FC Schalke 04
·18. Februar 2026
Rüdiger Abramczik wird 70: „Wat sucht die Kröte hier?“

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·18. Februar 2026

Schlitzohr, Frohnatur, Legende: Rüdiger Abramczik feiert am Mittwoch (18.2.) seinen 70. Geburtstag. Eine runde Sache ist auch seine Karriere weitgehend gewesen, auf die der meinungsstarke Königsblaue mit schalke04.de ebenso zurückblickt wie auf Fehltritte und Schicksalsschläge.
Rosenmontagmittag in der S04-Geschäftsstelle. „Abi“ kommt direkt von seiner jüngsten Podcast-Aufzeichnung mit Klaus Fischer und ist fürs vereinbarte Gespräch quasi schon auf Betriebstemperatur. Käffchen? Wasser? „Nee, danke, lass uns gleich reinhauen.“ Okay. Drei kurzweilige Stunden wird er durch seine Karriere streifen, während wenige Kamellewürfe weiter östlich der „Zuch“ reichlich Kostümierte nach Gelsenkirchen-Erle zieht. Als Erler Junge ist Abramczik im Karneval geboren, wie er betont, war früher immer auf ein Bier und eine Wurst dabei oder hat mit Teamkollege Hannes Bongartz in Düsseldorf nach dem Rechten geschaut. Heute braucht er das nicht mehr. Mit wachem Blick auf den Trainingsplatz reist er lieber zurück zu Schwarz-Weiß-Zeiten im Stadtteil, der ihn prägen sollte.
Vier Jungs sind sie daheim, allesamt in Olympia-Jahren zur Welt gekommen: 1952, 1956, 1960, 1964. „Keine Ahnung, wie unsere Eltern das hinbekommen haben“, meint der baldige Jubilar und lässt sein rasselndes Lachen ertönen. So lag der Sport schon in der Wiege. Ein Bruder boxt im BC Erle, einer macht Taekwondo, Volker spielt ebenfalls Fußball. Disziplin gehört in einer großen Familie dazu, bei viel Testosteron sowieso. Der Vater schuftet auf dem Pütt und lebt Strenge vor. Wer um Punkt sieben den Essenspfiff überhört, geht hungrig ins Bett. Rüdiger Abramczik rettet das rüber ins Training: „Solche Verhältnisse prägen Dich.“
Die Talente von Erle 08 sind klassische Straßenfußballer, was immer so klingt, als hätten sie zwischen den Autos gekickt, findet der spätere Profi. In Wahrheit ist es eine große Wiese, umzingelt von Zechenhäusern, wo der Ball rollt und die Jüngsten erst fünf, sechs sind. Dieser eine Junge hier kommt mit zehn Jahren in Schalkes Zweite Knabenmannschaft. Der Vater kann ihn selten fahren, also muss er jedes Mal zur Glückauf-Kampfbahn radeln und denkt sich: Ich hau hier wieder ab. Meisterspieler Berni Klodt wird damals Jugendtrainer und „stolpert“ bei einem Spiel zwischen Knaben eins und zwei über ihn. „Herr Klodt, machen Sie sich keine Gedanken, ich geh wieder nach Erle zurück“, sagt das Talent keck. „Da muss ich nicht in der Zweiten spielen.“ – „Nee, nee, du kommst jetzt in die Erste“, versichert ihm die lebende Legende. Klodt krempelt viel um im Verein, was Abramczik ihm in der Rückschau hoch anrechnet: „Vielleicht hätte ich sonst sogar aufgehört mit dem Fußball. Zum Glück kam es anders.“
Mit 16 Jahren darf er beim Training der Profis reinschnuppern. Die Kabine kennt er da schon. Präsident Günter „Oskar“ Siebert mag diesen Kleinen mit der großen Klappe irgendwie und führt ihn bereits als 13-Jährigen durch die Glückauf-Kampfbahn. In der Umkleide raunt der sagenumwobene Stan Libuda: „Wat sucht die Kröte hier?“ Siebert: „Der wird Dein Nachfolger.“ – „Stimmt das?“, will der Rechtsaußen wissen, und Abi kurz: „Dauert ja nicht mehr lange.“ Heute staunt er über seine kindliche Ungestümtheit, denn eigentlich stand er voller Ehrfurcht vor seinem Idol.
