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Philipp Overhoff·26 de março de 2026
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Philipp Overhoff·26 de março de 2026
Erlebt der italienische Fußball heute ein bitteres Déjà-vu? In Bergamo ist die Nationalmannschaft in den Playoffs der WM-Qualifikation gefordert. Es geht gegen den krassen Außenseiter Nordirland.
Auf dem Papier scheint die Ausgangslage dankbar. Zeitgleich wirkt sie aber auch unangenehm vertraut. Schon 2017 gegen Schweden und 2022 gegen Nordmazedonien stolperte die Squadra Azzurra in den Playoffs über vermeintlich kleine Gegner und verpasste letztlich die Weltmeisterschaft. Es droht also der dritte Knockout in Folge!

Die Dimension der Krise ist gewaltig. Seit 2014 hat Italien kein Spiel mehr bei einer WM bestritten, das letzte K.o.-Duell datiert sogar auf das Jahr 2006. Damals besiegte man Frankreich im Finale von Berlin und schwang sich so endgültig zum Crasher des deutschen Sommermärchens auf. Doch seitdem ist Essig.
"Im Sport dreht sich alles um Zyklen, aber dieser im Fußball dauert schon viel zu lange", klagte Sportminister Andrea Abodi zuletzt. Tatsächlich haben Millionen von Kindern keine Erinnerung an ein WM-Spiel mit italienischer Beteiligung. Für ein Land, in dem der Fußball nach wie vor Religion ist, ein kaum vorstellbarer Zustand.
"Über Generationen kamen Italiener während der Weltmeisterschaft zusammen und schwenkten unsere Flagge", sagte Abodi der Zeitung 'La Stampa'. Doch um ein solches Gefühl der Einheit liefern zu können, ist die Nationalmannschaft seit geraumer Zeit schlichtweg zu schlecht.
Dass dieser Tage eine erneute Blamage drohen könnte, ist alles andere als ein Zufall, sondern das Resultat struktureller Probleme. Ein Blick auf den Kader zeigt ein klares Ungleichgewicht: Während die Defensive und das zentrale Mittelfeld weiterhin international konkurrenzfähig sind, fehlt es jenseits der Achterposition massiv an Qualität. Spieler wie Gianluigi Donnarumma, Alessandro Bastoni oder Nicolò Barella gehören zur internationalen Spitze. Doch vorne ist man nur noch Durchschnitt – wenn überhaupt!
Keine Zahl beschreibt das Problem dabei so gut wie diese: Der beste italienische Torschütze in der Serie A ist Moise Kean, der bei der abstiegsbedrohten AC Florenz mickrige acht Tore erzielt hat. Weltklasse-Offensivspieler bildet das Land schon lange nicht mehr aus. Der letzte, der diesem Anspruch gerecht wurde, war wohl Mario Balotelli, der seinen zugegeben ziemlich kurzen Peak Anfang der 2010er Jahre erlebte.
Andere einst hochgehandelte Namen wie Federico Chiesa, Nicolò Zaniolo oder Federico Bernardeschi konnten die hohen Erwartungen nie dauerhaft erfüllen und haben es nicht einmal in den aktuellen Kader geschafft.
Die Gründe für diese historische Krise liegen tief und sind eng mit der Nachwuchsarbeit verknüpft. Denn in Italien dominiert noch immer ein eher konservatives Fußball-Verständnis. Taktische Disziplin, defensive Stabilität und Risikovermeidung stehen über mutiger Ideenfindung und Kreativität. Der legendäre Catenaccio-Ball lebt also weiter, nur passt er nicht mehr in diese Zeit.
Verbandspräsident Gabriele Gravina hat das Problem erkannt und fordert ein Umdenken. Man müsse sich von reaktiven Herangehensweisen lösen, bei denen "das Gewinnen um jeden Preis" im Vordergrund steht, erklärte er.
Zu einem ähnlichen Urteil kommt Daniele Verri: "Sie bringen keine Talente hervor und spielen einen langsamen Fußball", sagte der Journalist im 'BBC'-Gespräch über die Serie-A-Klubs. Junge Spieler bekommen zu selten ernst gemeinte Chancen, werden lange in Nachwuchsteams gehalten oder frühzeitig in die Pampa verliehen. Fehler werden ihnen von Fans und Medien zudem weniger verziehen als in anderen Ländern. Trainerlegende Fabio Capello bringt es drastisch auf den Punkt: "Lamine Yamal hätte in Italien nie gespielt."
📸 Marco Luzzani - 2025 Getty Images
Während Nationen wie Spanien, England, Frankreich und mit Abstrichen auch Deutschland konsequent auf junge Spieler setzen, hält Italien also taktisch wie personell an alten Mustern fest. Jene Muster brachten der Nationalmannschaft und den Vereinen zwar jahrzehntelang überwältigende Erfolge ein, sind jedoch ganz eindeutig aus der Zeit gefallen.
Um es drastisch zu formulieren: Der italienische Fußball hat sich an seiner eigenen Medizin überfressen. Selbst der überraschende EM-Titel 2021 kann darüber nur schwerlich hinwegtäuschen.
Die Aufarbeitung dieser Systemkrise wird Jahre dauern. Erste Früchte eines neuen Nachwuchskonzeptes dürften frühestens bei der Heim-EM 2032 geerntet werden können. Das Turnier richtet Italien gemeinsam mit der Türkei aus.
Aktuell hingegen geht es um nicht weniger als das nackte Überleben. Gegen Nordirland – und im besten Fall anschließend gegen Wales oder Bosnien – soll die Mannschaft von Gennaro Gattuso dafür sorgen, dass eine ganze Generation italienischer Kinder endlich auch mal ein WM-Spiel ihrer Fußball-Helden verfolgen darf.
📸 Marco Luzzani - 2025 Getty Images









































