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·6. Januar 2026

Lennart Karl und sein Real-Madrid-Traum: Viel Wirbel um sehr wenig – ein Kommentar

Artikelbild:Lennart Karl und sein Real-Madrid-Traum: Viel Wirbel um sehr wenig – ein Kommentar

Lennart Karl hat auf einem Fanclubtreffen des FC Bayern München darüber gesprochen, dass Real Madrid sein Traum sei. Es folgte viel Aufregung – die teils übertrieben ist. Ein Kommentar.

Lennart Karl war in den vergangenen Tagen erstmals im Dienst des FC Bayern München unterwegs, um einen Fanclub mit seiner Anwesenheit zu beglücken. Eine schöne Tradition des Rekordmeisters, der so die Bindung zu den Fans stärken möchte.


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Immer mal wieder werden die Profis dabei auch mit komplizierteren Fragen der Fans konfrontiert. So musste Jamal Musiala beispielsweise beantworten, wer sein Lieblingsmitspieler sei. Der 22-Jährige blieb souverän. Eigentlich müsse er Davies antworten, sonst wäre der sauer. Das wiederum fände Musiala aber gut, deshalb nehme er ihn nicht. Michael Olise wolle er nicht nehmen, damit der keinen Höhenflug bekomme. Am Ende nannte er Ex-Kollege Thomas Müller.

Perfekt ausgewichen. Doch nicht alle reagierten nach Maßstäben der Professionalität so souverän wie der deutsche Nationalspieler. Karl hatte eine kniffligere Frage zu beantworten: Die nach seinem Traumverein. Der 17-Jährige antwortete: „Natürlich ist Bayern ein sehr großer Verein. Es ist ein Traum, dort zu spielen. Aber irgendwann will ich auf jeden Fall mal zu Real Madrid. Das ist mein Traumverein.“

Was folgte, war eine Spirale der Aufregung. Medien berichteten, nicht wenige Fans fühlten sich fast schon hintergangen und ließen ihrem Frust in sozialen Netzwerken freien Lauf. Unprofessionell, unvernünftig, undankbar, und, und, und … – eine Nervosität und Wut, die einfach nur unangemessen ist.

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Lennart Karl und Real Madrid: Einfach nochmal größer als der FC Bayern

Denn was hat Karl hier schon gesagt? Dass er von Real Madrid träumt. Die Spanier sind in Europa das Maß aller Dinge. Sie sind der erfolgreichste Fußballklub, haben die größte Strahlkraft und auf der ganzen Welt sehr viele Fans. Auch in Deutschland sieht man das Trikot der Königlichen auf den Bolzplätzen regelmäßig auflaufen.

Einst stand Cristiano Ronaldo häufig auf dem Rücken der Kinder, heute Kylian Mbappé oder andere Superstars. Die Besten der Besten spielen irgendwann mal in Madrid – so der große Mythos. Karl ist 17. Mit 17 wissen die Wenigsten schon genau, wie ihre Zukunft aussehen wird. Mit 17 träumen viele von Dingen, die sich mit 25 oder mit 30 ganz anders darstellen.

Was Karl hier geäußert hat, ist eine Bestandsaufnahme. Eine Darstellung seines Kindheitstraums. Ein Traum, der kaum verwerflich sein kann. Da strebt jemand nach dem Größten. Da hat jemand das Selbstbewusstsein, sich die höchsten Ziele zu stecken. Vor diesem Hintergrund könnte man diese Aussage auch positiv deuten: Karl zeigt Profil und dass er nicht wie jeder andere ist.

Erfrischende Ehrlichkeit oder unvorsichtige Impulsaussage?

Wie oft kritisieren Fans die weichgespülten Aussagen von Spielern, die erst noch gefühlte drei Presseebenen an der Säbener Straße durchlaufen, ehe sie freigegeben werden? Interviews erscheinen nur noch in den seltensten Fällen ungefiltert. Aussagen werden von den Klubs nachträglich angepasst und bearbeitet, manche werden sogar gestrichen. Hätte Karl diese Aussage in einem Gespräch mit dem kicker gebracht, wäre sie mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nie öffentlich geworden.

Und das ist nachvollziehbar. Der FC Bayern hat nicht das Ziel, möglichst viel Unruhe zu erzeugen, sondern möglichst viel Ruhe. Hinzu kommt die Verantwortung, die Spieler zu schützen. Gerade einen 17-Jährigen, der sich den Auswirkungen solcher Zitate nicht gänzlich bewusst sein kann. Natürlich liegt es dann im Sinne des Klubs, eine solche Aussage nicht an die Öffentlichkeit zu lassen.

