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·5. Juni 2026

Wer ist Marcel Rapp? – Ein Trainerprofil

Artikelbild:Wer ist Marcel Rapp? – Ein Trainerprofil

Der FC St. Pauli hat mit Marcel Rapp einen Nachfolger für Alexander Blessin gefunden und die Position des Cheftrainers neu besetzt.Titelbild: Stefan Groenveld

Die zweieinhalb Wochen Schwebezustand waren lang und zumindest für die Öffentlichkeit auch sehr nervig. Wie sich jetzt herausgestellt hat, saß Andreas Bornemann aber doch nicht vierzehn Tage lang däumchendrehend auf das Handy starrend im Sessel, sondern hat (wenig überraschend) tatsächlich im Hintergrund weitergearbeitet. Herausgekommen ist neben der Trennung von Alexander Blessin die Verpflichtung von Marcel Rapp als neuem Cheftrainer. Nachdem dessen Vertrag in Kiel in der Rückrunde aufgelöst wurde, kommt somit ein ablösefreier Trainer mit Zweitliga-Aufstiegserfahrung ans Millerntor. Schauen wir uns diese Personalie genauer an.


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Knapp sechs Jahre und etwa 50 Kilometer liegen zwischen der Geburt von Alexander Blessin und der von Marcel Rapp. Nehmen wir jetzt etwa nur noch Trainer aus Baden-Württemberg, die außerdem als Spieler für die Stuttgarter Kickers und Pfullendorf aktiv waren? Vielleicht, aber es gibt durchaus auch genug Unterschiede zwischen dem jetzt ehemaligen und dem neuen Cheftrainer des FC St. Pauli.

KSC, RWO, Jena, Kickers

Im April 1979 wurde Marcel Rapp in Pforzheim geboren. Er spielte zunächst „auf dem Kirchberg“ beim 1. FC Ersingen und wechselte mit 15 zum VfR Pforzheim. Wenn man dem Wikipedia-Eintrag glaubt, ging es aber noch im gleichen Jahr in die Jugend des Karlsruher SC, wo er mit 18 zu den Amateuren stieß, lange bevor diese Teams U23 oder ähnlich hießen. Dort, beim KSC, hatte er mit 20 auch die ersten Profieinsätze in der 2. Liga. Weitere Stationen folgten unter anderem bei Rot-Weiß Oberhausen, Carl Zeiss Jena und den Stuttgarter Kickers. Und natürlich beim SC Pfullendorf! Warum ich den so hervorhebe? Weil er dort zwei Jahre mit Alexander Blessin zusammen gegen den Ball trat, woran beide wohl ganz positive Erinnerung zu haben scheinen, was für spätere Spiele gegeneinander dann nicht immer der Fall war. Aber ein „richtig feiner Kerl“ war Blessins Urteil über Rapp, als man ihn vor dem letzten Aufeinandertreffen am Millerntor im November 2024 nach seinem Trainerkollegen befragte (MOPO). 2012 beendete Rapp dann seine Spielerkarriere.

Spiele gegen St. Pauli in jener Zeit? Nein, nicht so richtig. Lediglich im November 2000 saß er bei einer 2:3-Heimniederlage von RWO gegen die Kiezkicker mal auf der Bank und hatte so beste Sicht auf die Tore von Ivan Klasnic, Thomas Meggle und Nico Patschinski. Trainiert wurde er damals übrigens von Gerhard Kleppinger.

NLZ-Trainer in Hoffenheim

Direkt im Anschluss an das Karriereende als Spieler begann er im Sommer 2012 als Co-Trainer beim FC Nöttingen in der Oberliga Baden-Württemberg. Trainer war KSC-Legende Michael Wittwer, natürlich in erster Linie bekannt für seine Ehefrau Sabine, die den Knaller „KSC Olé olé“ eingesungen hat. Unwahrscheinlich ist jedoch, dass dies dazu führte, dass Rapp schon nach einem Jahr zur TSG Hoffenheim wechselte und dort von 2013 bis 2020 verschiedenste Trainerstationen im NLZ durchlief. Ab 2017 war er als Nachfolger von Domenico Tedesco verantwortlich für die U19 der TSG, machte in der Saison 18/19 parallel noch den Fußballlehrer-Schein und betreute das Team auch in der UEFA Youth League.

