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·10 de junio de 2026

Woltemade und die schiefe Buchhaltung

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Nach 75-Millionen-Wechsel fühlt sich Nick Woltemade falsch beurteilt. Beim DFB-Team kam er gegen Finnland und USA kaum zum Einsatz.

Es ist ein bemerkenswerter Vorgang, wenn ein 24-Jähriger nach einer einzigen Premier-League-Saison öffentlich erklärt, er fühle sich falsch beurteilt. Nick Woltemade hat das im Stern-Interview getan, und man kann ihm nicht vorwerfen, dass er sich versteckt. Er sagt, von ihm werde in jedem Spiel ein Tor oder eine Vorlage erwartet, und er fügt hinzu, das sei schwierig, wenn er nicht im Angriff spiele. Die Wucht der Kritik habe ihn überrascht, und die Unruhe um seine Person ebenfalls. Das ist eine Selbstverteidigung, die mehr verrät als die Formulierungen selbst.


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Denn man muss sich den Rahmen ansehen, in dem dieser Satz fällt. 75 Millionen Euro hat Newcastle United nach Woltemades eigenen Angaben für ihn an den VfB Stuttgart gezahlt. Mit einer solchen Summe verschiebt sich die Bewertungsgrundlage automatisch, und sie verschiebt sich nicht zugunsten differenzierter Positionsdebatten. Wer für 75 Millionen kommt, wird an Toren und Vorlagen gemessen, nicht an taktischer Variabilität. Dass Woltemade das als unfair empfindet, ist menschlich nachvollziehbar; dass es ihn überrascht, ist die eigentlich interessante Information.

Inhaltlich hat er ja einen Punkt. Er sagt, er sei nach einer starken Anfangsphase öfter nicht auf seiner Wunschposition im Angriff eingesetzt worden, und trotzdem hätten Experten weiter gefragt, warum er so wenig Tore schieße, warum er nicht mehr Vorlagen gebe. Das nennt er die falschen Fragen. Wer einen Stürmer auf eine andere Position stellt und ihn anschließend an Stürmerwerten misst, betreibt tatsächlich eine schiefe Buchhaltung. Nur ist das Problem damit nicht aus der Welt: In England gehört diese Buchhaltung zum Geschäft, und sie wird nicht milder, je länger man sie ignoriert.

Woltemade selbst sagt, er sei mit dem sportlichen Verlauf der vergangenen Monate nicht zufrieden, lasse belastende Dinge aber nicht mehr so nah an sich heran. Er habe athletisch zugelegt, könne das Tempo mitgehen, sich in Zweikämpfen behaupten. Insgesamt sei es ein Schritt nach vorn gewesen, er werde sich durchsetzen. Das ist die Sprache eines Profis, der sich selbst sortiert, und sie klingt zumindest nicht nach Trotz. Den Wechsel bereut er nicht.

Schwieriger wird es, wenn man auf die Nationalmannschaft schaut. Gegen Finnland beim 4:0 wechselte Julian Nagelsmann ihn erst in der Schlussphase ein, gegen die USA beim 2:1 blieb er 90 Minuten auf der Bank. Das sind keine Randnotizen für einen Spieler, der sich gerade in der DFB-Auswahl heimisch fühlt. Woltemade selbst sagt, die Mannschaft sei zu seiner Heimat geworden, dort glaubten die Leute an ihn, dort fühle er sich verstanden. Er sei zwar einer der Jüngeren, aber alle wüssten, was sie an ihm hätten; mit seinen Toren habe er geholfen, dass sich Deutschland für die WM qualifiziert habe.

DFB-Sportdirektor Rudi Völler ordnet das so ein: Woltemade komme aus keiner guten Phase, sei aber ein überragender Fußballer, der dem Team helfen werde. Das ist freundlich, aber es ist eben kein Stammplatz. Vor der WM steht Woltemade in einer Situation, in der zwei Bewertungen aufeinandertreffen: die englische, in der er sich falsch verstanden fühlt, und die deutsche, in der ihn der Bundestrainer aktuell wenig braucht. Aus diesem Spannungsfeld führt kein Interview heraus, sondern nur die nächsten Wochen.

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