Betrachten wir das mal aber aus der Außenperspektive, ist es doch erfreulich, dass es immer noch die seltenen, ungefilterten Momente gibt, in denen Spieler sich exakt so äußern, wie sie es gerade im Kopf haben. Ohne das große Medienschulungs-Einmaleins ihres Klubs. Oder anders auf den Punkt gebracht: Wer sich wünscht, Karl hätte lieber den Mund gehalten, sollte sich nicht über die steril gewordene Fußballwelt beschweren.

Selbstverständlich ist der Kritikpunkt berechtigt, dass Karl sich damit selbst unnötig unter Druck gesetzt hat. Dass dieses Zitat ihn lange begleiten und immer dann hervorgekramt wird, wenn Real Madrid einen Offensivspieler sucht. Aber ist es auf der anderen Seite nicht erfrischend, einen jungen Spieler zu sehen, der vor Druck nicht zurückschreckt und der frei heraus seine Gedanken ausspricht?

Ehrlichkeit nur dann, wenn sie nicht wehtut?

Zumal die Aufregung über solche Dinge schnell verfliegt. Ein paar Tage leichte Unruhe, bis das nächste große Quatschtransfergerücht in den Medien diskutiert wird. Wobei in diesem Fall der Vollständigkeit wegen erwähnt werden sollte, dass die Unruhe vornehmlich durch große Teile der Fans kam und nicht durch die Medien, die darüber berichtet haben.

Karl sah sich derweil dazu gezwungen, seine Kommentare auf Instagram zu deaktivieren. Wundern muss man sich kaum, dass Spieler sich heute kaum noch trauen, auch mal außer der Reihe etwas zu sagen. Wenn wegen eines solchen harmlosen Traums bereits vielen Fans die Hutschnur platzt, ist das bezeichnend.

Und andererseits fordern dieselben Fans dann von Spieler X in Zukunft eine klare Aussage zu seiner Zukunft, statt den Vertrag auszusitzen. Ehrlichkeit scheint nur dann gefordert und gefeiert zu werden, wenn das Resultat den eigenen Vorstellungen entspricht. Und diese Vorstellungen sind häufig ziemlich unrealistisch.

Denn nicht jeder Jugendspieler des FC Bayern hat die gleiche Grundidentifikation mit dem Klub. Jemand wie Aleksandar Pavlović ist beispielsweise enorm verbunden mit dem FCB. Er ist gebürtiger Münchner, Fan seit Kindheitstagen und schon seit 2011 Teil des Klubs. Karl oder Musiala kamen erst im späten Jugendalter zum FCB. Ersterer wurde auf dem Weg dorthin sogar einmal von Real Madrid abgelehnt – was dazu geführt haben könnte, dass er dort erst recht irgendwann spielen will.

Lennart Karl: Sein Weg beim FC Bayern war lange unklar

Zumal Identifikation auch keine Einbahnstraße ist. Karl ist seit vielen Monaten eines der herausragenden Talente am Bayern Campus. Im Sommer war dennoch unklar, ob er seinen auslaufenden Vertrag überhaupt verlängern würde. Zu wenig klare Perspektive gebe es für ihn, hieß es damals aus dem Umfeld.

Erst im Laufe des Transfersommers entschied sich der Klub, ihm eine echte Chance zu geben. Es war also durchaus etwas holprig. Und wer weiß, wie das beim Spieler selbst ankam? Im Moment scheint alles gut zu sein. Karl bekommt seine Einsätze, steht vor seinem großen Durchbruch – und er darf träumen. Von der ganz großen Karriere. Was dann in zwei, fünf oder zehn Jahren ist, weiß doch niemand. Träume ändern sich manchmal.

Kann noch jemand die Frage beantworten, ob Franck Ribéry mal für Real Madrid gespielt hat? Der träumte einst ebenfalls – und das über sein Umfeld ziemlich öffentlichkeitswirksam. Und selbst wenn es bei Karl anders kommen sollte: So what? Der FC Bayern ist nicht der Nabel der Welt.

Ihm diese Träume abzusprechen wäre vor allem eines: peinlich. Der Wirbel, der in den letzten Tagen entstand, wird wie viele andere Themen in den letzten Jahren schnell wieder abklingen. Die Reaktionen aber werden wohl bleiben. Man könnte es etwas dickköpfig als Lerneffekt beschreiben, wenn Karl in Zukunft zurückhaltender reagiert. Oder man könnte sagen: Schade. Da war jemand ehrlich und wird dafür abgestraft.

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