Billardstoß oder Gewehr? Der Torjubel von Sayed Abu Farkhi und die Frage, wer ihn wie deutet | OneFootball

Billardstoß oder Gewehr? Der Torjubel von Sayed Abu Farkhi und die Frage, wer ihn wie deutet | OneFootball

In partnership with

Yahoo sports
Icon: 90PLUS

90PLUS

·25. September 2026

Billardstoß oder Gewehr? Der Torjubel von Sayed Abu Farkhi und die Frage, wer ihn wie deutet

Artikelbild:Billardstoß oder Gewehr? Der Torjubel von Sayed Abu Farkhi und die Frage, wer ihn wie deutet

Linz. Es war das erste Länderspieltor seiner Karriere, und es kostete ihn das Spiel. Sayed Abu Farkhi, 20 Jahre alt, hatte am Donnerstagabend in Linz zum 1:1 für Israel eingeköpft, lief zur Eckfahne, zog sie aus dem Boden und legte sie an. Der bulgarische Schiedsrichter Georgi Kabakov zeigte Gelb. Da Abu Farkhi drei Minuten zuvor bereits verwarnt worden war, bedeutete das den Platzverweis. Israel spielte die restlichen 34 Minuten in Unterzahl und verlor 1:3.

Seitdem wird über eine Frage diskutiert, die sich aus dem Videomaterial allein nicht beantworten lässt: Was genau hat er dargestellt?


OneFootball Videos


Zwei Lesarten

Die dpa beschreibt die Geste als angedeuteten Billard-Stoß. International wurde sie überwiegend anders gelesen – als habe Abu Farkhi ein Gewehr angelegt. Beides ist mit denselben Bewegungen vereinbar, und genau darin liegt das Problem dieser Debatte.

Israels Cheftrainer Ran Ben-Shimon stellte sich nach dem Spiel vor seinen Spieler: „Jedes Mal, wenn er ein Tor schießt, jubelt er genau so. Er hat noch nie dafür eine Gelbe Karte bekommen. Das ist seine Art, Tore zu bejubeln.“ Und er nahm die Verantwortung auf sich: „Er macht es immer wieder, es ist meine Schuld, dass ich es nicht gestoppt habe.“ Laut der Zeitung „Israel Hajom“ stellte Ben-Shimon zudem klar, dass es sich nicht um eine Geste mit Bezug zu Waffen gehandelt habe.

Der israelische Sender „Channel 12“ berichtete unter Berufung auf Teamkreise, Abu Farkhi habe sich entschuldigt – zugleich aber erklärt, dies sei sein üblicher Torjubel. Belegbar ist das: Der Stürmer, der seit Kurzem in der Major League Soccer für die Colorado Rapids spielt, hatte in der Vergangenheit auch für seinen früheren Klub Maccabi Tel Aviv so gefeiert, ohne dass es je eine Karte gab.

Was die Regel hergibt

Das Regelwerk ist an dieser Stelle knapp und weit zugleich: Ein Spieler kann verwarnt werden, wenn er sich beim Jubel provokativ, spöttisch oder aufrührerisch verhält. Ob eine Geste darunterfällt, entscheidet der Schiedsrichter auf dem Platz – ohne Videobeweis, ohne Zeit zur Recherche, ob ein Spieler so schon hundertmal gejubelt hat.

Kabakov entschied sich für Gelb. Dass daraus ein Platzverweis wurde, lag an der Vorgeschichte: Abu Farkhi hatte in der 52. Minute nach einem Gerangel im eigenen Strafraum bereits eine Verwarnung kassiert. Gelb, Tor, Gelb-Rot – binnen nicht einmal fünf Minuten.

Wimmer: „In der Phase, in der das Land steckt“

Die deutlichste Kritik kam vom Gegner. Patrick Wimmer, Österreichs Nationalspieler von der TSG Hoffenheim, sagte über die Szene: „Ich glaube, in der Phase, in der das Land steckt, beziehungsweise in der wir aktuell sind, ist das einfach dämlich.“ Und weiter: „Ich glaube, so etwas hat im Fußball generell nicht viel verloren – und gerade in der Situation, in der sie stehen, glaube ich, umso weniger.“

Es ist eine Kritik, die nicht die Absicht bewertet, sondern den Kontext: Was in einer ruhigen Zeit als Marotte durchgeht, wirkt in einer anderen anders.

Der Hinweis aus Israel selbst

Die israelische Nachrichtenseite ynet verwies mit Blick auf die internationalen Reaktionen auf einen Aspekt, der in der europäischen Berichterstattung weitgehend fehlte: Abu Farkhi ist Araber. Die arabische Minderheit macht in Israel mehr als 20 Prozent der Bevölkerung aus; viele israelische Araber empfinden große Solidarität mit den Palästinensern im Gazastreifen.

Ynet stellt damit die Frage, ob die Deutung der Geste als Waffen-Imitation überhaupt zur Person passt – und ob sie vor allem deshalb entstand, weil ein israelischer Nationalspieler sie zeigte. Eine Antwort darauf gibt die Seite nicht. Sie ist auch schwer zu geben.

Was bleibt

Ein 20-Jähriger hat sein erstes Länderspieltor erzielt und wurde dafür vom Platz gestellt. Seine Mannschaft verlor anschließend ein Spiel, das bis dahin offen war. Sein Trainer sagt, es sei nichts dabei gewesen. Der Gegner sagt, es sei dämlich gewesen. Der Schiedsrichter hat nach Regelbuch entschieden, ohne die Vorgeschichte zu kennen. Und die Frage, was Abu Farkhi darstellen wollte, beantwortet in diesem Fall jeder für sich – je nachdem, was er in der Geste sieht.

Ob sich die UEFA mit dem Vorgang befasst, war zunächst nicht bekannt. Israel spielt am Sonntag weiter, Abu Farkhi ist dann gesperrt.

Impressum des Publishers ansehen