MillernTon
·4. Mai 2026
Der FC St. Pauli beschwört den Zusammenhalt

In partnership with
Yahoo sportsMillernTon
·4. Mai 2026

Nach der Niederlage gegen Mainz ist die Tabellensituation des FC St. Pauli kritischer denn je. Spieler und Trainer betonen aber, dass man zusammen den Klassenerhalt schaffen will.(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Seit acht Spielen wartet der FC St. Pauli auf einen Sieg. Wie schon in der Hinrunde gibt es auch in der Rückrunde eine quälend lange Sieglos-Serie und es ist völlig klar: Wenn es dem FCSP nicht unverzüglich gelingt, ein anderes Gesicht auf dem Platz zu zeigen als in den Spielen gegen Mainz und Heidenheim, dann steht der Abstieg unmittelbar bevor.
Was bedenklich stimmt: Die Entwicklung ist fürchterlich negativ. Der FC St. Pauli verlor die letzten beiden Spiele nicht etwa unglücklich, sondern offenbarte, dass er weder defensiv noch offensiv über 90 Minuten mit (mittel- und unterklassigen) Bundesligateams mithalten kann. Die Fehlerquote ist extrem hoch, die Qualität zu niedrig, Matchpläne werden nicht umgesetzt oder funktionieren nicht und der mentale Status des Teams kann nur als äußerst labil bezeichnet werden, wenn man sich anschaut, wie auf die frühen Rückstände in Heidenheim und gegen Mainz reagiert wurde.
Der FC St. Pauli stellt die mit großem Abstand schwächste Offensive der Bundesliga. Das war schon in der Vorsaison der Fall, aber in dieser Spielzeit ist das Team nicht fähig, diese Schwäche durch eine stabile Defensive auszugleichen. Und zu dieser aktuell schwachen Phase des Teams kommt erschwerend hinzu, dass die Konkurrenz punktet. Heidenheim war nach 25 Spieltagen zehn Punkte entfernt, ist nun bedrohlich nahe gerückt, Wolfsburg hat den Rückstand von vier Zählern komplett aufgeholt. Die damals auf ähnlichem Niveau stehenden Teams aus Bremen (fünf Zähler mehr als der FC St. Pauli seitdem), Köln (sechs Zähler mehr), Mönchengladbach (acht) und Mainz (elf) sind längst enteilt.Es kann gefühlt noch unendlich lange aufgezählt werden, was alles für einen Abstieg des FC St. Pauli spricht. Aber das bringt niemanden weiter. Was aber auch klar ist: Die sportlichen Leistungen und die Tabellensituation führen vermutlich in 49 von 50 Fällen dazu, dass es einen Wechsel an der Seitenlinie gibt. Der FC St. Pauli ist aber der 50. Fall, die Ausnahme.
Sowieso stellt sich die Frage, was ein Trainerwechsel in der jetzigen Situation bringen würde. Zeit, um an den wesentlichen und dringenden Themen zu arbeiten, bliebe nicht. Dafür gibt es zu wenige Trainingstage bis Saisonende und die Probleme sind zu tiefgreifend, um innerhalb dieser Zeit noch gelöst zu werden. Ein neues Gesicht an der Seitenlinie könnte vielleicht einzig den Effekt eines neuen Impulses für das Team haben. Dass das Team in irgendeiner Art und Weise einen Impuls benötigt, davon konnte man sich in den letzten Wochen problemlos überzeugen. Aber es ist keineswegs gesichert, dass dieser kommt, wenn der Trainer gewechselt wird. Eine Übersichtsstudie von Sousa et al. (2024) zu dem Thema kommt zu dem Ergebnis, dass Teams nach einem Trainerwechsel kurzfristig zwar besser performen, aber dass das zumeist auch dann der Fall ist, wenn Teams den Trainer nicht wechseln. Der Effekt von Trainerwechseln erscheint positiver, weil Teams zuvor oft lange Durststrecken durchleben und dann irgendwann auch mal wieder ein Spiel gewinnen.
