Miasanrot
·12. Februar 2026
Jonathan Tah: Der personifizierte Ruhepuls für die einst hektische Bayern-Abwehr

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·12. Februar 2026

Der FC Bayern München hat in letzter Zeit einige Gegentore hinnehmen müssen. Mit Jonathan Tah haben sie aber genau den richtigen Mann für solche Phasen geholt.
Für Jonathan Tah war der 2:0-Sieg des FC Bayern München gegen Leipzig im DFB-Pokal gleich aus mehreren Perspektiven besonders. Zunächst mal erreichte sein Team das Halbfinale. Erstmals seit vier Pflichtspielen stand dabei auch hinten wieder die Null. Und dann feierte der Innenverteidiger am Spieltag seinen 30. Geburtstag. Eine Zahl, die im Fußball gern mal mit großen Fragezeichen versehen wird.
Fragezeichen, denen Vincent Kompany im Vorfeld einige Ausrufezeichen entgegenbrachte. Tah sei in der Form seines Lebens und habe noch einige gute Jahre vor sich. Zumindest mit der Gegenwartsbeschreibung hat der Belgier wohl recht.
Tah spielte auch gegen Leipzig wieder für das breite Publikum eher unauffällig, aber dabei so enorm effizient und abgeklärt, dass er riesigen Anteil an der defensiven Null hatte. „Ich genieße es, jeden einzelnen Moment mit Jungs auf dem Platz zu stehen und ihnen beim Fußballspielen zuzuschauen, das macht einfach Spaß“, lieferte der ehemalige Leverkusener hinterher bei Sky eine treffende Beschreibung seiner Rolle im Team: „Ich sorge dafür, dass wir hinten keine Tore kriegen, und die sollen vorne Spaß haben.“
Das macht er mit einem gefühlten Ruhepuls von 30. Obwohl die Bayern-Abwehr gerade keine einfache Phase durchlebt, zeigt sich gerade in den vergangenen Spielen, wie wichtig dieser Transfer für den Rekordmeister war.
Tah ist kein spektakulärer Innenverteidiger. In nahezu allen relevanten Daten sticht er nicht besonders heraus. Dass er laut Wyscout mit fast 96 Prozent Erfolgsquote das sicherste Passspiel im Team hat, liegt auch daran, dass er unter den Innenverteidigern im Team die wenigsten Vorwärtspässe spielt – also solche, die in Richtung gegnerisches Tor gespielt werden und in einem 90-Grad-Bereich vor dem Passgeber liegen.
Tah spielt davon weniger als 22 pro Partie. Vorgänger Min-jae Kim kommt mit 31 auf die meisten, Dayot Upamecano steht bei 24. Die meisten Querpässe hat indes Tah (32), gefolgt von Kim (29) und Upamecano (28). Die Unterschiede erscheinen erstmal marginal, gehen aber einher mit dem Bild, das man in jedem Spiel beobachten kann – und mit der Selbstbeschreibung seiner Rolle.
Denn die Bayern brauchen keinen weiteren Spektakelinnenverteidiger. In der vergangenen Saison wurde es zum Problem, dass sowohl Kim als auch Upamecano besondere Dinge machen wollen und das teilweise ja auch können. Der Südkoreaner verteidigt extrem aggressiv, rückt oft aus der Kette heraus und lässt sich dabei manches Mal überspielen. Upamecano hingegen spielt ebenfalls sehr aggressiv ohne Ball und ist zudem ein sehr mutiger und talentierte Aufbauspieler.
Beide geben dem Bayern-Spiel einen hohen Puls. In der Kombination führte das jedoch häufig zu Hektik und Chaos. Es entstanden Räume für Gegner oder Ballverluste, die in Gegentore mündeten. Für beide war es daher enorm wichtig, dass mit Tah der langersehnte Ruhepuls kam. Einer, der wenige Highlights produziert, bei dem jeder Sicherheitspass und jeder noch so simpel gewonnene Zweikampf aber die Defensive stabilisiert.
Gegen Leipzig hatte Tah beispielsweise 13 Balleroberungen – die meisten im Bayern-Kader. Kaum eine davon war spektakulär.

Alle Balleroberungen von Jonathan Tah. Grafik via Wyscout.
Wenn man so will ist Tah der defensive Mario Gómez. Jahrelang wurden dem Mittelstürmer – teils übertriebene oder gar falsche – Vorwürfe gemacht, dass er einfach nur eine Tap-in-Maschine sei. Jemand, der den Ball zwar gut ins Tor schieben kann, wenn es leer ist, sonst aber wenig mit den Top-Stürmern gemein habe.
Wer sich Gómez genauer angesehen hat, dürfte aber ziemlich schnell festgestellt haben, dass er sich nicht einfach so in den gegnerischen Strafraum teleportiert hat, sondern dafür wichtige Positionierungs- und Laufarbeit leisten musste. Tahs Tap-ins sind die vielen Situationen, in denen er scheinbar simple Bälle zurückerobert. Er steht richtig, er trifft zuverlässig die richtige Entscheidung, wann er sich fallen lassen muss und wann er dem Gegner entgegengeht. Und damit ist seine Fehlerquote extrem gering.
Am ehesten zur Analyse taugt dabei die erste der 13 Balleroberungen gegen Leipzig. Weil diese in ihrer vermeintlichen Einfachheit exakt beschreibt, wie Tah seine Rolle auf dem Platz ausübt und warum er so bedeutend für das Bayern-Spiel ist.
Im System von Kompany sollen die Spieler nach vorn durchschieben. Wie an einem Rechenschieber, an dem man die Ringe von links nach rechts verschiebt. Schiebt Kimmich nach vorn, um den Torhüter anzulaufen und so einen unkontrollierteren langen Ball zu erzwingen, ist das Mittelfeld offen. Bedeutet also, dass die Münchner mit Upamecano den nächsten Ring nach rechts schieben müssen. Das Problem: Irgendwann gehen die Ringe aus und dann ist es links, also in der Defensive, ziemlich luftig.
Gut natürlich, dass das für beide Teams gilt. Tendenziell sehen Gegner zuletzt aber bessere Chancen auf eine Torerzielung, wenn sie exakt diese Situationen provozieren: Verteidiger aus ihrer Position ziehen und dann den langen Ball in deren ursprüngliche Position spielen. Müssen wenige Spieler einen großen Raum bespielen, ist auch mehr Platz für Zufälle vorhanden und die Chance auf einen guten Angriff steigt.

