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·1. Februar 2026
Große Analyse: Ist Schalke unter Muslic bereits entschlüsselt worden?

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·1. Februar 2026

Aus den letzten vier Spielen hat der FC Schalke keinen Sieg holen und nur zwei Remis einfahren können. Dementsprechend steht eine Ausbeute von zwei aus möglichen zwölf Punkten für die Mannschaft von Miron Muslic. Abseits der mageren Resultate sorgten auch die Auftritte an sich für mehr Kritik und zuweilen gar Unmut der Fans.
Auch gegen den VfL Bochum setzte sich dieser Trend am Samstag fort. Dem VfL reichte eine solide erste Halbzeit für eine verdiente Zwei-Tore-Führung, welche die Gastgeber schlussendlich auch über die Ziellinie bringen konnten. Schalke zeigte eine sehr schwache erste und eine etwas verbesserte zweite Hälfte. Insgesamt blieben die Knappen aber zu fehleranfällig und boten zu wenig Durchschlagskraft auf, um über zwei 'was wäre wenn?'-Situationen (fehlender Pass von Kenan Karaman und zurückgenommener Treffer nach vermeintlichem Foul an Timo Horn) hinaus Gefahr auszustrahlen.
Somit stellt sich die Frage: Ist es nur ein aktueller Eindruck, oder spielt Schalke in den nun vier letzten Partien längst nicht mehr so gut und gefestigt auf?
Ein Blick auf die Statistiken beantwortet diese Frage. Vorweg: Tatsächlich ist Königsblau schlechter geworden. Doch was genau heißt "schlechter" in diesem Kontext? Wenn auf die unterschiedlichen Aspekte des S04-Spiels geschaut wird, ergibt sich ein recht klares Bild.
Der Ballbesitz ist kein Freund der Muslic-Mannschaft. Wer primär auf (hohe) Balleroberungen und Umschaltaktionen setzt, der möchte den Ball gar nicht so sehr am eigenen Fuß haben. Das Problem: Genau das hatte Schalke aber zuletzt vermehrt.
Das Portal Football Match Reports Streamlit weißt mit den Daten von opta folgendes aus: In gleich vier der letzten sieben Spiele gab es prozentual mehr Ballbesitz, als der Durchschnitt in der bisherigen Saison. Das Bochum-Spiel kommt noch dazu: 62 Prozent gingen laut sofascore an den Tabellenführer der 2. Bundesliga. Damit musste Schalke in gleich fünf der letzten acht Spiele vorrangig auf das Spiel mit dem Ball setzen - und das ist ebenso nachweislich wie sichtbar eine deutliche Schwäche.
Schalke hat also häufiger den Ball - und kann dementsprechend seltener auf Balleroberungen gehen. Das wirkt sich auch sehr deutlich auf die Torgefahr aus, die auch zuvor schon unter dem Durchschnitt der gesamten 2. Liga lag. Die erst 24 Tore in 20 Spielen sind dafür ebenfalls ein Indiz.
Hier gilt aber ein besonderer Blick auf die sogennanten 'open play xG', die rechnerisch erwartbaren Tore aus dem offenen Spiel heraus - also ohne Standardsituationen. Schon vor dem Bochum-Spiel war ein klarer Abwärtstrend zu erkennen: Ausgehend von der Auswärts-Niederlage bei Eintracht Braunschweig lag der S04 in zuletzt drei von vier Spielen unter dem ohnehin schon recht schwachen 'open play xG'-Schnitt. Konkret: Aus dem Spiel heraus wurde nochmal weniger Torgefahr herausgespielt.
Doch auch ein größerer Blick zeigt: Dieser Abwärtstrend hält schon etwas länger an. Bereits zum November, also als die Verletztenliste wieder angewachsen war, gab es gleich drei unterdurchschnittliche Ausreißer. In fünf der letzten neun Partien lieferte man eine selbst für eigene Verhältnisse unterdurchschnittliche Torgefahr ab, dazu kommt eine Partie, die nahezu exakt den Durchschnitt traf - und somit bleiben nur drei positive Ausreißer.
Dieses Bild bestätigt sich ebenfalls beim Blick auf den allgemeinen xG-Wert, also auch mit Standardsituationen inbegriffen: Auch hier liegt der S04-Schnitt unter dem Liga-Schnitt. Dazu kommt: In den bereits thematisierten vergangenen neun Partien lag die Muslic-Truppe in dieser Statistik gleich sechsmal unter dem eigenen Durchschnitt.
Das Positive - und zugleich Offensichtliche - vorweg: Die Verteidigung von Schalke ist überdurchschnittlich gut. Die selbst nach dem Bochum-Spiel 14 Gegentore sind für 20 Partien ein sehr guter Wert. Daran gibt es nichts zu rütteln.
Aber: In der Statistik der rechnerisch erwartbaren Gegentore, dem sogenannten 'xGA-Wert' (expected goals against), zeichnet sich ebenfalls ein Abwärtstrend ab. In gleich vier der letzten fünf Spiele haben die Gelsenkirchener (teilweise sogar deutlich) mehr Torgefahr für den Gegner zugelassen, als es der eigene Durchschnitt her gibt. In gleich drei dieser Fälle performte S04 sogar nahe des Liga-Schnitts oder gar schwächer, der wenig überraschend nochmal ein gutes Stück schlechter ausfällt, als der eigene Durchschnitt.
Die Defensive funktioniert also noch gut - aber eben längst nicht mehr so gut wie zuvor. Schalke lässt mehr gegnerische Torgefahr zu, was sich trotz eines starken Loris Karius mehr und mehr auch in Gegentoren widerspiegelt. Auch das wohl Folge des deutlich gestiegenen Ballbesitzes und demzufolge den möglichen Kontern der Gegner die sich nun einer Schalker Stärke der Vorrunde bedienen.
Eine der am seltensten genannten Stärken des S04 war die Spielkontrolle. Selbst in Partien, in denen das Muslic-Team nur wenig Ballbesitz und Torchancen vorweisen konnte, hatte man das Spiel im Griff. Die Gegner bespielten beispielsweise nur ungefährliche Zonen, konnten kaum progressive Pässe spielen, nur selten die blau-weißen Linien brechen.
Diese Stärke ist Schalke über die letzten Spieltage aber auch mehr und mehr abhanden gekommen. Zumeist lag Königsblau in der 'game control'-Statistik deutlich über dem Liga-Durchschnitt. In keiner einzigen der letzten fünf Partien erreichte man den eigenen Average - gleich zweimal unterbot man nicht nur diesen, sondern sogar den selbst für Zweitliga-Verhältnisse ziemlich mageren Wert.
Konkret bedeutet das, dass Schalke vermehrt kontrolliert wurde, anstatt selbst zu kontrollieren. Die Mannschaft hat weniger Zugriff und muss mehr reagieren, als dass sie selbst agieren kann. Das wäre erstmal kein größeres Problem für das Spiel unter Muslic, wenn die Pressingintensität noch auf dem gleichen Level wäre, wie in den ersten Wochen der Saison. Doch auch in diesem Aspekt gibt schlechte Nachrichten: Die Anzahl an hohen Balleroberungen etwa ist rückläufig.
In den letzten neun Spielen hat Schalke den eigenen Durchschnitt satte acht mal (!) unterboten. Viermal davon lag der Werte sogar unter dem Liga-Schnitt, der nochmal ein gutes Stück unter dem S04-Average liegt - da sich Königsblau eigentlich über diesen Wert als Stärke definiert hatte.
Es könnten noch andere Statistiken und Daten hinzugezogen werden, doch die Werte um den Ballbesitz, die eigene Torgefahr, die für den Gegner zugelassene Torgefahr sowie die Spielkontrolle allgemein zeigen bereits einen teils deutlichen Abwärtstrend - zumindest von den eigenen Werten ausgehend.
Diese Werte lagen teilweise auf einem hohen Niveau, sodass Schalke zum Teil noch immer durchschnittliche bis auch gute Werte vorzuweisen hat - aber sie nehmen eben ab.
Über die letzten Wochen kamen mehrere Faktoren zusammen: Eine geringe Torgefahr, eine anfälligere Defensive, weniger Spielkontrolle. Zusammen ergibt sich eine klare Tendenz: Siege werden unwahrscheinlicher, Remis und Niederlagen wiederum wahrscheinlicher - die Punkteausbeute leidet.
In einzelnen Spielen kann das noch ausgeglichen werden. So treffen viele dieser Statistiken beispielsweise auch auf das Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg zu. Diese Partie konnte aber trotzdem gewonnen werden, wenngleich nur knapp und auch glücklich mit 1:0. Grundsätzlich zeigt sich aber schon seit dem Dezember ein recht deutlicher Abwärtstrend in für S04 wichtigen Parametern.
Ist der Muslic-Spielstil von Schalke also bereits entschlüsselt worden? Jein.