Innerhalb des FC St. Pauli ist ein Trainerwechsel wohl auch überhaupt kein Thema. Zumindest stellten sich sämtliche Führungsspieler nach Abpfiff am Sonntag demonstrativ hinter Alexander Blessin. Karol Mets sagte: „Wir stecken zusammen in dieser Situation. Es darf nicht nur eine Person beschuldigt werden, es ist das gesamte Team. Wir alle müssen es besser machen, wenn wir in dieser Liga bleiben wollen. Wir sind ein Team und wir werden auch bis zum Ende ein Team bleiben.“Hauke Wahl reagierte fast gereizt auf eine Frage zur Trainerdiskussion, wiegelte ab: „Es ist zwei Spieltage vor Schluss. Da werden wir jetzt nicht anfangen, über den Trainer zu reden.“ Auch Eric Smith wurde schmallippig, aber keineswegs schwammig. Als er gefragt wurde, ob Blessin der richtige Trainer in der jetzigen Situation sei, antwortete kurz und deutlich: „Natürlich.“Jackson Irvine wurde gefragt, ob es Gedanken gebe, den Trainer zu wechseln in dieser Situation. Auch er wurde deutlich: „Auf keinen Fall! Der einzige Weg, um rauszukommen, ist zusammen. Wir alle müssen eng zusammenstehen, uns gegenseitig unterstützen. Das ist der einzige Weg, um in den nächsten zwei Wochen erfolgreich zu sein.“
Die Spieler des FC St. Pauli demonstrieren also Geschlossenheit hinter Alexander Blessin. Das hörte sich in dieser Saison bereits anders an. Im November, nach der Niederlage gegen Union Berlin, erklärte Irvine auf die Frage, ob er der Meinung sei, dass Blessin der richtige Trainer ist, bemerkenswert distanziert: „Es geht hier nicht um meine Meinung. Wir sind die Spieler, er ist der Trainer – und so lange das so ist, arbeiten wir als Team zusammen.“ Die jetzt demonstrierte Geschlossenheit dürfte Blessin guttun, schließlich galten die Pfiffe, die es am Sonntag in der Halbzeitpause zu hören gab, teilweise explizit ihm, so haben es viele und so hat auch er selbst es registriert. Geht der Cheftrainer des FC St. Pauli also angeknockt in die letzten Spiele?
Angesprochen auf die Pfiffe erklärte Blessin: „Das ist okay, das trage ich. Dann sollen sie mich die ganze Zeit auspfeifen, aber nicht die Mannschaft. Es gilt jetzt, die Mannschaft zu unterstützen.“ Der Cheftrainer stellt sich damit schützend vor seine Mannschaft, die ihm wiederum den Rücken stärkt. Er machte aber auch keinen Hehl daraus, dass die aktuelle Situation an ihm nage, das war ihm auch deutlich anzumerken nach Abpfiff. Trotzdem gab er sich kämpferisch und zuversichtlich: „Ich werde nicht hinschmeißen. Ich stehe dazu und ich bin davon überzeugt, dass wir das zusammen schaffen.“ Zudem glaubt er nicht, dass ein Trainerwechsel etwas bringe, andernfalls „wäre ich schon längst bei Andreas Bornemann gewesen.“
Die Trainerfrage beim FC St. Pauli stellt sich also nicht wirklich. Andreas Bornemann hatte erst Mitte April gegenüber dem Abendblatt (€) erklärt, dass Blessin bis Saisonende Cheftrainer bleibt. Es deutet nichts darauf hin, dass sich an dieser Entscheidung seitdem etwas geändert hat. Sowieso: Wenn dieser Wechsel jetzt käme, muss sich die sportliche Leitung ernsthaft fragen, warum das nicht bereits im Winter gemacht wurde.Vielmehr stärkt der FC St. Pauli auch in der aktuellen Krise Alexander Blessin also demonstrativ den Rücken. Sowieso wäre ein Trainerwechsel zum jetzigen Zeitpunkt eher ein Ausdruck von Aktionismus und nur dann in Erwägung zu ziehen, wenn er „die Kabine verloren“ hätte. Ob das so ist, dürften die Verantwortlichen sehr viel besser einschätzen können als alle Außenstehenden. Und wie richtig oder falsch die Entscheidung ist, muss nach Saisonende bewertet werden. Zuvor ist Zusammenhalt wichtiger, als sich mit einem Thema zu befassen, das irrelevant ist, weil es sowieso nicht so weit kommen wird. Das kostet Energie, die der FC St. Pauli an anderen Stellen dringend benötigt.
// Tim
Alle Beiträge beim MillernTon sind gratis. Wir freuen uns aber sehr, wenn Du uns unterstützt.
Unsere Kommentare sind nur per Registrierung zugänglich. Bitte bei Bedarf eine E-Mail mit Klarnamen und gewünschtem Username an Maik@MillernTon.de schicken.
// Teile diesen Beitrag mit Deinem Social Media Account (Datenübertragung erfolgt erst nach Klick)







