Sein Vater ist ein noch größerer Verehrer der libuda‘schen Kunstdarbietungen. „Du musst das machen wie der Stan!“, trichtert er dem Sohn ein: „So und so und so …“ Dabei beobachtet der Junge die Nummer sieben fast jeden dritten Tag im Training und weiß, dass er nicht so spielen kann: „Er war ein ganz anderer Typ: kleiner, gedrungener, ein viel besserer Dribbler, er hat die Gegenspieler ja regelrecht verarscht“, erklärt Abramczik. „Der hat sich auch nie Gedanken übers Spiel gemacht. Er kam rein und hat gewirbelt. Ich hab immer vorher überlegt: Was macht der Torwart? Wie macht Dein Gegenspieler sich warm?“
Als 17-jähriger A-Jugendlicher debütiert er in der Bundesliga, ein Schalker Rekord, den erst Julian Draxler 2011 unterbieten wird. Einmal in Bochum darf – beziehungsweise muss – er mit Libuda zusammen auf rechts ran. Der Routinier erklärt ihm, wie er den Ball zu passen hat, um steilgehen zu können, und es geht schief, wieder und wieder. „Du Blinder!“, schimpft Stan. Abi packt die Panik, in der Halbzeit bittet er Chef-Trainer Ivica Horvat: „Es hat keinen Sinn, nehmen Sie mich runter.“ Stattdessen wechselt er Libuda aus. Der Begeisterungsgrad lässt sich erahnen.
Die beiden Begabten pflegen einen vernünftigen Umgang, wenngleich der Alte Konkurrenz wittert, doch der Neue will sich gedulden, bis Libuda die Karriere zuklappt. Das kommt früher als erwartet. In der Folge des Bundesliga-Skandals verabschiedet sich der Dribbelkönig zu Racing Straßburg. Die vielen Sperren spülen Jugendspieler nach oben. Es herrscht Alarm im Hafen, der S04 hangelt sich gerade so zum Klassenerhalt.
Anders als Stan Libuda, mit dem sie ihn immer noch vergleichen, prägt Abramczik seinen eigenen Stil: Ball am Gegner vorbeilegen, hinterherrennen – und tschüss: Raketenflanke in den Strafraum, wo Klaus Fischer gerne mit Köpfchen vollendet. Die Co-Produktionen sind eine der angenehmeren Nachwirkungen des Skandals. Der vom DFB-Bannstrahl getroffene Stürmer arbeitet morgens bei einem Subunternehmer als Fahrer und trainiert danach in der A-Jugend mit. Bei jedem Sauwetter servieren die Jungs ihm Flanken, bis wirklich jeder weiß, wohin die Bälle fliegen müssen, damit der Torwart den kostbaren Klaus nicht mit den Fäusten abräumt. In diesen Extraschichten schärft „Fischken“ auch noch sein Markenzeichen: „Klaus wollte, dass wir ein bisschen höher reinflanken, um den Fallrückzieher zu üben“, erklärt Abramczik. „Und den konnte er wirklich gut. Ich hätte mir dabei den Hals gebrochen.“ 1977 wird der Angreifer auf diese Weise im Länderspiel Deutschlands gegen die Schweiz nicht weniger als das „Tor des Jahrhunderts“ erzielen – und „Abi“ die passende Flanke des Jahrhunderts liefern. So gesehen.
Mitte der 70er aber sitzt das Talent erst mal vor dem ersten Profivertrag. Der schlaufüchsige Oskar Siebert wittert seine Chance. Er legt den Eltern einen Fünfjahresvertrag auf den Wohnzimmertisch: damit der Junge Sicherheiten hat. Da kennt er den Erler Jungen aber schlecht. Der hat in der Profikabine nämlich schon spitzgekriegt, was die anderen nach Hause mitnehmen. Einige haben dort nach den Sperren heulend gehockt und betrauert, wie viel Kohle ihnen nun fehlt. „Für Kleingeld unterschreibe ich nicht“, meint der 18-Jährige, worauf seine Eltern, der Ohnmacht nahe, den Raum verlassen. Abi verhandelt allein, erhält einen „guten Vertrag“ für zwei Jahre und obendrauf einen Opel Ascona. Ach ja, den Führerschein hat auch der Verein bezahlt.
