90min
·16 February 2026
Fliegenfänger oder Toptalent - Kann Kaua Santos Bundesliga?

In partnership with
Yahoo sports90min
·16 February 2026

Nach wochenlanger Anspannung und bitteren Rückschlägen kann Eintracht Frankfurt durch den wichtigen 3:0-Erfolg gegen Borussia Mönchengladbach am vergangenen Wochenende zumindest vorerst etwas durchatmen. Dank der drei Punkte bleiben die Hessen auf Rang sieben zwar gefühlt in Schlagdistanz zu Europa, doch der internationale Wettbewerb und der aktuelle Sechstplatzierte nach dem 22. Spieltag, Bayer 04 Leverkusen, sind bereits acht Punkte entfernt.
Als Nächstes wartet der in dieser Spielzeit unaufhaltsam wirkende FC Bayern München auf die Adlerträger. Gerade deshalb ist die Euphorie vom Wochenende wohl eher gedämpft, von kurzer Dauer und möglicherweise in weiten Zügen auch trügerisch. Dass man endlich mal wieder zu Null blieb, ist dabei eine fast unbedeutende Randnotiz vor diesem Topspiel gegen die Münchner.
Gerade gegen die mit Stars besetzte und so treffsichere Top-Offensive des Rekordmeisters könnten die großen Abwehrprobleme der Eintracht um die Ohren fliegen. Mit bereits 46 Gegentoren stellt die SGE (gemeinsam mit dem VfL Wolfsburg) aktuell die zweitschlechteste Abwehr der Bundesliga. Lediglich Tabellenschlusslicht 1. FC Heidenheim kassierte mit 48 Gegentoren noch mehr Gegentreffer. Inmitten der besorgten Blicke der SGE-Fans steht nun ganz besonders vor diesem kommenden Wochenende Torwart Kaua Santos.

Die Offensive des FC Bayern rollt am kommenden Wochenende auf Kaua Santos zu / picture alliance/GettyImages
Die bangen Blicke vor dem Aufeinandertreffen mit Tabellenführer Bayern München haben durchaus ihre Berechtigung. Gleich alle drei Offensivstars der üblichen Startelf des Rekordmeisters stehen in den Top-Fünf der Bundesliga-Torjägerliste: Michael Olise traf zehnmal, Luis Diaz 13-mal und Toptorjäger Harry Kane sogar sagenhafte 26-mal. Somit rollen am kommenden Samstag in der Münchner Allianz Arena alleine durch dieses Trio wohl 49 Bundesligatreffer auf den brasilianischen Torhüter Kaua Santos zu. So mancher, der es mit den Hessen hält, fragt sich dabei vermutlich, ob der junge Eintracht-Keeper dem überhaupt etwas entgegenzusetzen hat.
Die nackten Zahlen lassen Schlimmes erahnen. Der 22-jährige Schlussmann kassierte schon 29 Gegentore nach nur elf Bundesligaeinsätzen in der laufenden Spielzeit, hinzu kommen zehn Gegentreffer nach nur drei Champions-League-Spielen. Die Frankfurter Fans machten Kaua Santos nicht selten für das eine oder andere Gegentor der letzten Monate verantwortlich und nicht wenige wünschen sich einen Torwartwechsel oder gar einen neuen Torhüter bei der SGE. Auch die bisherigen Noten fallen für den Brasilianer ziemlich schlecht aus und lassen alle Versuche, einen Stab für den im Kreuzfeuer der Kritik stehenden Schlussmann zu brechen, im Regen stehen: Im Ranking des kicker liegt Kaua Santos mit einer Durchschnittsnote von 4,0 abgeschlagen auf dem letzten Rang dieser Liste. Fehlt dem 1,96m großen Keeper also womöglich (noch) die Bundesligatauglichkeit?
Zugegeben, es wäre vermutlich zu einfach, dem Torwart die alleinige Schuld zuzuschieben, denn als Torwart – und jeder, der schon einmal Torwart war, wird das bestätigen können – ist man letztlich immer der Depp. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Schlussmann meist der Letzte in der Fehlerkette ist und ganz besonders schlecht aussieht, wenn die nötigen Rettungsversuche einfach nicht gelingen wollen.

