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·7. August 2026

Wer ist Gísli Thórdarson? – Ein Spielerprofil

Artikelbild:Wer ist Gísli Thórdarson? – Ein Spielerprofil

Mit Gísli Thórdarson hat der FC St. Pauli einen zentralen Mittelfeldspieler von Lech Posen ausgeliehen, der extrem viel Potenzial besitzt und recht schnell auf dem Platz stehen könnte.(Titelfoto: FC St. Pauli)

Gísli Thórdarson ist der fünfte Neuzugang des FC St. Pauli in diesem Sommer. Zuvor kamen bereits Innenverteidiger Marcus Mathisen, Offensivspieler Branimir Hrgota, Außenverteidiger Rony Jansson und Mittelfeldspieler Sam Klein. Der 21-jährige Thórdarson ist im zentralen Mittelfeld zu Hause und kommt zunächst leihweise für eine Saison von Lech Posen. Die Vereine vereinbarten zudem eine Kaufoption.


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The Story So Far

Gísli Gottskálk Þórðarson (Thórdarson) wurde im September 2004 in Reykjavik geboren. Ausgebildet wurde er in der Jugend bei Breiðablik, jenem Club, der in den Jahren 2022 und 2024 Erster in der höchsten Liga Islands wurde. Noch als Jugendlicher ging es für ihn bereits ins Ausland, zur U19 des FC Bologna nämlich. Dort war er ab 2020 leihweise und wurde 2021 fest verpflichtet. In dieser Zeit debütierte er für die isländische Auswahl (U19) und durchlief seitdem die U-Nationalteams des Landes. Ende 2025 debütierte er in der A-Nationalmannschaft.

Für Thórdarson ging es nach seiner Zeit in Bologna erstmal wieder zurück nach Island. Bei Vikingur Reykjavik spielte er von 2022 bis 2025 und das sehr erfolgreich: 2023 holte er mit dem Club die isländische Meisterschaft, zudem feierte man zweimal den Gewinn des Pokal-Wettbewerbs in Island. Seine Leistungen blieben anderen nicht verborgen (falls Ihr ein paar Highlights sehen möchtet: Bitte sehr!), Thórdarson wechselte Anfang 2025 nach Polen zu Lech Posen. Dort kam er seitdem in allen Wettbewerben (u.a. UEFA Conference League) auf insgesamt 34 Einsätze (zwei Treffer), pendelte dabei aber zwischen Startelf und Ersatzbank. Im März 2025 zog er sich eine schwere Schulterverletzung zu und musste einige Monate pausieren. Nach seiner Rückkehr in der vergangenen Saison war er kein Stammspieler und Leistungsträger, feierte mit dem Club aber den erneuten Gewinn der polnischen Meisterschaft. Und da für Lech Posen die Saison bereits begonnen hat – unter anderem mit den Quali-Spielen für die Champions League, in denen der Club aber scheiterte – dürfte er nun ziemlich fit zum FC St. Pauli kommen.

Das sagen die Daten

Die Daten sagen… wenig. Denn Gísli Thórdarson stand in der vergangenen Saison in der polnischen Liga nur insgesamt 574 Minuten auf dem Rasen. Das ist eigentlich nicht genug, um wirklich belastbare Daten erheben zu können. Ich habe die verfügbaren Daten trotzdem abgebildet, möchte aber darum bitten, diese mit einer gewissen Vorsicht zu genießen.

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Kern-Statistiken von Gísli Thórdarson aus der Saison 25/26, dargestellt als Perzentile im Vergleich zu allen zentralen Mittelfeldspielern der polnischen Ekstraklasa.

(Erklärung: Die Länge des dunkel gefärbten Teils des Pizzastücks zeigt, wie viele Prozent der anderen Spieler auf dieser Position schlechtere Werte oder oder maximal den gleichen Wert haben. Komplett dunkel heißt: Keiner ist besser. Zudem sind die Absolutwerte in Zahlen angegeben.)

Denn genießen kann man diese Daten durchaus. Sie zeichnen ein Bild von einem torgefährlichen und zweikampfstarken Mittelfeldspieler. Gísli Thórdarson hat die beste Zweikampfquote aller zentralen Mittelfeldspieler in der polnischen Ekstraklasa. Zudem taucht er oft in der gegnerischen Box auf und kommt dort auch zu einigen Torgelegenheiten. Die Zahlen deuten allerdings darauf hin, dass Thórdarson eher wenig ins Aufbauspiel seines Teams eingebunden wird und dort auch eher (unter)durchschnittlich effektiv ist. Kurz zusammengefasst: Zweikampfstarker Sechser mit viel Präsenz in der gegnerischen Box – das klingt doch nach Jackson Irvine, oder? ODER?

