Miasanrot
·29. September 2026
Klopps holpriger Start und die Spieler des FC Bayern: Die wichtigsten Erkenntnisse nach dem Debüt

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·29. September 2026

Das Debüt von Jürgen Klopp beim DFB-Team bringt mehr Fragen als Antworten. Was wird beispielsweise aus Tah oder Kimmich? Die wichtigsten Erkenntnisse.
Deutschland im Herbst. Volksfeste und Achterbahnen. Die Nationalelf ist dabei keine Ausnahme. Nach dem Amtsantritt von Jürgen Klopp als Bundestrainer saß die Nation geschlossen im Hypetrain.
Klopps innovative Kadernominierung mit insgesamt 44 Spielern aufgeteilt auf zwei Kader wirkte erfrischend und signalisierte Aufbruchstimmung.
Nun sind zwei Spiele in der Nations League gespielt. Zwei Spiele gegen die Niederlande und Griechenland, in denen die deutsche Mannschaft spielerisch nicht begeistern konnte, sondern klar machte, dass der Weg zurück in die Weltspitze ein weiter ist.
Vom FC Bayern waren im ersten Kader Serge Gnabry, Jonathan Tah, Nathaniel Brown und Joshua Kimmich dabei. Auch ihre Bilanz fällt trotz vieler Einsatzminuten gemischt aus.
Miasanrot ordnet die Lage nach dem Klopp-Debüt ein.
Serge Gnabry ist 31 Jahre alt. Beim FC Bayern blühte er in der Saison 2025/26 auf. Bei der Weltmeisterschaft 2026 konnte er verletzungsbedingt nicht mitspielen. Gnabry in Topform hätte der deutschen Mannschaft sicherlich gut getan. Viele Chancen wird er nicht mehr haben, um international zu glänzen.
Er wurde in beiden Spielen eingewechselt. Und blieb vor allem durch seinen Fehlpass in Erinnerung, der den späten Ausgleich der Niederländer einleitete.
Prognose: Wenn die jüngeren Karim Adeyemi und Lennart Karl ihre Chancen halbwegs nutzen, wird es schwer für Gnabry.
Tah startete in beiden Spielen und spielte wie üblich: unauffällig, im für Verteidiger positiven Sinn. Aber ob das auf Dauer ausreichen wird, ist unklar. Damit geht es ihm bei der Nationalelf ähnlich wie beim FC Bayern, wo Min-jae Kim Druck auf seinen Stammplatz macht. Auch beim DFB hat er eine Reihe von Herausforderern, darunter Yann Aurel Bisseck, der an Tahs Seite gegen Griechenland positiv auffiel.
Prognose: Nico Schlotterbeck dürfte gesetzt sein, Tah an seiner Seite noch die Nase vorn haben. Doch Bisseck und andere jüngere Spieler scharren mit den Hufen und sorgen für einen echten Konkurrenzkampf.
Bei ihm passiert in den letzten Monaten sehr schnell sehr viel: auf den WM-Zug aufgesprungen, Stammspieler geworden, zu Bayern gewechselt, dort sofort eingesetzt, sogar auf ungewohnter Position. Seine Leistung leidet aktuell unter dem Trubel, so auch in den beiden Länderspielen.
Prognose: Ein Spieler, dem die Zukunft gehört. Eigentlich. Denn Klopps 4-2-3-1-/ 4-3-3-Hybrid setzt auf inverse, zum Tor ziehende Flügelspieler, so wie in den beiden ersten Spielen mit Kevin Schade und Adeyemi. Dazu passen idealerweise Außenverteidiger, die Breite geben und die Linie hoch und runter marschieren, so wie Philipp Treu es auf der rechten Seite tat. Das ist nicht Browns Spielweise, sondern eher die von David Raum und Maximilian Mittelstädt. Es könnte auf die Frage hinauslaufen, ob Klopp auf Talent (Brown) oder Passung zum System (Raum/Mittelstädt) setzt.
Klopps Kapitän. Kimmich spielte zweimal durch, und das überwiegend gut, trotz kleinerer Wackler. In der Öffentlichkeit hat er weiterhin einen schweren Stand, so wie Führungsspieler und Leistungsträger ihn in Deutschland immer haben, solange sie keinen Titel gewonnen haben. Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Thiago lassen grüßen.