Die Hintermannschaft der SGE wirkt oft löchrig wie ein Schweizer Käse / picture alliance/GettyImages
Die Frankfurter Hintermannschaft und die Defensivleistung des gesamten Teams ließen zuletzt viele Wünsche offen und tragen sicherlich auch zum schlechten Ruf des jungen Torwarts bei. Blickt man in die kicker-Notenliste, so findet man unter den Top-50 der Bundesliga aus dem Frankfurter Kader lediglich Rasmus Kristensen (Notenschnitt 3,56) und Nathaniel Brown (Notenschnitt 3,60) , die sich eher als Außenbahnspieler verstehen und daher in der Benotung auch viel von Offensivaktionen und Torbeteiligungen profitieren. Der erste zentrale Defensivspezialist in der Hintermannschaft ist Robin Koch, der auf Rang 60 liegt und einen Notenschnitt von 3,75 hat. Auf dem nächsten Platz folgt sein Teamkollege Arthur Theate mit einem Notenschnitt von 3,76. Böswillig könnte man also wohl behaupten, dass Kaua Santos nicht der Einzige mit einer Vier im bisherigen Frankfurter Defensiv-Zeugnis ist. Auch Torwartkollege Michael Zetterer, der wie Kaua Santos bislang ebenfalls elf Bundesligaeinsätze hatte, liegt mit einem Notenschnitt von 3,45 als zweitschlechtester Keeper im kicker-Ranking direkt vor dem Brasilianer.
Etwas bitterer wird der Geschmack um den brasilianischen Keeper allerdings bei genauerer Betrachtung seiner persönlichen Statistiken. Gerade beim Wert der xGoals conceded, den die Bundesliga-Statistikzentrale erhebt, sieht Kaua Santos tatsächlich nicht sonderlich gut aus. Dieser Wert liegt bei dem 22-Jährigen bei 1,60. Genauer erklärt: Kaua Santos hat 29 Gegentreffer bekommen, wobei laut Statistik nur etwa 18 Gegentore zu erwarten waren. Das heißt also, vereinfacht gesagt, der Eintracht-Schlussmann, der zuletzt so viel Rückendeckung von seinem neuen Trainer Albert Riera erhalten hat, hat schon elf Gegentore bekommen, die laut Statistik mehr als vermeidbar gewesen wären und dem Brasilianer vermutlich tatsächlich direkt angeheftet werden können. Nur 50 Prozent der Bälle auf sein Tor konnte Kaua Santos abwehren.

Ein Blick auf die Statistik schmerzt Kaua Santos wohl / NurPhoto/GettyImages
Im Vergleich dazu Konkurrent und Teamkollege Michael Zetterer. Der weist einen xGoals-conceded-Wert von 1,25 auf und musste bei 13,62 erwartbaren Gegentreffern in dieser Saison 17 Mal hinter sich greifen. Hat also bei gleicher Anzahl der Spiele "nur" gut vier vermeidbare Gegentore bekommen.Um diese Werte noch deutlicher darzustellen ein weiterer Vergleich mit dem derzeit vermeintlich besten Keeper der Liga, Gregor Kobel von Borussia Dortmund. Der Schweizer Schlussmann hat in der laufenden Saison einen xGoals-conceded-Wert von 0,83 und hat bei 23,95 erwartbaren Gegentreffern nur 20 Gegentore kassiert. Der BVB-Keeper hat also deutlich besser gehalten als statistisch erwartet und hielt demnach, um es salopp zu sagen, immerhin knapp vier Unhaltbare. Kobel wehrte im Vergleich zu Kaua Santos 74 Prozent der Bälle auf sein Tor ab. Der Schweizer stand aber mehr als doppelt so viele Minuten auf dem Rasen wie der Frankfurter. In torwartspezifischen Statistiken ähneln sich Kobel und Kaua Santos lediglich bei abgefangenen Flanken - ansonsten liegen Welten zwischen den beiden. Dort liegt der Schweizer Nationaltorwart bei 93 Prozent, Frankfurts Brasilianer bei erwähnenswerten starken 91 Prozent.
Eine ehrliche Einschätzung zu Kaua Santos abzugeben, die in ihrem Gesamtbild von vielen Eventualitäten, Statistiken und Umstände abhängig ist, wäre sicherlich vermessen, doch die Werte sprechen nicht gerade für den Brasilianer. Zumindest noch nicht. Sein Talent ist unbestritten, doch das allein wird ihm keine lange Bundesligakarriere sichern.