Das sagt der visuelle Eindruck

Wie wichtig es ist, sich nicht nur auf die Daten zu verlassen, sondern sich Spieler auch live oder über Videos anzuschauen, zeigte sich mir einmal mehr, als ich mir via WyScout diverse Aktionen von Gísli Thórdarson als Video-Schnipsel näher angesehen habe – seine Zweikämpfe, sein Passspiel, lange Pässe, Schnittstellenpässe, sein Stellungsspiel, seine abgefangenen Pässe, seine Offensivaktionen. Diese Videos zeigten mir einen dynamischen und gleichzeitig eleganten Spieler, der technisch gut ausgebildet ist (wie es viele isländische Spieler sind) und Stärken im Passspiel hat. Also ist er im Passspiel ziemlich das Gegenteil von dem, was Jackson Irvine auf dem Platz verkörperte. Ich kann es zwar nicht mit Laufwerten untermauern, aber da ich Videos von seinen Ballaktionen von fast jedem Ort auf dem Spielfeld gesehen habe und er in Polen ausschließlich im zentralen Mittelfeld zum Einsatz kam, lässt das auf einen großen Aktionsradius und entsprechende Laufstärke schließen.

Technisch sauber, sehr agil

Thórdarson ist ein intelligenter Spieler, was sich vor allem anhand seiner Offensivaktionen zeigt. Er hat einen guten ersten Kontakt, bringt sich zumeist schon in eine gute Position für Folgeaktionen, bevor ihn der Ball erreicht. Er spielt dann gerne direkt mit einem Kontakt weiter, ähnlich wie es auch Matti Rasmussen oder James Sands machen. Das sind dann oft keine herausragenden und auffälligen Aktionen, aber dadurch kann er seinem Team im Aufbauspiel weiterhelfen, weil so das Tempo im Aufbauspiel hochgehalten werden kann oder er den Ball aus Gefahrenzonen bringt. Pass- und ballsicher ist er auch in engeren Räumen, wenngleich dort seine Entscheidungen nicht immer ganz optimal sind. Insgesamt ist er am Ball stark, weil er trotz seiner Körpergröße sehr agil ist. Seine Schritte sind raumgreifend, dadurch wirkt er sehr dynamisch.

Im Spiel mit dem Ball besitzt Gísli Thórdarson einen starken Drang nach vorne, sofern die Spielsituation es zulässt. Wann es die Situation zulässt und wann nicht, diese Entscheidung sitzt bei ihm nicht immer. Wenn er sich aber für progressives Spiel entscheidet, dann ist er dabei auch sehr kreativ, schafft es, die Bälle zu verlagern (mit langen Bällen, Körpertäuschungen oder auch mal Tempowechseln), traut sich auch, komplizierte Pässe zu spielen. Diese gelingen aber nicht immer, Thórdarson wirkt in einigen Situation zu verspielt und wählt immer mal wieder nicht den einfachen, sondern den besonderen Weg. Für das Aufbauspiel seiner Teams ist er trotzdem ein Gewinn auf dem Niveau der polnischen Ekstraklasa. Mit einer Körpergröße von 1,91m ist er ein recht großer zentraler Mittelfeldspieler. Allerdings ist sein Kopfballspiel maximal durchschnittlich, was unweigerlich an Eric Smith erinnert.

Defizite im Stellungsspiel und der Entscheidungsfindung

Gegen den Ball hat Gísli Thórdarson vermutlich seine größten Baustellen. Sein Stellungsspiel ist verbesserungswürdig, seine Entscheidungsfindung, wann er seine Position verlässt und den Zweikampf sucht, ebenfalls. Seine Zweikampfführung ist gut, er dürfte physisch auch in der zweiten Liga keine großen Probleme haben. Allerdings haben mir einige Szenen gezeigt, dass er Probleme hat, in die Duelle zu kommen. Hier fehlt es an Aggressivität und womöglich auch Konsequenz. Wenn er aber in die Duelle kommt, dann verlaufen diese oft gut für ihn, im „Infight“ ist er wirklich gut, sowohl in Defensiv-, aber auch in Offensivduellen.Insgesamt finde ich besonders, dass Gísli Thórdarson trotz seiner Agilität und Dynamik mit seinen Aktionen eine gewisse Ruhe ausstrahlt. Wenngleich es an etlichen Stellen noch Verbesserungsbedarf gibt, so muss ich zugeben, dass ich ein Faible habe für so einen Spielertypen und ich ein wenig schockverliebt bin in seine elegante und trotzdem dynamische sowie technisch anspruchsvolle Spielweise.