Dabei ist Kimmich einer der wenigen deutschen Spieler, die aktuell auf ihrer Position zur Weltspitze gehören.
Prognose: Solange Wirtz und Musiala nicht in Topform sind, ist Kimmich der beste deutsche Nationalspieler. Dazu Kapitän, immer fit und immer motiviert. Also gesetzt? Sollte man denken, doch so einfach ist es nicht. Wenn Klopp bei der Besetzung im Mittelfeldzentrum auf ein “V” mit einer tiefen Sechs und zwei Achtern/Zehnern setzt, so wie es vor allem gegen die Niederlande über weite Teile des Spiels zu sehen war, dann stellt sich perspektivisch die Frage, ob Kimmich oder vielleicht ausgerechnet sein Münchner Compagnon Pavlović die Idealbesetzung sein wird. Aber nur dann. Und theoretisch könnte Klopp ihn dann immer noch als Achter aufstellen. Ansonsten führt kein Weg an Kimmich vorbei.
Gegen die Niederlande war direkt sichtbar, wo Klopp mit Deutschland hin will: Pressing, Vollgas, kontrolliertes Chaos. Nur das mit der Kontrolle klappte noch nicht so gut. Felix Nmecha erzielte in der 32. Minute Deutschlands Führung, ehe Cody Gakpo in der Nachspielzeit zum 1:1-Endstand ausglich.
Die Torfolge mit der langen Führung und dem späten Gegentreffer täuschte über die insgesamt vor allem defensiv schwache Leistung hinweg. Zumal auch die Niederlande derzeit nicht zur engeren Weltspitze gehören. Deutschland ließ über drei Expected Goals zu. Dazu kam das knapp aberkannte Tor der Niederländer sowie ein nicht gegebener, aber pfeifbarer Elfmeter nach einem Einsteigen von Jonathan Tah.
Im Heimspiel gegen Griechenland war es eine komplett andere Situation. Die Griechen verteidigten sehr tief, phasenweise mit einer Sechser-Kette. Das stellte Deutschland vor noch größere Probleme als der offene Schlagabtausch mit den Niederländern. Klopps Mannen fehlten Mittel und Ideen, den tiefen Block der Griechen zu bespielen. Sie kamen nur auf 1,3 eigene xG, ein Tor gelang nicht. Das Tor des Tages gelang dann Dimitrios Kourbelis nach einem einmal mehr schwachen Defensivverhalten Deutschlands.
Deutschland steht nach zwei Spielen bei einem Punkt, 1:2 Toren und 2,7 zu 3,9 xG, gleichbedeutend mit Platz drei in der Tabelle A2 der Nations League. Der Platz würde eine Abstiegsrelegation gegen einen Gruppenzweiten der Liga B bedeuten, während Platz vier den direkten Abstieg bedeutet und die ersten beiden ins Viertelfinale um den Sieg der Nations League einziehen.
Die beiden Spiele haben offenbart, was eigentlich länger klar war: Deutschland hat ein Qualitätsproblem. Die aktuellen Spieler der Nationalelf sind nicht so gut wie jene Frankreichs, Englands oder Spaniens.
Laut Transfermarkt stehen unter den 70 wertvollsten Spielern der Welt nur drei deutsche: Jamal Musiala, Florian Wirtz und Aleksandar Pavlović, keiner davon unter den Top-15. Musiala und Wirtz haben einen Marktwert von je 100 Millionen Euro und stehen gemeinsam mit acht anderen Spielern auf dem 17. Platz. Pavlović teilt sich mit fünf weiteren Spielern Platz 27.
Zum Vergleich: Frankreich ist unter den Top-70 mit elf Spielern vertreten, Spanien mit fünf. Wenn man dann noch bedenkt, dass Musiala aktuell angeschlagen ist und Wirtz in Liverpool noch nicht zu seiner Topform gefunden hat, wird klar: Das reicht nicht.
Marktwerte sind kein perfektes Maß für die Qualität von Spielern. Ältere Spieler wie Harry Kane oder Joshua Kimmich werden von der Metrik abgestraft, weil der Marktwert nicht zum Ausdruck bringt, wie gut ein Spieler ist, sondern welche Transfersumme er unter normierten Umständen erlösen könnte. Dennoch ist der Marktwert ein ausreichend guter Proxy für die Qualität von Spielern und Mannschaften. Schließlich haben die meisten Mannschaften junge und alte Spieler.