Doch er rechtfertigt die Chuzpe mit Taten. Ob in blau oder mit Bundesadler auf der Brust: Der Rechtsaußen liefert. Dass der Boulevard ihn zum Flankengott vom Kohlenpott erhebt, gefällt ihm nicht schlecht, ohne zu sehr abzuheben. Dank seiner häuslichen Prägung sei er nie großkotzig gewesen, findet Abramczik. Den Mund verbietet ihm aber keiner, das spricht sich schnell herum. „Wenn ich eine Meinung habe, vertrete ich die hundertprozentig“, betont er. „Manchmal habe ich mir dadurch das Maul verbrannt, klar. Da hätte ich die Klappe halten sollen.“
Eins dieser Manchmals begräbt seine Ambitionen mit der Nationalmannschaft. Nur von 1977 bis 1979 reicht die Laufbahn und endet in Nähe Startbahn am Flughafen Malta. Nach dürftigem 0:0 auf Asche rüffelt ihn DFB-Präsident Hermann Neuberger: „Sie haben schlecht gespielt.“ – „Und Sie haben keine Ahnung von Fußball“, schnoddert Abi zurück, mehr rausgerutscht als von Herzen kommend, wie er beteuert, doch zu spät. Andere Granden wie Bundestrainer Jupp Derwall insistieren, er müsse um Verzeihung bitten, was auch geschieht. Die Antwort klingelt ihm bis heute in den Ohren: „Ich nehme Ihre Entschuldigung nicht an“, brummelt der Oberboss. Und wenn man schon auf dünnem Eis steht, kann man genauso gut tanzen, Abramczik-Style: „Wissen Sie was: Sie können mich am Arsch lecken!“
„Das war ein Erler Junge, der sich entschuldigen wollte und einen Skandal verursacht hat“, weiß er. Die Presse hat auf dem kleinen Flughafen alles akkurat notiert. Ein Länderspiel darf der Schalker noch machen, findet sich dann auf der Ersatzbank der B-Nationalmannschaft wieder, von wo aus er Zweitliga-Spielern zusehen muss. Er soll am Ende für drei Minuten rein, die Antwort kann man sich denken. Der DFB verteilt Geldstrafen an Königsblau und Abramczik persönlich, das bleibt der letzte Austausch zwischen den Parteien.
Auch im Verein läuft da schon nichts mehr nach Wunsch. 1976 ist Königsblau erstmals in den UEFA-Cup gestürmt; die 1977er-Klasse, für Abi die namentlich beste Schalker Mannschaft, wurde Vizemeister und drosch auch dank Klaus Fischer und Flanken à la Abramczik und Erwin Kremers stolze 77 Tore zusammen. Danach setzt der Abwärtsstrudel ein, finanziell sowieso. Weil nicht mal mehr Geld für Waschpulver bleibt, schmeißt Mannschaftsbetreuer Charly Neumann die Trikots und Trainingsklamotten ins Auto und lässt sie weiß Gott wo reinigen. Gehälter stehen aus, und Rüdiger Abramczik ist den Knappen nicht mehr nur lieb und teuer, sondern vor allem Letzteres. „Ich war hier glücklich, wir haben verhandelt, ich hätte für weniger Geld gespielt, aber es ging nicht anders.“ Der S04 verkauft ihn 1980 für rund eine Million D-Mark zu Borussia Dortmund, ausgerechnet. Es geht die Mär um, er habe zu viel Gehalt gefordert, was ihn nach wie vor ärgert.
Kurz vor dem Wechsel kommt ein Störfeuer aus Bayern. Manager Uli Hoeneß lässt wissen, sein Bruder Dieter könnte Abis Flanken im Münchener Sturm gut gebrauchen, Privatjet volltanken wäre kein Problem. Weil der Umworbene seine Zusage beim Revierrivalen gegeben hat, steht er zu seinem Wort. „In München hätte ich sicher Titel gewonnen, was für die Karriere besser gewesen wäre, vielleicht sogar für eine Rückkehr in die Nationalelf“, glaubt er. „Dafür bin ich geradlinig geblieben. Und auch in Dortmund hatte ich eine gute Zeit.“
Über die Stationen 1. FC Nürnberg, Galatasaray Istanbul und Rot-Weiß Oberhausen kehrt Rüdiger Abramczik 1987 noch einmal zu Schalke 04 zurück, gibt beim Comeback den Libero, wird aber von Chef-Coach Horst Franz kaltgestellt. Zu Buche stehen 235 Pflichtspiele und 58 Tore, denen dieses Ende nicht gerecht wird. Nur noch zu trainieren, verleidet ihm den Fußball ein wenig. Womatia Worms und FC Gütersloh heißen seine letzten Vereine, ehe 1991 Schluss ist mit dem Kick.
Bereits zu Schalker Jugendzeiten hat er eine Kaufmannslehre absolviert, später als zweites Standbein ein Sportgeschäft in Erle eröffnet. Für die Kinokette Cinemaxx vermarktet er nun Grundstücke, so auch in Essen, wo ein Neubau entsteht, der bis heute Filmfans anzieht. Auch im Saarland laufen Verhandlungen, wodurch er nebenher viel Zeit mit Peter Neururer verbringt, dem Coach des 1. FC Saarbrücken. Der hat keinen Co-Trainer, so findet sich der Ex-Profi plötzlich auf dem Platz wieder und kümmert sich um die beiden Sturm-Michaels Preetz und Krätzer. Nach Festanstellung, Trennung und Fußballlehrer-Lehrgang in Köln zieht er die sonnige Türkei vor und übernimmt 1999 Antalyaspor. Mit den Bundesliga-Veteranen Maurizio Gaudino und Dirk Schuster schafft es der Club ins Pokalendspiel, das Abramczik nicht mehr als Trainer erlebt. Die Entlassung trifft ihn unvermittelt wie unerklärlich. Immerhin hat er geschickt verhandelt und bekommt den Abschied monetär versüßt.
