die diesen Verein als vorgehende Person durch die kommenden Aufgaben tragen könnte, und scheiterte an der Vereinbarkeit zwischen Amt und eigener Selbstständigkeit. Wo wartet also dieses neue Gesicht des Jahns? Sollte man sich als Verein vielleicht sogar davon verabschieden, dass es überhaupt so etwas braucht? Hier bin ich überfragt, in Zeiten, wo man immer wieder Führung in allerlei Sachen erwartet, scheint es fast schon logisch, das auch beim Herzensverein zu bekommen. Ein Legendensterben sondergleichen hinterlässt aber die Frage: Wer nimmt endlich dieses Zepter wieder in die Hand und kann beim Jahn eine Ära prägen? Der letzte bekannte, starke Mann beim Jahn wäre eigentlich gerade noch Philipp Hausner. Kann er aber das Gesicht einer neuen Erfolgsgeschichte werden? Das wird er wohl noch zeigen müssen, für öffentlichkeitswirksame Auftritte war er zumindest bisher nicht bekannt.

Dr. Schmalhofer wird sich auch noch positionieren müssen, ob er ein neues starkes Gesicht in der Führungsriege werden kann oder ob wir hier wieder auf einen neuen Heilsbringer im Traineramt warten, der uns nur unrühmlich verlässt. Halleluja.

Diese Bestandsaufnahme hinterlässt mich zumindest unzufrieden, da es hier keine klare Antwort gibt. Einzig die Hoffnung bleibt erhalten, dass der Verein nach diesen turbulenten Jahren mit Identitätskrise endlich wieder einen Weg in neue Fahrwasser findet und sich dabei nicht verliert. Ich wünsche da allen Beteiligten in der Führung ein glückliches Händchen. Dieser Verein und diese Region hat es allemal verdient.

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