Von den vier laut Transfermarkt wertvollsten deutschen Spielern spielten drei gar nicht und Florian Wirtz nur 25 Minuten. Jamal Musiala fehlte verletzt. Aleksandar Pavlović und Lennart Karl greifen erst im zweiten Kader ins sportliche Geschehen ein. Auch Kai Havertz und Nico Schlotterbeck kamen nur zu 30 und 90 Minuten Einsatzzeit.
Brown und Nmecha waren die einzigen Spieler mit einem Marktwert über 50 Millionen Euro, die in beiden Spielen eine relevante Spielzeit aufweisen. Dazu Kimmich und Tah als erfahrene Führungsspieler.
Dass die Qualität der deutschen Nationalelf durch die Verteilung auf zwei Kader noch weiter abnehmen würde, war im Vorgehen von Klopp inbegriffen. Die Leistungen und Ergebnisse sind nicht vom Himmel gefallen, sondern sind im Rahmen der Qualität der Spieler und der bewusst in Kauf genommenen fehlenden Eingespieltheit.
Ob Klopps Vorgehen aufgeht, wird sich frühestens im November, wahrscheinlich erst im Laufe des nächsten Jahres zeigen.
Wie immer neigt die Berichterstattung im Fußball zu Übertreibungen. Julian Nagelsmann wurde in der Retrospektive der enttäuschenden WM zum Alleinschuldigen erklärt. Vergessen waren die positive Entwicklung bei seinem Start mit der Europameisterschaft 2024 und insbesondere in der ersten Phase danach, als Wirtz und Musiala in Topform den Gruppensieg in der Nations League besorgten.
Ein Feuerwerk bei Klopps Debüt-Spielen und die Fußballnation hätte Urlaub für den Tag nach dem Finale der Europameisterschaft 2028 eingereicht. Vielleicht tut es gut, dass die Premiere klar gemacht hat: Auch Klopp kann es nicht per Handauflegen. Dem Bundestrainer selbst war das immer klar. Er betonte von der ersten Pressekonferenz an, dass es ein langer Prozess werde.
Auf diesem Weg können die Punktverluste sogar helfen: Niemand im Team und im Umfeld des Teams sollte jetzt noch mit einer schnellen Rückkehr an die Weltspitze rechnen. Das erleichtert Klopp die weiteren Umbaumaßnahmen am Kader und im Umfeld der Mannschaft.
In Deutschland wird die hochtalentierte 1995/96er-Generation gern als unvollendete bezeichnet. Kimmich, Gnabry, Leroy Sané, Niklas Süle, Julian Brandt und andere aus diesem Jahrgang schafften es nie, mit der Nationalmannschaft erfolgreich zu sein.
Dabei ist das viel größere Problem im deutschen Fußball das unsichtbare Loch nach dieser Generation. In den Jahrgängen 1997 bis 2002 sind Top-Talente enorm rar gesät. Einzig Kai Havertz und Nico Schlotterbeck haben es aus diesen Jahrgängen in die internationale Klasse geschafft. Nmecha, Bisseck und andere holen die Entwicklung vielleicht noch nach.
Doch ab 2003 wird das Bild wieder positiver. Musiala und Wirtz stechen bereits heraus. Pavlović, Brown, Jonas Urbig, Dennis Seimen, Lennart Karl, Tom Bischof, Finn Jeltsch, Said El Mala, Assan Ouédraogo, Paris Brunner und andere aus den Jahrgängen 2003 bis 2008 machen Hoffnung auf eine neue Generation mit mehr Talent. Sie werden es nicht alle in die Weltspitze schaffen, aber das braucht es auch gar nicht.
Die älteren dieser “Next Generation”, die 2003er, werden bei der nächsten Europameisterschaft 25 Jahre alt sein. Ihren Peak wird diese Klasse von 2003 bis 2008 wahrscheinlich erst von 2030 bis 2034 haben. Bis dahin wird Deutschland sich eventuell mit höheren Ansprüchen gedulden müssen.







