Auch in Bochum gab es für Schalke nichts zu feiern / picture alliance/GettyImages
Die Verletztenliste sollte hier auch nicht unterschlagen werden. Der Ausfall von Vitalie Becker ist wohl das beste Beispiel. Weder Finn Porath konnte ihn adäquat ersetzen, noch half die Umstellung auf die Viererkette gegen Bochum. Hier ergibt sich eine klare Schwachstelle. Auch das Fehlen von Hasan Kurucay (Gelbsperre) oder ein erst wenige Tage mittrainierender Dejan Ljubicic sind Faktoren.
Dennoch: Gewiss ist Königsblau für die anderen Mannschaften sicherlich berechenbarer geworden, die Schwächstellen deutlicher. Bochum etwa spielte die zwei Angriffe, die zu den spielentscheidenden Toren führten, nach einem klaren Muster in diese Schwachstellen aus. Eine schnelle Verlagerung und dann ging es in den freien Raum hinter den (in diesem Fall) Rechtsverteidiger, bis hin zur Hereingabe über die Seite.
Natürlich wird mit der Zeit klarer, wie Schalke ausgehebelt werden kann. Das ist weder überraschend, noch Muslic anzulasten - es ist schlichtweg normal. Wichtig wird jedoch sein, dass dieser Abwärtstrend in wichtigen Schlüsselfaktoren wieder umgekehrt werden kann. Natürlich muss etwa das Spiel mit dem Ball deutlich besser werden - aber auch die Intensität gegen den Ball kam S04 zuletzt abhanden. Nennenswerte Torchancen nach hohen Balleroberungen beispielsweise waren über die letzten vier, fünf Spiele eher Mangelware als wichtige Stärke.
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