Welche Rolle kann Thórdarson beim FC St. Pauli einnehmen?

Doch um mich wieder etwas zu erden, schaue ich mir die Einsatzzeiten an. Thórdarson kam in der vergangenen Saison insgesamt nur zu 13 Einsätzen in der polnischen Liga, war kein Stammspieler. Hierfür muss es Gründe geben. Zum einen, weil er womöglich das Niveau über längere Spielzeit nicht halten kann. Das ist aber auch völlig normal für junge Spieler. Von einem 21-jährigen mit der Erfahrung von gerade einmal etwas mehr als 18 Monaten (von denen er ein paar verletzt fehlte) auf gehobenem europäischen Niveau darf nicht erwartet werden, dass er das geforderte Niveau zuverlässig erreicht. Ausreißer nach unten müssen einkalkuliert werden. Wie Ihr aber in den letzten Absätzen sicher gemerkt habt, besitzt Gísli Thórdarson nach meinem Empfinden durchaus die Anlagen, um sich auf diesem Niveau durchzusetzen. Seine Athletik gepaart mit den technischen Fertigkeiten und der Spielintelligenz – das ist schon wirklich vielversprechend und lässt auf jeden Fall die Vision zu, dass er sich noch zu einem richtig guten Fußballer entwickeln kann.

Womöglich hat er auch deshalb in Polen so wenig gespielt, weil Lech Posen einfach einen ziemlich starken Kader hat. Der Club ist in den letzten beiden Spielzeiten Meister geworden. Ohne es genau zu wissen, vermute ich, dass das Niveau im Kader sehr hoch sein dürfte. Bei der Einschätzung, wie es nun für Gísli Thórdarson beim FC St. Pauli weitergeht, ist daher der Vergleich zwischen der bisherigen und der neuen Liga wichtig. Laut dem „Opta Power Ranking“ ist die polnische Ekstraklasa um einiges stärker einzuschätzen als die 2. Bundesliga. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt „Global Football Rankings“ (GFR). Dort wird die polnische Liga auf Rang 13 geführt (Opta: Rang 11), die zweite Bundesliga auf 21 (Opta: 32). GFR gibt auch ein Ranking für die einzelnen Clubs an. Lech Posen liegt weltweit auf Rang 87 und damit unter anderem vor Eintracht Frankfurt, dem HSV, Werder Bremen und sämtlichen Zweitligaclubs (der FC St. Pauli wird auf Rang 349 geführt und ist damit der fünftbeste Club der zweiten Liga). Das zeigt, dass das Niveau der polnischen Liga auf keinen Fall zu niedrig eingeschätzt werden sollte.

Möglich, dass er recht schnell auf dem Platz steht

Ob das aber auch bedeutet, dass Gísli Thórdarson beim FC St. Pauli mehr Spielzeit sammeln wird und dem Team auf dem Platz direkt weiterhelfen kann? Zumindest ist der Ligenvergleich mit Vorsicht zu genießen. Im Dezember 2022 wechselte schließlich der damals kopfballstärkste Spieler der Ekstraklasa ans Millerntor. Glücklich wurde Maurides beim FCSP dann aber nicht. Dass eine Liga stärker als eine andere einzuschätzen ist, bedeutet also nicht automatisch, dass Spieler in der schwächeren Liga besser klarkommen. Zwar gibt es Indikatoren, die im Scouting auch genutzt werden, aber es ist immer noch eine ganz individuelle Sache, ob das in einer anderen Liga klappt. Und im Fall von Thórdarson muss ja auch bedacht werden, dass er in Polen kein Leistungsträger war. Es gibt also einige Fragezeichen.

Trotzdem beginne ich diesen abschließenden Absatz mit dem Wort „Trotzdem“. Denn die Anlagen von Gísli Thórdarson sind nach meinem Empfinden wirklich vielversprechend, um beim FC St. Pauli im zentralen Mittelfeld mindestens mittelfristig eine ernsthafte Option zu sein. Zumal es nach dem Abgang von Jackson Irvine und James Sands sowie den möglichen Abgängen von Eric Smith und Joel Fujita großen Bedarf auf dieser Position gibt – im zentralen Mittelfeld klafft eine Lücke beim FCSP. Es ist zu hoffen, dass Thórdarson diese Lücke füllen kann. Gerne sofort.Herzlich Willkommen am Millerntor, Gísli Thórdarson!// Tim

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