Lehrgeld zahlt er hingegen bei Levski Sofia. Bei der Ankunft 2001 erinnert ihn vieles an Schalke: großer Verein, viel Medienrummel. Manches ist dann doch anders. Undurchsichtiges Transfergebaren und erstaunlich viele Knarren unter ausgebeulten Sakkos lassen ihn stutzen, zumal auch dort kurz vor Saisonende Feierabend ist. Die bulgarische Gesetzgebung ist ihm indes weniger geläufig als die türkische, wie er sich eingestehen muss, denn die erhoffte Abfindung löst sich in Luft auf.
Der lettische Meistertitel mit FK Liepaja Metalurgs krönt 2009 Rüdiger Abramcziks Trainerzeit. Er würde gerne wieder in Deutschland arbeiten und bekommt beinahe eine Chance bei „seinem“ Verein. Es ist 2010, Felix Magath regiert Schalke. Die beiden mochten sich immer, der Trainer und Manager in Personalunion lädt Abi zum Training ein, man könne danach ja mal in der Kabine quatschen. Und der Erler Junge, er kommt nicht. „Der größte Fehler, den ich je gemacht habe“, bedauert er. „Zum ersten Mal vielleicht einen Job in dem Verein zu bekommen, den ich abgöttisch liebe, Zweite Mannschaft oder Co-Trainer – ich weiß bis heute nicht, warum ich nicht hingegangen bin, und ärgere mich noch immer schwarz.“
Dann kommt der Krebs.
Geschwür am Hals, Brandherd linke Mandel. Die Diagnose definiert die Taktik: „Scheiß auf Fußball, sonst gibst Du hier den Löffel ab“, erinnert sich Abi. Fast dreizehn Jahre ist das her. Vier Operationen, Chemo, Bestrahlungen. Er denkt an seine viel zu früh verstorbenen Mannschaftskollegen Rolf Rüssmann, Aki Lütkebohmert. „Wenn Du in den Spiegel geguckt hast, nur noch 77 Kilo, Muskulatur weg, alles kacke. Der Kopf ist so vollgepackt, das musst Du erst mal in den Griff kriegen, wieder das Gefühl bekommen: Ich bin gesund.“ Das dauert. Bei jedem Stechen rennt er zum Arzt, denkt, da ist wieder was.
Glücklicherweise kommt er auf die Füße, vom Trainerkarussell ist er dafür längst runtergeflogen. Viele neue Hoffnungen sind nachgerückt, Sportstudenten, sogenannte Laptop-Trainer, die richtig viel draufhaben, wie er anerkennt. „Aber wenn Du unten auf dem Platz stehst, ist das Alter egal. Co-Trainer können viele Übungen machen, der Chef beobachtet, greift ein, dreht an Stellschrauben, erklärt seiner Mannschaft haargenau, wie er spielen lassen möchte.“ Deswegen gefällt ihm die Detailarbeit von Miron Muslic, die er öfter am Platz verfolgt.
Abramczik selbst hätte alles gegeben, einmal Schalke trainieren zu dürfen, seinen Verein mit dieser Wahnsinsskulisse. Das hätte er gratis gemacht, betont er. Klingt markig, wäre allerdings ein weiteres Puzzleteil des Mythos vom Schalker Markt gewesen. Vielleicht hätte er dann den einen oder anderen Außenstürmer an die Hand genommen, von seiner Sorte hat er in den vergangenen Jahren zu wenige gesehen, meint er nicht nur auf Königsblau bezogen. Auf Schalke war Jefferson Farfan einer, dem er sehr gerne zugeschaut hat. Auch schon wieder lange her.
Wenn er heute im kleinen Rahmen feiert, fachsimpeln Klaus Fischer, Helmut Kremers, Norbert Nigbur, Manni Dubski, Matthias Herget … Das Geburtstagskind wird als Erler Junge weiter seine Meinung sagen, vor allem zu Dingen, die ihm am Herzen liegen. Schalke eben. Und er wird sich fit halten: „Ich bin zwar Rentner, aber immer unterwegs. Über den Daumen fühle ich mich höchstens wie 63.“
Der FC Schalke 04 gratuliert ganz herzlich zum 70. Geburtstag, Abi!
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