Er kann es doch! Kaua Santos weiß vereinzelt auch zu begeistern / picture alliance/GettyImages
Fehlendes Spielglück und womöglich auch falsche Entscheidungen des Trainerteams um Ex-Coach Dino Toppmöller in der Vergangenheit sollten in die bisherige Saisonanalyse des in der Kritik stehenden Keepers einfließen, denn diesen nach monatelangem Ausfall und Kreuzbandverletzung möglicherweise zu früh wieder ins kalte Wasser geworfen zu haben, könnte eine entscheidende Rolle in dessen Leistungsschwankungen und in der öffentlichen Wahrnehmung gespielt haben. Nicht zu vergessen ist, dass es sich dabei um einen jungen Sportler handelt, der fernab der Heimat auf höchstem Niveau performen soll und derzeit Sündenbock für eine im Allgemeinen mangelhafte Defensivarbeit eines kriselnden Bundesligisten ist, der seinen eigenen Ansprüchen hinterherläuft.
Dass Kaua Santos über herausragendes Talent verfügt, ist auch angesichts dieser schwierigen Saison und niederschlagenden Statistikwerten nicht von der Hand zu wischen. Dass sich SGE-Coach Albert Riera derart hinter seinen Torwart stellt und dessen Qualitäten hervorhebt, ist also durchaus nachvollziehbar. Und vielleicht sind es gerade dieser gute Zuspruch, die Rückendeckung und das bedingungslose Vertrauen des Spaniers, die Kaua Santos dabei helfen werden, sein Potenzial nun endlich abzurufen und auch die Statistiken freundlicher erscheinen zu lassen. Gegen wen, wenn nicht gegen den FC Bayern München könnte er sein Können also besser unter Beweis stellen?

Kaua Santos braucht noch Zeit und Rückendeckung / picture alliance/GettyImages
Wenn er es allmählich schafft, seine Leistungen seinem Potenzial anzupassen, dürfte man in Frankfurt in absehbarer Zeit wohl kaum noch Kritik hören. Stattdessen aber womöglich großes Jammern, wenn sich der junge Brasilianer interessant bei den großen Fußballgiganten Europas macht. Von daher sollte man Kaua Santos lieber zur Seite stehen, als ihn jetzt zu verteufeln – schließlich hat auch ein Kevin Trapp mal klein angefangen und im schnelllebigen Fußballbusiness kann sich der Wind rasch drehen. Außerdem hat der Brasilianer sicherlich auch nicht allein Schuld an der Instabilität der Defensive und der Gegentorflut der letzten Monate.
Den jungen Brasilianer auf seinem Weg zu einem Großen an die Hand zu nehmen und zu begleiten, wäre zumindest aus fußballromantischer Sicht eine lohnenswerte Geschichte. Der Tag, an dem man sät, ist bekanntlich nicht der Tag, an dem man erntet. Also, liebe SGE-Fans. Noch etwas Geduld.
Weitere Eintracht-News lesen:









































