MillernTon
·12 avril 2026
FC St. Pauli vs. FC Bayern München 0:5 – Grenzen aufgezeigt

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·12 avril 2026

Das war deutlich: Der FC St. Pauli verliert nach einer desolaten zweiten Hälfte in der Höhe verdient mit 0:5 gegen den FC Bayern München, weil er zu viele Geschenke verteilte.(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Mehr als zehn Jahre ist der Spruch von Sebastian Prödl bereits alt, aber er gilt immer noch: „München ist wie ein Zahnarztbesuch. Muss jeder mal hin. Kann ziemlich weh tun. Kann aber auch glimpflich ausgehen“, hatte der damalige Innenverteidiger von Werder Bremen vor einer Partie bei den Bayern erklärt.Nun musste der FC St. Pauli zwar nicht zum FC Bayern München reisen. Die letzten zwei Auftritte dort gingen auch überraschend glimpflich aus, sogar so, dass man sich darüber ärgern musste, nicht etwas Zählbares mitgebracht zu haben. Aber was der FCSP in den letzten drei Partien erlebt hat, ist nicht die Regel für eigentlich alle Bundesligaclubs, die gegen Bayern München spielen. Am Samstag am Millerntor war es dann soweit: Der FC St. Pauli erlebte das, was bereits viele Bundesligaclubs vor ihm erleben mussten, bekam sportlich ordentlich Dresche vom Rekordmeister. Und muss sich zuschreiben, die Bayern auch dazu eingeladen zu haben.
Drei personelle Wechsel gab es beim FC St. Pauli in der Startelf: Tomoya Andō ersetzte Adam Dźwigała in der Innenverteidigung. Auf der linken Schienenposition startete Lars Ritzka. Mathias Pereira Lage, der diese Position in Berlin innehatte, startete weiter vorne. Dort fand sich zudem auch Andréas Hountondji wieder, der Martijn Kaars auf die Bank verdrängte. Die Position neben Matti Rasmussen auf der Doppelsechs nahm erwartungsgemäß Joel Fujita ein.
Der FC Bayern München rotierte wie vermutet kräftig. Nur Kimmich, Neuer, Laimer und Olise standen nach Mittwoch erneut in der Startelf. Mit Kim, Ito, Bischof, Goretzka, Musiala, Guerreiro und Jackson standen sieben neue Spieler zu Beginn auf dem Rasen. An der 4-2-3-1-Grundformation änderte FCB-Trainer Vincent Kompany hingegen nichts. An der Positionierung in den Ballbesitzphasen hingegen schon.

Aufstellung bei der Partie FC St. Pauli – FC Bayern München
FCSP: Vasilj – Pyrka, Andō, Wahl, Mets, Ritzka – Fujita, Rasmussen – Sinani, Hountondji, Pereira Lage
FCB: Neuer – Laimer, Kim, Ito, Bischof – Kimmich, Goretzka – Olise, Guerreiro, Musiala – Jackson
Der FC Bayern München zeichnet sich unter Kompany durch viele Rotationen in der Offensive aus. Davon war zu Beginn der Partie gar nicht soo viel zu sehen. Trotzdem war das Muster sehr deutlich: Bei Münchener Ballbesitz ließ sich Kimmich oft zwischen die beiden Innenverteidiger fallen. Die Außenverteidiger, Laimer und Bischof, schoben vor, allerdings nicht auf der Außenbahn, sondern in die Halbräume. Dadurch öffneten sich direkte Passwege aus der Innenverteidigung auf die offensiven Außenbahnen. Besetzt war bei FCB allerdings immer nur die rechte Seite, Olise positionierte sich dort. Auf der linken Seite war hingegen oft kein FCB-Spieler zu finden, Guerreiro und Musiala orientierten sich beide eher ins Zentrum. Bayern-Trainer Kompany erklärte nach Abpfiff zu dieser Asymmetrie im FCB-Aufbauspiel, dass es nicht unbedingt der Grundidee des Teams entspreche, dass die eine Außenbahn nicht durchgehend offensiv besetzt war. Allerdings passe die etwas zentralere Positionierung von Musiala eher zu seinem Spielerprofil, etwas, worauf man auch achten müsse, wie der sympathische FCB-Trainer erklärte.
