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Philipp Overhoff·21. Februar 2026
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Philipp Overhoff·21. Februar 2026
Am Montag, einen Tag vor dem wichtigen Champions-League-Duell mit Atalanta, waren es nicht etwa Serhou Guirassy, Julian Brandt oder Gregor Kobel, die sich an der Seite von Trainer Niko Kovac auf der abschließenden Pressekonferenz einfanden. Nein, neben dem kroatischen Erfolgscoach stellte sich Julian Ryerson den Fragen der Journalisten.
Ein Zufall? Ganz sicher nicht.
Nur drei Tage zuvor hatte der 28-Jährige beim 4:0 gegen Mainz wohl das beste Spiel seiner Dortmunder Zeit abgeliefert und alle vier Treffer vorbereitet. Vier Assists. In einem Bundesligaspiel. Historisch. Seit Beginn der detaillierten Datenerfassung 2004/05 war das beim BVB noch keinem gelungen.
Ryerson sprach anschließend selbstbewusst von einer Verbesserung „von meiner Seite“ und von „guten Zahlen“. Elf Torvorlagen stehen inzwischen in der Liga zu Buche. Mehr Assists hat ligaweit nur Bayern-Star Michael Olise auf dem Konto. Zehn dieser elf Vorlagen resultierten dabei aus Flanken. Das ist Bestwert in Europas Top-5-Ligen.
Scheinbar urplötzlich ist aus dem einstigen Außenbahn-Arbeiter einer der gefährlichsten Vorbereiter des Kontinents geworden.

Dass Ryerson einmal in einem Atemzug mit Europas Elite genannt werden würde, hätte im Januar 2023 wohl niemand ernsthaft prognostiziert. Für gerade einmal fünf Millionen Euro kam er von Union Berlin nach Dortmund.
Bei den Eisernen hatte sich der Norweger als defensiv zuverlässiger, taktisch disziplinierter Außenverteidiger etabliert. Er passte perfekt zum Urs-Fischer-Stil, lieferte kein Glamour und nur wenig Spektakel. „Julian ist ein intelligenter und im positiven Sinne sehr aggressiv verteidigender Spieler“, erklärte Sportdirektor Sebastian Kehl damals die Verpflichtung. Von Offensiv-Explosionen war keine Rede.
Entsprechend verhalten fiel die Reaktion im eigenen Fanlager aus. „Wer zur Hölle ist Ryerson?“, ätzte etwa der BVB-Blog 'schwatzgelb.de‘. Die meisten sahen in ihm höchstens einen soliden Rotationsspieler.
📸 RONNY HARTMANN - AFP or licensors
Doch Ryerson strafte seine Kritiker Lügen. In der Rückrunde 2022/23 schwang er sich sofort zum Stammspieler auf. Rechts wie links verteidigte er kompromisslos, war ein elementarer Baustein in einer Halbserie, an deren Ende der BVB die Meisterschaft nur hauchdünn verpasste. Offensiv blieb sein Beitrag mit einem Assist allerdings überschaubar. In der Saison 2023/24 legte er immerhin fünf Scorerpunkte nach (vier Tore, ein Assist).
So oder so hatte ein Teil der Fans ihr Kampfschwein längst ins Herz geschlossen. Woche für Woche lieferte Ryerson Einsatz, Mentalität, und Verlässlichkeit.
Und dennoch blieb ein Makel haften. Für die hohen spielerischen Dortmunder Ansprüche schien er fußballerisch zu limitiert. Sein Ruf lautete, ein leicht überdurchschnittlicher Bundesliga-Außenverteidiger zu sein.
Auch in den kommenden anderthalb Jahren setzte sich dieses Bild zunächst fort. Der Rechtsfuß war fast immer Stammspieler, zeigte ordentliche Leistungen und wies einen soliden Offensiv-Output auf. Doch als der BVB im November des vergangenen Jahres in seine erste kleine Krise dieser Spielzeit rutschte, wurde Ryerson gar zum Symbolbild der Misere erklärt. „Leopardenmuster auf dem Kopf, aber zahnlos auf dem Fußballplatz“, schrieb 'Ruhr24‘ in Anlehnung an seine durchaus wilde Haarpracht spöttisch.
