MillernTon
·18. August 2026
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·18. August 2026

Die ersten Spiele des FC St. Pauli haben gezeigt, dass die Richtung stimmt, aber noch viel zu tun ist – auch auf dem Transfermarkt?(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Der Saisonstart des FC St. Pauli ist okay verlaufen. Das Unentschieden gegen Fürth fühlte sich etwas unglücklich an, jenes in Kiel geht hingegen voll in Ordnung. So sind zwei Punkte nach zwei Spielen zwar insgesamt zu wenig, um direkt zu Saisonbeginn eine gewichtige Rolle im Aufstiegskampf zu spielen. Aber sie spiegeln eben auch ziemlich genau den aktuellen Leistungsstand des FC St. Pauli wider. Der ist nämlich momentan noch nicht da, wo er sich hoffentlich im Laufe der Hinrunde hinbewegt. Was auch damit zusammenhängen dürfte, dass der Kader womöglich noch nicht ganz die Form hat, die er im September haben wird.
Der Blick in die Zahlen zeigt, dass das Team des FC St. Pauli in den ersten beiden Spielen zwar offensiv durchaus präsent ist (je nach Anbieter Platz fünf oder acht bei den xG-Werten), aber eben auch schon ne ganze Menge zugelassen hat (Platz 14 bei den gegnerischen xG-Werten). Es hat sich also noch nicht wirklich ein gesundes Gleichgewicht eingestellt. Der FCSP hat daher zwei Möglichkeiten: Noch mehr Torgefahr in der Offensive erzeugen, entweder durch noch bessere Abläufe oder eine effizientere Nutzung der sich bietenden Gelegenheiten, aber auf jeden Fall durch einen noch größeren Fokus darauf. Oder das Team fokussiert sich stärker auf eine stabilere Defensive. Der Vergleich zwischen den bisherigen Spielen hat gezeigt, dass vielleicht sogar Beides möglich ist. Allerdings nicht immer gleichzeitig, was ich persönlich total spannend und erfrischend finde.
Die Spielweise des FC St. Pauli in Kiel hatte mich verwundert. Weil es dem Team nicht gelang, ruhigere Phasen zu erschaffen. Weil es nicht gelang, im eigenen Spielaufbau auf die andere Seite zu verlagern. Weil der Ball oft sehr schnell weg war. Ich hielt das während der Partie für ein Problem des FCSP, für eine Sache, die in dieser Partie für das Team nicht gut läuft. Aber das war es nur bedingt, wie Marcel Rapp auf der Pressekonferenz erklärte und mir damit gewissermaßen die Augen öffnete. Denn der FC St. Pauli hatte laut seinem Cheftrainer gar kein primäres Interesse daran, in Kiel ruhigere Ballbesitzphasen zu kreieren. Zwar sagte er im Anschluss an die Partie, dass es schon gut gewesen wäre, länger den Ball zu halten und in die Verlagerung zu kommen. Aber vorrangig ging es eben darum, nach Ballgewinnen schnellstmöglich nach vorne zu kommen: „Wir wollten die Angriffe schnell zu Ende spielen, weil die Räume da sind. Da brauchen wir nicht noch zehn Extra-Pässe spielen, um nach vorne zu kommen. Das war schon ein Teil der Idee.“
Diese Einstellung ist bemerkenswert. Weil der FC St. Pauli damit vom ersten zum zweiten Spieltag eine radikale Veränderung vollzogen hat. Von einem Team, das den Gegner mit Ballbesitzfußball zu schlagen versucht, hin zu einem voll auf Umschaltmomente fokussierten Team. Anpassungen an den jeweiligen Gegner werden natürlich von nahezu allen Teams vorgenommen. Die des FC St. Pauli sind aber durchaus radikal, denn der Fokus auf Ballbesitz auf der einen und jener auf Umschaltmomente auf der anderen Seite verlangt quasi zwei gänzlich unterschiedliche Herangehensweisen. Es war bereits bekannt, das Rapp stets Anpassungen vornimmt, das hat nämlich das Team von Holstein Kiel unter seiner Leitung auch oft getan. Aber die Radikalität hat mich überrascht und als jemand, der sich liebend gerne mit Taktiken im Fußball befasst, ist das natürlich hochspannend, wenn ein Trainer mit seinem Team an aufeinanderfolgenden Spieltagen zwei radikal unterschiedliche offensive Spielstile präsentiert. Diese Wandlungsfähigkeit ist bemerkenswert.