Dort im Zentrum war durch Musialas Bewegungen entsprechend viel Betrieb. Dadurch, dass Angreifer Jackson sich auch immer wieder etwas fallen ließ, hatte der FC St. Pauli ständig Stress, um nicht zentral vor der eigenen Kette in Unterzahl zu geraten. Das mag nun angesichts des Ergebnisses und auch des Chancenverhältnisses komisch klingen, aber wenn der FCSP geordnet im 5-4-1 stand, dann gab es nahezu keine Räume für den FC Bayern München. Gefahr für das Tor von Vasilj gab es eigentlich immer nur dann, wenn der FCSP nicht rechtzeitig in diese Struktur fand. Leider passierte das aber ganz schön oft.
Bereits nach neun Minuten ging der Rekordmeister in Führung. Und das durch eine Szene, deren Gefährlichkeit Alexander Blessin vor dem Spiel explizit betont hatte. Der FCSP-Chefcoach hatte vor den Flanken der Bayern gewarnt. Nun segelte in der 8. Minute eine von Laimer an den zweiten Pfosten, wo Musiala nicht einmal richtig hochspringen musste, um den Ball in das Tor zu köpfen. Der Abstand zwischen Pyrka und Andō war in dieser Situation zu groß, erklärte Blessin nach Abpfiff: „Da haben wir geschlafen und das tut, gerade nach acht Minuten, extrem weh.“ Tatsächlich hatte Pyrka erst sehr spät erkannt, dass der Abstand zu seinem Mitspieler in der Kette zu groß ist und Musiala in diesen Raum eingelaufen war. Übrigens hatten Fujita und Rasmussen kurz nach dem Gegentreffer massiven Redebedarf, unterhielten sich unangenehm offensiv miteinander auf dem Platz. Beide Spieler hatten in der Situation vor dem 0:1 jeweils die Möglichkeit, den Ball zu gewinnen, ein direkter Fehler von einem der beiden ist nicht auszumachen (und ich habe schlicht vergessen Blessin zu fragen, was da los gewesen ist).
Für den gesamten Matchplan des FC St. Pauli ist dieser frühe Gegentreffer natürlich Gift gewesen. Blessin betonte vor Anpfiff, dass man versuchen müsse, die Partie so lange wie möglich offen zu halten. Nach neun Minuten wankte dieses Vorhaben bereits gewaltig. Und es hätte sich niemand beschweren dürfen, wenn der FCB bereits innerhalb der ersten 25 Minuten für klare Verhältnisse gesorgt hätte. Chancen dafür gab es genug, entweder aus Umschaltmomenten (wie beim Abschluss von Jackson, den Wahl noch so abfälschte, dass der Ball an die Latte prallte) oder Ballverlusten im eigenen Drittel (wie beim Pfostenschuss von Musiala, als Vasiljs eröffnender Pass fürchterlich misslang). Auch Olise hatte in der Anfangsphase eine gute Torgelegenheit, schob den Ball aber knapp am linken Pfosten vorbei.
Der FC St. Pauli überstand diese Anfangsphase mit „nur“ einem Gegentreffer – und plötzlich übernahm er kurzzeitig sogar das Spiel. Nach einer tollen Kombination über die eigene rechte Seite mit Pyrka und Sinani fand Rasmussen mit seinem Pass von der Grundlinie Pereira Lage im Rückraum. Der 29-jährige machte dann vieles richtig, versuchte den Ball gegen die Laufrichtung im FCB-Tor unterzubringen. Allerdings hatte FCB-Innenverteidiger Kim etwas dagegen, klärte den Ball zur Ecke. Doch auch der Standard war gefährlich: Die Flanke von Sinani bimmelte ein wenig im Fünfmeterraum des Rekordmeisters umher und kam dann zu Ritzka nach links, der auf den zweiten Pfosten flankte, wo Andō dem Ball per Kopf aber nicht genug Richtung und Tempo mitgeben konnte. Völlig klar: Wenn man gegen den FC Bayern München etwas Zählbares holen möchte, dann muss so eine Phase zu einem eigenen Treffer genutzt werden. Das passierte aber leider nicht.
Nach dieser guten Phase des FC St. Pauli rund um die 30. Minute verflachte die Partie bis zur Pause. Dem FCSP gelang es nun, kompakt im 5-4-1 gegen das Bayern-Aufbauspiel zu stehen. Der FCB suchte zwar nicht mit Nachdruck die Lücke im kompakten braun-weißen Verbund, aber das Heimteam bot den Bayern außer dem Ball in ungefährlichen Zonen eben auch nichts an. So ging es mit einem Ergebnis in die Pause, bei dem aus FCSP-Sicht durchaus noch Hoffnung für die zweiten 45 Minuten bestand.

Der erste von fünf Gegentreffern für den FC St. Pauli: Jamal Musiala köpft recht ungehindert gegen Nikola Vasilj ein.