Bei den Profis der TSG Hoffenheim war nach der Corona-Pause im Saisonendspurt 2020 bald Schluss für Cheftrainer Alfred Schreuder. Ein Quintett übernahm, zu dem auch Rapp für die letzten vier Spieltage im Sommer 2020 gehörte. Man schaffte sogar noch die Qualifikation für die Europa League. Für ihn ging es nach Saisonende aber zurück zur U19.

Cheftrainer in Kiel

Im Oktober 2021 wechselte er dann fest in den Profibereich, übernahm bei Holstein Kiel die durch den Rücktritt von Ole Werner vakant gewordene Stelle bei den Störchen. Nach den Tabellenplätzen neun (2022) und acht (2023), folgte 2024 der erstmalige Aufstieg der KSV Holstein in die 1. Bundesliga.

Im ersten Bundesliga-Jahr der Vereinsgeschichte sorgte Holstein Kiel durchaus für das ein oder andere Ausrufezeichen, stieg am Ende aber dann doch mit 25 Punkten als 17. wieder ab. Rapp, der im im April seinen Vertrag bis 2028 verlängert hatte, blieb als Cheftrainer verantwortlich und ging mit in Liga 2. Nach 23 Spieltagen stand man Ende Februar nur einen Punkt über den Abstiegsrängen und die Zusammenarbeit mit Marcel Rapp wurde „gemeinsam und einvernehmlich“ beendet, auch wenn das Zitat aus der gleichen Mitteilung dies nicht ganz so einvernehmlich klingen lässt:

„Ich blicke mit großer Dankbarkeit und ebenso großer Überzeugung auf meine Zeit bei Holstein Kiel zurück. Wir haben in den vergangenen Jahren gemeinsam eine klare sportliche Identität entwickelt, Strukturen aufgebaut und mit dem Aufstieg in die Bundesliga Vereinsgeschichte geschrieben. Dieser Erfolg war das Ergebnis harter, kontinuierlicher Arbeit und einer starken Geschlossenheit innerhalb des gesamten Clubs. Nach dem Umbruch im Sommer befanden wir uns in einem anspruchsvollen, aber aus meiner Sicht sehr gut geplanten Entwicklungsprozess. Ich bin überzeugt, dass wir die sportlichen Herausforderungen gemeinsam erfolgreich gemeistert und die Saison stabil gestaltet hätten. Ich respektiere die Entscheidung des Vereins und gehe meinen Weg mit voller Energie weiter. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre – insbesondere die Entwicklung einer Mannschaft über mehrere Spielzeiten hinweg – haben mich als Trainer weiter gefestigt.“ Marcel Rapp über seine Zeit bei Holstein Kiel

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Was sagt der Experte?

Die Sommerpause ist noch lang und wir haben auch noch ein bisschen Zeit bis zum Trainingsauftakt zu überbrücken, daher lassen wir uns hier jetzt auch noch etwas Zeit für detailliertere Betrachtungen. Mit Matthias Hermann, Holstein-Reporter von den Kieler Nachrichten haben wir aber trotzdem schon mal sprechen können.

MillernTon: Hallo Matthias, vielen Dank für Deine Zeit. Marcel Rapp wird neuer Trainer des FC St. Pauli. Passt der Wechsel aus Deiner Sicht?

Matthias Hermann: Ich denke, dass Marcel Rapp inzwischen in Norddeutschland sehr gut angekommen ist. Er muss jetzt nicht mal groß umziehen. Auch der FC St. Pauli könnte von der Größe des Clubs her gut zu ihm passen.