Wandlungsfähigkeit alleine bedeutet aber nicht, dass alles perfekt läuft. Die ersten beiden Spiele haben gezeigt, dass der FC St. Pauli noch sehr, sehr viel zu tun hat. Das zeigt auch der Blick auf andere Clubs, von denen einige inhaltlich etwas weiter sind, stabiler in ihrer oder ihren Spielweisen. Wie stabil die Teams der Zweitligisten sind, davon dürfte in dieser Saison sehr viel abhängen. Denn abgesehen vom VfL Wolfsburg gibt es eben keine Teams, die sich basierend auf ihren individuellen Fähigkeiten von anderen stark abheben. Über Erfolg und Misserfolg in dieser Saison entscheidet das Funktionieren der Spielweise daher umso mehr.
Wandlungsfähig ist nicht nur die Spielweise, sondern auch der Kader des FC St. Pauli. Ob der in diesem Sommer eingeleitete Umbruch – und damit die Transferaktivitäten des Clubs – bereits abgeschlossen wurde, ist völlig unklar. Zum einen, weil es natürlich sein kann, dass die Verantwortlichen in den ersten Pflichtspielwochen noch Bedarf identifiziert haben, sei es aufgrund gezeigter Leistungen oder aber, weil Spieler langfristig ausfallen. Aber natürlich muss der FC St. Pauli auch reagieren, wenn noch mehr Spieler den Club verlassen. Ob das aber, wovon vor wenigen Wochen fest ausgegangen werden konnte, auch tatsächlich noch passiert?
Rund zwei Wochen ist das Transferfenster noch geöffnet. Das ist im Wechselzirkus des Profifußballs keine Ewigkeit, aber auf jeden Fall noch ein Zeitraum, in dem richtig viel passieren kann. Bedeutet: Sollten zeitnah noch für alle Seiten passende Angebote für Joel Fujita und/oder Eric Smith eintrudeln, dann ist zu erwarten, dass sie auch noch gehen. Aber die Zeit rennt. Wie sehr, zeigt ein Rückblick auf den Spätsommer 2025: Damals hatte Leicester City nämlich großes Interesse an einer Verpflichtung von Eric Smith. die Ablöse passte, Smith wollte auch wechseln. Bis zum Ende der Transferperiode blieben nicht Wochen, sondern nur noch Tage, bis der Deal tatsächlich eingetütet gewesen wäre, nur noch Stunden. Zu wenig, um als FC St. Pauli auf den Verlust eines solchen Spielers noch mit der Verpflichtung eines anderen Spielers zu reagieren. Der Verein schob dem Vorhaben einen Riegel vor und es ist davon auszugehen, dass das auch in diesem Sommer ganz ähnlich gehandhabt werden würde. Das FCSP-Transferfenster für Fujita und Smith (und anderen wechselwilligen Spielern), es schließt sich schneller als das offizielle.
Sowieso ist aktuell fraglich, ob für Fujita und Smith noch passende Angebote eintrudeln. Offensichtlich ist das ja bisher noch nicht passiert. Und beiden Spielern ist es zum Saisonstart eher nicht gelungen, sich selbst vielversprechend ins Schaufenster zu stellen. Smith kam bisher auf gerade einmal etwas mehr als 30 Minuten Spielzeit, hat also so gut wie keine Eigenwerbung betreiben können. Fujita stand zwar zweimal in der Startelf, konnte dabei nicht dafür sorgen, dass andere Clubs quasi in ihren Transferüberlegungen nicht mehr an ihm vorbeikommen und entsprechend ein passendes Angebot an den FC St. Pauli schicken. So könnte es durchaus sein, dass Eric Smith seinen Vertrag beim FCSP erfüllt (läuft am Saisonende aus), weil sich tatsächlich keine anderen Optionen auftun und Joel Fujita (Vertrag bis 2029) dem Club ebenfalls erhalten bleibt.