Und in diese zweite Halbzeit startete der FC St. Pauli auch gut, sie sollte dann aber richtig schwach werden. Hountondji hatte in der 47. Minute nach einer Umschaltsituation eine gute Abschlussgelegenheit, brachte aber nicht genug Druck auf den Ball, sodass Neuer keine Probleme hatte, diesen zu halten. Wenige Minuten später folgte eine Szene, die in jeder Hinsicht ärgerlich ist: Fujita legte sich mit Olise an, stieg gleich mehrfach völlig übermotiviert in den Zweikampf ein und holte sich dadurch eine hochverdiente Gelbe Karte ab. Es ist seine fünfte, er wird gegen Köln nicht dabei sein können.
Die Sperre ist an sich eigentlich schon Strafe genug und Blessin erklärte nach Abpfiff auch, dass man darüber noch reden werde. Sich mit bereits vier Gelben Karten auf dem Konto im Spiel gegen den FC Bayern München eine Verwarnung abzuholen, die aufgrund der Situation völlig unnötig ist und damit für das so wichtige Spiel gegen Köln zu fehlen, ist ein Bärendienst für ein Team, das personell sowieso schon auf dem letzten Loch pfeift. Das Sahnehäubchen dieser Aktion gab es dann noch direkt im Anschluss an die Verwarnung. Denn zu allem Überfluss nutzte der FC Bayern München die Standardsituation, um mit 2:0 in Führung zu gehen. Die Flanke verlängerte Ritzka unfreiwillig, sodass Goretzka den Ball aus rund sechs Metern gnadenlos volley ins Tor ballerte.
Dieser zweite Gegentreffer war ganz offensichtlich ein Wirkungstreffer. Jedenfalls verlor Mets nur Sekunden nach dem Wiederanpfiff den Ball. Und der FC Bayern München ist einfach gut genug, um solche Geschenke auch einfach anzunehmen: Olise erzielte also nur Sekunden nach dem 0:2 das 0:3.Es ist natürlich ätzend, dass er danach, Gelb-vorbelastet, vor der Gegengerade jubelt. Muss er nicht, kann er vielleicht sogar noch bestraft werden für, hat die Stimmung dann natürlich noch weiter angeheizt. Ein Fußballprofi sollte sich in hitzigen Stadien besser beherrschen, meine viele. Aber bitte bedenkt bei all dem Frust, dass Olise 25 Jahre alt ist, zum Zeitpunkt des Treffers bereits eine Halbzeit lang vor allem von der Gegengerade ausgepfiffen wurde (ein intensiver Zweikampf mit Mets war der Ursprung der Pfiffe). Zu erwarten, dass Olise völlig eiskalt auf sowas reagiert, dass ihm die Pfiffe egal wären, halte ich für vermessen – und es wäre doch auch total schade.
Denn vielmehr ist es doch so: Wir konnten wieder beobachten, dass man von den Rängen auf viele Arten Einfluss auf ein Spiel nehmen kann. Gegenspieler konsequent auspfeifen gehört eher nicht zu den liebsten, aber es ist sicher eine der effektivsten. Das ist mit Olise geschehen – und wenn das Stadion ihn 45 Minuten lang aus voller Inbrunst auspfeift, dann sollte das Stadion es auch aushalten, wenn er bei Torjubel und Auswechslung mit großer Wonne eigene Provokationen zurückschießt. Am Millerntor Gegenspielern auch mal verbal die Hölle heiß machen, that’s part of the game. Oft ist es schon gelungen, die Spieler derart zu entnerven, dass sich das negativ auf ihre Leistung auswirkte. Dieses Mal hat in Person von Olise aber der Spieler gewonnen, das müssen wir uns ehrlich eingestehen – und es auch sportlich fair so annehmen. Statt sich also über seine Provokationen aufzuregen, könnte man auch sagen: „Ok, wir haben von den Rängen alles gegeben, um dich zu entnerven, um negativen Einfluss auf dein Spiel zu nehmen, aber das hat nicht geklappt. Well played, Michael Olise!“ Ich wäre jedenfalls sehr traurig, wenn solche Elemente und Dynamiken in Fußballspielen fehlen (da schließe ich explizit das Werfen von Gegenständen aus). Sich also über das Verhalten von Olise aufregen? Ja, habe ich in dem Moment natürlich auch gemacht. Mit etwas Ruhe und Abstand zum Spiel bin ich aber der Ansicht, dass ich mich sehr freuen, würde Michael Olise wieder am Millerntor „freundlich“ begrüßen zu dürfen – und das Spiel damit in eine neue Runde gehen zu lassen.