Dieser Kommentar alterte schlecht. Mit Beginn der zweiten Saisonhälfte explodierte Ryerson förmlich. Acht seiner elf Bundesliga-Assists sammelte er im laufenden Kalenderjahr. Wettbewerbsübergreifend kommt er 2026 bislang auf neun Vorlagen – übertroffen nur von Michael Olise.
Er steht sinnbildlich für den Dortmunder Aufschwung, der sich aktuell in sechs Bundesliga-Siegen in Serie widerspiegelt. Und auch international läuft es. Beim 2:0 im Playoff-Hinspiel gegen Atalanta bereitete er mit einer butterweichen Flanke auf Serhou Guirassy das 1:0 vor. Ryerson ist plötzlich nicht mehr nur ein Stabilitätsfaktor. Er ist vielmehr ein echter Difference-Maker.
Der Schlüssel zu seiner Entwicklung liegt vor allem im Bereich der Standards. Beim 4:0 gegen Mainz nahm Ryersons Flankenkunst fast schon historische Dimensionen an. Ein perfekt getretener Freistoß auf Guirassy, eine punktgenaue Hereingabe auf Beier, eine messerscharfe Ecke erneut auf Guirassy. Selbst beim vierten Treffer war seine Ecke der Ausgangspunkt.
„Ich muss den Ball auf den Punkt bringen, die anderen müssen dahin laufen“, erklärte er anschließend nüchtern.
Doch tatsächlich verbreitet der BVB bei ruhenden Bällen derzeit Angst und Schrecken. In den sieben Ligaspielen seit Jahresbeginn erzielte Dortmund sieben Treffer nach Ecken oder Freistößen. Sechs davon fielen nach Hereingaben von Ryerson.
📸 Alex Grimm - 2026 Getty Images
Co-Trainer Robert Kovac, der das Standardtraining nach der Trennung von Alex Clapham übernahm, setzt offenbar auf Simplifizierung. Klare Laufwege, präzise Ausführung und ein perfektes Timing sind das Gebot der Stunde. Ganz nach dem Motto: weniger Schnickschnack, mehr Effizienz.
Ryerson ist dabei der Dirigent im Konzert der ruhenden Bälle. Seine Flanken kommen mit einer Präzision, die Beobachter bereits zu Vergleichen mit den größten Fußballern aller Zeiten verleitet. Der 'kicker‘ versah den BVB-Star kürzlich sogar mit dem Spitznamen „Ruhrpott-Beckham“. Und tatsächlich: Kaum ein anderer Spieler in Europa schlägt den Ball derzeit so konstant gefährlich in den gegnerischen Strafraum.
Diese Entwicklung bleibt selbstredend nicht unbemerkt. Medienberichten zufolge stehen Top-Klubs wie Liverpool, Barcelona, Newcastle und Manchester United aktuell Schlange.
Aus dem einst belächelten Fünf-Millionen-Transfer ist binnen drei Jahren ein Außenverteidiger geworden, der Spiele entscheidet – und das nicht nur mit Disziplin und Mentalität, sondern inzwischen auch mit Weltklasse-Flanken.
Und so schließt sich der Kreis zum vergangenen Montag. Dass ausgerechnet Julian Ryerson neben Niko Kovac auf dem Podium saß, war ein klares Signal. Der BVB weiß, wem er seinen aktuellen Höhenflug zu großen Teilen zu verdanken hat.
Vom „Wer zur Hölle ist das?“ zum vielleicht begehrtesten Außenverteidiger Europas: Ryersons Reise sucht wahrlich seinesgleichen. Ungewollt ist der Senkrechtstarter mittlerweile nirgends mehr.
📸 Stuart Franklin - 2026 Getty Images









