Für den FC St. Pauli wären das zum Teil gute Nachrichten. Zwar würden dem Club womöglich signifikante Transfereinnahmen fehlen, aber sowohl Smith als auch Fujita besitzen (auch wenn sie es in dieser Spielzeit noch nicht gezeigt haben) ein Qualitätsniveau, welches für Zweitligisten eigentlich nur schwer bis gar nicht erreichbar ist. Und da der FCSP finanziell nicht derart unter Druck steht, dass wertvolle Spieler dringend veräußert werden müssen, gibt es auch keinen großen Zwang, Smith und Fujita unbedingt ziehen lassen zu müssen. Es muss halt passen, für alle Seiten.
Und auf der anderen Seite? Hat sich nun in den ersten beiden Spieltagen noch Bedarf in einzelnen Mannschaftsteilen herauskristallisiert? Dass in Kiel zwei Angreifer getroffen haben, ist jedenfalls wichtiges Signal gewesen. Ein Signal dahingehend, dass in der Offensive kein Bedarf mehr sein dürfte. Zumal dieser Mannschaftsteil aktuell durch die Verletzungen von Abdoulie Ceesay und Mathias Pereira Lage etwas dünn besetzt ist und im Verlauf der Saison noch deutlich stärker werden dürfte. Einzig hinter Branimir Hrgota gibt es ein kleines Fragezeichen. Denn wer sonst im Kader kann die Rolle des kreativen Offensivspielers einnehmen, wenn Hrgota mal fehlen sollte? Die im Kader vorhandenen Optionen (Metcalfe, Rasmussen etc.) sind alle sicher nicht optimal. Ein junger und entwicklungsfähiger Spieler mit einem „Hrgota-Profil“ würde vermutlich nicht schaden, aber muss auch erstmal gefunden werden.
Bedarf gibt es im Kader auf jeden Fall an anderer Stelle. Spätestens nach der Verletzung von Gísli Thórdarson fehlt dem FC St. Pauli ein Spieler, der das Profil einer defensivstarken „Holding Six“ erfüllt. Das Problem: Für das zentrale Mittelfeld gibt es aktuell mehr als genug einsatzfähige Spieler im Kader (Fujita, Smith, Rasmussen, Metcalfe, Klein, Schmidt, Schmitz). Um eine „Holding Six“ ins Team zu holen, müsste vermutlich erstmal ein Spieler den Club verlassen. Somit gibt es aufgrund der Thórdarson-Verletzung dringenden Bedarf im zentralen Mittelfeld, bei einem Verbleib von Fujita und Smith ist aber kein Platz im Kader.
Somit ist beim FC St. Pauli aktuell noch nicht alles fertig. Das Team ist fußballerisch noch nicht da, wo es hinmöchte, zeigt sich aber sehr wandlungsfähig. Es ist davon auszugehen, dass in den nächsten Wochen weitere Entwicklungsschritte folgen werden und das Team auf dem Rasen immer besser zusammenfinden wird. Wofür das in dieser Saison dann reichen wird, keine Ahnung. Denn das hängt natürlich auch damit zusammen, wie sich der Kader nach Schließen des Transferfensters zusammensetzt. Lange konnte davon ausgegangen werden, dass es beim FCSP noch mindestens zwei Abgänge geben wird, die eine Reaktion in Form von Neuzugängen nach sich zieht. Doch je näher der September rückt, umso unwahrscheinlicher wird dieses Szenario. So kann es tatsächlich unerwarteterweise so sein, dass Smith und Fujita noch nicht fertig sind – mit ihrer Zeit beim FC St. Pauli nämlich.
// Tim
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