War nach dem 0:2 bereits klar, dass der FC St. Pauli diese Partie verlieren würde, so drohte sie nach dem schnellen 0:3 eine äußerst beschissene Dynamik anzunehmen. Denn der FCB schien sich nicht in einen Schongang begeben zu wollen, sondern entdeckte die Lust am Toreschießen. Und der FCSP lud den Rekordmeister dazu ein. Es war wirklich völlig ungewohnt, aber sowohl dem dritten als auch dem vierten und dem fünften Gegentreffer gingen jeweils haarsträubende individuelle Fehler voraus. Mets spielte vor dem 0:3 einen schlimmen Fehlpass. Zehn Minuten später verdaddelte Fujita den Ball am eigenen Strafraum gegen den eingewechselten Stanišić, Jackson erzielte Momente später den vierten Treffer. Kurz vor Schluss vertändelte Wahl den Ball am Strafraumeck, Guerreiro nutzte die Szene zum fünften FCB-Treffer. Und das waren nur die Szenen, in denen Ballverluste direkt bestraft wurden. Insgesamt 27 mal verlor der FC St. Pauli den Ball in der eigenen Hälfte, ein irre hoher Wert. Aber auch keiner, der gegen den FC Bayern München überrascht. Denn das Team von Kompany legt es mit seiner mannorientierten Spielweise auch genau darauf an – und ist damit gegen den FCSP erfolgreich gewesen. Wie auch in vielen anderen Spielen in dieser Saison. Wie auch in Madrid, in Paris, gegen Dortmund und gegen etliche weitere Teams. Und damit zur Einordnung dieser Niederlage:
Es wurde nicht nur das Spiel verloren, sondern auch das kleine Polster im Torverhältnis im Vergleich zu Wolfsburg ist jetzt weg. Fühlt sich scheiße an. Das 0:5 am Samstag ist die höchste Heim-Niederlage seit dem 1:8 gegen den FCB am letzten Spieltag der Saison 10/11. Fühlt sich scheiße an. Ich bin fast schon froh, dass wir keinen Treffer mehr erzielt haben. Das fand ich 2011 extrem unangenehm, wie das damals gefeiert wurde und als Schiedsrichter Stieler am Samstag kurz vor Schlusspfiff das 0:6 zurücknahm (es war Abseits), brandete ein Jubel auf, der mich auf unangenehme Art und Weise an das 1:8 erinnerte. Nein, so bitte nicht. Hoch verlieren ist bereits scheiße, wenn Hohn dabei ist, ist es aber noch viel schlimmer.
Nun zur nüchternen Sicht der Dinge: Wir haben jetzt dreimal in Folge nur knapp verloren gegen den Rekordmeister. Das allein ist schon super. Dass es dieses Mal kräftig in unserem Tor geklingelt hat, war auch einfach eine Frage der Zeit. Auf 105 Tore in 29 Spielen kommt der FCB bisher in dieser Bundesligasaison, 3,6 pro Partie. Fünf Gegentreffer sind da überdurchschnittlich, aber sie sind nicht einmal ein statistischer Ausreißer. Oder anders: Was haben der VfB Stuttgart, die TSG Hoffenheim, Atalanta Bergamo, der HSV, Pafos FC, der SC Freiburg und Leipzig mit dem FC St. Pauli gemeinsam? Richtig, sie alle haben in dieser Saison in einem Spiel fünf oder mehr Gegentreffer vom FCB gefressen, Leipzig sogar zweimal. In fast der Hälfte der Bundesligaspiele hat der FC Bayern München vier oder mehr Treffer erzielt. Ein 0:5 fühlt sich scheiße an und vom FC St. Pauli sind wir in den letzten Jahren diese Art des Auseinanderfallens nicht gewohnt. Aber entspannen wir uns etwas, setzen wir es ins richtige Bild: Gegen Bayern kann man mal verlieren, auch hoch.
Der FC St. Pauli bekam an diesem Samstag klar die Grenzen aufgezeigt. Der FC Bayern München ist aktuell leistungsmäßig ziemlich weit weg – und das liegt nicht nur daran, dass sie so viel besser als der Rest der Liga sind, sondern der FCSP ist eben auch eines der schwächsten Teams der Bundesliga. Isso, hätte uns der FCB nicht in Form eines 0:5 vor Augen führen müssen. Bis 24 Stunden nach der Partie können wir noch Frust schieben. Ab dann sollte der volle Fokus dem kommenden Freitag gelten, wenn der 1. FC Köln ans Millerntor kommt.Immer weiter vor!// Tim
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