MT: Für welche Art von Fußball steht Rapp?

MH: Ganz zentral ist für ihn Ballbesitz, sein Spiel ist auch sehr offensiv ausgerichtet. Eine große Rolle spielen bei ihm die Außenverteidiger, die immer wieder mit nach vorne gehen müssen. Genauso wichtig ist ihm aber auch die Arbeit nach hinten, Extrarechte für gute Offensivspieler, die dann nicht mit nach hinten arbeiten müssen, gibt es bei ihm nicht. Systemtechnisch ist er zudem durchaus variabel.

„Der Bessermacher“

MT: Unter dem Trainer Rapp haben sich etliche Spieler von Holstein Kiel sehr gut entwickelt. Würdest Du die Spielerentwicklung als eine Stärke von ihm bezeichnen?

MH: Absolut. Ich würde sogar sagen, dies ist seine größte Stärke. In der Aufstiegssaison hatte er den Beinamen „Der Bessermacher“ bekommen, aus meiner Sicht auch zu Recht. Er hat es immer wieder geschafft, gemeinsam mit der sportlichen Leitung Talente auszugraben und diese auch besser zu machen. Das ist natürlich nicht immer ein Prozess von ein, zwei Monaten, sondern kann auch mal etwas Zeit in Anspruch nehmen, aber es zahlt sich am Ende aus. Man schaue mal darauf, wie er die Mannschaft von Holstein über die viereinhalb Jahre entwickelt hat. Er kann auch eine sehr väterliche Figur sein. Er ist niemand, der seine Spieler anschreit oder öffentlich anzählt. Vielleicht müsste er manchmal auch strenger sein, aber er ist ein absolut positiver Spielerentwickler.

MT: Er war viereinhalb Jahre Cheftrainer in Kiel. Warum wurde er im Februar 2026 entlassen?

MH: Ich glaube, da war eine solche Negativspirale, dass die Verantwortlichen nicht mehr geglaubt haben, dass er die Mannschaft noch wirklich erreicht. Man hat sich auch sehr schwer damit getan. Nach dem KSC-Spiel (3:1-Auswärtsniederlage am 23. Spieltag) dauerte es auch ein paar Tage, in denen intensiv gesprochen wurde. Es gab auch Fans, die sich für einen Wechsel ausgesprochen haben, weil es sportlich nicht konstant genug war. Es kamen immer wieder Negativphasen, oft auch bedingt durch sehr schlechte Chancenverwertung, die ja vielleicht nur bedingt dem Trainer anzulasten ist. Die Spiele waren also gar nicht so schlecht, aber das Selbstvertrauen schwand. Dies war am Ende wahrscheinlich entscheidend.

Ich hab nach der Saison ein Interview mit Marco Komenda (€) geführt, wo dieser nochmal klarstellte, dass es in erster Linie an der Mannschaft lag, die ihr Potential in dieser Phase nicht auf den Platz gebracht hat und es danach auch mit Marcel Rapp hätte wieder besser laufen können. Es gibt natürlich jetzt nach der Kehrtwende viele Befürworter von Tim Walter, aber man hört weder aus dem Team noch aus dem Verein irgendein negatives Wort über Marcel Rapp.

„Menschlich ist er ganz weit vorne.“

MT: Erst der Abstieg aus der Bundesliga, dann Abstiegskampf in der Folgesaison. Aber wie Du sagst, es ist schwer in Medien und unter Fans kritische Worte zum Trainer Marcel Rapp zu finden. Warum ist das so?

MH: Zunächst muss der Anfang der Frage betont werden: Bundesliga! Das ist ja etwas historisches, was Marcel Rapp hier geschafft hat. Dafür hat er sich sein kleines, virtuelles Denkmal verdient. Dies hat er ja nicht mit einem Team geschafft, welches mit Stars besetzt war und zusammengekauft wurde, um den Aufstieg zu schaffen. Aber er hat das geschafft, was noch keinem Trainer in Kiel vorher gelungen war.