In dieser Situation war exakt das wohl gewollt: Kimmich attackiert hoch, Upamecano schiebt vorsichtig nach. So, dass er in Reichweite zum ehemaligen Kimmich-Gegenspieler ist, aber auch so, dass er bei einem langen Ball schnell wieder hinten ist. Leipzig schlägt die Kugel lang in den nun größeren Raum zwischen Stanišić und Tah.
Letzterer fackelt nicht lange und geht sofort in den Sprint, als er erkennt, in welche Richtung der Ball fliegt. Dabei verlässt er seinen Gegenspieler in der Mitte, geht also durchaus ins Risiko. Allerdings weiß er auch, dass Stanišić den entgegengesetzten Laufweg hat und notfalls in die Tiefe starten kann. Tah gewinnt das Kopfballduell aber souverän und klärt nach außen, wo Olise den Ball bekommt.
Tah ist ein sehr smarter Innenverteidiger, der das Spiel versteht und der auch auf höchstem Niveau antizipieren kann, was als nächstes passiert. Das unterscheidet ihn von Kim. Der Südkoreaner ist stark, wenn er eine Absicherung neben sich hat. Selbiges gilt für Upamecano. Stehen beide zusammen auf dem Platz, fällt es vor allem Kim schwer, abzuwägen, wann es richtig ist, ins Risiko zu gehen und wann nicht.
Bei seinen Startelfeinsätzen spielte er insgesamt siebenmal mit Tah, nur viermal mit Upamecano. Einmal stand der 29-Jährige mit Ito auf dem Feld. Vielleicht der Zufall der Rotation und der Verfügbarkeiten, vielleicht aber auch die bewusste Entscheidung, Tah weniger zu rotieren.
Nun fiel Upamecano auch eine Zeit lang aus, aber dass der Neuzugang mit bereits 2.789 Minuten (inklusive Nachspielzeiten) die viertmeisten im Kader hat, unterstreicht seine Bedeutung.
Die große Erkenntnis der Tah-Verpflichtung ist also, dass der Bayern-Abwehr etwas Ruhepuls gefehlt hat. Jemand, der dem Spektakel etwas kalkulierte Geradlinigkeit entgegensetzen kann. Inwiefern das am Ende der Saison wirklich zu einer auch in Zahlen nachweisbar größeren Stabilität führt, ist derweil noch offen.
Im Moment lassen die Bayern in Supercup, Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League 1,03 Expected Goals (xG) pro 90 Minuten zu. Der Wert ging zuletzt ordentlich nach oben. Auch die 0,97 Gegentore pro 90 Minuten waren schon mal besser. In der vergangenen Saison lag der Schnitt ohne den Sommerkick in den USA bei einem Gegentor pro 90 Minuten und 0,89 xG.
Allerdings ist eine Analyse hier auch zu simpel, wenn man sich ausschließlich auf die Innenverteidigung konzentriert. Es gibt zumindest Indizien, dass die Hauptprobleme woanders liegen. Einige Erklärungsansätze wären:
Auch wenn die Gesamtstatistiken als Mannschaft im Abwehrbereich bisher keine signifikante Veränderung erfahren haben, ist die Verpflichtung von Tah ein absoluter Gewinn für den FC Bayern. Übrigens auch neben dem Platz. Seine Ruhe, seine Sachlichkeit und seine Intelligenz zeichnen ihn auch dort aus.
Tah analysiert wortgewandt und präzise, hat dabei immer etwas zu erzählen, was man von anderen Spielern so nicht hört. Seine besondere Verbindung zu Kompany betont er in aller Regelmäßigkeit. Der Belgier scheint es geschafft zu haben, Kontinuität und Ruhe in eine Position zu bringen, auf der die Fluktuation in den letzten Jahren enorm war.
Das wirft mit Blick auf den Sommer auch die Frage auf, ob die Bayern wirklich auf dem Transfermarkt aktiv werden müssen. Nico Schlotterbeck ist beispielsweise eine verlockende Option. Er ist selbstbewusst, extrovertiert und extrem talentiert im Spielaufbau. Der Dortmunder ist aber auch ein weiterer Spektakel-Innenverteidiger.
Wenn man sieht, wie gut Tah seinen Teamkollegen tut, muss zumindest darüber nachgedacht werden, ob ein weiterer Frontsänger für die Defensivband des FC Bayern wirklich notwendig ist. Oder ob das nicht schon wieder zu viel Spektakel und Fehleranfälligkeit sein könnte. Mit Tah hat man auf jeden Fall den perfekten Drummer gefunden, der mit seinen Fähigkeiten im Hintergrund für Rhythmus und Stabilität sorgt und Frontsänger Upamecano so noch mehr strahlen lässt.
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