Hinzu kommt absolut seine sehr, sehr menschliche und sympathische Art. Kiel war seine erste Station im Herrenbereich und er musste sich da auch akklimatisieren, aber am Ende hat er sich auch kleinere Scherze auf der Pressekonferenz erlaubt. Menschlich ist er ganz weit vorne und er hat Interviews gegeben, die man ihm inhaltlich immer voll und ganz abgenommen hat. Auch, dass Holstein Kiel ein Herzensverein für ihn geworden ist und er sich im Norden wohl fühlt. Mehr kann man sich menschlich von einem Trainer nicht erwarten – und wenn dann auch noch so ein Erfolg dazu kommt, hat man wohl alles richtig gemacht.Und zuletzt: Er isst gerne Fischbrötchen, er kann also kein schlechter Mensch sein.

MT: Welch ein Schlußsatz. Vielen Dank, Matthias!Mehr von Matthias findet Ihr auf seinem Instagram-Account.

Artikelbild:Wer ist Marcel Rapp? – Ein Trainerprofil

Klassisches „Vorher – Nachher“-Foto aus dem November 2024. // (c) Photo by Stuart Franklin/Getty Images

Auf geht’s!

Halten wir fest, dass Rapp mit Holstein Kiel viel Wert auf Ballbesitz gelegt hat. Auch offensiv fand er mit den Störchen nahezu immer Lösungen. In der Erstligasaison gelang es der KSV Holstein in fast allen Auswärtsspielen zu treffen. Lediglich am 34. Spieltag bei Borussia Dortmund blieb man ohne eigenes Tor. 49 Treffer waren da insgesamt die stolze Ausbeute – dazu gab es dann aber auch 80 Gegentore.Und ja, aus der 2. Liga aufsteigen kann er natürlich auch, dies hat er mit Holstein Kiel bewiesen.

In Podcasts war er auch schon zu Gast, unter anderem im Dezember 2023 als Zweitliga-Herbstmeister bei „Holstein eins zu eins“ (Kieler Nachrichten, 36m32s) und im Januar 2025 nach der Hinrunde in der 1. Liga beim „Störche-Schnack“ von Radio R.SH. (21m23s).

Im Interview mit dem Kicker (€) im Mai 2026 reflektierte er seine lange Zeit in Kiel und räumte auch gleich damit auf, stur an einer Idee festzuhalten: „Ich habe eine Idee von Fußball, die von Ballbesitz geprägt ist. Das passte auch zu Holstein Kiel. Die Idee darf aber nie von Sturheit geprägt sein, ich muss als Trainer immer Dinge anpassen und kann das auch. Ich passe in keine Schublade. Es gibt bei mir kein Dogma.“

Vier Jahre in Kiel reichten für 20 Jahre Erfahrung

Auf die Frage, ob er nach der Station in Kiel jetzt ein anderer Trainer sei, als er es zuvor im Nachwuchsbereich war, sagte er: „Ich bin kein anderer Trainer, aber ich habe andere Erfahrungswerte. Ich bin vor viereinhalb Jahren zu einem Zweitligisten in Abstiegsgefahr gekommen, im Jahr darauf haben wir einen Kader moderieren müssen, der vor einem riesigen Umbruch stand. Wir sind dann auf- und wieder abgestiegen, hatten den nächsten Umbruch. Ich habe dadurch zwar nicht schlagartig 20 Jahre Erfahrung auf dem Buckel – aber zumindest Erfahrungen, die andere vielleicht in 20 Trainerjahren machen.“

Ich bin mir sicher, beim FC St. Pauli werden viele weitere Erfahrungen hinzu kommen.Herzlich Willkommen am Millerntor, Marcel Rapp!// Maik

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